PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1994„Hier ist Onkel Dagobert, es tut mir leid, dass ich Ihre Firma erpressen musste“Von Antonia KleikampStand: 07:30 UhrLesedauer: 5 MinutenDer Kaufhauserpresser „Dagobert“ alias Arno Funke 1999 bei der Vorstellung seiner Autobiografie – zu dieser Zeit saß er offiziell noch seine Haftstrafe abQuelle: picture-alliance/ZB/Peter EndigÜber Jahre erpresste der Lackierer Arno Funke den Karstadt-Konzern, 1994 wurde er gefasst. Die Fahndungskosten lagen bei 30 Millionen Mark. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Um 10.18 Uhr war der Spaß vorbei. Beim Verlassen einer Telefonzelle im Berliner Stadtteil Treptow griff die Polizei am 22. April 1994 zu. Ohne Widerstand ließ sich Arno Funke, ein 44-jähriger Lackierer, festnehmen. Kaum klickten die Handschellen um seine Handgelenke, räumte er ein: „Ja, ich bin Dagobert.“Anlässlich seiner Festnahme brachte WELT nicht nur eine Zeichnung von Dagobert Duck (und Donald sowie einem der Großneffen) im Ressort „Aus aller Welt“ – an sich schon eine ungewöhnliche Illustration für eine Tageszeitung. Selbst das allerdings wenig exakte Phantombild, mit dem nach ihm gefahndet wurde, erschien auf der Titelseite. Eine außerordentliche „Ehre“ für einen Kriminellen. Unter dem Decknamen „Dagobert“ hatte Arno Funke die deutsche Polizei fast zwei Jahre lang zum Narren gehalten. Mit sechs Anschlägen mittels selbst gebastelter Brand- und Sprengbomben hatte er den Kaufhauskonzern Karstadt erpresst; zunächst eine, dann wegen seiner „Aufwendungen“ 1,4 Millionen Mark wollte er so erzwingen. Doch 33-mal scheiterten Geldübergaben trotz seiner teilweise raffiniert ausgedachten technischen Hilfsmittel: Er konstruierte ferngesteuerte Abwurfautomaten für Züge, schickte Funksignale, wenn Geldkoffer auf rollenden Waggons abgeworfen werden sollten, und bastelte ein Mini-Schienenfahrzeug, mit dem das Geldpaket einen Kilometer weiter den verfolgenden Polizisten davonfahren sollte – aber kurz vor dem Ziel entgleiste. Die Ermittler schafften es mehrfach, dem Täter ganz nahe zu kommen. Einmal versuchte ein Beamter sogar, ihn vom Fahrrad zu schubsen, rutschte dann aber auf feuchtem Rasen aus und musste den Erpresser davonrollen lassen. Aus dieser misslungenen Festnahme wurde durch Gerüchte und ihre Verbreitung in verschiedenen Medien die Legende, der Polizist sei auf einem Hundehaufen ausgerutscht. Tatsächlich hatte Ulrich Tille, der Chef der Soko „Dagobert“, bei einer der regelmäßigen Pressekonferenzen zu der Fahndung gesagt, „dass es sich um eine feuchte Rasenfläche handelte, die mit Laub bedeckt war, und dass der Kollege auf diesem laubbedeckten Rasen ausgerutscht ist“. Hinzu kam die Information, dass viele Hundebesitzer auf diesem Areal ihren Hund ausführen: „Daraus ist bei Journalisten diese Story geworden.“Antrieb für die Spekulationen waren offensichtlich Schadenfreude und eine gewisse Sympathie für den Täter. Die Erpressung schien ja „nur“ einen unpersönlichen Konzern zu treffen, nicht die Kunden – was natürlich Unfug war. Allein bei drei Bombenattentaten auf Karstadt-Filialen in Hamburg, Bremen und Hannover entstand ein Sachschaden in Höhe von rund zehn Millionen Mark; weitere Anschläge in Magdeburg, Bielefeld und Berlin kamen hinzu. Insgesamt summierte sich der Schaden auf etwa 20 Millionen Mark, hinzu kamen die Fahndungskosten von geschätzt 30 Millionen, die dem Steuerzahler zur Last fielen. Zeitweise überwachten mehr als 2000 Polizisten Telefonzellen, Bahngleise und Züge gleichzeitig, waren parallel vier, manchmal sechs Hubschrauber in der Luft. Und tatsächlich