Marko Arnautovic jubelte, was für Österreich ganz grundsätzlich meistens ein gutes Zeichen ist. Bei Arnautovic ist zwar selbst im Jubelfall noch latent Gefahr im Verzug, hinter jedem Ausdruck von Freude kann sich bei dem 37-Jährigen auch Provokation gegenüber dem Gegner verbergen. Aber in diesem Fall führte ihn ein kleiner, etwas müder Lauf in der 102. Minute des Spiels gegen Jordanien nicht mehr in emotionale Sphären. Zweimal klopfte Arnautovic nach seinem tief in der Nachspielzeit verwandelten Elfmeter zum 3:1 auf den Bundesadler auf seiner Brust, kurz zeigte er mit dem Finger in Richtung seiner Familie auf der Tribüne, dann ließ er sich von den Mitspielern empfangen.Auch die Österreicher in den westlichen Blöcken des Stadions, in merklicher Unterzahl gegenüber den stimmungsvollen Jordaniern, lagen sich eher erleichtert als euphorisiert in den Armen. Es war ein Jubel, der nur eine Aussage hatte: Die G‘schicht, sie war erledigt.Der große SZ-WM-Überblick:In 48 Teams um den GlobusVon kleinen Karibikinseln über Ex-Geheimfavoriten bis zu den Gastgebern und ihren Herausforderungen: Eine interaktive Übersicht über die 48 Mannschaften, die bei der WM 2026 teilnehmen.Österreichs Trainer Ralf Rangnick benannte diesen Moment später auf der Pressekonferenz als jenen, in dem das Spiel für ihn begonnen habe, „richtig Spaß“ zu machen. Feine Ironie war das, weil danach nur noch wenige Sekunden zu spielen waren. Aber auch bei Rangnick konnte man heraushören: Spaß und Freude waren in der San Francisco Bay Area nicht die Dinge, mit denen sich Österreich an diesem Tag beschäftigen musste.Es war in gewisser Weise eine paradoxe Situation gewesen für ein kleines Alpenland mit einigen sehr guten Fußballspielern und einem sehr erfolgreichen Fußballtrainer: Kann man zum ersten Mal seit 1998 an der Endrunde einer Weltmeisterschaft teilnehmen und direkt mit einem sogenannten Pflichtsieg starten? Das nur unmerklich größere Jordanien, darauf wurde in der heimischen Presse zuletzt besonders oft hingewiesen, liegt in der Fifa-Weltrangliste 39 Plätze hinter Österreich. Von einem Klassenunterschied zwischen Platz 24 und 63 zu sprechen, überhaupt eine Liste als Aufhänger zu nehmen, das alles jedoch fand Rangnick nicht besonders interessant. Er entkräftete einerseits das Argument, dass dieses Spiel gegen einen kleinen Gegner stattfände, mit fußballerischen Warnungen. Dann wiederum nannte er es auch „ein Endspiel“, im Wissen um die gemeine Gruppenkonstellation. Und in dieser unklaren Gemengelage muss man dennoch sagen: Rangnick behielt recht mit seiner Analyse.Einerseits damit, dass dieses gewonnene „Endspiel“ bereits eine hervorragende Ausgangsposition fürs Weiterkommen geschaffen hat. Andererseits damit, dass Jordanien wahrlich nicht zu unterschätzen war. „Unangenehm zu bespielen“, sei der Gegner gewesen, sagte der ÖFB-Trainer später: „Sie haben meine und unsere Erwartungen noch mal übertroffen.“Mutig und beherzt trat die Elf von Trainer Jamal Sellami auf, insbesondere nachdem sie die Anfangsphase überstanden hatte. Die ominöse Trinkpause, sie brachte auch in der Partie zwischen Österreich und Jordanien eine Wendung. Zuvor nämlich hatten die ÖFB-Jungs klar den Taktstock in der Hand und von der 20. Minute an auch die Führung: Romano Schmid (Werder Bremen) traf mit einem fabulösen Distanzschuss zum 1:0. Es war ein würdiger Treffer, um die lange verblassten Erinnerungen an große österreichische WM-Momente wieder aufleben zu lassen. Schmid, 26, schuf einen solchen, wenngleich ihm nur wenig Seriosität folgte.