PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungSchwarz-rot-goldenes GedenkenSchluss mit dem lauen, mauen PatriotismusStand: 10:09 UhrLesedauer: 5 MinutenQuelle: Getty Images/Westend61Unsere nationalen Gedenktage und Einbürgerungsfeiern leiden unter emotionaler Rachitis. Die Verfassung wird allzu kühl abgefeiert, dabei ist sie doch ein Leuchtturm und Bollwerk der Menschlichkeit.Wir sind so furchtbar abgeklärt. Gefühlsbetonter Patriotismus gilt weiten Teilen unseres Establishments als Verfallsstadium politischer Vernunft – ganz im Sinne des Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Der sprach einst so hübsch und wahr: „Wenn die Fahne flattert, ist der Verstand in der Trompete.“ Das haben wir (im Westen) bis 1989 so gelernt. Und in dieser Hinsicht ist das Erbe des postnational-westdeutschen Teilstaats noch lebendig. Weshalb sich unsere Regierenden in der Regel auch nur auf lau-temperierten Verfassungspatriotismus verstehen. Es fragt sich jedoch, ob man damit ein knallbuntes Zuwanderungsland wie die Bundesrepublik zusammenhalten kann.Ein schwachbrüstiges GedenkenDabei ist die Erkenntnis inzwischen sogar bei vielen Grünen angekommen: Ohne irgendeine Form von Patriotismus, keine Wehrhaftigkeit und kein Zusammenhalt. Und diese Einsicht hat Folgen: Am Montag wurden in ganz Deutschland an öffentlichen Gebäuden Fahnen gehisst – anlässlich des Veteranentages. An dem Datum, dem 15. Juni, soll künftig der Gefallenen, Verwundeten und aller Soldaten gedacht werden, die für Deutschland in Kampfeinsätze gezogen sind. Zugleich führte der Gedenktag indes die altbekannten Grenzen deutscher Patriotismus-Inszenierung vor. So wurde die Deutschlandfahne vielerorts (um die schwarz-rot-goldene Note zu dimmen) in einem gewaltigen Flaggen-Wust versteckt. Zwischen den Fahnen Europas, des Bundes, des Bundeslandes, der Stadt. Zudem gab es, wie der Bund entschied, keinen eigenen Feiertag. Und in Bundesländern wie NRW legte die Landesregierung knauserig fest, für das Gedenken gebe es keinen Euro extra. Die schwarz-grüne Regierung Hendrik Wüsts brachte es sogar fertig, den schwarz-grünen Antrag zur Gestaltung des Veteranentages erst am 18. Juni im Landesparlament zu verabschieden – drei Tage nach dem Veteranentag. Dabei steht das Datum des Gedenkens seit zwei Jahren fest.Lesen Sie auchAber das harmonierte mit den Reden rund um den Tag. Oft ging es um „unsere Demokratie“, unsere „Vielfalt“ und „unsere Werte“, für die die Soldaten sich „eingesetzt“ hätten. Nichts daran ist verkehrt. Nur überschritt auch nichts daran ein laues emotionales Temperatürchen. Nett und nüchtern sozusagen. Unser Verfassungs-Vaterland hat etwas zu bietenZudem wirkte das abstrakte „Werte“-Sprech arg dünn. Warum wurde es so selten konkret? Warum so selten packend? Werte-Rhetorik bedarf der kraftvollen Veranschaulichung, der erzählerischen Blutzufuhr. Und unser Verfassungs-Vaterland hat doch etwas zu bieten! Wenn wir denn einen primär verfassungspatriotischen Ton anschlagen wollen (was in einem Zuwanderungsland einen gewissen Sinn ergibt) – warum berichtet dann kaum wer konkrete, ergreifende Geschichten von Menschen, die in unseren Werten ihr Glück fanden? Von Einwanderinnen, die in ihren Herkunftsländern vom Staat analphabetisch-dumm gehalten oder von Gesetzes wegen als Dienerinnen ihres Mannes entwürdigt wurden? Von Migrantinnen, die in unserem Land aufblühten? Warum erzählt niemand, dass über die Hälfte der Menschheit unter Regimen lebt, die die Religionsfreiheit mit Füßen treten? Dass Christen, Muslime, Hindus, Jesiden, Bahai oder Atheisten in unserem Land ihren (Un-)Glauben sensationell frei und friedlich leben dürfen? Warum ist es offenbar nicht der Rede wert, dass in unserem Land Kinderschutz so großgeschrieben wird – während von Südamerika bis Ostasien Kinderehen und Kinderarbeit gedeihen?Ein Loblied auf unsere Kultur-GeschichteWeshalb wagen wir nicht, am Veteranentag oder bei Einbürgerungsfeiern von