Der Kunsthistoriker, Literat und Künstler Samuel Herzog hat sich eine eigene Welt geschaffen: Jetzt ist sein Führer zu seiner fiktiven Insel in sieben Bänden erhältlich.16.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenReif für seine eigene Insel: der Künstler und leidenschaftliche Koch Samuel Herzog.Kenneth Nars / CH MediaManche Künstler schaffen sich eine Welt, in der sie sich bewegen können wie in einem Universum. Sie arbeiten beständig an dieser Welt, modifizieren und variieren sie, die Geschlossenheit aber bleibt erhalten. Es ist eine Art Schutzraum, ein umhegter Garten, der gepflegt und vergrössert wird und dessen Früchte durch viele Jahre hindurch geerntet werden können. Es sind essbare Früchte, gewachsen aus der Phantasie und immer für Kochrezepte geeignet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Kunsthistoriker, Literat und Künstler Samuel Herzog hat sich ein eigenes Universum ausgedacht. Es heisst Lemusa und ist eine Insel. Der Name des Eilands ist ein Anagramm aus dem Vornamen von Herzog, er steht also verdeckt für ihn selbst. Alles an Lemusa ist fiktiv, und doch entspringt alles der realen Welt. Unzählige Erlebnisse und Bilder von Reisen, von Landschaften, Menschen, Tieren sind der Fundus, aus dem Lemusa entstanden ist. 2001 hat Herzog das Projekt begonnen und über Jahre fortentwickelt.Pudding aus SchweineblutLemusa hat einen Auftritt im Internet und wird in Ausstellungen, Texten, Bildern und Kochkursen vermittelt. Es gibt sogar einen Vertrieb von Gewürzen der Insel, immer kombiniert mit Kochrezepten der Region, in der die Zutaten angebaut werden. Überhaupt das Kochen: Es ist zentral in Herzogs Projekt, eigentlich mündet jede Erzählung über Lemusa in ein Rezept.Wo es so viele Traditionen und Geschichten gibt, spielt auch die Esskultur selbstverständlich mit. Jede Region der Insel hat Spezialitäten hervorgebracht – meist exotisch, manchmal kurios bis fremdartig: «Diri Xiki» zum Beispiel, ein gewürzreiches Reisgericht, das man gern nachkochen würde. «Zinzolin», ein Pudding aus Schweineblut, ist eher gewöhnungsbedürftig.Das Erfinden von Rezepten ist Herzogs Leidenschaft, und wenn man sich mit Lemusa beschäftigt und in seinen Kosmos eintaucht, gewinnt man den Eindruck, dass die Insel geschaffen wurde, um das Kochen und den Duft von Speisen immer wieder neu zu zelebrieren. Lemusa ist ein sinnliches Projekt, man spürt, wie die Lust an der Erfindung seinen Schöpfer antreibt.Wie viele Möglichkeiten zum Fabulieren sind doch auf einer Insel zu entdecken! Es ist ja nicht nur die Esskultur, sondern die Geografie, die Geschichte, die Sprache, die Menschen, die Tiere, die Kultstätten – all das, was einen Kleinkosmos wie Lemusa ausmacht.Die Insel lässt sich auffächern in eine Fülle von Wissensterritorien, die der Autor als Erster betritt. Eigentlich könnte es immer weitergehen. So gesehen wären die sieben Bände, die Herzog 2025 herausgegeben hat, kein Abschluss des Projekts. Sie behandeln die sieben Regionen von Lemusa und sind als Reiseführer konzipiert. Auf 3200 Seiten wird Lemusa lebendig als reiches, in jeder Hinsicht fruchtbares Eiland der indigenen Kultur und Schönheit.Ein Modell für die WeltEs gibt sie ja auch wirklich, die Insel. Jedenfalls ist ihre Lage im Atlantik exakt beschrieben: 33 Grad Nord und 44 Grad West. Ihre Ausdehnung ist zirka 130 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Sie hat alles, was man sich von einem kleinen Paradies wünscht: Berge, Sandstrände, geheimnisvolle Tempel, Tiere, die es nur dort gibt. Herzog lässt Lemusa in Erzählungen sprechen, die von ihm selbst und von anderen (fiktiven) Autorinnen und Autoren verfasst sind. Reich bebildert mit Fotos und kleinen Malereien machen die sieben Bände Lust, mit Lemusa die Welt zu entdecken.Lemusa sei ein Modell, an dem sich die Welt erzählen lasse, sagt Herzog in einem Interview zu seinem Projekt. Die fiktive Welt steht für die reale Welt, sie ist ein Spiegel derselben und in der Vorstellung betretbar. Für den Schöpfer ist sie aber auch Aneignung, denn was man erfunden hat, das hat man. Es erweitert die eigene Persönlichkeit. Sie hat etwas Luxuriöses, diese Form der Weltaneignung, sie folgt dem Prinzip der Arrondierung. Wie bei Landbesitz werden mehr und mehr Felder eingenommen. Die Bedeutung der eigenen Schöpfung wird auf diese Weise in Territorien messbar.Vielleicht ist das Projekt Lemusa mit dem Reiseführer tatsächlich abgeschlossen. Jedenfalls in dem Sinn, dass das Spiel der eigenen Phantasie handfest greifbar geworden ist. Jeder Leser und jede Leserin kann nun an der Insel etwas für sich selbst entdecken – nicht zuletzt durch das Nachkochen der Rezepte. Wer das Paradies im Atlantik sucht, wird es vor allem in den Düften des Essens entdecken. Sie sind das Medium, durch das man die Fiktion in die Realität holen kann.Lemusa. Eine Insel in sieben Bänden. Von Samuel Herzog. Edition Frida GmbH, Chur 2025, 3200 S. Im Internet kann man eine Karte der Insel herunterladen: www.lemusa.net.Passend zum Artikel
Der Literat und Künstler Samuel Herzog hat sich eine eigene Welt geschaffen
Der Kunsthistoriker, Literat und Künstler Samuel Herzog hat sich eine eigene Welt geschaffen: Jetzt ist sein Führer zu seiner fiktiven Insel in sieben Bänden erhältlich.






