Der stille Stratege: Philippe Stern, Patron der Genfer Uhrenmanufaktur Patek Philippe, ist gestorbenPhilippe Stern führte Patek Philippe durch die Quarzkrise, baute ihre industrielle Basis aus und machte die Geschichte der Genfer Uhrenmanufaktur zum Teil des Geschäftsmodells. Nun ist er mit 88 Jahren gestorben.16.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPhilippe Stern wusste, wie er seine Uhren bei Sammlern begehrt macht.Jonathan Wong / South China Morning Post / GettyEines Abends in den frühen 1980er Jahren bittet Philippe Stern seine Familie beim Essen um Aufmerksamkeit. «Ich muss mit euch reden», sagt er. Er habe einen hohen Kredit aufgenommen, um Aktien zurückzukaufen und die Kontrolle über Patek Philippe zu sichern. Er glaube, es werde klappen. Aber falls nicht, könnte die Familie in Schwierigkeiten geraten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So erzählt es Thierry Stern, der Sohn von Philippe Stern und heutige Verwaltungsratspräsident von Patek Philippe, später in einer Publikation der Genfer Uhrenmanufaktur. Er selber sei etwa zwölf Jahre alt gewesen. Die genauen Umstände habe er nicht gekannt. Aber er erinnere sich genau an das Gesicht des Vaters: «Er war nervös.» Jahre später, wieder am selben Tisch, habe er dann gesagt: Nun sei alles gut. Die Kredite seien zurückbezahlt.Philippe Stern, ehemals Verwaltungsratspräsident und später Ehrenpräsident von Patek Philippe, hat das Genfer Familienunternehmen erfolgreich durch die grösste Krise der Schweizer Uhrenindustrie geführt.Heute ist Patek Philippe eine der begehrtesten Uhrenmarken der Welt. Die Manufaktur, die nach wie vor in Familienhand ist, stellt nur rund 75 000 Uhren im Jahr her. Mit geschätzten 2,5 Milliarden Franken gehört sie dennoch zu den vier grössten Uhrenmarken der Schweiz.Komplizierteste tragbare Uhr der WeltGeboren wurde Philippe Stern 1938 in Genf. Sein Grossvater Charles Stern und dessen Bruder, die Besitzer des Zifferblattherstellers Stern Frères, hatten Patek Philippe 1932 zusammen mit einem Konsortium übernommen. Patek Philippe galt zwar damals schon als einer der angesehensten Uhrenbauer der Welt. Das 1839 gegründete Unternehmen war jedoch schwer angeschlagen.Philippe Stern studierte Wirtschaft und Handel. Von 1963 bis 1966 arbeitete er in New York bei der Henri Stern Watch Agency, dem amerikanischen Vertrieb von Patek Philippe. Danach war er in verschiedenen Bereichen des Unternehmens tätig.In den 1970er Jahren übernahm Stern zunehmend Verantwortung im Familienunternehmen, das damals sein Vater Henri Stern als Verwaltungsratspräsident führte. 1976 lancierte Patek Philippe die Nautilus. Es war keine Gold-, sondern eine Stahluhr – und damit ein Modell, das damals nicht ins klassische Bild der Genfer Luxusmarke passte.Philippe Stern wagte das Experiment, auch wenn die Nachfrage zunächst verhalten war. Heute ist die Nautilus eine der gesuchtesten Uhren der Welt, mit Preisen auf dem Sekundärmarkt, die weit über dem offiziellen Verkaufspreis liegen. Die Nachfrage ist so gross, dass nicht einmal mehr Wartelisten geführt werden.Die vor 50 Jahren vom Designer Gerald Genta für Patek Philippe entworfene Nautilus gehört zu den begehrtesten Uhren der Welt.ImagoEin Jahr nach der Lancierung der Nautilus wurde Philippe Stern Generaldirektor. Die Schweizer Uhrenindustrie befand sich damals in einer Krise. Die