WirtschaftsWoche: Die USA und der Iran wollen am Freitag ein Friedensabkommen unterzeichnen, das die Frage nach dem iranischen Nuklearprogramm erst einmal ausklammert. Eine gute Idee, Herr Lucas?Hans-Dieter Lucas: Für beide Seiten ist es zentral, die Straße von Hormus freizubekommen. Die Iraner verlieren jeden Tag 500 Millionen US-Dollar durch die Blockade ihrer Häfen. Und US-Präsident Donald Trump steht zu Hause unter enormem politischem Druck, den Krieg zu beenden. Genauso wie die Weltwirtschaft insgesamt unter diesem Konflikt leidet. Die Öffnung der Meerenge ist ein wichtiger Schritt – aber es bleibt ein sehr weiter, schwieriger Weg.Weshalb?Wir sprechen hier erst einmal nur von einer Rahmenvereinbarung. Mehr ist es nicht. Wir wissen zur Stunde nicht, inwieweit die Verhandlungspartner darin schon Festlegungen zum Inhalt und den konkreten Zielen der nun bevorstehenden Gespräche gemacht haben.Immerhin gibt es offenbar einen 14-Punkte-Deal ...… den man im Einzelnen analysieren muss. Bisherige Gespräche sind sozusagen per Fernbedienung geführt worden. Die Unterhändler haben sich persönlich offenbar kaum gesehen. Die Kontakte liefen wesentlich über pakistanische oder katarische Vermittler. Eigentlich sollte man sich gegenübersitzen, wenn es um die Substanz geht. Abgesehen von einer misslungenen Begegnung in Islamabad ist das bislang nicht passiert. Vermutlich ist die jetzt geschlossene Rahmenvereinbarung, vor allem mit Blick auf den nuklearen Aspekt, relativ allgemein gefasst. Anscheinend sichert der Iran darin zu, nie eine Atomwaffe anstreben zu wollen. Das stand aber auch schon im von Trump kassierten Atomabkommen von 2015 und ist nichts Neues. Zur Person Hans-Dieter Lucas verhandelte in seiner Rolle als Politischer Direktor im Auswärtigen Amt für Deutschland das Nuklearabkommen mit dem Iran. Und wollte damit verhindern, dass das Land Atomwaffen baut. Donald Trump hat diese Vereinbarung 2018 wieder aufgekündigt.Kann ein Atomabkommen in 60 Tagen auf dieser Grundlage gelingen? Das wird jetzt angestrebt.Vor über zehn Jahren, im November 2013, begannen die intensiven Verhandlungen über das Nuklearabkommen mit der Einigung auf ein mehrseitiges Dokument, das Ziele und Parameter der Gespräche definierte. Allein die Vorbereitungen für dieses Papier dauerten Monate. Anschließend brauchten wir dann noch einmal bis zum Juli 2015, um zum Abschluss zu kommen. Das waren 150 offizielle Verhandlungstage. Für die Experten in den Einzelfragen kamen ungefähr 300 Tage plus Nächte zusammen.Sie glauben also nicht an ein neues Atomprogramm in so kurzer Zeit, auch wenn US-Vize JD Vance behauptet, Iran wolle als Teil der Abmachung wieder Atom-Inspektoren ins Land lassen?In 60 Tagen zum Ziel zu kommen, ohne dass zentrale Fragen zuvor zumindest vorgeklärt wurden? Das scheint mir sehr ambitioniert zu sein. Es sind wirklich schwierige Fragen zu lösen, wo der Teufel oft im Detail steckt. Was passiert etwa mit den 400 Kilogramm hoch angereichertem Uran? Dürfen die Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) tatsächlich wieder ins Land? Unter welchen Bedingungen? Es ist alles andere als trivial, ein neues Inspektionsregime zu vereinbaren. Auch damals schon haben die Iraner mit Zähnen und Klauen jede ihrer Positionen verteidigt. Heute ist das Vertrauensproblem auf beiden Seiten nach zwei Kriegen noch größer als früher. All das sind enorme Belastungen für die Verhandlungen.H-D. Lucas (links), ehemaliger deutscher Diplomat, und W. Sherman (rechts), US-amerikanische Diplomatin, bei den E3/EU3-Gespräche mit dem Iran 2013. Foto: IMAGO/Anadolu AgencyWozu auch die anhaltenden Bombardements Israels beitragen.Das Problem Israel–Libanon ist eine zusätzliche Variable, die das Vorhaben noch störanfälliger macht. Je nachdem, was jetzt in den 60 Tagen ausformuliert wird, kann Benjamin Netanjahu eine mögliche Einigung torpedieren.Sie haben für Deutschland 2015 bereits das Wiener Atomabkommen (JCPoA) verhandelt. Die EU hat Expertise mit Iran. Sehen Sie eine aktive Rolle?Das müsste von US-amerikanischer und iranischer Seite gewollt sein. Darauf gibt es keine Hinweise. Allerdings sollte man nicht unterschätzen: Die Europäer haben mit ihren eigenen Sanktionen eine Rolle zu spielen. Und das sind sehr umfassende Sanktionen gegen den Iran. Am Ende wird es erneut wesentlich um die Frage gehen: Sanktionsaufhebung gegen nukleare Beschränkungen für den Iran. Die E4, also Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien, haben erklärt, dass sie zu Sanktionserleichterungen bereit sind, wenn der Iran entsprechende Schritte unternimmt. Ähnlich hat sich die Kommissionspräsidentin geäußert.Iran Sind diese Signale Zeichen für eine bevorstehende Hormus-Öffnung oder einen Hackerangriff? Kurzzeitig wurde am Wochenende ein System von US-Navigationsbojen online geschaltet. Sie könnten dazu dienen, den enormen Verkehr in der Meerenge zu bewältigen, oder nur Folge eines Hackerangriffs sein. von Thomas StölzelKönnten die USA unter dem bestehenden Zeitdruck einfach das alte Atomabkommen wieder aus der Schublade holen?Trump hat ja behauptet, das sei das schlechteste Abkommen aller Zeiten gewesen. Ich würde mich sehr wundern, wenn die abschließende Vereinbarung zwischen den USA und dem Iran – sollte es dazu kommen – besser ausfällt als das Abkommen von 2015. Nüchtern betrachtet könnte der JCPoA durchaus als Grundlage dienen. Damals wurde sehr viel erreicht. Heute ist die Lage aber insgesamt viel komplizierter. Mit Copy-Paste wird es also nicht getan sein.Komplizierter?Die USA stellen heute noch umfangreichere Forderungen. Trump möchte den Iran dazu bringen, viele Jahre ganz auf Anreicherung zu verzichten. Der JCPoA sah dagegen ein massiv beschränktes Anreicherungsprogramm bei umfassenden Inspektionen vor. Sollte Trump tatsächlich eine überprüfbare Suspendierung des Atomprogramms auf viele Jahre durchsetzen, wäre das ein Fortschritt. Wie wahrscheinlich das ist? Unklar.Wahrscheinlicher: Entweder keine neue Lösung und zurück zum Krieg – oder ein Hauruck-Deal ohne Substanz?Das werden die kommenden Wochen zeigen. Es gibt noch eine dritte Option: einen sehr langen Verhandlungsprozess. Wir sehen, dass Trump seine Fristen immer wieder reißt. Und noch einmal: Das sind komplizierte Gespräche, wenn man sie ernst meint und ernst nimmt. Auch wir haben damals vom November 2013 bis Juli 2015 mehrfach unsere Fristen verlängern müssen. Die Iraner sind hochprofessionelle, harte Verhandler, die sich gut aufs Zeitspiel verstehen.Aber die Amerikaner haben doch Steve Witkoff, Herr Lucas …Die Iraner werden versuchen, zu ihren Bedingungen zu spielen. Dabei haben sie auch die amerikanische Innenpolitik im Blick. Man kann den amerikanischen Verhandlern nur wünschen, dass sie sich bestmöglich auf diese schwierigen Verhandlungen vorbereiten. Natürlich liegt es auch in unserem Interesse, dass sie dabei das bestmögliche Ergebnis auch für unsere Sicherheit erzielen. Am Ende darf der Iran nicht in den Besitz von Nuklearwaffen gelangen.