Chip Somodevilla / GettyFans des brutalen Vollkontaktsports sahen einen herausragenden Titelkampf. Doch die fünfstündige Veranstaltung forderte nicht nur unzählige Platzwunden, sie verlangte auch Sitzfleisch. Und für Kritiker des Präsidenten markiert sie eine Rückkehr zur Barbarei.15.06.2026, 18.07 Uhr5 LeseminutenDonald Trump hat Blut an den Händen. Dieser Gedanke drängte sich am Sonntagabend auf. Aber nicht aufgrund des Kriegs in Iran, den Trump nun ad acta legen will. Sondern wegen des Mixed-Martial-Arts-Spektakels (MMA) vor dem Weissen Haus. Denn nachdem sie ihren Gegnern praktisch die Schädel eingeschlagen hatten, liessen es sich die siegreichen Athleten nicht nehmen, mit dem amerikanischen Präsidenten persönlich abzuklatschen. (Hygienetücher waren keine zu sehen.)Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sozusagen vor Trumps Haustür waren fast fünf Stunden lang Faustkämpfe ausgetragen worden. Aus der ersten Reihe, an der Seite seiner Frau, First Lady Melania Trump, verfolgte der Präsident das Spektakel, das er sich zu seinem 80. Geburtstag geschenkt hatte. Der Südrasen war in eine gewaltige Arena verwandelt worden.Für 60 Millionen Dollar hatte Trump, zusammen mit dem Kampfsportverband UFC, ein Amphitheater errichten lassen. Unter einem krallenartigen Vordach, «die Klaue» genannt, sahen 4500 Zuschauer, wie im achteckigen Käfig vor ihnen, gesponsert von Kryptowährungen und amerikanischem Leichtbier, geschlagen und getreten wurde.Bei Staatsbanketten werden im Green Room sonst gerne Cocktails serviert. Nun machte sich der brasilianische Kämpfer Mauricio Ruffy hier für seinen Kampf bereit.Jacquelyn Martin / APZehntausende verfolgten den Kampf vor Grossleinwänden im Ellipse-Park südlich des Weissen Hauses.Allison Robbert / APLeberhaken und KniestösseWeit nach Mitternacht feierten die geladenen Gäste, aber auch Zuschauer, die bis zu anderthalb Millionen Dollar für ein Ticket hingeblättert hatten, dann den Amerikaner Justin Gaethje. Zusammen mit Zehntausenden, die das Geschehen vor Grossleinwänden im angrenzenden Ellipse-Park verfolgten, staunten sie über den Aussenseiter im Titelkampf im Leichtgewicht, dem gegen den gebürtigen Georgier Ilia Topuria ein Coup gelungen war.Über vier Runden malträtierte Gaethje den hoch favorisierten Gegner. Es setzte Leberhaken und Kniestösse, und immer wieder traf Gaethje Topuria mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Der Star taumelte blutüberströmt. Selbst der Ringarzt drängte zum Abbruch.Offenbar konnte Topuria auf einem Auge nicht mehr sehen. Alles komplett zugeschwollen. Nur wollte er sich seine Niederlage nicht eingestehen, er hielt sich tapfer. Erst vor Beginn der fünften Runde warf sein Team – gegen Topurias Willen – das Handtuch.Wer sich für Mixed Martial Arts interessiert, hatte einen herausragenden Kampf gesehen.Auf dem rechten Auge konnte der Star-Kämpfer kaum noch sehen: Justin Gaethje malträtierte Ilia Topuria (links).Amber Searls / Imagn / ReutersJustin Gaethje feierte seinen Sieg mit einem Salto von der Käfigwand.Saul Loeb / APFür die grosse Mehrheit der Amerikaner, nicht zu reden vom Rest der Welt, war es derweil, vorsichtig ausgedrückt, ein gewöhnungsbedürftiges Spektakel. Die fünfstündige Veranstaltung forderte nicht nur unzählige Platzwunden, sie verlangte auch Sitzfleisch. Vor allem aber stiess bei uneingeweihten Beobachtern die Nutzung des Geländes des Weissen Hauses für eine gewalttätige Sportveranstaltung auf einschlägige Ablehnung. In einer Reuters-Umfrage sahen nur gerade 16 Prozent ein, was das sollte.Doch für Trump war klar: Statt für die Feierlichkeit, die auch den Startschuss für das 250. Gründungsjubiläum der Vereinigten Staaten markierte, auf eine etablierte Sportart wie Basketball oder Baseball zurückzugreifen, wollte er sich mit