Als am vergangenen Donnerstag das Foto entsteht, das der CDU die nächste Diskussion über die Brandmauer beschert, läuft die Diskussion auf dem Wahlforum des Vereins Liberaler Mittelstand Sachsen-Anhalt in einem Seminarhotel in Halberstadt schon eine ganze Stunde. Guido Heuer, der Fraktionsvorsitzende der Union im Landtag in Magdeburg, der an diesem Abend Ministerpräsident Sven Schulze bei der Podiumsdiskussion vor gut 150 mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmern vertritt, hat sich gerade über fünf Minuten zum Thema „Fachkräftesicherung und Nachwuchsgewinnung“ in Fahrt geredet, als er das Mikrofon an seinen Sitznachbarn auf dem Podium weitergibt.„Man könnte meinen, dass ihr noch nie etwas mit der Regierung zu tun hattet, wenn ich so zuhöre“, sagt Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, und legt Heuer seine Hand auf die Schulter. Heuer schüttelt den Kopf, beugt sich nach vorn und greift noch einmal nach dem Mikrofon. „Ich saß noch nie im Bundestag“, sagt der CDU-Mann dann. Er ist an diesem Abend bemüht, jede Gelegenheit zu nutzen, sich von der Bundespolitik zu distanzieren. Auf dem Foto, das in diesem Moment entsteht, wirken Heuer und Siegmund sehr vertraut. Von einer Brandmauer ist auf dem Bild nichts zu sehen.Als Heuer knapp eine Stunde nach dem Fotomoment mit Siegmund von den Moderatoren des Wahlforums nach einem Ausblick auf September 2026 und möglichen Konstellationen nach der Landtagswahl befragt wird, fällt seine Antwort trotzdem eindeutig aus. „Ich sage es seit Monaten: Wir gehen weder eine Koalition mit links noch mit rechts ein, Punkt“, sagt er. Aus dem Publikum sind vereinzelter Applaus, ein Buhruf und wachsende Unruhe vernehmbar, worauf Heuer seine Position näher ausführt.Abgrenzen statt ausgrenzen?„Dass wir eine Brandmauer brauchen, hat mir noch nie gefallen“, sagt er. Die CDU-Fraktion Sachsen-Anhalt halte sich an das Motto abgrenzen statt ausgrenzen. „Weil ausgrenzen bedeutet Brandmauer“, sagt Heuer. „Du hast es doch gerade ausgeschlossen“, gibt ein Unternehmer aus dem Publikum zurück und meint eine Zusammenarbeit der CDU mit der AfD nach der Landtagswahl. „Das ist aber keine Brandmauer“, bekräftigt Heuer. „Ja, was ist das denn dann?“, schallt es zurück. „Ach, hört doch mal auf“, ruft Heuer.Dass der hier versammelte Mittelstand weder für die Abgrenzung von der AfD noch für die Ausgrenzung der Rechtspartei allzu viel übrighat, wird an diesem Abend schon beim Einlaufen der Parteienvertreter zu Discomusik deutlich. Für CDU-Mann Heuer sowie die Vertreter von BSW, Grünen, Linke und SPD gibt es höflichen Applaus. Als AfD-Mann Siegmund aufgerufen wird, brandet Jubel auf. „Der deutliche Zuspruch für Ulrich Siegmund hat mich nicht überrascht“, sagt Matthias Neyer, Generealsekretär des Vereins Liberaler Mittelstand Sachsen-Anhalt. In seinen Gesprächen mit Vereinsmitgliedern habe sich zuletzt der Eindruck verfestigt, dass der Spitzenkandidat der AfD die Sorgen der kleinen und mittleren Unternehmen anspreche.In der Vorbereitung des Wahlforums gab es für den Verein Ärger mit dem Bundesvorstand. „Der Liberale Mittelstand Bundesvereinigung distanziert sich davon, für die AfD Werbung zu machen“, erklärte Angelika Hießerich-Peter, die Bundesvorsitzende der FDP-Vorfeldorganisation. Auch mit dem Landesverband der FDP in Sachsen-Anhalt gab es offenkundig Differenzen. Die Spitzenkandidatin der FDP für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Infrastrukturministerin Lydia Hüskens, wurde nicht zum Wahlforum eingeladen. Der Liberale Mittelstand Sachsen-Anhalt e.V. verweist zur Begründung auf die jüngsten Umfragen zur Landtagswahl, in denen die FDP unter der Wahrnehmungsschwelle geblieben sei.Bröckelt hier die Brandmauer? Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Sachsen Anhalt, und Guido Heuer, Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag, auf der Veranstaltung in HalberstadtChristian SchroedterApplaus für günstige Energie„Herrn Siegmund wird Verständnis für die kleinen und mittleren Unternehmen sowie Lösungskompetenz zugesprochen“, stellt Neyer für die Mitglieder des Vereins Liberaler Mittelstand in Sachsen-Anhalt fest. Am Wahlforum in Halberstadt muss Siegmund sie nicht unter Beweis stellen. In seiner Bestandsaufnahme der wirtschaftspolitischen Probleme finden sich aber viele der hier versammelten Mittelständler wieder. „Wir möchten Freiheit für die Unternehmen, sie wissen doch am besten, was sie brauchen, da sollten wir uns als Politik raushalten“, sagt Siegmund in seinem Eingangsstatement.Das erste Thema, das die Moderatoren aufrufen, ist die Frage, wie es für energieintensive Betriebe in Sachsen-Anhalt weitergehen soll. „Mit vernünftigen Wettbewerbsbedingungen, und dazu zählt günstige Energie“, sagt Siegmund unter großem Applaus. Es ist an diesem Abend die erste deutliche Reaktion des Publikums auf einen Redebeitrag. Wie die Energiekosten sinken sollen, steht im „Regierungsprogramm“ der AfD: Sie will unter anderem die Sanktionen gegen russisches Öl und Gas aufheben, den Kohleausstieg sowie den Ausbau der Windkraft stoppen und Subventionen für erneuerbare Energien beenden.Den nächsten Applaus gibt es für Claudia Wittig, die Spitzenkandidatin des BSW für die Landtagswahl. „Wer der CDU noch besondere Wirtschaftskompetenz einräumt, hat offenbar unter einem Stein gelebt in den vergangenen Jahren“, sagt sie in ihrem Eingangsstatement. Die Unzufriedenheit mit der Union leite sich vor allem von der Bundespolitik ab, sagt Matthias Kappis, bis vor wenigen Monaten Landesvorsitzender des Verbands Die Familienunternehmer in Sachsen-Anhalt. „Über allem steht die Hoffnung auf Veränderung“, sagt er über den Zuspruch für die AfD.Mittelstand an erster StelleDie Menschen merkten, dass die Bundesregierung viel verspreche, aber wenig halte, und es ihr nicht gelinge, Deutschland mit Reformen auf Wachstumskurs zu bringen, sagt der Unternehmer. Kappis ist vom Vorsitz im Landesverband der Familienunternehmer zurückgetreten, nachdem der Bundesvorstand die Brandmauer zur AfD im Dezember wieder hochgezogen hatte. Zuvor hatte der Bundesverband vorübergehend zugelassen, AfD-Vertreter zu Podiumsveranstaltungen einzuladen, und war dafür scharf kritisiert worden. Kappis sagt, die Hoffnung vieler Mittelständler sei, dass sie unter einer Landesregierung mit AfD-Beteiligung mehr politische Beachtung finden und ihre Nöte ernst genommen würden.Im AfD-Programm für die Landtagswahl spielt der Mittelstand eine prominente Rolle. „Förderung des Mittelstands statt Subventionierung globalistischer Großkonzerne!“, heißt es gleich an erster Stelle im Kapitel Wirtschaft und Tourismus. Dahinter folgt die Forderung nach einem Ende „wirtschaftsschädlicher Sanktionen“, insbesondere auf Energieimporte aus Russland. Die AfD will das Handwerk durch ein freiwilliges Handwerksjahr stärken. Für jede neu geschaffene „sinnvolle bürokratische Maßnahme“ sollen mindestens zwei „überflüssige Regelungen“ gestrichen werden.Die demographischen Herausforderungen des Flächenlandes mit dem höchsten Durchschnittsalter in Deutschland will Siegmund nicht mit Migration, sondern mit verbesserten Rahmenbedingungen für einheimische Fachkräfte lösen, die in den vergangenen Jahren aus Deutschland abgewandert seien. „Die wollen nicht in einem Land leben, in dem man einmal im Jahr das Geschlecht ändern kann, sondern in dem es bergauf geht, eine Gründermentalität und eine Willkommenskultur für Leistungsträger herrscht“, sagt er in Halberstadt.Ministerpräsident als FeuerwehrmannMinisterpräsident Schulze