ging es eben nicht „nur“ um Geld. Zwei Menschen wurden bei Funkes Anschlägen leicht verletzt – es hätten auch weitaus mehr sein können. Viele Mitarbeiter der Kaufhäuser lebten monatelang in Angst, sie könnten selbst betroffen sein.Die Wahrnehmung, Dagobert wolle nur „erschrecken“ oder gar „foppen“, war sicher falsch. Doch der Täter spielte damit bewusst. „Guten Morgen, hier ist Onkel Dagobert“, sagte der Erpresser mit verstellter Stimme bei einem seiner Anrufe bei Karstadt: „Es tut mir leid, dass ich ihre Firma erpressen musste, aber es war nicht anders möglich.“Nach der Festnahme ging die Selbstdarstellung Funkes weiter. Schon aus der Untersuchungshaft heraus veröffentlichte er Karikaturen in der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“, und noch während er die (in zweiter Instanz) verhängte Haftstrafe von neun Jahren absaß, erschien 1998 seine Autobiografie. Für seine Gespräche mit dem Verlag hatte er Freigang bekommen, auch konnte er zur Buchpremiere und zu Lesungen die Haftanstalt verlassen. Von den Einnahmen hatte er zwar nichts, weil er rund vier Millionen Mark Schulden abbezahlen musste, unter anderem an Karstadt und an seine Anwälte – aber Funke sonnte sich in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.Schon im Mai 1988 hatte er das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe um eine halbe Million Mark erpresst. Als das Geld ausgegeben war, versuchte der gebürtige West-Berliner, vom Mutterkonzern Karstadt weiteres Geld zu bekommen. Deshalb arbeiteten die Polizeibehörden von Berlin und Hamburg eng zusammen – normalerweise im Föderalismus eher ein Problem. Lesen Sie auchDas Gericht kam dem Täter ausgesprochen weit entgegen und akzeptierte, dass er wegen der jahrelangen Einwirkung gefährlicher Lösungsmittel unter hirnorganisch bedingten Depressionen gelitten habe und deshalb vermindert schuldfähig sei. Obwohl Wiederholungstäter, kam er im Sommer 2000 nach gut zwei Dritteln der verhängten Strafe vorzeitig frei.Selbst Ermittler wie Martin Textor konnten sich eine gewisse zähneknirschende Faszination nicht verkneifen. „Die Art, wie er vorgegangen ist, war genial“, räumte der langjährige Chef der Berliner Polizeispezialeinheiten mit Blick auf die technischen Fähigkeiten, die Kreativität und die taktische Vorsicht Funkes ein: „Er ist ein Tüftler und handwerklich sehr begabt.“ Das habe allerdings nichts mit Bewunderung zu tun: „Er war ein Verbrecher, dann ein verurteilter Verbrecher – nun ist er ein Vorbestrafter.“Laut Intelligenztests soll der 1950 geborene Funke überdurchschnittlich begabt sein; bei Anwendung eines Verfahrens ohne sprachbasierte Aufgaben erreichte er sogar den theoretisch möglichen Höchstwert. Jedenfalls, was die Vermarktung seiner Verbrechen anging, erwies er sich als ausgesprochen geschickt: Neben seiner Autobiografie gibt es mehrere mehr oder minder realitätsnahe Verfilmungen über 30 Jahre hinweg (die erste 1994, die bisher letzte 2024), 2007 ein eigenes Bühnenprogramm, Auftritte in verschiedenen TV-Shows und Talkrunden. Dazu passt, dass Arno Funke Anfang März 2024 in einem Berliner Kabarett-Theater ein Bühnengespräch mit Gregor Gysi absolvierte, dem überführten Stasi-Informanten, Retter der SED und linken Polit-Entertainer. Mit diesen beiden haben sich zwei gefunden, die zusammenpassen.
1994: „Hier ist Onkel Dagobert, es tut mir leid, dass ich Ihre Firma erpressen musste“ - WELT
Über Jahre erpresste der Lackierer Arno Funke den Karstadt-Konzern, 1994 wurde er gefasst. Die Fahndungskosten lagen bei 30 Millionen Mark. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.







