PfadnavigationHomeGeschichteSturmgeschütz der WehrmachtDer Sensationsfund von CuxhavenVon Johann AlthausStand: 15:46 UhrLesedauer: 5 MinutenDas StUG III G am Fundort auf dem Gelände des Fliegerhorsts Nordholz bei CuxhavenQuelle: A. Hüser/Archäologische Denkmalpflege Landkreis Cuxhaven/BImABei Bauarbeiten auf einem Bundeswehr-Fliegerhorst ist ein Sturmgeschütz IIIG aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden. Der Direktor des Deutschen Panzermuseums Munster Ralf Raths erklärt, was es mit dieser Waffe auf sich hat.Aus den Augen – aus dem Sinn: Offenbar nach diesem Prinzip gingen nicht lange nach Ende des Zweiten Weltkrieges Soldaten oder andere Mitarbeiter der US Army Air Forces auf dem ehemaligen Luftwaffen-Fliegerhorst Nordholz bei Cuxhaven nahe der Elbemündung vor. Im Juni 1945 hatten die US-Luftstreitkräfte die Liegenschaft übernommen; wohl 1946 wurde das auf dem Stützpunkt verbliebene deutsche Kriegsgerät in einen vorhandenen Graben geschoben und mit Sand abgedeckt. Erst rund 80 Jahre später tauchte das vergessene Material wieder auf: Im Zuge einer mehrere hundert Millionen Euro teuren Modernisierung des inzwischen von den Marinefliegergeschwadern 3 und 5 der Bundeswehr genutzten Stützpunktes stieß man bei Erdarbeiten auf den zugeschütteten Graben. Darin fand sich unter anderem als größtes und weitgehend intaktes Fundstück ein fast 24 Tonnen schweres Sturmgeschütz (StuG) der Baureihe IIIG. Wie die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) jetzt bekannt gab, wird der Weltkriegspanzer formal an das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden abgegeben. Zuerst jedoch kommt er ins Deutsche Panzermuseum Munster, eine gemeinsame Einrichtung der niedersächsischen Kleinstadt Munster und der dort beheimateten Panzertruppenschule der Bundeswehr. Dort soll der Neufund prominent am Anfang des Ausstellungsteils „Kriegsende: 1944-1949“ platziert werden – in einer Sichtachse zu einem bereits vorhandenen, komplett restaurierten StuG III. Im Gegensatz zu den anderen Exponaten soll der Neufund im geborgenen Zustand belassen bleiben. Der Sand sei selbst „Teil des Objektes“, nämlich ein „Sachzeugnis der ,Abwicklung des Krieges‘ nach 1945“, sagt Museumschef Ralf Raths gegenüber WELT: „Das Vergraben von Material war direkt nach dem Weltkrieg allgemein üblich, um es aus dem Weg zu bekommen – genau wie das Versenken in Seen und Mooren.“Die deutschen Sturmgeschütze des Zweiten Weltkrieges entstanden aus der Idee eines „Infanterie-Begleitgeschützes“ im Ersten Weltkrieg, das noch mit Muskelkraft zur vorderen Frontlinie gebracht werden musste, um der Infanterie beim Sturmangriff direkte Feuerunterstützung zu geben. Sie waren so klein und leicht wie möglich, aber immer noch zu immobil in schwerem Gelände. Lesen Sie auchIn den 1930er-Jahren hatte man die Idee, solche Geschütze mit Motor und Kettenantrieb zu versehen; hinzu kam eine Panzerung, um die Besatzung zu schützen. Das Konzept eines solchen Fahrzeugs ähnelte einem Panzer, wurde anfangs aber eindeutig als Artillerie verstanden: ein Geschütz, das den Infanteriesturm unterstützt – eben ein Sturmgeschütz.Der damalige Oberst Erich von Manstein formulierte die Idee erstmals 1935 in einer Denkschrift an den Oberbefehlshaber des Heeres. Ab dem folgenden Jahr wurde das Sturmgeschütz konkret entwickelt; Grundlage sollte das Laufwerk des damals gerade ganz neuen Panzerkampfwagens III sein. 1937 gab es erste Vorserienmodelle mit einer kurzen Kanone im Kaliber 7,5 Zentimeter. Der reguläre Panzer III hatte in seinem konventionellen Turm zunächst eine kurze 3,7-Zentimeter-Kanone, erst der größere