Danjong wurde als Kind König und starb als Jugendlicher in der Verbannung. In Korea bewegt sein Schicksal die Menschen noch immerIn Südkorea ist der historische Spielfilm «Des Königs Aufseher» ein grosser Publikumserfolg. Erzählt wird die tragische Geschichte eines blutjungen Monarchen, dem die Macht entrissen wird. Gut begreifen lässt sich daran, wie die Koreaner über Gerechtigkeit denken.Hoo Nam Seelmann18.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer koreanische Historienfilm «Des Königs Aufseher» erzählt vom Schicksal Danjongs (links) – und von einer Kultur, die Gerechtigkeit anders denkt als der Westen.PDIm November 1457 starb im Königreich Korea ein Knabenkönig in der Verbannung. Er war 16 Jahre alt, als dies geschah. Die Koreaner lieben ihn, König Danjong, wegen seines traurigen Schicksals bis heute.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1452 bestieg Danjong mit 10 Jahren den Thron, nachdem sein Vater nach nur kurzer Herrschaft jung verstorben war. Da seine Mutter auch bald nach seiner Geburt verschieden war, blieb er schutzlos zurück. Besorgt rief sein Vater seine Brüder und einige Vertraute ans Sterbebett und bat, sie möchten dem jungen König beistehen, bis er volljährig sei.Ein Bruder des Vaters jedoch riss in einer Palastrevolte bald gewaltsam die Macht an sich, setzte sich 1455 die Krone auf und wurde zu König Sejo. Viel Blut klebte an seinen Händen, denn der Widerstand war beträchtlich. Der Onkel also stiess seinen Neffen vom Thron und schickte ihn in den Tod. Es ist dies ein einmaliges Ereignis in der langen Dynastiegeschichte. Dreizehn Jahre später starb der Usurpator im Alter von 50 Jahren.Verborgen bis zum TodAm 4. Februar kam in Südkorea der historische Spielfilm «Des Königs Aufseher» in die Kinos. Zwei Monate später haben mehr als 16 Millionen Koreaner ihn gesehen. Es geht um Menschlichkeit und Mitgefühl, aber auch um das, was es bedeutet, richtig zu handeln.Die letzten vier Monate seines Lebens verbrachte Danjong in der Verbannung. Yeongwol heisst der Ort, er liegt an einer schönen Flussbiegung. Von Wasser und einem wilden Berg umgeben, ist er nur per Fähre erreichbar. Erzählt wird im Film eine Geschichte, die sich zwischen Eom Heung Do (1404–1474) und dem König zutrug. Für ihn verantwortlich, entwickelt Eom menschliche Nähe und tiefes Mitgefühl. Daher barg er Danjongs Leichnam aus dem Fluss und begrub ihn heimlich, obgleich dies bei Todesstrafe verboten war. Danach tauchte er mit seiner Familie unter und lebte verborgen bis zu seinem Tod.1585 wird aber Eoms gute Tat anerkannt und seine Ehre wiederhergestellt. Seine Nachkommen leben noch heute im Andenken an den Vorfahren. Auf vielfache Forderungen hin wurde auch Danjong sukzessive rehabilitiert. Er erhielt 1681 seine königliche Würde und seinen Titel zurück. Sejo aber, der durch sein skrupelloses Handeln alles ausgelöst hatte, blieb der ewige Usurpator.Der Weg in die Verbannung: Danjongs Schicksal gehört zu den bekanntesten Tragödien der koreanischen Geschichte.PDDas koreanische Volk hat Danjong, ein Opfer der Machtgier, nie vergessen, sondern stets seiner gedacht. Der Erfolg des Films gehört dazu und ebenso, dass Yeongwol, der Ort seiner Verbannung und sein Grab, zum Wallfahrtsort und touristischen Hotspot geworden ist. Eine alte Kiefer, die Zeugin des Unglücks war, steht noch und wird liebevoll gepflegt. Ein Kinobesucher schrieb, das Volk habe nach 569 Jahren gemeinsam den König erst richtig zu Grabe getragen.In Korea sagt man, wenn man über Sejo spricht: «Wie man handelt, das erntet man.» Oder: «Wer Böses tut, zahlt den Preis des Leids.» Diese alten Redewendungen stammen aus dem Buddhismus und zeigen die Art und Weise, wie man auf die Welt blickt. Dass im Koreanischen eine grosse Zahl von vergleichbaren Merksätzen existiert, zeugt von ihrer besonderen kulturellen Bedeutung. Man verwendet sie heute noch ständig, um die Beziehung zwischen dem Handeln und dessen Folgen zu benennen. Diese Ausdrücke sind zudem wichtig, weil sie auf einen zentralen Aspekt der buddhistischen Gerechtigkeitsvorstellung verweisen.Vertrauen, aber welches?Die koreanische Kultur wurde in ihrer Tiefenstruktur vom Buddhismus geprägt. Dies wird vor allem sichtbar in der Sprache. Wesentlich für jeden Kulturkreis ist, wie die Menschen über die Gerechtigkeit denken und darüber, wie sie herzustellen sei. Eine Verständigung darüber lässt das Grundvertrauen entstehen, dass es in der Welt insgesamt gerecht zugehe. In der Vorstellung