mechanische Uhr bekam mit der Quarzuhr eine Konkurrenz, die sowohl genauer als auch günstiger war.Trotzdem hielt Stern an der mechanischen Uhr fest. Patek Philippe setzte nicht auf Masse, sondern auf technisch anspruchsvolle Zusatzfunktionen, sorgfältige Verarbeitung und eine Kundschaft, die bereit war, dafür hohe Preise zu bezahlen. In den 1980er Jahren gab Stern den Anstoss zur Calibre 89, einer Taschenuhr mit 33 Komplikationen. Sie galt während mehr als 25 Jahren als komplizierteste tragbare Uhr der Welt.Stern war einer der Ersten, die auf Sammler setzten. Auch die Bedeutung des Auktionsmarkts verstand er früh. Er erkannte, dass Versteigerungen nicht bloss ein Nebenschauplatz sind, sondern die Wahrnehmung einer Marke verändern können.Im Jahr 1989, zum 150-Jahr-Jubiläum von Patek Philippe, veranstaltete Antiquorum in Genf die Auktion «The Art of Patek Philippe». Rund 300 Uhren der Marke kamen unter den Hammer. Die Auktion trug dazu bei, dass Sammler historische Patek-Philippe-Uhren als eigene Sammelkategorie wahrnahmen. Heute ist allen klar: Je höhere Preise Uhren an Auktionen erzielen, desto mehr steht die Marke für Seltenheit, Beständigkeit und Herkunft. Stern untermalte diesen Ruf mit dem bis heute bekannten Werbespruch: Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein; man bewahrt sie für die nächste Generation.1993 übernahm Philippe Stern das VR-Präsidium von Patek Philippe. In der Luxusindustrie begann damals eine Phase der Konsolidierung. Viele Marken wurden Teil grösserer Gruppen wie Richemont, Swatch Group oder LVMH. Patek Philippe dagegen blieb in Familienbesitz. Stern baute zugleich die industrielle Basis aus. 1996 wurden die Genfer Werkstätten in einer neuen Manufaktur in Plan-les-Ouates zusammengeführt.Zu Philippe Sterns Projekten gehörte auch das Patek-Philippe-Museum in Genf, das 2001 eröffnet wurde. Es zeigt nicht nur Uhren der eigenen Marke, sondern erzählt die Geschichte der Uhrmacherei seit dem 16. Jahrhundert.Stern pflegte jedoch nicht nur das Erbe von Patek. Er trieb auch die technische Erneuerung voran, etwa die Verwendung von neuen Materialien wie Silizium. Und er setzte sich für besonders hohe Qualitätsstandards ein. So führte Patek Philippe 2009 ein eigenes Gütesiegel ein, das die Anforderungen des bis dahin benutzten Genfer Siegels (Poinçon de Genève) noch übertreffen sollte. Im selben Jahr übergab Philippe Stern das Präsidium an seinen Sohn Thierry und wurde Ehrenpräsident.Philippe Stern suchte die Öffentlichkeit nicht. Interviews gab er nur selten. Sein Einfluss zeigt sich eher in der Art, wie über ihn gesprochen wird. Jean-Claude Biver, selbst eine der prägenden Figuren der Schweizer Uhrenindustrie, sagt, Stern sei für ihn immer ein grosses Vorbild gewesen, auch wenn er nie für ihn gearbeitet habe. Er habe die Marke über Jahrzehnte so geführt, dass sie grösser geworden sei, ohne gewöhnlich zu werden. «Für mich war er der Kaiser», sagt Biver. «Könige gibt es viele in der Branche. Kaiser wie ihn nur sehr wenige.»Am 14. Juni ist Philippe Stern im 88. Altersjahr gestorben.Passend zum Artikel
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Philippe Stern führte Patek Philippe durch die Quarzkrise, baute ihre industrielle Basis aus und machte die Geschichte der Genfer Uhrenmanufaktur zum Teil des Geschäftsmodells. Nun ist er mit 88 Jahren gestorben.