Panzer IV verfügte über das stärkere Geschütz. Die Einführung der neuen Waffenkategorie Sturmgeschütze verzögerte sich jedoch durch Konkurrenz um die beschränkten Ressourcen in der Wehrmacht bis 1940. Gleichzeitig zeigte der Feldzug gegen Polen, dass die angreifende Infanterie auf mobile, gepanzerte und feuerstarke Waffen zur direkten Unterstützung angewiesen war.Vor Beginn des Westfeldzuges im Mai 1940 waren trotzdem erst zwei Batterien Sturmgeschütze einsatzbereit, die sich im Einsatz bewährten. Daher produzierte die Industrie bis zum Überfall auf die Sowjetunion mehr als 200 weitere Exemplare in verschiedenen Modifikationen. Am 22. Juni 1941 gab es elf Abteilungen und fünf selbstständige Batterien mit insgesamt 250 Sturmgeschützen, die ausnahmslos am „Unternehmen Barbarossa“ teilnahmen.Die bessere Zieloptik in Kombination mit der artilleristisch geprägten Ausbildung der Besatzung führte zu „deutlich besseren Schießresultaten als bei der Panzertruppe“, urteilt der Militärhistoriker Adrian Wettstein. Ab Frühjahr 1942 bekamen die Sturmgeschütze dann die wesentlich leistungsstärkere 7,5-Zentimeter-Kanone mit langem Lauf – um ein solches StUG der Baureihe IIIG handelt es sich bei dem in Nordholz entdeckten Fahrzeug. „Die Sturmartillerie wurde zum Rückgrat des in die Defensive gedrängten Heeres“, beschreibt Wettstein die Entwicklung 1942/43, „dessen Masse noch immer aus Infanterieverbänden bestand.“ Insgesamt wurden davon rund 10.000 Stück hergestellt – zum Vergleich: Vom Panzer III mit Turm lieferte die Industrie knapp 6000 Exemplare aus, vom Panzer IV gut 8500, vom Panther (Panzer V) etwa 6000 und von den beiden Varianten des Panzers VI, des berühmten Tigers, zusammen keine 2000 Stück. Lesen Sie auchGewöhnlich gelten Sturmgeschütze als vereinfachte Alternative zu konventionellen Kampfpanzern mit Turm. Stärkere Geschütze konnten so auf Fahrgestelle gebaut werden, die zu klein waren, solche Kaliber dreh- und richtbar aufzunehmen. Doch das sei nur die halbe Wahrheit, betont Raths: „Sturmgeschütze sind erst einmal als ausdrücklich offensive Waffensysteme der Artillerie entwickelt worden, was ja schon im Namen steckt: Geschütze für den Sturm.“ Erst in der zweiten Kriegshälfte bekamen sie dann durch die längeren Rohre die Fähigkeit zum Bekämpfen von Panzern. „Aber das machte sie nicht zum vollwertigen Ersatz eigener Panzer“, urteilt der Museumschef: „Im dynamischen Gefecht mit einem ,richtigen‘ Panzer hatte dieser durch seinen Turm immer einen enormen Vorteil, da ein StuG mit der ganzen Wanne drehen musste, was viel langsamer war.“ Dafür waren Sturmgeschütze aber in der Abwehr feindlicher Panzerstöße sehr effizient: „StuG waren also keine Alternative zu Panzern – sie waren deren Ergänzung und nahmen ihnen gewisse Aufgaben ab.“Der Materialbestand der deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg war ohnehin vielfältig: „Die Wehrmacht war Zeit ihrer Existenz eine Armee der Improvisationen“, bilanziert Raths: „Gepanzerte Gefechtsfahrzeuge waren im gesamten Krieg stets Mangelware und als Notlösungen wurden Dutzende von Modellen gebaut, bei denen vorhandenes Material mal mehr, mal weniger hemdsärmelig neu kombiniert wurde.“ So baute man beispielsweise mit Fahrgestellen veralteter deutscher Panzer und erbeuteten gegnerischen Geschützen neue Fahrzeuge – etwa auf Basis des Panzers II den Panzerjäger Marder II mit der sowjetischen „Ratsch-bumm“-Kanone oder auf dem ursprünglich aus tschechoslowakischer Produktion stammenden Panzer 38(t) mit dem gleichen Geschütz den Marder III. „Diese Notlösungen waren stets Antworten auf taktische Bedarfe“, erläutert Ralf Raths.