InterviewJan Fleischhauer: «Die Einzigen, über die man schlecht reden darf, sind Alice Weidel, Björn Höcke und natürlich Wolfgang Kubicki»Als Kolumnist und Sendungsmacher gehört Jan Fleischhauer zu den erfolgreichsten Journalisten Deutschlands. Sein neustes Buch ist eine Abrechnung mit der Linken – und einer Rechten, die dieser Linken immer ähnlicher wird.17.06.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenWas würde seine Mutter über den Zustand der SPD sagen? «Sie würde wahrscheinlich weinen», sagt Jan Fleischhauer.Frank BauerDer Buchtitel tönt wie ein Schlager: «Du bist nicht allein». Im Untertitel erklärt Jan Fleischhauer dann, wen er mit dem Trostspruch meint: Er spricht zu den Deutschen, die sich politisch der Mitte zuordnen, aber sich an den Rand gedrängt fühlen aufgrund der ideologischen Grabenkämpfe. Sie würden ihr politisches Denken mit vielen teilen, versichert er ihnen, auch wenn sie sich nicht mehr getrauten, laut zu sagen, was sie denken. Er nennt dies das Mehrheitsparadox.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fleischhauer spricht in seinem neuen Buch viele Themen an, die in den vergangenen Jahren in den Medien debattiert wurden: Cancel-Culture, aktivistische Medien, Ausgrenzung der AfD. Schlechte Laune will der 64-Jährige jedoch nicht verbreiten. Oder wie er schreibt: «Ich hatte immer ein leicht frivoles Verhältnis zu meinem Beruf.» Heiter wirkt Fleischhauer auch während des Online-Gesprächs, das er in der Küche seines Hauses in Pullach, einem Vorort von München, führt, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern lebt.Herr Fleischhauer, als Sie 2009 Ihr Buch «Unter Linken» veröffentlicht haben, war es neu, dass jemand sagt, es sei okay, nicht links zu sein. Hat sich das Selbstverständnis der Linken seither gewandelt?Ich stelle eine Verknöcherung und Versteinerung fest. Ich komme ja aus der Linken, es gab dort immer eine Bewegung, die mir sehr sympathisch war, weil sie einen anarchistischen Zug hatte. Auch so etwas Widerständiges, Widerborstiges und Punkiges. Davon ist heute fast nichts mehr zu sehen. Heute kommt die Linke mehr so betschwesterhaft rüber, mit Anweisungen, was wir alles nicht sagen und denken dürfen. Von ihr geht keine Coolness mehr aus, kein Reiz. Mein Buch ist auch ein Abgesang, nicht nur auf die SPD. Die Linke in Europa ist insgesamt in einer wahnsinnig schlechten Verfassung.Wie ist es so weit gekommen?Das Aufkommen einer politischen Bewegung rechts der Mitte war nicht vorgesehen, und sie wird auch durch Beschwörung allein nicht verschwinden. Das zeigen Meloni in Italien, Le Pen in Frankreich und die SVP in der Schweiz. Das hat das satte Selbstverständnis angeknackst, das die deutsche Linke noch vor 10, 15 Jahren hatte. Man spürt eine grosse Verunsicherung. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg haben noch 5 Prozent der Arbeiter und einfachen Angestellten SPD gewählt, 33 Prozent die AfD. Auf der einen Seite sagt man: Wir müssen mal darüber nachdenken, warum uns die Felle davonschwimmen. Die andere Reaktion ist: jetzt erst recht! Der «Jetzt erst recht»-Flügel dominiert. Das wird den Niedergang eher beschleunigen.In Ihrem neuen Buch «Du bist nicht allein» werfen Sie der Linken vor, sie ignoriere einfach alle Probleme, welche die AfD anspricht: migrationsbedingte Kriminalität, Einwanderung in die Sozialsysteme und so weiter.Der Umgang mit der AfD zeigt letztlich eine grosse Denkfaulheit, vor allem links der Mitte und auch im Journalismus. Wenn die AfD eine Partei von Unfähigen ist, die inexistente Probleme anspricht und untaugliche Lösungen propagiert, müsste man sie ja schnell vom Platz fegen können. Da sie aber in Umfragen weiter zulegt, behauptet man einfach, die Wähler seien verblendet und manipuliert. Der von mir hochgeschätzte Rechtsprofessor Christoph Möllers hat es so ausgedrückt: Es heisse immer, man müsse den Kampf mit der AfD annehmen. Aber bis anhin könne er nicht sehen, dass der Kampf begonnen hätte. Den Kampf aufzunehmen, würde ja bedeuten, sich intellektuell zu messen und auseinanderzusetzen. Das findet nicht statt.Bei aller Verknöcherung hat die SPD als Koalitionspartner nach wie vor grossen Einfluss.Wir sehen im Moment genau das, was ich als Mehrheitsparadox bezeichne: Die Politik der Regierung entfernt sich immer weiter von dem, was sich die Leute wünschen. Das führt fast zu einer Verzweiflung. Die Wähler wissen gar nicht mehr, was sie tun sollen. Die Mehrheit macht in Wahlen und Umfragen klar, dass sie sich einen Wechsel wünscht, nämlich weniger linke Politik. Stattdessen bekommt sie das Gleiche wie in den letzten 25 Jahren, jetzt nur in doppelter Geschwindigkeit: Also die Regierung gibt doppelt so schnell das Geld für den Sozialstaat aus. Die SPD tut so, als hätte es die letzten Wahlen nicht gegeben, und weil wir einen sehr schwachen Kanzler haben, darf sie diese Illusion weiter nähren. Die Folgen sind nicht nur für die SPD katastrophal. Wenn jetzt gewählt würde, wäre die CDU nur noch Juniorpartner: entweder von Rot-Grün oder in einer AfD-Regierung.Ihre Mutter hat Sie politisch geprägt, sie war zeitlebens links. Was würde sie zum heutigen Zustand der SPD sagen?Sie würde wahrscheinlich weinen. Deshalb schreibe ich auch nicht triumphierend über den Niedergang, sondern eher wehmütig. Bestimmte familiäre Bindungen bleiben. Das ist wie mit dem Katholizismus. Sie können die Kirche verlassen, aber irgendwie gibt es immer eine sentimentale Hinwendung, wahrscheinlich bis zum Sterbebett. So ist es bei mir und der Sozialdemokratie auch. Das Schreckliche ist, gerade die SPD war immer gesegnet mit Politikern, die einen fast instinktiven Zugang zu den Wählern gefunden hatten.An wen denken Sie?Gerhard Schröder war für mich der Idealkanzler. Oder nehmen Sie Kurt Beck, den ungemein erfolgreichen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, oder den ehemaligen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Diesen Typ Politiker, der weiss, wem er sein Amt verdankt, und dem es egal ist, was die grossen Zeitungen in München und in Hamburg über ihn schreiben, gibt es fast nicht mehr.Sie sprechen bezüglich der Medien nicht nur von einem Mehrheitsparadox, sondern auch von einer Repräsentationslücke. Was meinen Sie damit?Wenn Sie die führenden Zeitungen und Zeitschriften des Landes aufschlagen, haben Sie den Eindruck, der Durchschnittsbürger wohne auf gewachster Altbaudiele in München-Schwabing, Berlin-Charlottenburg oder dem Frankfurter Westend. Natürlich hat er das Auto schon lange aufgegeben, weil der Stellplatz der fahrradgerechten Stadt zum Opfer gefallen ist, und jeden Morgen wacht er mit dem Gedanken an den Klimawandel auf und geht mit der Sorge zu Bett, ob er jemanden beleidigt habe. Das ist aber nicht der normale Deutsche. Der normale Deutsche lebt in einer kleineren oder mittleren Stadt, hört Helene Fischer, benutzt Worte, für die man beim «Spiegel» sofort auf die Strasse gesetzt wird, und ist bei der freiwilligen Feuerwehr. Dieses normale Deutschland, das man soziologisch ziemlich genau beschreiben kann, wird von der Politik, aber auch von den Medien kaum noch wahrgenommen.War es nicht schon immer so, dass die Regionalzeitungen dieses Publikum angesprochen haben und die Leitmedien weniger?Ja, aber heute kommen zwei unheilvolle Tendenzen zusammen. Die Regionalblätter spielen kaum noch eine Rolle, sie sind zusammengeschrumpft und bekommen ihre Mantelteile von einer Zentrale. Das Zweite ist: Es gibt eine neue Auffassung, was richtiger Journalismus sei. Natürlich haben Publikationen wie der «Spiegel» auch früher Kampagnenjournalismus betrieben. Trotzdem gab es den Anspruch, mehr zu wissen als die anderen und den Mächtigen auf die Finger zu sehen. Jetzt gibt es den Haltungsjournalismus. Ich habe nichts gegen Haltung, ich lasse meine Leser ja auch nicht im Unklaren, wo ich stehe. Doch heute reiht man sich als kleiner Verfassungsschützer ein im Kampf gegen die Feinde der Demokratie. Es ist eine existenzielle Auffassung von Journalismus, der nichts Geringeres als die Demokratie verteidigen soll.Was ist daran falsch, die Demokratie verteidigen zu wollen?Schon die Frage, wie Journalisten die AfD kleinhalten können, ist aus meiner Sicht völlig vermessen. Geht es in unserem Beruf wirklich darum, ein Bundesverdienstkreuz für Demokratieförderung zu bekommen? Die AfD kleinzuhalten, ist die Aufgabe der politischen Konkurrenz. Letztlich führt dieser Selbstauftrag als Verfassungsschützer dazu, dass die Beweggründe für unvorhergesehenes Wahlverhalten nicht mehr interessieren. Wenn die Menschen das Falsche wählen wie jetzt die AfD mit 30 Prozent, dann sind die Leute eben verblendet. Verblendeten kann man mit Argumenten aber nicht mehr beikommen, also muss man sich auch nicht für sie interessieren. Es ist wie damals 2016 in den USA, als Hillary Clinton die Trump-Wähler «bedauernswerte Geschöpfe» nannte, die an Waffen und an der Bibel hängen.Die Medien haben doch spätestens seit Trumps Wahlsiegen dazugelernt, auch in Deutschland gibt es viele Reportagen aus Bundesländern, in denen die AfD stark ist.Es gibt den Versuch, man nimmt sich das vor, und dann schickt man jemanden in den Bible-Belt oder nach Ostdeutschland. Das ist dann oft ein bisschen wie Safari – jetzt gehen wir mal zu den Wilden. Dahinter steht kein wirkliches Erkenntnisinteresse, das ist eher Lust am Grusel.Woran wollen Sie das festmachen?In dem typischen Text über einen AfD-Funktionär wird zuerst lang und breit ausgeführt, wie schrecklich derjenige ist, den man besucht. Der ehemalige WDR-Chefredakteur Tom Buhrow hat mir einmal berichtet, die Zuschauer würden bei Umfragen sagen, es gingen ihnen vor allem zwei Dinge auf den Keks. Erstens mache es sie wahnsinnig, wenn sie das Gefühl hätten, sie kriegten immer nur das eine vorgesetzt. Das ist beim WDR relativ stark ausgeprägt. Zweitens, und das ärgert sie noch mehr, haben sie den Eindruck, es werde ihnen vorbuchstabiert, wie sie die Dinge zu sehen und zu bewerten hätten. Man hat es längst begriffen, aber man bekommt es ein zweites und ein drittes Mal zu hören, wie schlimm die AfD ist und wie gefährdet die Demokratie. Die Botschaft ist: Wir halten euch für zu blöd, das selber zu merken. Das Pädagogische ist in vielen Journalisten tief drin.Sie stellen die These auf, der Niedergang des Journalismus habe auch mit einer neuen Scheu zu tun, Politiker herunterzuschreiben. Im Umgang der deutschen Medien mit der FDP ist von dieser Scheu wenig zu spüren.Auf die FDP haben sie schon immer gern eingeprügelt. Ich bin neben Rudolf Augstein wohl der einzige «Spiegel»-Redaktor, der sich öffentlich zur FDP bekannt hat. Das ist beim «Spiegel» unter uns gesagt fast noch schlimmer als ein Bekenntnis zur AfD. Aber im Ernst: Auch wenn Journalisten früher Partei ergriffen haben für Politiker wie Willy Brandt, war ihre Grundhaltung am Ende doch Skepsis. Schon zwei Jahre nachdem Brandt Kanzler war, haben sie ihn beim «Spiegel» als verwittertes Denkmal in den Wolken gezeigt. Brandt nannte den «Spiegel» darauf ein Scheissblatt. So einen Titel muss man sich verdienen.Die Journalisten waren früher böser?Der Journalismus hatte immer auch etwas Spöttisches, Höhnisches, Vorlautes – lauter Eigenschaften, die heute in Misskredit geraten sind. Die Einzigen, über die man schlecht reden darf, sind Alice Weidel, Björn Höcke und natürlich Wolfgang Kubicki. Der jetzige Büroleiter des «Spiegels», Christoph Hickmann, hat neulich einen länglichen Artikel veröffentlicht, in dem er sich fragte, ob es vielleicht falsch gewesen sei von ihm, sich über Olaf Scholz lustig gemacht zu haben. Weil er damit den Feinden der Demokratie in die Hände gearbeitet und das Fundament unserer Demokratie untergraben haben könnte. Ich bin vor Lachen fast vom Stuhl gefallen, als ich das las.Sie kritisieren die Dominanz der linken Mainstream-Medien. Aber es gibt doch auch bürgerliche Medien wie «FAZ», NZZ oder die «Welt». Gleichzeitig sind alternative Medienportale wie Julian Reichelts «Nius» entstanden, die vor allem gegen links-grün austeilen. Hat sich Ihre Klage nicht totgelaufen?Wenn sich rechts der Mitte neue Plattformen finden, wie zum Beispiel in Deutschland «Nius» oder «Apollo News», finde ich das erst mal gut. Die haben schon die eine oder andere gute Geschichte gemacht. Das ist nicht nur Krawall, sondern auch Recherche. Denken Sie an den Rentner, der Robert Habeck einen Schwachkopf nannte, was Habeck so beleidigt hat, dass bei dem armen Mann morgens um 6 Uhr die Polizei anklopfte. Ich bin für Vielfalt, auf allen Seiten. Sollte die linke «TAZ» untergehen, wäre ich der Erste, der zu einer Spendenaktion aufruft.Bedroht Sie die neue Konkurrenz?Es gibt noch Platz für mich. Was ich mache, machen nicht so viele. Bei den neuen rechten Plattformen wie «Nius» beginnt jeder Tag mit dem Untergang Deutschlands, und von da geht es nur noch abwärts. Deutschland geht jeden Tag mehr unter. Diese Begeisterung für die Apokalypse kenne ich sonst nur von in der Wolle gefärbten Linken.Sie hatten 2023 einen Vertrag bei «Nius» unterschrieben, zogen sich dann aber zurück. Ist Ihnen die Begeisterung für die Apokalypse nicht etwas spät aufgefallen?Nein, ich hatte einen Vertrag unterschrieben für ein Late-Night-Format, die Website ging erst zwei oder drei Monate später online. Und ich dachte: «Mann, ist das düster.» In diesem Umfeld hätte meine Show gar nicht funktioniert. Ich habe bei meinen Sendungen den Anspruch, dass die Leute besser gelaunt rausgehen, als sie reingekommen sind. Meine Heiterkeit wäre da als Frivolität empfunden worden: Wie kann man bloss Scherze machen, wenn Rot-Grün das Land so zugrunde richtet? Portale wie «Nius» bedienen erfolgreich eine Nische, aber es wird immer eine Nische bleiben. Es ist nicht Mehrheits-Deutschland.In Ihrem Buch kritisieren Sie nicht nur die Linken, sondern eine allgemeine Wehleidigkeit.Die grössten Mimosen sind die AfD-Leute. Das ist irre. Ich treibe auch meine Spässe mit Alice Weidel, das bietet sich an, oder Björn Höcke, der zu einer Art Auenland zurückwill, wo alle nur noch Zucchini im eigenen Garten anbauen und die Kinder brav gescheitelt morgens das Brot aus dem Ofen holen. Aber sobald ich Scherze über die AfD mache, flippen deren Wähler aus – da hört der Spass für sie auf.Sie tun es sich an, die Kommentare zu lesen?Unser Podcast «Der Schwarze Kanal» wird auf Youtube ungefähr 120 000 Mal pro Folge angeklickt. Da gibt es jeweils Hunderte von Kommentaren, die ich dann meist lese. Die Kommentare sagen viel darüber aus, was die Leute triggert und sie empört. Normalerweise bekomme ich viele Herzen, aber AfD-nahe Zuhörer sind teilweise ganz entsetzt.Wer ist empfindlicher: die Schneeflocken-Linken oder die AfD-Mimosen?Eindeutig die AfD. Die schmelzen wie Schneeflocken dahin beim leisesten Witz. Höcke ist übrigens nicht wehleidig. Ich habe schon den Verdacht geäussert, dass er zum Schönheitschirurgen gehe und sich Botox und Filler reinhauen lasse. Darauf hat er in einem Post auf X geantwortet. Er schien in keiner Weise beleidigt. Ich habe ihm auch vorgehalten, dass er bei öffentlichen Auftritten so spreche, als höre er heimlich Leni Riefenstahl im Keller. Auch das hat er klaglos ertragen.Über Alice Weidel schreiben Sie, ihr Lachen erinnere an ein wieherndes Pferd. Auch nicht gerade freundlich.Sie ist die verspannteste Politikerin, die ich kenne. Da tut schon das Zuschauen weh.Tut es Ihnen eigentlich mehr weh, wenn Sie von links kritisiert werden, als wenn Rechte auf Sie eindreschen? Wollen Sie letztlich doch von den Linken geliebt werden?Das wollte ich nie. Das ist meine Stärke. Ich habe nie nach Übereinstimmung mit meinem journalistischen Umfeld geschielt. Sonst könnte ich nicht machen, was ich mache. Mir ist wichtig, dass ich die Leser erreiche. Ich muss nicht gemocht werden, ich will gelesen werden. Das ist ein entscheidender Unterschied. Dieser Unabhängigkeit verdanke ich viel.Trotz Ihrem Erfolg gewinnen Sie keine Journalistenpreise. Sie führen es darauf zurück, dass meistens Journalisten in den Jurys sitzen, und die prämierten eben nur Gesinnungen. Sie erwähnen das in Ihrem Buch mehrfach, es scheint Sie zu kränken. Müssten Sie nicht froh sein, leer auszugehen?Es wäre lächerlich, wenn ich schriebe, es sei mir total egal, ob ich Preise kriege. Natürlich freut man sich, wenn man einen Preis erhält. Wenn ich sehe, welche Kanaillen bei Preisverleihungen abräumen, wäre ein Sonderpreis für mein Durchhaltevermögen schon einmal drin gewesen, finde ich. Vielleicht habe ich mit meiner ZDF-Sendung endlich beim Grimme-Preis eine Chance? Das ist jetzt meine letzte Hoffnung. Aber darüber hinaus: Was als preiswürdig gilt und was nicht, sagt viel über unsere Branche. Es werden ständig Produktionen und Texte prämiert, die entweder zurückgezogen werden müssen, weil sie faktisch nicht stimmen oder weil sie vor Gerichten angegriffen werden, bis kaum etwas übrig bleibt. Ein Teil des Journalismus hat offenbar beschlossen, mit dem Rücken zur Wirklichkeit zu stehen. Nach dem Motto: Wir machen unsere eigene Wirklichkeit.War Claas Relotius, der beim «Spiegel» und anderen Medien zahlreiche Geschichten erfunden hat, eine Art Vorreiter dieser Entwicklung?Relotius gehörte zu denen, die genau die Texte schreiben, die den Erwartungen von Jurys entsprechen. Wenn er zu den Trump-Wählern reist, hat er sie so beschrieben, wie man sie sich in linken Kreisen vorstellt. Relotius hat KI-mässig geschrieben, bevor man über KI diskutiert hat. Das sagt auch etwas über das Generische dieses Genres aus.Wie halten Sie es mit der KI?KI hat zum einen etwas Schreckliches, aber gleichzeitig auch Tröstliches, weil ich glaube, dass das Originelle überleben wird. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt ist gerade aufgeflogen, weil er in der «FAZ» lauter Texte publiziert hat, die von der KI geschrieben waren. Auch Holocaust-Gedenkreden hat er mit KI verfasst, da stehen dann so furchtbare Sätze drin wie: «Ihre Augen waren leer und zugleich unendlich tief.» Das ist reiner KI-Kitsch.Haben Sie also keine Angst, dass Sie als Autor überflüssig werden?Ich habe neulich die KI mit meinen Texten gefüttert und sie aufgefordert, eine Kolumne wie Fleischhauer zu schreiben. Sie hat eine gewisse Fähigkeit zur Imitation, aber sie liefert keine Gags. Oder es sind unkomische Gags, eben KI-Gags. Ich arbeite viel mit Pointen und Zuspitzungen; wenn die Leute mir schon nicht zustimmen, sollen sie sich wenigstens unterhalten fühlen, wenn sie meine Texte lesen. Das schafft die KI bis jetzt nicht. Klingt eher wie Ironie à la Weidel.In Ihre Sendung «Keine Talkshow - eingesperrt mit Jan Fleischhauer» laden Sie gerne linke Gäste ein. So diskutierten Sie neulich mit der grünen Politikerin und Transfrau Nyke Slawik. Bis anhin wirken Sie gebremst.Natürlich macht es einen Unterschied, ob man in seinem Kämmerlein sitzt und anderen eine verpasst, wie man das möchte, oder ob man jemanden in Person vor sich hat. Ich bin ja im Fernsehen keine Sprechpuppe, die nur ihr Programm herunterspult. Wenn Sie wie mein Kollege Jan Böhmermann am Schreibtisch sitzen und einen Monolog halten, gehen Sie immer als Sieger vom Platz. Im Zweifel wird dann so oft geschnitten und wiederholt, bis alles passt. Allein im Studio sind Sie der König. Jemandem gegenüberzustehen, ist anspruchsvoller, aber es bietet auch Überraschungen. Einige Zuschauer mussten sich erst daran gewöhnen, dass ich kein fragender Gastgeber bin, der sich vornehm zurückhält, sondern einer, der die Gäste herausfordert. Aber das ist ja der Witz der Sendung, daher auch der Titel.Bekommen Sie viele Absagen für die Sendung? Leute, die sagen, mit dem rede ich nicht?Wir haben schon dreimal Heidi Reichinnek angefragt. Sie hat jedes Mal mit der Begründung abgelehnt, das sei nicht ihr Format. Reichinnek ist ein Tiktok-Star. Wenn sie in einer Talkshow mit Fragen konfrontiert wird, bricht sie schnell ein. Bei Lanz hat sie sich darauf zurückgezogen, sie habe Migräne, als sie sagen sollte, wie viele Wohnungen sie verstaatlichen wolle. Sie kommt sofort ins Schwimmen, sobald man ihr nicht nur Kuschelfragen stellt. Die Linken haben keine Leute mehr, die wirklich kampffähig sind.Sie haben Jan Böhmermann erwähnt. Sie arbeiten sich seit Jahren an ihm ab, und er sich an Ihnen. Sind Sie ihm in der ZDF-Kantine schon begegnet?Nein, er hat ja sein eigenes Studio. Aber ich hoffe auf den grossen Wettkampf als Sonderausgabe von «Eingesperrt»: Jan gegen Jan. Wer weiss, vielleicht traut er sich. Wie heisst es so schön: Die Wahrheit ist auf dem Platz.Jan Fleischhauer, 1962 geboren, war dreissig Jahre beim «Spiegel», bevor er 2019 zum Magazin «Focus» wechselte. Dort erscheint seine Kolumne «Der schwarze Kanal», die es auch als Podcast gibt. Seit Ende 2025 hat er beim ZDF ein eigenes Format: In «Keine Talkshow – eingesperrt mit Jan Fleischhauer» diskutiert er mit einem politischen Gegner. Fleischhauer ist Autor mehrerer Bücher. Soeben ist sein neues Buch erschienen: «Du bist nicht allein. Das Mehrheitsparadox oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat, am Rand zu stehen». DVA-Verlag, München 2026. 304 S., Fr. 38.90.Passend zum Artikel