Der Iran-Konflikt hat Dünger aus der Golfregion knapp und teuer gemacht, als die Bauern ihn zur Aussaat brauchten. In Afrika, Asien und Australien wird die Ernte mager seinDen Landwirten wird auch im nächsten Jahr wieder das Geld für Stickstoffdünger fehlen – selbst wenn die Strasse von Hormuz wieder offen ist.NZZ-Redaktion18.06.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenIn diesem Frühjahr fehlte der Dünger auf den Feldern der Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stickstoff, dieses Wort klingt eher nach Atemnot als nach blühendem Leben. Aber ohne Stickstoff gäbe es keine Pflanzen, keine Tiere und keine Menschen.Dieses chemische Element ist der wichtigste Baustein von Proteinen, von DNA, bei Pflanzen auch von Chlorophyll. Alle Lebewesen müssen Stickstoff aufnehmen, um zu leben. Die Erdatmosphäre besteht zu 80 Prozent aus Stickstoff. Doch weder Pflanzen noch Tiere können ihn aus der Luft absorbieren.Nur einige Arten von Bakterien sind dazu fähig. Nur sie können ihn in eine Form bringen, die Pflanzen aufzunehmen in der Lage sind.Über Tausende von Jahren stammte der Stickstoff für die landwirtschaftliche Erzeugung von Lebensmitteln aus natürlichen Quellen: den Ausscheidungen von Menschen und Tieren – das Wort Dünger kommt von Dung –, aus untergepflügten Pflanzen oder aus Kompost.Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es Chemikern, Stickstoff aus der Luft ohne Hilfe von Bakterien in einen Feststoff umzuwandeln. Es war eine Revolution. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit liess sich Dünger künstlich herstellen. Die landwirtschaftliche Erzeugung steigerte sich auf zuvor unmögliche Mengen.Das damals entwickelte sogenannte Haber-Bosch-Verfahren wird heute noch genutzt. Dabei reagieren Wasserstoff und Stickstoff mithilfe eines Katalysators – Eisen oder Ruthenium – bei hohem Druck und einer Temperatur von etwa 500 °C zu Ammoniak, einem Gas. Dieses lässt sich weiterverarbeiten zu Harnstoff, einem weissen geruchlosen Pulver mit einem Stickstoffgehalt von fast 50 Prozent. Es ist dieses Pulver, das auf der ganzen Welt am häufigsten auf Feldern verstreut wird.Wegen des Iran-Kriegs fehlt der DüngerWeil der Stickstoff für die Düngerproduktion auch aus Erdgas stammen kann und weil die Produktion energieintensiv ist, ist die Golfregion ein globaler Hotspot der Düngerproduktion; ausserdem wird von dort Erdgas für die Erzeugung von Harnstoff in andere Länder transportiert. Zwischen einem Viertel und der Hälfte des weltweit eingesetzten Stickstoffdüngers kommt aus der Golfregion – normalerweise. Denn nun ist die Meerenge seit Monaten gesperrt.Nach Angaben der Weltbank lag der Preis für Harnstoff im April bei mehr als 850 Dollar pro Tonne und damit 80 Prozent über dem von Februar. Allerdings ist das immer noch weit weniger als 2021 und 2022. Damals hatten die Kosten sich nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine verdoppelt.Dass es diesmal nicht so extrem ist, liegt daran, dass manche Landwirte ihre Lager schon gefüllt hatten, der Gaspreis nicht so stark gestiegen ist wie damals und die Sperre inzwischen teilweise über den Landweg umgangen wird.Trotzdem warnte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen im Frühjahr: Dünger müsse zu einem bestimmten Zeitpunkt im landwirtschaftlichen Zyklus ausgebracht werden. Wenn das