So oder so ein Bestseller: Die Rolling Stones veröffentlichen ihr vermutlich letztes Album«Foreign Tongues» heisst das neue Werk der Rolling Stones. Fremd wirkt daran allerdings wenig: Die Songs klingen vertraut, die Mechanismen ihres Erfolgs ebenfalls. Interessant ist, wie die grösste Rockband der Welt ihre eigene Legende erneut in Szene setzt.Frank Schäfer18.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie ungebrochene Aura der Ikonen: Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood (v. l. n. r.) im Mai 2026 in New York.Kevin Mazur / Universal Music / GettyImmer wenn in den letzten Jahren und Jahrzehnten wieder ein Album der Rolling Stones erschien, konnte einem Guy Debords sozialphilosophische Klageschrift «Die Gesellschaft des Spektakels» einfallen. Denn alle diese Platten bestätigten in gewisser Weise seinen Befund, wonach wir in einem tautologischen Patt feststecken, das ein authentisches Werturteil gar nicht mehr möglich macht. «Was erscheint, ist gut, was gut ist, erscheint», lautet Debords Gesetz des Spektakels.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tatsächlich bekam man allerspätestens seit «A Bigger Bang» (2005), dem einfallslosen Blues-Cover-Album «Blue & Lonesome» (2016) und ganz besonders nach «Hackney Diamonds» (2023) den Eindruck, dass es eigentlich nur noch um das Ereignis an sich ging. Die Qualität der Musik ist längst nicht mehr das Entscheidende. Zumal man ja ohnehin vorher weiss, was gespielt wird.Guerilla-Marketing zur VeröffentlichungVerrisse scheinen im Spiegelkabinett des Spektakels auch deshalb kaum mehr vorzukommen, weil hier nicht bloss Musik zur Debatte steht, sondern immer auch die Aura der Ikonen – und die kann man nicht verreissen. Wer es versucht, steht als Spielverderber oder schlechter Verlierer da und bewirkt damit rein gar nichts. Ob die ohnehin an ihrem schleichenden Bedeutungsverlust laborierende Musikkritik das am 10. Juli erscheinende Album also gut oder schlecht findet, ist irrelevant – «Foreign Tongues» wird so oder so ein Bestseller.Interessanter als die neue Platte ist die Inszenierung ihrer Veröffentlichung. Schon beim Vorgänger hatte die Promo-Abteilung von Universal Music ganze Arbeit geleistet und in dem Londoner Lokalblatt «Hackney Gazette» eine Anzeige der fiktiven Glaserei «Hackney Diamonds» geschaltet. Die steckte so voller Anspielungen auf Band-Klassiker, dass sich die frohe Kunde eines neuen Albums prompt bei den Addicts herumsprach. Ihr Markenzeichen, die Stones-Zunge, als i-Pünktchen auf dem Firmenlogo, hätte es gar nicht gebraucht.Auch bei «Foreign Tongues» nutzte das Label diese Form des Guerilla-Marketings und presste eine auf 1000 Exemplare limitierte Vinyl-Auflage der Single «Rough And Twisted», die unter dem Pseudonym The Cockroaches am 11. April in ausgewählte Läden kam. Die Connaisseurs wussten natürlich, dass die Band bereits in den Siebzigern unter diesem Alias für ein paar «geheime» Shows aufgetreten war. Wer sich diesen generischen, im Grunde langweiligen Stones-Rocker daraufhin anhörte, konnte keinen Zweifel mehr haben, dass die in den letzten zwei Jahren immer wieder sorgsam gestreuten Gerüchte von einem letzten Album jetzt also wahr werden sollten.Doch die öffentliche Schnitzeljagd ging weiter. Bald darauf erschienen auf der Facebook-Seite der Rolling Stones Plakate mit dem Titel «Foreign Tongues» in diversen Sprachen. Selbst in diesen konfliktreichen Zeiten hat ein neues Stones-Album immer noch die Macht, die Menschen über Grenzen und sogar Ideologien hinweg zu verbinden, sollte das wohl heissen. Ganz falsch ist es nicht. Zumindest beim Konsumieren sind eben alle – oder doch jedenfalls sehr viele – gleich.Bloss die Restposten des Vorgängers?Im Vergleich zu dieser fintenreichen Werbekampagne klingt «Foreign Tongues» erstaunlich