PfadnavigationHomeRegionalesHamburgEnergiepolitik„Die Lücke zwischen Theorie und Realität wird immer größer“ – Kritik am Hamburger WärmeplanStand: 17:36 UhrLesedauer: 4 MinutenUmweltsenatorin Katharina Fegebank vor einer Abwasserwärmepumpe, die künftig Fernwärme ins Netz der Stadt liefertQuelle: Bertold Fabricius/WELTHamburg legt fest, wo künftig Fernwärme verfügbar sein wird – und wo Eigentümer selbst auf klimaneutrale Heizungen umsteigen müssen. Der neue Wärmeplan schafft Orientierung, zeigt aber auch: Die größte Herausforderung liegt bei Hunderttausenden Gebäuden ohne Netzanschluss.Der Hamburger Senat hat den Wärmeplan der Stadt beschlossen – und damit festgelegt, wo künftig Fernwärme eine Rolle spielen soll und wo Eigentümer ihre Gebäude mit eigenen klimaneutralen Lösungen versorgen müssen. Die Stadt zieht damit eine Linie unter jahrelange Vorarbeiten.Hintergrund ist neben dem politischen Anspruch, strenge Klimaziele bis zum Jahr 2040 zu erreichen, auch eine gesetzliche Vorgabe: Nach dem Wärmeplanungsgesetz des Bundes sind Kommunen verpflichtet, ein Zielbild für eine klimaneutrale Wärmeversorgung vorzulegen. Hamburg geht dabei weiter als der Bund und strebt Klimaneutralität bereits bis 2040 an. „Die Menschen müssen wissen, woran sie sind: Kommt die Fernwärme oder setze ich auf die Wärmepumpe?“, sagte Umweltsenatorin Katharina Fegebank bei der Vorstellung im Rathaus. Der Plan schaffe „Sicherheit und Orientierung“.Lesen Sie auchDiese Orientierung zeigt vorrangig eine klare Aufteilung. Nach den Berechnungen des Senats sollen künftig rund 57 Prozent des Wärmebedarfs über zentrale Netze wie die Fernwärme gedeckt werden, während der Rest der Wärme in den jeweiligen Gebäuden erzeugt werden muss. Doch die Verteilung verschiebt sich, wenn man nicht auf Energie, sondern auf Gebäude schaut. Die Wärmenetze, das zeigt der Plan des Senats deutlich, liegen primär in dicht bebauten innerstädtischen Quartieren, während große Teile der Stadt ohne Anschlussoption bleiben. Insgesamt sollen bis 2040 rund 221.000 Gebäude klimaneutral beheizt werden – etwa 21.000 über Wärmenetze, rund 200.000 über eigene Lösungen.Damit liegt das Gewicht der Wärmewende nicht bei der Fernwärme, sondern im Gebäudebestand. „Die eigentliche Herausforderung der Wärmewende liegt bei den rund 200.000 Gebäuden, die künftig nicht an ein Fernwärmenetz angeschlossen werden können“, erklärte der Umweltverband BUND. Für diese Gebäude und deren Besitzer brauche es konkrete Strategien, etwa für Wärmepumpen oder Quartierslösungen. Entscheidend sei nicht die Planung, sondern die Umsetzung.Bei der Fernwärme hat die Stadt maximalen Einfluss. Das große Fernwärmenetz befindet sich seit einem Volksentscheid in öffentlicher Hand und wird über die Hamburger Energiewerke betrieben. Der Umbau lässt sich damit durch die Stadt zentral steuern. Die bisherigen Kohlekraftwerke in Wedel und Tiefstack sollen schrittweise ersetzt werden, an ihre Stelle treten zum Beispiel Energieparks, die Wärme aus industrieller Abwärme, Großwärmepumpen und anderen Quellen ins Netz einspeisen. „Wir halten Kurs“, sagte Fegebank und verwies auf den geplanten Kohleausstieg bis spätestens 2030. Hamburg lasse sich bei der Wärmewende „nicht ausbremsen“.Lesen Sie auchFür den weit größeren Teil der Gebäude gilt diese Steuerungsmöglichkeit allerdings nicht. Dort hängt der Erfolg davon ab, dass Eigentümer ihre Heizungen austauschen und auf klimafreundliche Systeme umstellen – und dass die nötige Infrastruktur vorhanden ist. Nach Angaben der Grünen-Fraktion müssten jährlich rund 13.400 Wärmepumpen installiert werden, um die Ziele bis 2040 zu erreichen. „Das bedeutet eine Verachtfachung der aktuellen Zubau-Geschwindigkeit“, sagte die energiepolitische Sprecherin Melanie Nerlich.Ob dieses Tempo erreicht werden kann, ist umstritten. „Die Lücke zwischen Theorie und Realität wird immer größer“, kritisierte der umweltpolitische Sprecher der Linksfraktion, Stephan Jersch. Der Ausbau liege derzeit deutlich unter dem notwendigen Niveau. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurden in Hamburg 1214 neue Wärmepumpen angemeldet – mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres mit 487 Anlagen. Insgesamt waren Ende Mai 9325 Wärmepumpen bei den Hamburger Energienetzen registriert.Auch die CDU sieht offene Fragen – allerdings mit Blick auf die Voraussetzungen. „Der Wärmeplan beschreibt, wo Hamburg künftig hinwill. Offen bleibt jedoch, ob der Senat die dafür notwendigen Voraussetzungen rechtzeitig schaffen kann“, sagte der energiepolitische Sprecher Markus Kranig. Schon heute gebe es Engpässe beim Stromnetz, gleichzeitig müssten Wärmenetze erweitert und zusätzliche Erzeugungskapazitäten aufgebaut werden.Lesen Sie auchDass die Probleme nicht nur theoretisch sind, zeigt die Sicht der Wohnungswirtschaft. „Wärmepumpen können oft erst zeitverzögert angeschlossen werden, weil die notwendige Stromleitungsinfrastruktur nicht ausreicht“, sagte Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen. Zudem erschwerten Vorschriften etwa zum Lärmschutz die Installation. Gleichzeitig brauche es verlässliche Angaben, wo und bis wann tatsächlich klimaneutrale Fernwärme zur Verfügung stehen werde.Kritik kommt auch aus der AfD. „Der Senat darf nicht einzelne Technologien politisch bevorzugen und den Bürgern diese Richtung aufzwingen“, sagte die umweltpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion, Peggy Heitmann. Sie stieß sich damit wohl hauptsächlich an einem Satz von Umweltsenatorin Fegebank, die die Wärmepumpe als „Mittel der Wahl“ bezeichnet hatte, wenn es keinen Fernwärmeanschluss gibt. AfD-Politikerin Heitmann warnte vor steigenden Kosten für Eigentümer, Mieter und Unternehmen.Fegebank wies diese Kritik zurück – und griff ihrerseits die Bundesregierung an. Dort werde derzeit der Eindruck erweckt, jeder könne frei über seine Heizlösung entscheiden. „Bürgerinnen und Bürger hochgradig zu verunsichern und in eine Kostenfalle zu locken, halten wir für problematisch“, sagte sie. Der Wärmeplan schaffe dagegen einen verlässlichen Rahmen. „Wir gehen diese Mammutaufgabe gemeinsam und mit Plan an.“