nicht passiere, gebe es weniger Ernte. Das übertrage sich dann auf die nächsten Ernten und verringere die Nahrungsmittel für nächstes Jahr.Selbst falls die Strasse von Hormuz jetzt wieder geöffnet wird, ändert das deshalb nichts an der Lage der Bauern.Vor allem Australien und Länder in Asien und Afrika sind stark auf Stickstoffimporte aus dem Golf angewiesen, teilweise bis zu 80 Prozent. Europa kann auch selbst gewisse Mengen an Dünger herstellen, diese Produktion hängt allerdings von Erdgasimporten ab. Einen Drittel seines Stickstoffs importiert Europa nach wie vor aus Russland.Manche Feldfrüchte brauchen mehr Stickstoff als andere, auch die Grundnahrungsmittel Mais, Weizen und Reis. Böden in den Tropen können Pflanzennährstoffe wie Stickstoff, Phosphor oder Kalium weniger gut speichern als solche in gemässigten Zonen. Deshalb müssen sie dort in grösseren Mengen zugeführt werden.In Subsahara-Afrika, in Ländern wie Tansania oder Kenya, ist der Verbrauch an Stickstoffdünger trotzdem relativ gering – für die meisten Kleinbauern ist er schon zu normalen Zeiten einfach zu teuer.Durch die Sperrung der Strasse von Hormuz verschärft sich das noch weiter. Das Problem der hohen Preise ist überall gleich, und doch ist die Situation überall ein bisschen anders: Mancherorts lässt sich mit geschickter Taktik sogar profitieren. Anderswo geht es existenziell um Essen für die Familie und Schulgeld für die Kinder. Auf Feldern in Kenya, Thailand und Australien, auf Bauernhöfen mit einer Hektare Ackerland und solchen mit mehreren tausend, kommen Landwirte in Berührung mit dem Konflikt zwischen den USA und Iran. Wir haben drei von ihnen besucht.Eine Hektare Mais in Kenya soll jetzt mit Kuhmist wachsenDas hier ist eigentlich ein ländliches Paradies. Bauern tragen Kessel voller Milch über die Strasse. Sie transportieren Ziegen auf Motorrädern, Zwiebeln in Kisten auf dem Autodach, Säcke voll siliertem Mais auf Pick-ups oder Eselskarren. Und entlang der Strasse: grüne Felder, so weit das Auge reicht.Die Provinz Kirinyaga liegt im kenyanischen Hochland, am Fuss des Mount Kenya, des zweithöchsten Berges von Afrika. Kirinyaga ist eine der wichtigsten Agrarregionen Kenyas, eines Landes, das viele fruchtbare Gegenden besitzt. Das wussten schon britische Kolonialisten, die im Hochland siedelten. Das Klima ist mild, der Boden fruchtbar – hier wächst fast alles: Reis, Zuckerrohr, Tee, Kaffee – und Mais.Doch zurzeit stimmt etwas nicht. Es hat zu tun mit Weltpolitik.Man sieht es, wenn man über rostrote Feldwege zu Stephen Kabarua und Julia Kiranga fährt, zwei Bauern, deren Maisfelder aneinandergrenzen. Mais ist die wichtigste Nutzpflanze in Kenya. Gerade stehen die beiden Bauern am Rand von Kabaruas Feld, die Halme reichen dem 51-Jährigen bis zum Kopf. Eigentlich sollten sie deutlich höher sein. Doch Kabarua konnte den Mais, den er vor zwei Monaten angepflanzt hat, nicht so düngen, wie er das sonst tut. Der Preis ist viel zu hoch. Er sagt: «Meist benutze ich jetzt einfach Kuhmist.»Der Bauer hat halb so viel Dünger gestreut wie sonstNach Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar schoss der Düngerpreis in Kenya und vielerorts in Afrika durch die Decke. Weil afrikanische Länder kaum Dünger oder die Bestandteile dafür selber herstellen, sind sie auf Importe angewiesen. Und im Osten des Kontinents kommt