Es donnert im English Theatre Frankfurt. Blitze zucken über die Bühne. Das düstere Wetter draußen passt zur letzten Premiere der Spielzeit: „Dracula: A Comedy of Terrors“. 2023 in den USA uraufgeführt, kommt Dracula nun nach Frankfurt. Die knalligen Sound- und Lichteffekte erinnern an Glam-Rock-Konzerte und B-Movie-Kunst. Der dunkle Himmel der Karparten klart aber auf, als die Darsteller telegrammartig im Stil des Romans von Bram Stoker (1897) verkünden, worum es geht: Leben, Tod, und einen „heißen Typen, der sein Shirt auszieht“.George North spielt Dracula als selbstverliebten Fitness-Dandy, der seine eigenen Muskeln küsst, als Model performt und mitten in Gesprächen Liegestütze macht. Im Leder-Outfit mit zu großem Umhang und Lackschuhen ähnelt er Rockstar-Vampiren wie den „Lost Boys“ (1987), entspricht aber charakterlich den Selbstinszenierungen in sozialen Medien.Auf der dunklen Seite gibt es KäferDer spießige Immobilienmakler Jonathan Harker (Shaun McCourt) verkauft der Dracula ein paar Anwesen in London. Der bedankt sich mit glutenfreiem, veganem Kuchen bei ihm. Harkers Verlobte Lucy Westfeld (Briana Kelly), mit Algen im Haar und im viktorianischen Kleid, ist abenteuerlustiger, erkundet nachts den Strand, möchte als Geowissenschaftlerin arbeiten – wäre da nicht ihr patriarchaler Vater, Dr. Westfeldt (Joseph Beach), der im Roman zwar nicht vorkommt, aber als Einziger die viktorianische Zeit repräsentiert: Frauen sollten Mutter und Hausfrau sein.Auf seinem Anwesen, der psychiatrischen Anstalt, treiben sich auch die kleptomanische Haushälterin Kitty (auch Kelly) und der insektenfressende Renfield (auch Beach) herum, der später als Dracula-Gehilfe auf die dunkle Seite wechselt, wo es noch mehr Käfer gibt. Nur, dass sie ihm nicht wie in der Horrorkomödie „Renfield“ (2023) übernatürliche Kräfte verleihen.Während sich das Bühnenbild – Kutsche, Gothic-Schloss, Schiff im umtosten Meer, Minas violettes Schlafzimmer – an der Struktur des Romans orientiert, sind die Figuren und Dialoge nur lose damit verknüpft: überzeichnet, queer, schräg. So umgarnt Dracula Lucy, tanzt mit Mina, küsst und beißt Jonathan.Regisseur Ewan Jones, der am English Theatre schon „Something Rotten!“, „Nunsense“ und „Sister Act“ gezeigt hat, spielt in „Dracula“ mit Rollenbildern. Geschlechter und Identitäten werden vertauscht. Am deutlichsten bei Mina und Van Helsing, beide grandios verkörpert von Liam Huband. Im Roman ist Mina die Verlobte von Jonathan und, im Gegensatz zu ihrer gefallenen Freundin Lucy, Prototyp der tugendhaften Frau. Im Stück ist sie die schwer zu vermittelnde Schwester im gelben Rüschen-Mini mit roter Perücke. Und Jean Van Helsing eine Vampirjägerin mit deutschem Akzent, eine erfrischende Neuinterpretation der sonst männlich attribuierten Rolle. Vampirinnen hingegen gibt es seit der Antike, kurz vor Dracula erschien etwa Sherdian Le Fanus Roman über die lesbische Vampirin „Carmilla“ (1872).Durst nach Glitzervampiren erst mal gestilltTanzen: Mina und DraculaMartin KaufholdZum Schluss zögert Harker, den selbstmitleidigen Vampir zu pfählen. Doch als dieser zugibt, pleite zu sein und die Immobilien nicht finanzieren zu können, stößt Harker ihm den Pfahl in den Körper. Ein riesiger Knall. Dann schießt Konfetti aus dem Sarg auf die Bühne. Plötzlich entblößen alle ihre Vampirzähne und zeigen damit, dass sie nicht auf ihre Rollen und Identitäten festgelegt sind.Kaum ein anderer Vampir wird so häufig adaptiert wie Dracula. Kein Leichtes, dem Stoff Neues hinzuzufügen. Das Format der lockeren Komödie ist daher eine geschickte Wahl. Der Gentleman-Vampir mit ungarischem Dialekt (Bela Lugosi) und Technicolor-Blut im Mund (Christopher Lee) hat lange das Vampirbild geprägt. Nach den vegetarischen Glitzervampiren („Twilight“) war der Durst erst mal gestillt. Und über die Leinwände huschen nur noch Schatten von Francis Ford Coppolas „Dracula“ oder dem Schrecken der Weimarer Republik („Nosferatu“). Es gäbe genügend originelle Metaphern für Neuinterpretationen. Doch so progressiv und tiefschürfend geht das Stück von Gordon Greenberg und Steven Rosen dem Vampirmythos nicht nach. Es will ihn nicht aktualisieren, sondern zerlegen. Mit Tempo, Slapstick und Travestie. So wie einst, als kultige Vampirkomödien der Siebziger („Tanz der Vampire“) Humor ins angestaubte Thema brachten.Regisseur Ewan Jones erzählt am Rande der Premiere, er sei in einem ländlichen Teil Großbritanniens aufgewachsen, mit Film- und Fernsehkomödien, Slapstick und Musiktheater. „Die Chance, die weltweit bekannte Geschichte als Komödie zu erkunden, hat mich gereizt.“So hat er ein kurzweiliges Stück inszeniert, das mit seinen popkulturellen Referenzen von Abba bis zu den Beatles an Monty Python, Vaudeville und Broadway erinnert. Dracula ist zwar kein Musical, Mal Hall begleitet das Stück aber am Klavier, mit Rachmaninow und Tschaikowski. Standing Ovations gibt es, als er Intendant Daniel Nicolai für 25 Jahre Zusammenarbeit dankt. Und auch Dracula-Darsteller George North hat Grund zu feiern: Mit der Rolle gibt er sein Debüt als Schauspieler.„Dracula: A Comedy of Terrors“, English Theatre Frankfurt, bis 6. September