In der vielleicht acht Meter hohen Halle am Hafen von Yokohama hängt der süßliche Duft von Reis. Bis unter die Decke stapeln sich hier große weiße Schüttgutsäcke, Pappkartons und länglich flache Säcke, wie sie auch für Gartenerde benutzt werden. Die heiße japanische Frühsommerluft von draußen ist hier drinnen auf luftige 15 Grad heruntergekühlt. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei exakt 60 Prozent. „Das sind die perfekten Bedingungen, um Reis möglichst lange zu lagern“, sagt der Mann im dunkelblauen Anzug. Er muss es wissen, denn er ist im japanischen Landwirtschaftsministerium für die staatlichen Reisvorräte zuständig.Damit ist er ein wichtiger Ansprechpartner für den deutschen Landwirtschaftsminister Alois Rainer, dem er am Dienstag das Reislager zeigte, in dem der Inselstaat einen Teil seiner Reserven für Krisenzeiten vorhält. Der CSU-Politiker, der gerade für mehrere Tage durch Japan und China reist, will ein „Update für die deutsche Notfallvorsorge“. Die Japaner nannte er „vorbildlich“ in dieser Hinsicht, gestand aber ein, dass die Dringlichkeit wegen der ständigen Gefahr durch Erdbeben, Taifune und andere Naturkatastrophen und dadurch auch das Bewusstsein in der Bevölkerung sicher größer seien als in Deutschland.Die japanische Regierung hält eine ständige Reserve von einer Million Tonnen Reis parat, in mehreren Lagern privater Logistikkonzerne wie jenem in Yokohama. Bei einem Jahresverbrauch von ungefähr 7 Millionen Tonnen könnte das den Bedarf von etwa zwei Monaten abdecken. Da Japan seinen Reishunger laut der Regierung fast vollständig selbst decken kann, ohne Reis aus dem Ausland importieren zu müssen, geht es bei den Vorräten vor allem darum, für schwache Ernten durch sehr kalte oder sehr trockene Sommer vorzubeugen. Gelagert wird er auf fünf Jahre, wobei jedes Jahr 200.000 Tonnen neuer Reis hinzugekauft wird und die entsprechende Menge alt gewordener Körner zu Tierfutter weiterverarbeitet wird. Hinzu kommen Vorräte von Weizen und anderen Getreidesorten, bei denen Japan stärker auf Importe angewiesen ist.Rainer will die „Raviolireserve“Rainer will die staatliche Ernährungsvorsorge in Deutschland modernisieren und angesichts der zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten mit einem zusätzlichen Sicherheitsnetz versehen. Die Nahrungsmittelreserve geht auf die Zeit des Kalten Krieges zurück. Rainer plant nun zum einen logistisch-organisatorische Anpassungen. Aber auch bei den Nahrungsmitteln, die der Staat im Notfall bereitstellt, soll es Veränderungen geben. Von „Raviolireserve“ ist etwas spöttisch die Rede. So hat der Minister angekündigt, künftig mehr verzehrfertige Lebensmittel einzubeziehen, etwa Konserven mit Gerichten wie Ravioli in Tomatensauce oder Linseneintopf.Anders als bislang sollen die Vorräte künftig auch nicht nur in staatlichen Lagern aufbewahrt werden. Ein fester Bestandteil soll jederzeit bei Herstellern und im Handel verfügbar sein, etwa in Lagerhallen auf dem Werksgelände. Der Staat werde aber die Kontrolle behalten und im Ernstfall auch die Steuerung übernehmen, hob ein Sprecher des Ministeriums hervor. Für die Modernisierung der Lebensmittel-Notfallvorsorge rechnet Rainers Haus mit Anschubkosten von rund 30 Millionen Euro. Der laufende jährliche Bedarf wird auf etwa 70 bis 80 Millionen Euro beziffert.Knapp 800.000 Tonnen Lebensmittel werden derzeit im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums an rund 150 Standorten gelagert, um die deutsche Bevölkerung in Kriegs- und Krisenzeiten mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Die Standorte werden geheim gehalten, um Plünderungen oder Anschläge zu verhindern. Die sogenannte zivile Notfallreserve umfasst nach Angaben des Ministeriums Rohprodukte wie Reis, Erbsen und Linsen sowie Kondensmilch.In Krisensituationen