„Ich fand die erste Halbzeit nicht wirklich dominant von uns“, sagte Rangnick später. Mit zahlreichen leichten Fehlern im Aufbauspiel, wenig Zugriff in der Defensive und kaum Struktur im Pressing ließen die Österreicher beim WM-Auftakt einige jener Eigenschaften vermissen, die sie in den vergangenen Jahren selbst zu einer unangenehmen Mannschaft gemacht haben. Das WM-2026-Österreich spielte zum Auftakt zeitweise so schläfrig, als sei man in der heimischen Zeitzone gerade frühmorgens aufgestanden. Die Folge: der Ausgleich durch Ali Olwan (1:1/50.): „Dominant waren wir erst mit den Wechseln, ab der 60. Minute“, sagte Rangnick.Das durfte man als leichtes Eingeständnis des Trainers werten, dass seine Startaufstellung den Anforderungen nicht genügt hatte. Konrad Laimer etwa spielte auf der ungewohnten Zehnerposition offensiv, aber ineffizient. Und Sasa Kalajdzic fand im Sturmzentrum kaum statt gegen zahlreiche Jordanier um ihn herum, bereits zur Halbzeit korrigierte Rangnick hier seine Wahl und brachte Arnautovic ins Spiel. Allen voran aber waren es zwei andere eingewechselte Spieler, die erst im März zum Team neu dazu gestoßen waren, die die Partie für Österreich drehten.Paul Wanner und Carney Chukwuemeka sind nach unterschiedlichen Karrieregeschichten und Nationalmannschafts-Auswahlprozessen seit März im roten, österreichischen WM-Trikot gelandet. Zum Glück für Rangnick und sein Trainerteam, so das Fazit des ersten Spiels: Wanner brachte viel Ruhe am Ball, Chukwuemeka fand Räume hinter den Spitzen und war physisch präsent. Das ist also auch eine Nachricht aus San Francisco: Die kleine Fußballnation Österreich hat nun einen Plan B auf der Bank sitzen, mit dem sie Spiele reparieren kann. Mit dem eine Druckphase erzeugt werden kann wie in der zweiten Halbzeit, in der letztlich ein Eigentor nach einem Eckball das 2:1 brachte, nachdem kurz zuvor ein Arnautovic-Treffer wegen Handspiels aberkannt worden war.Nach der Einwechslung von Paul Wanner (li.) lief es für Österreich besser. David Gonzales/Imagn Images via ReutersNun ist die Sache mit dem Plan B eine schöne Nachricht für Österreich, das Land freut sich zu Recht über eine gelungene Rückkehr auf die Weltbühne: Die Geschichte ist geschrieben, erledigt, hochoffiziell wurscht ist hiermit auch die aufgeworfene Frage mit dem Pflichtsieg.Für den kommenden Gegner ist die ganze Sache allerdings wunderbar irrelevant. Österreichs Spieler konnten kaum die letzten Fragen zu Jordanien beantworten, da ging es schon um Argentinien, um das große zweite Gruppenspiel am kommenden Montag. „Messi, Messi, Messi“, hallte es bereits in San Francisco durch Gänge, Kapitän David Alaba schmunzelte irgendwann nur noch bei der nächsten Nachfrage zu Messi und sagte, man müsse „zu ihm eigentlich nichts mehr sagen“.Es ist nicht damit zu rechnen, dass sich bei Argentinien aufgrund der Namen Wanner und Chukwuemeka Angstschweiß breitmacht: Trainer Lionel Scaloni hat so viel Qualität auf der Bank sitzen, dass dort eher die Pläne H bis L zur Not verfügbar sind. Allerdings bekommen die Österreicher im zweiten Spiel einen anderen Pluspunkt zurück, den sie gerne auf ihrer Seite haben. Mit dem 3:1-Auftaktsieg im Rücken können sie befreit zurückkehren in die Rolle der kleinen Herausforderernation.
WM 2026: Arnautovic sei Dank - Österreich müht sich zum ersten WM-Sieg seit 36 Jahren
Ralf Rangnicks Mannschaft tut sich schwer mit der Favoritenrolle gegen Jordanien. Nach dem 3:1 bleibt aber eine positive Erkenntnis: Die kleine Fußballnation hat nun einen Plan B auf der Bank sitzen.












