Startseite

Unternehmen

Preisfrage: Die Ökonomie eines Barfußschuhs Nachhaltige Mode hat es gerade schwer. Während Billig-Plattformen wie Temu boomen, müssen Pioniere wie Wildling Shoes radikal umsteuern. Wo das Geld wirklich hinfließt.

Antonella Corrado 17.06.2026 - 18:50 Uhr Den „Tanuki“ von Wildling Shoes gibt es für Erwachsene und Kinder in fünf verschiedenen Farben. Foto: Wildling ShoesDie Temperaturen steigen, die Füße schwitzen – und man würde am liebsten nur noch barfuß laufen. Was zu Hause oder am Badesee kein Problem ist, wird auf heißem Asphalt, in der Stadt schwieriger. Barfußschuhe sind für viele die Lösung. Einer der bekanntesten Pioniere in Deutschland ist Wildling Shoes.Während in Deutschland immer weniger Schuhe produziert werden, wuchs Wildling trotz fehlender Branchenerfahrung schnell. Der Barfußschuh-Hersteller aus dem Bergischen Land bei Köln skalierte seit der Gründung 2015 in wenigen Jahren auf 35 Millionen Euro Umsatz und 260 Beschäftigte. Branchenweit ging die Zahl der Produktionsbetriebe in der deutschen Schuh- und Lederindustrie von 2021 bis 2025 um rund 15 Prozent zurück. Sinkende Kaufkraft und steigende Kosten setzten auch Wildling unter Druck: Der Umsatz ging zurück, das Team wurde stark verkleinert.Inmitten der Restrukturierung steht das Modell „Tanuki“: Am Preis von 119 Euro will Wildling zeigen, wie sich ökologische Ansprüche und betriebswirtschaftliche Realität vereinen lassen.Was kostet es wirklich, ein Produkt fairer zu machen – und wie lässt sich das am Preisschild erklären?Produktkosten: Der Preis der Besonderheit„Tanuki“ nutzt japanisches Washi als leichtes, atmungsaktives Obermaterial. Washi ist ein papierbasiertes Fasergewebe; im Tanuki sorgt es für ein leichtes, luftiges Obermaterial.Anna Yona, Gründerin von Wildling Shoes, nennt das Materialkonzept den eigentlichen Luxus. Mit rund 40 Euro sind Material, Produktion und Transport der größte Posten der Netto-Kalkulation. Hinzu kommen etwa 5 Euro Lizenzgebühren für die Washi-Webtechnik.Dieser hohe Wareneinsatz ist in der Schuhbranche ungewöhnlich; Wettbewerber kalkulieren oft mit deutlich niedrigeren Materialkosten. Wildling investiert hier jedoch bewusst in tiefe, transparente Lieferketten und spezialisierte Partner, was den Prozess laut Yona „extrem teuer“ macht.Ein Teil dieser Kosten fließt mittlerweile nach Vietnam, wo Wildling einen Teil seiner Produktion ausgelagert hat. Was nach Kostendruck klingt, verteidigt Yona als Qualitätsentscheidung. Die dortigen Fabriken seien hochspezialisiert auf Textilschuhe und lieferten eine bessere Qualität als europäische Werke. Zudem sei der CO₂-Fußabdruck durch den Seeweg pro Paar nicht größer als beim Lkw-Transport aus Portugal, so die Gründerin.Marketing: Der teure Kampf gegen die AlgorithmenFrüher war Marketing für Wildling fast ein Nullsummenspiel. Die Community wuchs organisch. Die erste Charge der Barfußschuhe konnte komplett durch Crowdfunding finanziert werden.Heute fließen rund 15 Euro pro Paar in die Kundenakquise. Weil der Wareneinsatz hoch ist und Wildling kaum über Handelsspannen arbeitet, muss Sichtbarkeit teuer online eingekauft werden – über Performance-Marketing und Kooperationen. Marken mit billigen Produkten hätten hier einen strategischen Vorteil, da sie deutlich höhere Margen in Werbebudgets stecken können, um sichtbarer zu sein.Zusätzlich testet Wildling lokale Formate, um Produkte offline erlebbar zu machen. Auf dem Haldan-Pop-Festival können Menschen die Schuhe anprobieren, um den „Hype“ zu verstehen. Das Geld könne dadurch in Kunst und Kultur fließen, statt in Plattformen wie Meta und Google, sagt Yona.Kosten für Service, Logistik und NachhaltigkeitDas operative Tagesgeschäft und unterstützende Fixkosten machen mit rund 40 Prozent den zweitgrößten Posten aus. Darin enthalten sind Ausgaben für Service, Logistik, Miete und Teamkosten. In diesem Block stecken zudem jene Aufwände, die Wildlings Kreislaufanspruch erst möglich machen – etwa Reparatur, Rücknahme und Recyclingprozesse.Den Reparaturservice betreibt Wildling inzwischen mit neuen Partnern. Die neue Recyclingabteilung wird von Anna Yonas Vater geleitet. Er hat eine Methode entwickelt, Sohlen abzulösen, farblich zu sortieren und wieder dem Kreislauf zuzuführen. Solche Prozesse sind aufwendig und in der konventionellen Schuhindustrie kaum vorhanden. Für eine B-Corp-zertifizierte Marke wie Wildling sind sie jedoch ein nachvollziehbarer Weg. Die ZDF-Dokumentation „Hidden Champions“ über die Firma Wilding veranschaulicht das Verfahren.Zudem arbeitet Wildling an biologisch abbaubarem Sohlenmaterial – auch um Sohlenabrieb und Mikroplastik in der Natur zu vermeiden.Der Preis für gesellschaftliche und ökologische FairnessDie 119 Euro für einen „Tanuki“ sind das Ergebnis einer Kalkulation, die versucht, faire Löhne und ökologische Innovation mit einem wettbewerbsfähigen Preis zu versöhnen. Dass Wildling keine Gewinne durch billige Materialien maximiert, ist eine bewusste Entscheidung gegen den Markttrend. „Wir waren naiv. Und ich hoffe, wir sind es noch“, sagt Anna Yona mit Blick auf die Gründungsjahre.Hinweis: Alle im Text benannten Beträge beziehen sich auf den Nettopreis. Mehrwertsteuer, Kosten für Entwicklung, Verpackung, Retoure, Marge und Reserve sind nicht ausdrücklich ausgewiesen. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick