In den wochenlangen Verhandlungen zur Beendigung des Krieges haben es die USA nicht geschafft, Iran zur Aufgabe seines Nuklearprogramms zu zwingen. Trotzdem ist die iranische Atomgefahr heute viel geringer als noch vor einem Jahr.17.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin Satellitenbild zeigt die mit Erdreich zugeschütteten Zugänge zum unterirdischen Atomkomplex von Isfahan. In den dortigen Tunneln soll der Grossteil von Irans Beständen an hochangereichertem Uran lagern.Vantor via ReutersDie USA haben ihren Angriff auf Iran am 28. Februar mit unterschiedlichen Zielen begründet. Am konkretesten war dabei die Forderung, Iran müsse auf dem Weg zur Atombombe gestoppt werden. Nun, nach dem Abschluss einer iranisch-amerikanischen Zwischenvereinbarung (Memorandum of Understanding), lässt sich das Erreichte mit dem Erhofften vergleichen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noch ist der Wortlaut des Memorandums nicht veröffentlicht worden. Es soll am Freitag auf dem Bürgenstock feierlich unterzeichnet werden. Aber aufgrund diverser «Lecks» sind die Eckpunkte klar. So berichtete das in Washington gut vernetzte Onlinemedium «Axios» am Dienstag über die zentralen Passagen zur Atomfrage. Offensichtlich hat Iran keine schmerzhaften Zugeständnisse machen müssen.Alle wichtigen Streitpunkte vertagtIran gelobt in der Vereinbarung, keine Atombombe herzustellen. Doch diese Zusage ist nahezu wertlos, weil sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Teheran ertönt und international keine Glaubwürdigkeit geniesst. Das Regime verweigert den Inspektoren der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) seit mehr als einem Jahr den nötigen Zugang. Iran verpflichtet sich ferner, in den nächsten 60 Tagen den nuklearen Status quo zu wahren, also weder seine beschädigten Atomanlagen zu reparieren noch neue zu bauen. Aber die Lösung aller Streitpunkte wird auf unbestimmte Zeit vertagt. Sie sollen in einem späteren Abkommen geregelt werden, für das die Verhandlungen erst beginnen.Besondere Bedeutung haben die vorläufigen Abmachungen zum Problem der Urananreicherung. Hochangereichertes Uran dient als Spaltmaterial für den Bau von Atombomben. Iran verfügt nicht nur über die Technologie zur Gewinnung von gut spaltbaren Uran-235-Isotopen mittels Gaszentrifugen. Es besitzt auch umfangreiche Bestände an unterschiedlich stark angereichertem Uran. Besorgniserregend sind vor allem die 440 Kilogramm Uran mit einem Anreicherungsgrad von 60 Prozent, die Iran laut der IAEA in den Jahren 2021 bis 2025 gewonnen hat. Sie müssten nur noch geringfügig weiter angereichert werden, auf einen Anteil von 90 Prozent Uran-235, um damit rund zehn Atomsprengköpfe herstellen zu können.Der amerikanische Präsident Donald Trump bezeichnet dieses Spaltmaterial der Einfachheit halber als «Atomstaub». Mit Staubpartikeln hat das angereicherte Uran jedoch nichts zu tun. Es handelt sich um gasförmige Verbindungen (Uranhexafluorid), die Iran in Druckzylindern aufbewahrt. Vor einer Verwendung zum Bombenbau müsste es zuerst wieder in eine reine, metallische Form umgewandelt werden. Seit der Bombardierung der Urankonversionsfabrik von Isfahan und der Anreicherungsanlagen von Natanz und Fordo vor einem Jahr geht die IAEA davon aus, dass die Bestände unzugänglich in verschütteten Kavernen lagern.Trump hat in den vergangenen Monaten wiederholt angekündigt, dass amerikanische Einsatzkräfte den «Atomstaub» im Einverständnis mit Iran aus den Tunnelanlagen bergen und in die USA verfrachten würden. Davon ist im jetzigen Memorandum keine Rede