dieser Dünger oft durch die Strasse von Hormuz. In Kenya zum Beispiel, dem zweitgrössten Importeur von Düngemitteln in Subsahara-Afrika, stammt ein Viertel der Ware von dort. Weltweit hängen nur wenige Länder stärker von Dünger aus dem Persischen Golf ab als Kenya.Das merkten Stephen Kabarua und seine Nachbarin Julia Kiranga, als im März die Anbauzeit begann. Der Preis war in den vergangenen Jahren ohnehin stark gestiegen. Nun hatte er sich noch einmal fast verdoppelt. Ein 50-Kilo-Sack Dünger kostete teilweise mehr als 40 Franken. Für Stephen Kabarua, einen Kleinbauern, der eine Hektare Land bebaut, sind 40 Franken ein Vermögen. Er kaufte einmal ein Kilo, wenn er es sich leisten konnte, dann ein weiteres. Er streute halb so viel Dünger wie sonst. Und hoffte, dass der Dung seiner 3 Kühe trotzdem den Mais spriessen lassen werde. Vergeblich. Er wird deutlich weniger ernten als sonst.Seiner Nachbarin Julia Kiranga geht es besser. Zumindest auf den ersten Blick. Ihr Mais ist einen halben Meter höher als jener des Nachbarn. Sie hat so viel gedüngt wie sonst, hat ganze 50-Kilo-Säcke gekauft. Die 62-Jährige ist wohlhabender als Kabarua. Sie hat hier eineinhalb Hektaren gepachtet, besitzt noch einmal so viel Land auf ihrem eigenen Hof ein paar Kilometer entfernt. Sie besitzt nicht 3 Kühe, sondern 48, und verkauft deren Milch.Die Pumpe, der Traktor, der Lastwagen – alles teurerDoch der hohe Düngerpreis ist auch für Julia Kiranga eine existenzielle Belastung. Um normal düngen zu können, musste sie Kredite aufnehmen. «Nicht, weil ich das möchte», sagt sie. «Aber wenn ich keinen Dünger verwende, fällt die Ernte schlecht aus, und ich verliere viel Geld.» Für den Kredit zahlt sie um die 15 Prozent Zinsen.Es ist mehr als der Düngerpreis, der Kiranga und Kabarua zu schaffen macht. Der Preis für Diesel etwa ist durch den Iran-Krieg um mehr als die Hälfte gestiegen. «Jeder Aspekt unseres Lebens ist betroffen», sagt Julia Kiranga.Sie zum Beispiel muss heute neun Arbeiter bezahlen, die für sie gerade in Sichtweite grosse Maisbündel übers Feld tragen. Die Bündel stopfen sie in eine Siliermaschine, die auf dem Feld röhrt. Die Arbeiter kosten mehr als sonst, weil sie hierherkommen müssen, und das braucht Benzin. Die Siliermaschine kostet mehr, weil sie Diesel verwendet. Dasselbe gilt für die Bewässerungspumpe, die vom nahen Fluss her Wasser bringt. Schliesslich wird auch der Besitzer des Traktors, den Kiranga mietet, mehr Geld verlangen. Und der Besitzer des Lastwagens, der den silierten Mais abtransportiert. Julia Kiranga hat ihre Schweine und Hühner schlachten lassen. Das Futter ist wegen des Treibstoffpreises zu teuer geworden.Die Bäuerin schätzt, dass ihre Ausgaben infolge des Kriegs um ein Drittel gestiegen sind. Das steckt auch sie nicht einfach weg.Krieg in Nahost heisst Armut in KenyaDoch es geht ihr besser als ihrem Nachbarn. Stephen Kabarua braucht seinen Mais vor allem, um seine Familie und die Tiere zu ernähren. Was danach übrig bleibt, verkauft er. Doch wenn die Ernte nun schlecht ausfällt, weiss er nicht, woher er das Geld nehmen soll, um die Schulgebühren für seine drei schulpflichtigen Kinder zu bezahlen. In der nächsten Anbausaison wird er sich vielleicht nicht einmal die paar Kilo Dünger leisten können, die er nun gestreut hat. Ihm droht ein Teufelskreis.Die kenyanische Regierung hat