Eine große graue Kugel gibt das Thema vor. In der Halle B auf der Berliner Luft- und Raumfahrtmesse ILA hängt sie unter der Decke: Es geht um den Mond. Mit Videobrille dürfen Besucher einen virtuellen Mondspaziergang machen. Am Sonntag ist die ILA-Messe zu Ende gegangen. Wann aber ein Deutscher wirklich in Richtung Mond aufbrechen kann, ist wieder offen.Nicht mal ein zeitnaher Flug in die Nähe des Erdtrabanten steht gerade an. Dabei war der im vergangenen Herbst als Sensation zur Ministerratstagung der Mitgliedstaaten der europäischen Raumfahrtagentur ESA in Bremen angekündigt worden. Nun gehört mit Luca Parmitano ein Italiener zur Besatzung der nächsten Artemis-Mission der amerikanischen NASA.„Der Mond wird gerade wieder entdeckt“„Wir haben eine neue Situation“, sagt Josef Aschbacher, der Generaldirektor der ESA. Die NASA hat ihr Mondprogramm überarbeitet, die Amerikaner wollen lieber schnell den Mond betreten, statt die Station Lunar Gateway auf einer Umlaufbahn zu platzieren, von der dann Landefähren zum Mond gelangen könnten. Die Europäer sollten für das Gateway allerlei Technik liefern, im Gegenzug gab es von den Amerikanern drei Astronauten-Sitze für Flüge in Richtung Mond, den ersten für Deutschland. Mit dem Pausieren des Gateway-Programms ist der Astronauten-Deal aus dem Herbst aufgehalten.ESA-Generaldirektor Josef AschbacherReutersAschbacher versucht, der neuen Lage Positives abzugewinnen. „Wir haben nun die Ambition, europäische Astronauten auch auf die Mondoberfläche zu bringen. Darum ging es vorher nicht“, sagt er auf der ILA. Dass nun mit einem Italiener ein Europäer außerhalb der Ursprungsvereinbarung bei der Artemis-III-Mission dabei sein wird, wertet er als Beleg, dass die NASA weiter eng mit Europa zusammenarbeiten wolle. Der Mitflug Parmitanos werde Teil eines größeren Pakets sein, Details gibt es noch nicht. „Der Mond wird gerade wieder entdeckt. Es gibt sehr viel Aufbruchstimmung. Und wir sind dabei, unseren Beitrag zu verhandeln“, sagt Aschbacher. „Wir wollen nicht nur teilhaben, sondern Projekte vorantreiben.“Verhandeln ist nötig, allein kann Europa den Weg zum Mond nicht bewältigen. Ein europäisches Raumfahrzeug für Menschen gibt es bislang nicht. „Ich stelle bewusst die Frage an Entscheidungsträger und Politik, ob Europa weiterhin Passagier in amerikanischen oder chinesischen Kapseln sein will“, sagt Aschbacher.„Die NASA nimmt derzeit nicht viel Rücksicht auf andere“Mit Andreas Bovenschulte (SPD), Bürgermeister von Bremen und amtierender Präsident des Bundesrats, hat er einen Fürsprecher. „Die NASA nimmt derzeit nicht viel Rücksicht auf andere“, sagte Bovenschulte kürzlich am Rande eines Besuchs der japanischen Weltraumagentur JAXA der F.A.Z. Die Artemis-Änderung sei nicht mit den europäischen Partnern vorab abgesprochen gewesen. Im Februar hatte das in Bovenschultes Heimat Bremen sitzende Unternehmen OHB eigene Pläne für einen Mondbahnhof vorgestellt. Ein Modell ist auf der ILA unter der großen grauen Kugel ausgestellt.Andreas Bovenschulte (SPD)dpa„Wir brauchen einen eigenen Zugang zum Weltraum“, sagte Bovenschulte in Japan. Für die Zukunftsfähigkeit eines Landes sei es wichtig, technologisch auf dem neuesten Stand zu bleiben. Japan habe das vielleicht schon besser erkannt als Deutschland. Die ESA ist zuletzt von ihren Mitgliedstaaten mit einem Rekordbudget von 22 Milliarden Euro für die Jahre 2026 bis 2028 ausgestattet worden, Deutschland ist mit mehr als fünf Milliarden Euro der größte Zahler. Bovenschulte forderte, dass auch nationale Programme wachsen müssen. Japan hat 2024 einen