aber, worauf dieses Vertrauen basiert, weichen die Kulturen voneinander ab. In Korea zeigt die Gerechtigkeitsauffassung eindeutig buddhistische Prägung und unterscheidet sich daher vom europäischen Modell.Für Europa spielt die christliche Religion hier eine prägende Rolle. Der allmächtige Schöpfergott ist für die Gerechtigkeit in der Welt zuständig. Er muss für die Gleichheit sorgen, aber auch dafür, dass keine unrechte Tat, Sünde genannt, ungesühnt bleibt. Die Idee vom «Jüngsten Gericht» drückt dieses Versprechen aus. «Gottvertrauen» meint, dass Gott schon alles richtig regeln wird. Es gibt am Ende also keine innerweltliche Lösung, vielmehr greift eine externe Instanz ein. So entsteht eine Dreiecksgeschichte: Gott, Täter und Opfer.Es ist kein Zufall, dass gerade im christlichen Kulturkreis eine starke Rechtstradition entstand. Sie entwickelte sich zunächst in einer gewissen Nähe zum religiösen Sanktionensystem, verselbständigte sich aber später. Daher weist sie eine strukturelle Ähnlichkeit auf: Richter, Täter und Opfer. Dabei fällt auf, dass das Opfer wenig Beachtung findet und die Aufmerksamkeit einzelnen isolierten Taten und weniger den Tatfolgen gilt, die oft weitreichend sind und an denen viele Personen ein Leben lang tragen.Der Usurpator Sejo erwies sich als fähiger Herrscher. Doch in der Erinnerung vieler Koreaner blieb er vor allem der Mann, der seinen Neffen vom Thron stiess.PDIn der buddhistisch geprägten koreanischen Kultur kennt man nur ein innerweltliches Erklärungsmodell. Es gibt keine allmächtige externe Instanz, die eingreift. Im Buddhismus glaubt man, dass die Welt eine Einheit darstelle, weil alles miteinander verbunden ist. Die Menschen handeln und lösen damit eine Kette von Folgen aus, die sich in Raum und Zeit ausdehnt. Man vernetzt sich also ständig mit der Ganzheit der Welt.Der wichtige buddhistische Begriff «Karma» bedeutet Tun und Handeln. Es wird angenommen, dass sich Taten und Folgen entsprechen. Gute Taten bringen positive Wirkungen hervor, während Hass oder Gewalt negative Folgen zeitigen, nie umgekehrt. Das, was Taten an Folgen auslösen, wird nicht isoliert gesehen, sondern als Teil eines dynamischen Ganzen. Manche Folgen können unmittelbar aufscheinen, aber bei manchen offenbart sich die Wirkung räumlich und zeitlich versetzt.Sowohl das individuelle Leben als auch die Geschichte zeigen dies hinreichend. Man könnte als Beispiele nennen: Betrug und Missbrauch, Diebstahl oder Gewalt. Im Buddhismus denkt man, dass die Welt einen unendlich komplexen Zusammenhang bildet, an dem jeder handelnd mitwirkt. Der bekannte Schmetterlingseffekt wird möglich, ein Ausdruck, den man in Korea oft verwendet, um zu erklären, dass ein Ereignis irgendwo in der Welt etwas weit weg anstösst und verändert. Die bekannte japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat einige ihrer Werke «Infinity Net» und «Infinity Mirrored Room» genannt. In diesem weltumspannenden Netz ist jeder der Spiegel des anderen. Auch das Internet zeigt, wie es funktioniert.Einsicht und BusseIn Korea denkt man, dass die Taten und ihre Folgen korrespondieren und dadurch Gut und Böse sich regulieren. Wer freundlich ist und andere anerkennt, wird Freundlichkeit und Anerkennung ernten. Es besteht ein Grundvertrauen, dass die Gerechtigkeit obsiegen wird. Denn die menschliche Natur ist gut, die Menschen kennen Reue, haben ein Gewissen, wollen geliebt und geachtet werden.Das Recht hatte es in einer solchen Kultur schwer, da die Moral stets höher gewichtet wurde. Die Gründe dafür, warum Menschen andere verletzen und Unrecht tun, sind vielfältig. Buddha sah in Unwissenheit und Gier die zwei massgeblichen Motive. Hat man Unrecht begangen, ist es wichtig, Einsicht zu zeigen und, wenn möglich, beim Opfer um Vergebung zu bitten.König Sejo war am Ende des Lebens voller Reue und liess einige Tempel errichten. Das Volk erkannte aber in seinem vielfachen Leiden die Folgen seiner schlimmen Tat. Seine zwei Söhne starben jung, er litt an einer schlimmen Hautkrankheit und wurde von Albträumen heimgesucht. Seine Legitimität stand stets in Zweifel, und sein Sohn, der ihm nachfolgte, starb nach einem Jahr. Sejo bemühte sich, gute Politik zu machen, aber niemand mochte sie ernst nehmen. Sein Werben um die Liebe des Volkes war vergebliche Müh. Den toten Neffen überwand er nie.Die Loyalität des einfachen Beamten gegenüber dem entmachteten König machte beide zu Symbolfiguren der koreanischen Erinnerungskultur.PDPassend zum Artikel