eigentlich zwei Millionen Säcke verbilligten Düngers im Land verteilen lassen. Dieser soll Bauern wie Stephen Kabarua helfen. Doch um den subventionierten Dünger kaufen zu können, müsste Kabarua auf ein Motorradtaxi steigen und eine Dreiviertelstunde zum Depot fahren. Wegen des Benzinpreises würde die Fahrt so viel kosten, dass der teure Dünger im Dorf für ihn immer noch günstiger ist.Mehr als 40 Prozent aller Kenyanerinnen und Kenyaner arbeiten in der Landwirtschaft, die grosse Mehrheit von ihnen sind Kleinbauern. Geht es ihnen so schlecht wie zurzeit, droht Kenyas Wirtschaft der Kollaps. Krieg in Nahost bedeutet Armut in Kenya.Julia Kiranga sagt: «Abends gehe ich ins Internet, schaue, was in der Welt passiert, mit den Arabern, den Israeli und den Amerikanern. Aber ich habe keine Kontrolle darüber, was passiert mit den Arabern, den Israeli und den Amerikanern. Also kämpfe ich hier weiter auf dem Feld.»Sechs Hektaren Reis in Thailand sind ein VerlustgeschäftPuang Thongpradit kommt gerade vom Reisfeld, sie hat noch ihre Harke in der Hand und den Sonnenhut auf. Sie ist 82 Jahre alt und bearbeitet noch immer über 6 Hektaren Land, dieselben, auf denen sie schon als Mädchen beim Anbauen und Ernten geholfen hat. Thongpradit lebt in einem Dorf in der Provinz Nakhonpathom, etwa 50 Kilometer ausserhalb der thailändischen Hauptstadt Bangkok.Die Stadt schliesst langsam auf. Thongpradits Nachbarn und Verwandte haben in den vergangenen Jahren ihr Land verkauft. Rings um Thongpradits Reisfeld stehen jetzt Fabriken und Einfamilienhäuser. Auch Thongpradit gehört das Land nicht mehr selber. Die Familie hat es vor ein paar Jahren veräussert. Der neue Besitzer hat sich am Rande der Felder ein grosses Haus gebaut, auf dem Rest lässt er Thongpradit weiterhin Nassreis anpflanzen.Wie lange sie noch weitermachen will, weiss Thongpradit selber nicht genau. Sie kann nicht mehr alle Arbeiten selber verrichten. Das Unkraut reisst sie noch eigenhändig aus dem Feld, für die Aussaat aber engagierte sie einen Drohnenpiloten.7500 Franken hineinstecken, 5000 Franken verdienenReis anbauen sei ein Verlustgeschäft, sagt sie, dieses Jahr besonders. Pro Ernte, Thongpradit hat zwei im Jahr, investierte sie früher 5000 Franken. Damit bezahlte sie Saatgut, Dünger, Pestizide, Erntehelfer. Jetzt seien es 7500 Franken. Für ihre Ernte von 40 Tonnen Reis bekommt sie voraussichtlich ungefähr 5000 Franken vom Zwischenhändler.Thailand ist einer der grössten Reisexporteure der Welt. 16 Millionen Reisbauern gibt es hier ungefähr. Der Reis ist eine Konstante in Thailands Wirtschaft und Gesellschaft und verantwortlich für etwa ein Prozent des Bruttoinlandprodukts.Aber immer mehr Bauern geben auf und verkaufen ihr Land. Ihre Kinder und Grosskinder ziehen in die Städte und suchen sich Berufe, die körperlich weniger anstrengend sind. Die Düngerkrise, ausgelöst durch den Krieg gegen Iran, verschärft die Krise. Viele Bauern haben ihre Felder diesen Frühling nicht bepflanzt. Die Kosten für Dünger und Diesel sind so hoch, dass sich die Arbeit für sie nicht lohnt. Wie viel Reis Thailand in diesem Jahr verlorengeht, wird sich erst im Herbst zeigen, bei der Ernte.Der Regierung waren die Subventionen zu teuer«Ich weiss nur wenig über diesen Konflikt. Aber er betrifft mich stark», sagt Thongpradit. Was sie weiss, hat sie von ihren Kindern und