Artikel eins unserer Verfassung in hohen Tönen zu schwärmen – weil die unantastbare Menschenwürde allen (ob Christ, Muslim, Atheist oder sonst was) so zärtlich begegnet wie kein anderer Artikel irgendeiner Verfassung? Und warum ergänzt niemand das Ganze mit einem kulturpatriotischen Loblied auf unsere Geschichte enormer kultureller Produktivität, auf Dichter und Denker, auf Bach und Beethoven, auch auf unsere vielen kosmopolitisch gestimmten Geister von Humboldt über Goethe bis Herder? Wer hier lebt, soll ja schon ein bisschen mehr als nur die Verfassung ins Herz schließen. Und wann sonst soll man denn mit Leidenschaft für die Schönheiten und Kostbarkeiten des eigenen Landes werben?Das Beste an den realen Feierlichkeiten war noch, dass sich der Bund und mehrere Landesregierungen für ein paar handfeste Verbesserungen stark machten. So verpflichteten sie sich, mehr gegen posttraumatische Belastungsstörungen bei Veteranen zu unternehmen. Auch die Zahl der Psychotherapeuten müsse erhöht werden – allerdings, da waren die Länder sparbewusst, auf Kosten des Bundes. Na ja, immerhin. Aber wissen Sie, werte Leser, wie der Veteranentag zum Beispiel in den USA gefeiert wird? Als gesetzlicher Feiertag, an dem Bundesbehörden geschlossen sind, mit jeder Menge militärischer und sonstiger Rituale und Paraden vor großem Publikum, mit Kapellen, Nationalhymne allerorten, großem Engagement von Schule, Polizei, Feuerwehr, einer nationalen Schweigeminute und Rabatten für Veteranen in vielen Geschäften.„Vielfalt“ ersetzt keinen PatriotismusDer Regierungs-Patriotismus tendiert hierzulande eben zur Rachitis. Das belegen auch die Einbürgerungsfeiern. Die sind im Lauf der Jahre allemal ansprechender geworden. Trotzdem überbieten sich Ministerinnen, Ministerpräsidenten, Oberbürgermeister oder gar der Bundespräsident per Videobotschaft bei solchen Gelegenheiten in Leidenschaftslosigkeit. Dann dozieren sie, Deutschland stehe für „gelebte Vielfalt“, für „Werte“, „Zuzug und Einwanderung“, außerdem sei Einwanderung „längst gesellschaftlich gelebte Realität“. Damit bleiben sie nicht nur kommunikativ im unterkühlten Bereich, sondern auch maßgebliche Antworten schuldig: Was eint denn diese Vielfaltsnation? Um welche Werte geht es? Das alles ist mau und lau.Dabei haben die Redner ja recht mit ihrem zumindest impliziten Verweis auf den Verstand, der in der Trompete sitzt, sobald die Fahne flattert. Der Haken ist nur: Landet der Verstand unserer Mitbürger nicht in der deutschen Trompete, dann allzu leicht in einer anderen, etwa der türkischen. Und das sollte nun doch unser Anspruch sein: Wer in Deutschland zu Hause ist, soll sich – zumindest auch, in doppelter Loyalität – mit Deutschland identifizieren. Von der Türkei lernen?Man muss aber neidlos anerkennen: Wie der türkische Staat und seine Medien an das patriotische Herz deutscher Türkeistämmiger appellieren – das ist gekonnt. Wenn der türkische Präsident sie, die „Brüder und Schwestern“, seiner „Liebe“ versichert, bietet er rhetorische Vollkost. Verglichen damit schmeckt das Dozieren einer grünen Integrationsministerin über Vielfalt als Bereicherung nach abgestandenem Fencheltee. Oder aktuell: Die staatlich orchestrierte Verabschiedung der türkischen Nationalelf zur WM in den USA war eine Inszenierung der patriotischen Meisterklasse. Wo bietet der deutsche Staat seinen Landsleuten mit und ohne Zuwanderungsgeschichte Vergleichbares? Dass junge, kluge Deutsche mit türkischer Ahnenreihe auf Social Media bekennen, sie seien doch nur „Passdeutsche“, ist deshalb nicht nur eine Ohrfeige – sondern auch eine Frage: Wie viel Abgeklärtheit können wir uns im Jahre 2026 noch leisten?
Schwarz-rot-goldenes Gedenken: Schluss mit dem lauen, mauen Patriotismus - WELT
Unsere nationalen Gedenktage und Einbürgerungsfeiern leiden unter emotionaler Rachitis. Die Verfassung wird allzu kühl abgefeiert, dabei ist sie doch ein Leuchtturm und Bollwerk der Menschlichkeit.






