PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungPflegereformDer Depp ist der HausbesitzerVeröffentlicht am 18.06.2026Lesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Alan PosenerQuelle: Claudius Pflug/WELTWollte man böse sein, könnte man sagen: Es hat schon seinen Sinn, dass man parallel zur Krise der Pflege die Sterbehilfe erleichtert hat. Denn die Reform trifft vor allem die Gruppe, die Vermögen geschaffen hat. Etwa in Form des Eigenheims.Dass die Pläne von Gesundheitsministerin Nina Warken zur Reform der Pflege von allen Seiten kritisiert werden, dürfte für sie sprechen. Auf eine kurze Formel gebracht: Es muss mehr eingenommen und weniger ausgegeben werden, soll das System nicht kollabieren. Anders gesagt: Man wird für weniger Leistung mehr bezahlen. Niemand kann das gut finden, aber es gibt viele Dinge, die man nicht gut findet und die dennoch sein müssen. Alt werden etwa. Immer noch besser als jung sterben, aber das war’s schon. Das Leben ist auch her unfair, wie John F. Kennedy anmerkte. Da gibt es Leute in ihren Siebzigern (wie dieser Autor), denen es gut geht, die noch Geld verdienen und ihren Kindern und Kindeskindern helfen können, statt ihnen zur Last zu fallen. Und andere, die früh mit den üblichen Gebrechen des Alters, vom Krebs über den Schlaganfall bis hin zur Demenz geschlagen wurden, die gepflegt werden müssen. Es gibt hier keine Gerechtigkeit – viele meiner Altersgenossen, die ordentlich Sport trieben, während ich Bücher las, haben heute Gelenk- und andere Bewegungsprobleme, während ich gerade vom Alpe-Adria-Radweg zurück bin. Und doch wird’s mich, wenn ich Glück habe, auch erwischen. Wenn ich Pech habe, bin ich früher tot.Lesen Sie auchWer über den Staat schimpft und das hohe Lied des starken Individuums singt, das für sich selbst sorgt, sollte das Ende bedenken und froh sein, dass der Staat uns – in unserem Auftrag – zwingt, einen Teil unserer Einnahmen für die Pflege beiseitezulegen, uns also wie die Ameise in der Fabel von Jean de La Fontaine zu verhalten, die für den Winter vorsorgte, während die Heuschrecke munter vor sich hinsang. Hier allerdings endet die Parallele, denn der Sozialstaat kümmert sich auch um die Heuschrecke und bittet dafür die Ameise zur Kasse.Nehmen wir Familie Schwarz. Die Eltern sparen, kaufen sich ein Haus, in dem sie die Kinder großziehen. Dann stirbt er, sie kommt ins Pflegeheim – und das Haus muss verkauft werden, um die Pflege zu bezahlen. Ehepaar Schmidt hingegen verjubelt sein Einkommen, macht mehrmals im Jahre Fernreisen usw. usf. Im Alter reicht die Rente gerade mal so, doch als er pflegebedürftig wird, muss die Allgemeinheit einspringen. Da ist kein Vermögen, das herangezogen werden könnte.Unter solchen Bedingungen heißt vorsorgen: Bloß keine Kinder bekommen, sonst müssen sie einen pflegen und dafür auch noch auf Einkommen und Rentenansprüche verzichten! Bloß nicht sparen, denn das Ersparte geht für die Pflege drauf! Es kann nicht richtig sein, dass der Staat mit links zum Sparen zwingt, mit rechts zum Hedonismus animiert. Dass auf der einen Seite die ganz Reichen, auf der anderen Seite die Armen wenigstens finanziell mit Gleichmut dem Alter entgegensehen, in der Mitte aber das Bangen losgeht, wie man den Kindern das – aus versteuertem Geld geschaffene – Erbe sichern kann.Lesen Sie auchWollte man böse sein, könnte man sagen: Es hat schon seinen Sinn, dass man parallel zur Krise der Pflege die Sterbehilfe erleichtert hat. Besser freiwillig abtreten, als das Ersparte den Heimbetreibern in den Rachen werfen.Lesen Sie auchIch will aber nicht böse sein. Das Problem ist vielschichtig. Warken sendet mit der Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze und der Reduzierung von Zuschüssen ein Signal auch an jene, die nicht ausreichend vorsorgen, etwa mit einer privaten Pflegezusatzversicherung. Aber ich finde, die Ameisen ziehen dennoch das Kürzere; vielleicht, weil ihre Lobby zu klein ist. Aber wer, wenn nicht die Union, sollte die Ameisen, das Sparen und Vererben, fördern und schützen?