Grosskindern gehört. Die schauen Nachrichten. Sie ist unzufrieden mit der thailändischen Regierung, weil sie die Preise für Diesel nicht tief hält – die Regierung hat die Subventionen kurz nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs beschlossen, aber bereits im März aufgegeben. Die Subventionen hatten innerhalb weniger Wochen 500 Millionen Franken verschlungen.Thongpradit sagt, sie pflanze nur noch wegen ihrer Kinder und Grosskinder. Die bezahle sie als Erntehelfer – sie benötigten dieses Geld.Wie in Kenya kostet auch in Thailand ein Sack Dünger seit dem Krieg in Iran das Doppelte, «und ohne», sagt sie, «wächst nichts mehr». Früher habe es gereicht, die Felder mit Schweine-Exkrementen zu düngen. Aber als ihre Nachbarn angefangen hätten, die Felder zu verkaufen, als die ersten Fabriken geöffnet hätten, die sich hier vor der Grossstadt angesiedelt hätten, habe sich die Bodenqualität verschlechtert. Heute gebe es Schadstoffe im Boden und in den Flüssen, im Bach neben ihrem Haus schwämmen weniger Fische, und er sei voller Algen.Früher sei es hier paradiesisch gewesen, man habe einfach vom Land gelebt. Jetzt hat sie zwar noch Kokospalmen und Mangos. Aber ihre Nachkommen werden wohl keine Bauern mehr werden. Ihr Sohn hat es probiert, aber schon vor vielen Jahren einen Job in einer der Fabriken angenommen, er wollte ein regelmässiges Einkommen. Eines der Grosskinder hat ein Café eröffnet, ein anderes ging zur Armee.«Dinge ändern sich, aber sie werden nicht immer besser», sagt Thongpradit.2450 Hektaren Weizen in Australien sind weniger profitabel als RapsIn den letzten Maitagen erhält Bradley Millsteed endlich das, worauf er sehnlichst gewartet hat: Regen. Ein paar Millimeter nur, aber genug, dass die ausgesäten Weizenkörner zu keimen beginnen.Millsteed ist Bauer in Watheroo, im australischen Wheatbelt im Teilstaat Western Australia. Die 200 Kilometer lange Fahrt zu ihm von der Regionshauptstadt Perth führt durch unendliche Felder. Für das Auge eines Laien sehen sie unbestellt aus – überall sind die Stoppeln von der letzten Ernte zu sehen. Um die Böden zu schonen und die Erosion zu reduzieren, lassen die Bauern die Reste der abgeschnittenen Halme stehen. GPS-gesteuerte Sämaschinen erlauben es, die Aussaat punktgenau zwischen die Reihen des vergangenen Jahres zu setzen.Es ist Spätherbst auf der Südhalbkugel. In Western Australia säen die Bauern gerade aus. Hier wachsen die Feldfrüchte über den Winter, denn der Sommer ist viel zu heiss und trocken. Besonders häufig angepflanzt wird Weizen, der dem Wheatbelt den Namen gibt, aber auch Gerste, Lupinen, Raps oder Hülsenfrüchte.«Mit dem unberechenbaren Wetter umzugehen sind wir gewohnt», sagt Millsteed, «dass aber zwei unserer wichtigsten Inputs auf einmal massiv teurer oder nicht in genügender Menge erhältlich sind – das konnten wir uns bisher kaum vorstellen.»Die zwei angesprochenen Betriebsmittel sind die gleichen, über die auch die Bauern in Kenya und in Thailand klagen: Diesel und Dünger.Australien ist stark abhängig von Dünger aus dem GolfMillsteeds Familienfarm gehört mit 2450 Hektaren in der Region zu den kleineren. Die Farmen grosser landwirtschaftlicher Unternehmen bebauen 20 000 Hektaren oder mehr. Doch auch Millsteed braucht pro Saison 30 000 bis 40 000 Liter Diesel für seine Fahrzeuge und Maschinen. Und wie in anderen Ländern kostet dieser heute rund doppelt so viel wie vor Beginn des Krieges gegen Iran.Anders als in Kenya und Thailand ist Landwirtschaft in Australien hoch mechanisiert: Millsteed bearbeitet seine Farm, wo er auch 800 Schafe hält, nur zusammen mit seinem Vater. Lediglich in besonders arbeitsreichen Zeiten zieht der 54-Jährige weiteres Personal bei. Dass sein 16-jähriger Sohn Dylan die Farm übernehmen will, macht den Vater nicht wirklich glücklich. Farming sei mit viel Stress und grossen Unsicherheiten verbunden.Das zeigt sich beim Dünger: Sogar in gewöhnlichen Jahren wird viel damit spekuliert. Viele bestellen im Voraus. Dabei lege man Menge, Preis und Lieferdatum fest, sagt Millsteed. Er selbst schätzt Sicherheit und hat daher bereits im November letzten Jahres bestellt. Zwei Nachbarn, die zugewartet hätten, seien aber auf dem falschen Fuss erwischt worden: Sie waren in den Ferien, als der israelisch-amerikanische Angriff begann, und mussten Hals über Kopf versuchen, ihren Düngervorrat zu decken.Millsteed erhielt von seinem Lieferanten die Nachricht, dass im Juni, Juli und August nur 40 Prozent der bestellten Mengen geliefert werden könnten, Frühbestellung hin oder her.Wer nicht genug Dünger hat, lässt die Felder brachliegenDoch er hatte ein zweites Mal Glück. Schon im April fragte er bei seinem Düngerlieferanten nach, ob er seine Juni-Lieferung vorziehen könne. Der lokale Vertreter, den er seit Jahren kennt, konnte die gefragte Menge beschaffen. Und Millsteed fand auch einen Transporteur, der die 200 Tonnen auf seinen Hof brachte.Er kann daher ganz nach Plan aussäen. Sein Düngervorrat reicht für die ganze Saison. «Von vielen Nachbarn höre ich, dass sie weniger anbauen als sonst. Ich schätze, dass in der Region etwa ein Fünftel weniger Fläche mit Weizen bestellt wird als in normalen Jahren.» Weizen ist düngerintensiv – wer nicht genug davon hat, wechselt auf andere Feldfrüchte, etwa Lupinen. Oder er lässt die Felder brachliegen.Millsteeds Einschätzung deckt sich sehr genau mit jener von Rabobank, die in Australien im Landwirtschaftsgeschäft sehr stark ist. In ihrer aktuellen Einschätzung zur Wintersaison 2026 schreiben die Analysten, dass die bebaute Ackerfläche in Australien gegenüber dem Vorjahr um 8 Prozent zurückgegangen sei. Beim Weizen sind es gar 20 Prozent.Australien könnte zu wenig Weizen zum Exportieren habenDas könnte gegen Ende Jahr sogar Auswirkungen auf die globale Versorgung haben. Denn Australien exportiert einen Grossteil seiner Agrarprodukte. Beim Weizen sind es zwischen 65 und 80 Prozent, je nachdem, wie gut die Ernte ausfällt. Die wichtigsten Märkte sind Indonesien, die Philippinen und Vietnam – Länder, die bereits stark von den hohen Treibstoffpreisen betroffen sind.Wie gut die Saison wirklich wird, werden Bauern wie Millsteed erst gegen Ende Jahr wissen. Dann ist die Ernte eingebracht und verkauft. «So läuft das bei uns: Wir wissen zu jeder Zeit, was wir in ein Feld gesteckt haben, aber erst am Schluss, wie viel wir damit verdienen», sagt er.Er hofft, dass der Raps zu einem guten Resultat beitragen wird. Rapsöl ist ein Ausgangsprodukt für Biodiesel – mit dem Ausfall der Öllieferungen vom Golf ist das Interesse daran gestiegen. Vielleicht kann der Bauer Millsteed in ein paar Monaten von den hohen Treibstoffpreisen auch ein wenig profitieren.Passend zum Artikel