könne die zivile Notfallreserve vor allem in Ballungsräumen zur Versorgung der Bevölkerung zumindest mit einer täglichen Mahlzeit beitragen, erläutert das Ministerium. Hinzu kommt die „Bundesreserve Getreide“: Weizen, Roggen und Hafer, um die Bevölkerung im Ernstfall mit Mehl und Brot versorgen zu können. Die Getreidereserven werden wegen der erforderlichen Weiterverarbeitung in der Nähe von Mühlen gelagert.Kritik des BundesrechnungshofsDeutliche Kritik an der deutschen Notfallvorsorge hatte unter anderem der Bundesrechnungshof geübt. Es fehle ein umfassendes Gesamtkonzept, welche Schnittstellen zu der Versorgung mit Trinkwasser, Energie und der Sicherung von Transportwegen berücksichtige, heißt es in dem letzten Prüfbericht von 2019. Ein solches Konzept gibt es immer noch nicht. Der Bundesrechnungshof rügte außerdem die Auswahl der Notfallprodukte.So müsse das eingelagerte Getreide im Krisenfall erst gemahlen und weiterverarbeitet werden. Nach Angaben von Mühlenbetreibern würde allein die Verarbeitung des bevorrateten Hafers ein halbes Jahr dauern. Beanstandet wurde auch die Verteilung der Vorräte: Bezogen auf die Bevölkerungszahl des jeweiligen Bundeslandes seien an den Lagerstätten zwischen 7 und 33 Kilogramm pro Kopf vorhanden, heißt es in dem Prüfbericht.Auch die Reisreserve in Japan besteht zum größten Teil aus Vollkorn. Nur 500 der eine Million Tonnen sind nach Angaben des Ministeriumsverteters bereits poliert und somit verzehrfertig. Ein großer Unterschied zur deutschen Krisenvorsorge ist aber, dass fast alle Japaner und viele Unternehmen eigene Vorräte vorhalten. Im Falle eines großen Erdbebens, das zu Ausfällen in der Strom- und Wasserversorgung führen könnte, können sich viele Japaner für mehrere Tage selbst versorgen. Rainer zeigte großes Interesse an den sogenannten Erdbeben-Rucksäcken, die es fertig gepackt zu kaufen gibt. Sie stehen in vielen japanischen Haushalten immer griffbereit und enthalten von Verbandsmaterial über Trinkwasser und Power-Riegel bis hin zu Taschenlampen eine umfassende Selbstversorgerausrüstung für einige Tage.Aus Sicht der deutschen Lebensmittelbranche ist es höchste Zeit, dass die Versorgung mit Lebensmitteln als Teil der Krisenvorsorge stärker in den Mittelpunkt rückt. Der von der Bundeswehr vorangetriebene Operationsplan Deutschland regele die militärische Verteidigung konsequent. „Er lässt bisher jedoch eine entscheidende Flanke offen: die ebenso konkrete und umfassende Regelung der zivilen Versorgung für die Dinge des täglichen Lebens“, mahnt der Lebensmittelverband Deutschland. Man stehe bereit, um zu praktikablen Lösungen zu kommen, sagte eine Sprecherin.Industrievertreter: „Freie Kapazitäten gibt es nicht“Zugleich markieren Branchenvertreter aber auch Grenzen: „Unsere Unternehmen verfügen über hocheffiziente Logistik- und Lagersysteme, die täglich rund 84 Millionen Menschen versorgen. Freie Kapazitäten gibt es nicht“, sagte Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), zur Rainers Plänen. Die Ernährungswirtschaft könne als Partner vor allem Know-how einbringen. Aber die staatliche Reserve dürfe nicht zulasten der Versorgung im Alltag gehen.Das Thünen-Institut, das im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums unter anderem zu Fragen der Ernährungssicherung forscht, gibt außerdem zu bedenken: Die Lebensmittel-Notfallvorsorge sei nur ein Baustein, um die Ernährung der Bevölkerung zu sichern. Nötig seien stabile Lieferketten, robuste Produktions- und Logistikstrukturen mit stabiler Energieversorgung und ein praxistaugliches Krisenmanagement.
Alois Rainer holt sich Inspiration in Japan für Notfallvorsorge
Landwirtschaftsminister Alois Rainer will Deutschlands Notfallvorsorge verbessern und eine „Raviolireserve“ einführen. Dafür holt er sich jetzt Inspiration in Japan.