mehr. Es heisst darin laut «Axios» nur vage, dass die beiden Seiten die Verwendung («disposition») des angereicherten Urans klären würden. Diskussionen soll es auch über die Grundsatzfrage eines künftigen Anreicherungsprogramms in Iran geben.Der Erdölhandel hatte PrioritätDiese Formulierungen zeigen, dass die Regierung Trump in den wochenlangen Verhandlungen ihre ursprünglichen Ziele weit verfehlt hat. Sie stimmte einer Waffenruhe, gelockerten Sanktionen und der Freigabe eingefrorener iranischer Guthaben zu, ohne dass Iran die Herausgabe des hochangereicherten Urans zusicherte. Offensichtlich wog für Trump die Öffnung der Strasse von Hormuz schwerer als die Lösung des Atomstreits.Washington hofft, dass Iran in künftigen Verhandlungen doch noch grössere Zugeständnisse machen wird. Aber daran sind Zweifel angebracht, weil der Druck auf Iran sinkt, je unwahrscheinlicher ein neuer amerikanischer Angriff wird und je mehr die Wirtschaftssanktionen gelockert werden. Eine Kompromissformel sieht vor, das hochangereicherte Uran nicht ins Ausland zu verfrachten, sondern in Iran unter internationaler Aufsicht ungefährlich zu machen. In diesem Zusammenhang ist fälschlich oft von «Verdünnen» die Rede. In Wirklichkeit würde das hochangereicherte Uran mit schwererem Natur-Uran gemischt, womit es keinen militärischen Nutzen mehr hätte.Allerdings könnte Iran die Diskussionen darüber nun endlos in die Länge ziehen und so faktisch die Kontrolle über das Spaltmaterial behalten. Eine weitere Vorentscheidung ist im Memorandum insofern gefallen, als darin die Rede von «künftiger Anreicherung» ist. Den USA ist es somit nicht gelungen, ihre kategorische Ablehnung jeglicher Urananreicherung durchzusetzen. Solange Iran diese Technologie weiter nutzen darf, besteht die Gefahr, dass es sie erneut unter dem Deckmantel eines zivilen Kernkraftprogramms für militärische Zwecke missbrauchen wird.Iran weit zurückgeworfenImmerhin ist diese Gefahr heute wesentlich weniger akut als noch vor einem Jahr. Damals liefen die iranischen Uranzentrifugen auf Hochtouren, und das Regime häufte immer grössere Bestände an nahezu waffenfähigem Uran an. Laut Berechnungen des Washingtoner Think-Tanks Isis hätte Iran bei Bedarf nur wenige Tage gebraucht, um Spaltmaterial für mehrere Bomben herzustellen. Mit dem Zwölftagekrieg vom Juni 2025 hat sich dies geändert. Israelische und amerikanische Bomben haben damals mutmasslich alle drei iranischen Anreicherungsanlagen weitestgehend zerstört.Im Februar und März haben israelische oder amerikanische Luftangriffe das iranische Atomprogramm weiter zurückgeworfen. Getroffen wurden laut Isis-Analysen sieben bis zehn Anlagen, die mit Atomwaffenprojekten in Verbindung stehen dürften. Zerstört wurde beispielsweise die Fabrik von Ardakan, die der Aufbereitung von Uranerz gedient hatte. Mehrere bunkerbrechende Bomben fielen zudem auf die Anlage Taleghan 2, wo Iran nach Einschätzung von Experten Sprengstoff für die Zündung einer Atomwaffe getestet hatte.Der Iran-Krieg endet daher mit einer gemischten Atom-Bilanz. Iran hat die Fähigkeit verloren, in kurzer Zeit den letzten Schritt zur Atombombe zurückzulegen – es sei denn, es verfüge im Geheimen noch über weitere, intakte Anlagen. Aber den USA ist es nicht gelungen, im Krieg oder am Verhandlungstisch das Nuklearproblem aus der Welt zu schaffen. Dadurch werden die Amerikaner wohl noch auf längere Zeit militärisch in der Region gebunden bleiben. Nur so könnten sie reagieren, falls Iran sein Atomwaffenprogramm fortsetzt.Passend zum Artikel
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