Trumps Friedensshow erreicht Évian. Er entdeckt die Ukraine wiederFolgt auf den Iran-Durchbruch nun auch Bewegung im festgefahrenen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine? Beim G-7-Gipfel in Évian konnten sich die Staats- und Regierungschefs auf neue Sanktionen gegen Moskau einigen.16.06.2026, 19.33 Uhr5 LeseminutenDonald Trump und Wolodimir Selenski während einer Arbeitssitzung des G-7-Gipfels.Ukrainian Presidency / ImagoKann die Weltgemeinschaft nach dem überraschenden Friedensabkommen zwischen den USA und Iran auch auf einen diplomatischen Durchbruch im Ukraine-Krieg hoffen? Diese Frage stellte sich am Dienstag zu Beginn des zweiten Gipfeltags der G-7-Staaten, zu dem Frankreichs Gastgeber Emmanuel Macron auch Wolodimir Selenski nach Évian-les-Bains eingeladen hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der ukrainische Präsident wollte die neue Aufmerksamkeit nutzen, die seinem Land nach Monaten im Schatten der Nahostkrise plötzlich wieder zuteilwird. Die Kämpfe dort haben ja keineswegs nachgelassen, im Gegenteil: Bei einem der schwersten russischen Luftangriffe auf Kiew seit Wochen kamen allein in der Nacht auf Dienstag mindestens vier Personen ums Leben. Beschädigt wurde das berühmte Kiewer Höhlenkloster, ein kulturelles und geistiges Symbol der Ukraine.Selenski reiste vor diesem Hintergrund mit dem klaren Ziel nach Évian, neue Unterstützung für sein Land zu mobilisieren und den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen.Fussballtrikot für TrumpOb ihm das gelingen würde, schien zunächst vor allem von Donald Trump abzuhängen. Entsprechend gespannt wurde die erste Begegnung der beiden Männer verfolgt, als Macron den Ukrainer am Morgen in den Gärten des Hotels Royal empfing und zu den übrigen Staats- und Regierungschefs geleitete. Während sich die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und andere Teilnehmer herzlich mit Umarmungen und Schulterklopfen begrüssten, würdigte Trump Selenski keines Blickes.Erst als ihm Merz nachträglich zu seinem 80. Geburtstag ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft mit der Nummer 47 überreichte, schien sich die Laune des amerikanischen Präsidenten zu bessern. Die Anspielung auf seine zweite Amtszeit als 47. Staatschef der USA gefiel Trump offensichtlich. «Great!», rief er und hielt das Trikot in die Höhe.Nach Angaben eines Diplomaten hatte sich Trump darüber geärgert, dass die Ukraine seiner Ansicht nach zu wenig eigene Anstrengungen unternehme und zu sehr auf endlose westliche Waffen- und Finanzhilfen setze. Der amerikanische Präsident hatte seinen Wählern versprochen, den Krieg «binnen 24 Stunden» zu beenden. Auch wirft er Selenski vor, eine zu harte Haltung gegenüber möglichen Kompromissen zu verfolgen und damit eine schnelle Lösung zu blockieren.In der anschliessenden Arbeitssitzung sollte Trump dann aber dennoch guten Willen zeigen. Er berichtete von «guten Gesprächen» sowohl mit Selenski als auch mit Russlands Machthaber Putin und forderte, Moskau solle jetzt «einen Deal abschliessen». Er habe selber «acht Kriege gelöst», so Trump, und jener zwischen Russland und der Ukraine scheine ihm noch immer am einfachsten zu regeln zu sein.Vertreter der deutschen und der französischen Delegation berichteten am Nachmittag von einer ungewöhnlich grossen Einigkeit in der Ukraine-Frage. Die G-7-Staaten hätten sich darauf verständigt, den Druck auf Russland weiter zu erhöhen, insbesondere durch Sanktionen gegen Öl- und Gaseinnahmen. Zudem solle die Ukraine zusätzliche Unterstützung bei der Luftverteidigung erhalten.Der britische Premierminister Keir Starmer machte bereits konkrete Schritte bekannt. London verhängt danach neue Sanktionen gegen rund 70 Personen, Unternehmen und Schiffe, die Russlands Kriegswirtschaft unterstützen sollen. Im Visier stehen dabei Organisatoren der sogenannten Schattenflotte, mit der Moskau westliche Beschränkungen beim Ölexport umgeht. Bereits am Sonntag hatten britische Behörden einen verdächtigen Tanker im Ärmelkanal festgesetzt.Botschaft an MoskauDie neue Geschlossenheit gegenüber Putin dürfte vor allem mit der Entwicklung auf dem Schlachtfeld zusammenhängen. Unter den westlichen Verbündeten Kiews setzt sich zunehmend die Einschätzung durch, dass Russland trotz