Das Urlaubsgefühl dürfte Ole Werner schnell vergehen. Kaum war der 38 Jahre alte Trainer von seiner Reise durch Malaysia zurückgekehrt, musste er bei seinem Arbeitgeber zum Rapport erscheinen. RB Leipzig hat ihn für ein Gespräch einbestellt. Von einer ausführlichen Unterredung ist nicht auszugehen. Werner wurde seine Entlassung mitgeteilt, wie der Fußball-Bundesligaklub am Mittwoch bekanntgab.Ohne Übertreibung darf behauptet werden, dass Werners Rausschmiss zu den kuriosesten der jüngeren Bundesligahistorie gehört. Was schon allein daran liegt, dass selten Trainer entlassen werden, die eine erfolgreiche Saison hinter sich haben. Als Tabellendritter gelang Leipzig souverän die Rückkehr in die Champions League, dazu holte Werner mit 65 Punkten die zweitbeste Ausbeute in der jungen Bundesligageschichte des Klubs. So weit, so gut. Sollte man meinen.Hinter den RB-Kulissen tobt ein MachtkampfWas erfolgreich ist und was nicht, darüber tobt in Leipzig derzeit hinter den Kulissen eine erbitterte Debatte, die gleichzeitig einen Blick auf die internen Machtverhältnisse lenkt. Im Mittelpunkt stehen die Protagonisten Oliver Mintzlaff, Jürgen Klopp und Marcel Schäfer.Erste Gerüchte um eine mögliche Demission Werners hatte es bereits im Frühjahr gegeben. Die Zeitschrift „Sport-Bild“ berichtete, dass man intern prüfe, ob man mit Werner ins letzte Vertragsjahr gehe. Als Hintergrund sollte man wissen, dass es seit Jahren einen regen personellen Austausch zwischen dem Red-Bull-Konzern und dem Springer-Verlag gibt, zu dem „Sport-Bild“ gehört. In Leipzig arbeiten inzwischen viele ehemalige Springer-Mitarbeiter. Die Nachricht darf als lanciert gelten, so überraschend, wie sie zu diesem Zeitpunkt daherkam.Werner hätte damals noch den Leipziger Punkterekord brechen können, die Qualifikation zur Champions League war so gut wie sicher. Intern aber rumorte es. Red-Bull-Firmenchef Oliver Mintzlaff ist bekanntlich kein Freund davon, mit Angestellten in ein letztes Vertragsjahr zu gehen, wenn nicht klar ist, wie die Tendenz mit demjenigen ist. Werners Arbeitspapier ist auf den 30. Juni 2027 datiert, bis zum Frühjahr soll es nach F.A.Z.-Informationen aber bereits zwei Ablösungsversuche gegen Werner durch Jürgen Klopp, den globalen Chef der RB-Fußballsparte, gegeben haben. Verhindert wurden diese dem Vernehmen nach durch Marcel Schäfer, den Leipziger Sportgeschäftsführer.Schäfer soll sich vehement vor seinen prominentesten Mitarbeiter gestellt haben. Inzwischen kann aber auch er Werner nicht mehr im Job halten. Kurios dabei ist, dass es Schäfer war, der im vergangenen Sommer gerne auf andere Kandidaten gesetzt hätte, Klopp aber angeblich Werner durchdrückte. Inzwischen hat sich die Verteilung der Sympathien geändert. Schäfer ist zum Werner-Fan geworden, Klopp dagegen von ihm abgerückt.Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff (links) und der globale Fußballchef Jürgen Klopp machen beim Heuern und Feuern gemeinsame Sache.dpaDie Gründe wirken angesichts von Werners Bilanz und der Tatsache, dass er im vergangenen Sommer einen schwierigen Umbruch bestens moderierte, schwer nachvollziehbar. Zur Erinnerung: Vor zwölf Monaten verließen RB in Person von Loïs Openda, Benjamin Šeško und Xavi Simons die drei wichtigsten Offensivspieler, nachdem sich der Klub erstmalig nicht für einen internationalen