gewöhnlich. Nämlich wie «Hackney Diamonds». Kein Wunder, die Songs stammen zumindest zu weiten Teilen aus denselben, von Andrew Watt als Produzent betreuten Aufnahme-Sessions der Jahre 2022 und 2023.Ergänzt werden sie von Aufnahmen aus dem letzten Jahr in den Londoner Metropolis Studios, wo die drei verbliebenen Rolling Stones mit ihrer vielköpfigen Entourage das Werk angeblich in nur einem hochproduktiven Monat arrangiert haben. Man will unbedingt der Annahme vorbeugen, «Foreign Tongues» versammle bloss die Restposten des Vorgängers. Ganz unbegründet ist die Sorge aber nicht.Andrew Wotman, aka Watt, hat grossen Anteil an den beiden Alben. Der aufstrebende Star hinterm Mischpult wandelt schon länger auf den Spuren Rick Rubins und entwickelt sich zum führenden musikalischen Altenpfleger im Rock’n’Roll. Er hat mit Glenn Hughes gearbeitet, Ozzy Osbourne kurz vor seinem Tod noch einmal zu zwei achtbaren Studioalben verholfen, den Sonderbewacher beim Punk-Stammvater Iggy Pop gespielt und sogar Paul McCartneys gerade erschienenes Soloalbum «The Boys of Dungeon Lane» betreut. Sir Paul soll den Glimmer Twins dann auch den Tipp gegeben haben, es mit ihm zu versuchen.Watt ist ein in der Stahlwolle gefärbter Hard-Rocker, das hört man der Produktion durchaus an. Der früher allenfalls leicht angezerrte, crunchy Gitarrensound, der die Verzahnung von Keith Richards’ und Ronnie Woods Spiel akustisch transparent macht, weicht hier öfter einer stärker übersteuerten, gerade in den Mitten sehr viel volleren – und damit eben auch undifferenzierteren – Heavy-Breitseite. Die übertüncht manuelle Defizite leichter. Man weiss um die abnehmende Fingerfertigkeit des 82-jährigen Richards, dagegen ist Wood mit seinen süssen 79 Lenzen ein wahrer Springinsfeld auf den sechs Saiten.Bemerkenswert sind aber nicht nur die klanglichen, sondern auch die kompositorischen Korrespondenzen mit dem Grammy-prämierten «Hackney Diamonds». Viele der neuen Stücke verweisen auf ein Pendant des Vorgängers, als hätte man damals von jeder Sorte Song gleich ein Paar aufgenommen.Spielen für eine andere AlterskohorteEs gibt, zusammen mit der zweiten Single-Auskopplung, «In The Stars», einen schwungvollen, mit schönen Chören hochglanzpolierten «Angry»-Nachfolger fürs Oldie-Radio: «Some of Us». Eine weitere kopfhängerische, von Keith Richards schwer seufzend gecroonte Blues-Elegie, noch eine spritzige Soul-Nummer mit kieksendem Jagger-Falsett («Jealous Lover»), eine Country-Schnulze («Ringing Hollow») und zum Ausklang wieder ein betont räudiges Akustik-Cover.Dieses Mal muss Chuck Berrys «Beautiful Delilah» dran glauben. Es überwiegen aber naturgemäss die probaten Blues-Rock-Riffer, die eine erstaunlich muntere, offensiv aufspielende Band hören lassen. Eine, die immer noch daran glaubt, dass der Rock’n’Roll die Katastrophen dieser Welt vielleicht nicht aufhalten, aber eben doch bis zum bitteren Ende vergessen machen kann.«Well, there’s a poisonous cloud, there’s a sickness in the land / All the judges in their robes got their rubber stamps / Well, do you wanna dance till the roof caves in? / Yeah, and the guitars scream and the choir still sings.» Dass die Kids von heute diesen Rock-Eskapismus immer noch bedenkenlos unterschreiben, darf man allerdings stark bezweifeln.Am Ende spielen die Rolling Stones wohl doch für eine andere Alterskohorte, und der immerhin beweisen sie, dass es Alterswürde tatsächlich gibt, wenn man sich den Spass leisten kann. Mick Jagger singt sich stabil durch die unterschiedlichen Song-Register. Aber das ist für einen modernen Produzenten wie Andrew Watt dank der Autotune-Technik eine der leichtesten Übungen. Wer sogar Ozzy Osbourne souverän zum Singen gebracht hat, braucht sich im Studio vor nichts mehr zu fürchten.Rolling Stones: Foreign Tongues: ab 10. Juli.Passend zum Artikel