lässt sich an diesem Abend wegen seiner Teilnahme an der Ministerpräsidentenkonferenz der ostdeutschen Bundesländer in Berlin entschuldigen. Dort geht es laut Heuer auch um den Kraftwerkstandort Schkopau, gut 100 Kilometer von Halberstadt entfernt, dessen Zukunft wegen des „Südbonus“ für neue Gaskraftwerke im Entwurf zum Strom-Versorgungssicherheits- und -Kapazitätengesetz der Bundesregierung gefährdet ist.Im 40 Kilometer von Halberstadt entfernten Harzgerode hat sich Schulze erst vor wenigen Wochen erfolgreich für den Erhalt von knapp 1000 Industriearbeitsplätzen beim Automobilzulieferer Bohai Trimet eingesetzt. Im 120 Kilometer entfernten Chemiepark Leuna, der für das ganze Land überragende wirtschaftliche Bedeutung hat, legte sich Schulze monatelang für die Rettung der insolventen Domo Chemicals ins Zeug. Für die Ansiedlung eines Logistikzentrums des Nutzfahrzeugherstellers Daimler Truck in Halberstadt, von dem auch das lokale Handwerk profitiert, setzte das Land noch unter dem Wirtschaftsminister Sven Schulze zusammen mit dem Landkreis und der Stadt alle Hebel in Bewegung. Gerade hat Daimler Truck angekündigt, an dem Standort zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.Das Engagement für den Wirtschaftsstandort wird auch im Mittelstand anerkannt. „Momentan fungiert der Ministerpräsident fast nur noch als Feuerwehrmann. Das ist nötig und richtig“, sagt Gerhard Meffert, Vorsitzender des Vereins Liberaler Mittelstand Sachsen-Anhalt. Auch die Rückmeldungen zum Auftritt des CDU-Fraktionsvorsitzenden Guido Heuer am Wahlforum seien „durchaus positiv“ ausgefallen, sagt er. Die Frage nach der Mittelstandskompetenz werde aber von der gescheiterten Intel-Ansiedlung überlagert, sagt Meffert zur Bilanz der Landesregierung.Verfassungsschutz im „Altparteienmikrofon“?Erst Ende Mai hat das Land den Rückkauf der für die Halbleiterfabrik von Intel geplanten Flächen am Stadtrand von Magdeburg verkündet. Die Ressourcen, die von der Landesregierung im Bemühen um das 30 Milliarden Euro schwere Projekt aufgewendet wurden, hätte sich mancher Mittelständler für die eigenen Belange gewünscht, sagt Meffert. Aber lohnt sich das Risiko, für die eigenen Belange eine vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in die Regierungsverantwortung zu bringen?Als am Wahlforum in Halberstadt nach knapp einer Stunde das Mikrofon schnarrt, sagt CDU-Mann Heuer, dass es sich wohl um ein „Altparteienmikrofon“ handele. „Da war vielleicht der Verfassungsschutz direkt mit drin“, entgegnet Siegmund und sorgt für Heiterkeit im Saal. Als Olaf Meister, der Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl, zum Abschluss davor warnt, dass „Rechtsextreme auch rechtsextreme Sachen machen“, stöhnen viele im Saal auf. „Hör doch auf“, entfährt es einer Teilnehmerin.Die Warnungen vor Rechtsextremisten in den Reihen der AfD werden hier mit Kopfschütteln quittiert. „Das nimmt denen keiner mehr ab“, sagt ein Unternehmer später im Gespräch an der Hotelbar. Angesprochen auf das Personal, das sich unmittelbar hinter Siegmund für Ministerämter in Magdeburg warmläuft, runzelt der eine oder andere dennoch die Stirn. Wie viele Sympathisanten des AfD-Spitzenkandidaten an diesem Abend auch sein Wahlziel von „45 Prozent plus X“ für eine Alleinregierung teilen, bleibt offen.„Wir möchten endlich unser gutes altes Land zurück, und deswegen möchten wir es allein machen“, sagt Siegmund in der Schlussrunde des Wahlforums und erntet auch dafür Applaus. Ein Unternehmer macht nach der Veranstaltung ein Selfie mit Siegmund und Wittig, der Spitzenkandidatin des BSW. Die beiden hätten an diesem Abend als einzige der Kandidaten Klartext gesprochen, sagt der Unternehmer. Demnächst will er Siegmund und Wittig gemeinsam in seinen Weinberg einladen.