Wettbewerb hatte qualifizieren können. Deshalb wurden die öffentlich kommunizierten Erwartungen an Werner verhältnismäßig defensiv formuliert. Rückkehr nach Europa und der Aufbau einer neuen Mannschaft, die attraktiven Fußball zeigt.Nachdem Werner die Vorgaben mehr als zur Genüge erfüllt hat, wollen die Leipziger Entscheider davon nichts mehr wissen. Intern bemängeln sie, Werner habe aus der Saison ohne Zusatzbelastung durch einen europäischen Wettbewerb zu wenig rausgeholt: zu großer Rückstand auf Meister Bayern (24 Punkte) und zu wenige Punkte gegen die anderen Spitzenteams. Gegen Bayern, Dortmund, Stuttgart, Hoffenheim und Leverkusen konnte RB nur acht Punkte gewinnen. Zu Platz drei reichte es trotzdem. Klopp hatte auch andere Ansichten als Werner, was taktische Formation oder Anlaufhöhe angeht.Am schwersten wiegt der Vorwurf, Werner habe zu wenige Spieler entwickelt beziehungsweise die Einsatzzeiten zu einseitig verteilt. Vor allem die nicht ganz günstigen Andrija Maksimović und Johan Bakayoko, für deren Verpflichtungen sich Klopp starkgemacht hatte und die Leipzig zusammen mehr als 30 Millionen Euro gekostet haben, seien zu schlecht weggekommen. Überhaupt sei die Abhängigkeit von Yan Diomande zu groß. Jener Diomande, der gerade bei der WM für die Elfenbeinküste spielt und Leipzig nach dem Turnier für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag verlassen könnte. Der Vorwurf der verpassten Wertsteigerung, in Leipzig wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells, lässt sich nicht halten. Zumal bei Maksimović und Bakayoko auch andere Faktoren berücksichtigt werden müssen. Beide spielten auch weniger, weil andere auf ihren Positionen besser waren.Klopps Kumpel Demichelis soll übernehmenFaktisch lassen sich die im Raum stehenden Vorwürfe gegen Werner kaum halten. Besonders unangenehm ist die Situation für Sportchef Schäfer, der den Trainer gegen seinen Willen entlassen soll. Als Nachfolger wird der von Klopp favorisierte Martín Demichelis gehandelt. Der ehemalige Profi des FC Bayern ist mit RCD Mallorca gerade aus der ersten spanischen Liga abgestiegen. Klopp und Demichelis wurden auf der Baleareninsel des Öfteren beim gemeinsamen Padel-Tennis gesichtet. Außerdem werden beide vom selben Berater vertreten.Demichelis darf nicht unbedingt als Schäfers erste Wahl gelten. Im Leipziger Firmenkonstrukt ist der Einfluss von Schäfer ohnehin gering. Nach außen wirkt er profillos, was nicht im Verhältnis zu seinen tatsächlichen Leistungen steht. Schäfer gelang die ihm vorgegebene Verbesserung der Gehaltsstruktur und half, den komplizierten Umbruch erfolgreich mitzugestalten. Branchenintern wird seine Arbeit geschätzt, angeblich beschäftigt sich Eintracht Frankfurt intensiver mit ihm. Schäfer hat sich einen Ruf als Teamplayer erworben, der nicht unbedingt jede Entscheidung treffen muss. Auffällig ist aber, dass er in Leipzig bei den wirklich wichtigen Themen kaum Gestaltungsraum besitzt. Sollte Schäfer zu dem Schluss kommen, in Leipzig zu wenig Gehör zu finden, könnte Ole Werner nicht die einzige Führungskraft sein, die RB in diesem Sommer verlässt.
Fußball-Bundesliga: RB Leipzig trennt sich von Ole Werner
Trainer Ole Werner hat RB Leipzig in seinem ersten Jahr auf Platz drei geführt. Trotzdem muss er gehen. Das liegt nicht zuletzt an Jürgen Klopps Machthunger.