Weltraumstrategiefonds eingerichtet, in den bislang 800 Milliarden Yen (4,8 Milliarden Euro) für strategisch wichtige Projekte geflossen sind.Bei der ESA, die Raumfahrtforschung koordiniert, auch um Privatinvestitionen anzuregen, hofft man auf eine Signalwirkung durch den Börsengang des von Elon Musk aufgebauten Unternehmens SpaceX. Auf Basis des Aktien-Ausgabepreises von 135 Dollar wurde SpaceX mit 1,77 Billionen Dollar bewertet. Kursgewinne am Freitag brachten die Bewertung über zwei Billionen Dollar. Die Bewertung sei „eindrucksvoller Beweis für die wirtschaftliche Bedeutung der Raumfahrt in der heutigen Welt“, sagt ESA-Chef Aschbacher. „Europa muss diese Dynamik nutzen, um jetzt zu handeln.“Während SpaceX in Billionenhöhen aufsteigt, versucht der europäische Teil der Raumfahrt mit eigenen Raketenstarts den Rückstand zu verringern. Für Mittwoch ist der Start der Ariane-6-Rakete angesetzt, die 36 Satelliten für das Projekt Kuiper, das Amazon den SpaceX-Aktivitäten entgegensetzt, ins All bringen soll. Zuvor wollte zum Wochenauftakt das deutsche Start-up Isar Aerospace seine Spektrum-Rakete eigentlich auf den nächsten Testflug schicken.Doch daraus wurde nichts. Isar Aerospace sagte den Flug kurz vor dem geplanten Start ab. Als Grund nannte das Unternehmen Unregelmäßigkeiten im Flüssigkeitssystem der Rakete. Seit Januar hatte Isar Aerospace mehrere Startversuche abgesagt, der Grund waren meist Technikprobleme. Der erste Start für einen Testflug im vergangenen Jahr war aber geglückt, allerdings stürzte die Rakete nach 30 Sekunden ab. Der Start galt dennoch als Erfolg.Isar Aerospace ist ein Hoffnungsträger für Raketen mit geringerer Nutzlast, sogenannte Mikrolauncher. Die ESA hat einen Wettbewerb aufgelegt, sie tritt als Ankerkunde für Startslots auf und will so die kommerzielle Raumfahrt fördern. 2028 steht die nächste Förderrunde im Wettbewerb an, bis dahin müssen die Teilnehmer einen erfolgreichen Flug bewiesen haben. Isar Aerospace gilt als weit fortgeschritten, im August will die Rocket Factory Augsburg (RFA) mit einem Testflug nachlegen, danach werden die Ariane-Tochtergesellschaft Maiaspace und ein spanischer Wettbewerber folgen. Am Ende sollen zwei Anbieter aus dem Wettbewerb hervorgehen, um die Zahl der europäischen Starts zu erhöhen. Im regulären Betrieb hängt man zurück: Die USA verzeichneten 2025 – vornehmlich wegen SpaceX – fast 200 Orbitalstarts, europäische Anbieter schafften eine einstellige Zahl.Isar-Aerospace-Vorständin Stella Guillen sagt auf der ILA, Raketen und auch Weltraumbahnhöfe für Starts drohten zu „Flaschenhälsen“ der Raumfahrt zu werden. Angesichts der vielen Vorhaben scheine nicht immer mitbedacht, dass die Starts ein unersetzlicher Teil der Logistik seien. „Wir haben einen großen Bedarf in Europa und hinken dem noch hinterher“, sagt sie. Bei Ariane setzt man weiter auf große Raketen, die seltener starten, aber mehr transportieren. Kleinere Raketen seien eine wichtige Ergänzung, sagt David Cavaillolès, Chef der für die Starts verantwortlichen Tochtergesellschaft Arianespace. Aber für den Aufbau großer Satellitenkonstellationen blieben Raketen mit großer Nutzlast unersetzlich. Mit 36 Satelliten auf dem nächsten Flug will Ariane Werte der amerikanischen Atlas-5- und Falcon-9-Raketen übertreffen. Nach Schwierigkeiten der vergangenen Jahre sieht sich das Unternehmen nun auf Kurs. 2026 sind vier Starts geplant, danach peilt man sieben bis acht an – letztlich sollen es bis zu zehn im Jahr werden. „Wir haben eine neue Rakete, die jetzt gut funktioniert. Für uns beginnt ein neues Kapitel“, sagt Cavaillolès.