hohen Verlusten keine entscheidenden Fortschritte erzielt. Die ukrainischen Verteidigungslinien halten, während Moskau seine Kriegsziele weiter verfehlt. «Die Dynamik hat sich geändert», hiess es aus Delegationskreisen.Zudem hat das von Trump verkündete Rahmenabkommen mit Iran die Befürchtungen vor einer neuen Energiekrise vorerst gedämpft. Noch vor wenigen Tagen galten zusätzliche Sanktionen gegen russische Energieexporte als riskant, weil sie die ohnehin angespannten Märkte weiter hätten belasten können. Mit der Aussicht auf eine Wiederöffnung der Strasse von Hormuz und sinkende Ölpreise aber verändert sich nun auch diese Rechnung.Wohl nicht ohne Kalkül hatte Selenski bereits vor seiner Ankunft in Évian berichtet, man habe auch Wladimir Putin zum G-7-Gipfel eingeladen; der russische Präsident habe jedoch abgelehnt. Aus Sicht der Ukraine war damit wenig verloren: Eine Zusage aus Moskau hätte direkte Gespräche ermöglicht, eine Absage dagegen den Eindruck verstärkt, dass Russland ohnehin kein ernsthaftes Interesse an echten Verhandlungen hat.Der Kreml bestritt diese Darstellung umgehend. Der Präsidentensprecher Dmitri Peskow erklärte, Russland habe keine entsprechende Einladung erhalten. Doch unabhängig davon wäre eine Teilnahme Putins auch für den Gastgeber Frankreich heikel gewesen, denn gegen den russischen Präsidenten liegt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vor. Für Macron, der sich angeblich auch für eine Teilnahme Putins ausgesprochen haben soll, hätte ein Besuch des Kremlchefs unangenehme Fragen aufgeworfen.Selenski brachte deshalb noch ein anderes Format ins Spiel. Gespräche mit Putin könnten auch in den USA stattfinden, schlug er vor. Eine Einladung Donald Trumps auszuschlagen, wäre für Moskau politisch deutlich schwieriger als die Ablehnung direkter Gespräche mit der Ukraine. Zudem anerkennen die Vereinigten Staaten den Internationalen Strafgerichtshof nicht.Sicherung der MeerengeOb daraus tatsächlich Bewegung entsteht, blieb am Dienstag offen. Aus Moskau kamen zunächst keine Reaktionen auf den Vorschlag. Aber für Trump stand nun ohnehin der Deal mit Teheran im Vordergrund. Das Rahmenabkommen, auf das sich die USA und Iran am Wochenende verständigt hatten, soll noch an diesem Freitag auf dem Bürgenstock in der Schweiz offiziell unterzeichnet werden.Wie weitreichend der Durchbruch tatsächlich ist, bleibt offen. Nach den bisher bekannten Angaben handelt es sich zunächst um eine politische Grundsatzeinigung. In einem nächsten Schritt sollen weitere Verhandlungen beginnen, die innerhalb von 60 Tagen zu einem umfassenden Abkommen führen sollen. Trump zeigte sich in Évian dennoch überzeugt vom Erfolg der Vereinbarung. Iran werde «niemals eine Atomwaffe besitzen», sagte er. Aus Washington hiess es zudem, internationale Inspektoren sollten schon bald wieder Zugang zu iranischen Atomanlagen erhalten.Die Europäer begegnen dem Abkommen mit mehr Vorsicht. Zwar begrüssten sie die Einigung als wichtigen Schritt zur Entspannung im Nahen Osten. Gleichzeitig warnten mehrere Teilnehmer davor, sich mit einer blossen Übergangslösung zufriedenzugeben. Macron forderte eine «solide und ernsthafte Vereinbarung». Einige europäische Staaten befürchten zudem, dass die amerikanischen Unterhändler weder ein ausreichend belastbares Atomabkommen noch wirksame Beschränkungen für das iranische Raketenprogramm durchsetzen können.Gemeinsam mit den Staatschefs Ägyptens, Katars und der Vereinigten Arabischen Emirate beriet die G-7 am Abend über die Umsetzung des Abkommens und die Lage im Persischen Golf. Im Zentrum stand die Strasse von Hormuz, die Iran seit Ende Februar weitgehend blockiert hatte und durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels läuft. Trump zeigte sich überzeugt, dass die Meerenge schon am Freitag wieder vollständig geöffnet werden könne. Die Europäer diskutierten zugleich über deren Absicherung; der britische Premierminister Keir Starmer sagte, sein Land werde dazu seinen «vollen Beitrag» leisten.Aus europäischer Sicht reicht die Bedeutung des Iran-Abkommens weit über den Nahen Osten hinaus: Eine Entspannung am Ölmarkt, so ist zu hören, erleichtere es auch, den Druck auf Russland zu erhöhen.Passend zum Artikel
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