seiner Vorliebe für den brutalen Vollkontaktsport im Alter von 80 Jahren als schlagkräftigen Commander-in-chief präsentieren.Der neue Leichtgewicht-Champion: Aussenseiter Gaethje ist der Coup gelungen.Amber Searls / Imagn / ReutersSo hatte er sich seinen 80. Geburtstag vorgestellt: Noch lange nach Mitternacht liess sich Donald Trump im Käfig feiern.Evan Vucci / APAus dem Oval Office zum KäfigEr denkt sicherlich auch, dass er damit bei seiner Basis punktet. Während die Snobs aus der feinen Gesellschaft – so scheint er zu sagen – das Volk als unzivilisiertes Pack abtun, rückt er ihre Werte und Vorlieben buchstäblich ins Zentrum des politischen Betriebs in Washington. Indem Trump die Spitzenathleten direkt aus dem Oval Office zum Käfig einlaufen liess, fand er dafür ein ebenso surreales, wie in sich stimmiges Bild: An diesem Sonntagabend sollte das Weisse Haus den Kämpfern gehören, die sich für das Land aufopferten.Kämpfen, so hiess es auch in den patriotischen Clips, die in den Werbepausen eingespielt wurden, gehöre seit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 zur DNA der amerikanischen Nation. Der Gedanke ist nicht neu. Schon vor genau hundert Jahren, als Amerika 1926 seinen 150 Geburtstag feierte, sollte ein Box-Kampf die Nation elektrisieren.Vor einer Rekordkulisse in einem neu erbaute Stadion in Pennsylvania liess man einen Veteran der US-Navy auf den damals amtierende Schwergewichts-Weltmeister los. Überraschend setzte sich der Marineinfanterist nach Punkten durch. Auch damals machte sich Kritik breit. «Beschämend und demütigend für das amerikanische Volk», nannte ein Leserbriefschreiber in der «New York Times» den Anlass. «Haben wir tatsächlich den Höhepunkt unserer Zivilisation erreicht und kehren wir etwa zur Barbarei der alten Römerzeit zurück?»Überraschend besiegte der frühere Marineinfanterist Gene Tunney (links) den Schwergewichts-Weltmeister Jack Dempsey nach zehn Runden.Stanley Weston Archive / GettyDasselbe fragten sich nun nicht wenige Beobachter angesichts des Spektakels, das Trump veranstalten liess. Seine Umfragewerte sind im Keller, und um das Volk von seinem erfolglosen, unpopulären Waffengang im Mittleren Osten abzulenken, versuche er sich nun mit Brot und Spielen beliebt zu machen, so lautet der Vorwurf.Roosevelt in der TogaNun mag sich Trump damit trösten, dass auch Franklin D. Roosevelt vom politischen Gegner gerne als autoritärer Herrscher und «Cäsar» beschimpft wurde. Im Gegensatz zum gegenwärtigen Präsidenten nahm es dieser allerdings mit Humor. Zu seinem 52. Geburtstag veranstaltete er 1934 eine Themenparty im Weissen Haus, Dresscode: Toga. Der Präsident und seine Gäste hüllten sich selbstironisch in römische Gewänder.Und früher schon hatten amerikanische Präsidenten einen Sinn für exzessive Feierlichkeiten im Weissen Haus. Allen voran veranstaltete Andrew Jackson, der als erster Populist im Amt galt, Hahnenkämpfe an der Pennsylvania Avenue. Im Bestreben, sich volksnah zu geben, hatte er bereits bei seinem Amtsantritt 1829 die Menschen zu einer Open-House-Party ins Weisse Haus eingeladen.Die Resonanz war überwältigend und endete im Chaos. 20 000 Menschen sollen das Gebäude gestürmt haben. Die Menge betrank sich masslos, zerstörte teures Porzellan und Möbel. Gerüchteweise floh der Präsident durch ein Fenster, während sich das Personal nicht anders zu helfen gewusst habe, als riesige Badewannen voller Whiskey-Punsch auf den Rasen zu stellen, um die randalierende Menge nach draussen zu locken.Bei allem, was man gegen Trumps MMA-Kampf einzuwenden haben mag: Gesponsert vom Leichtbier und musikalisch unerwartet betulich begleitet von der Hauskapelle des Präsidenten, machte dieser Sonntagabend auf dem Rasen des Weissen Hauses einen, vergleichsweise, zivilisierten Eindruck.Der «UFC Freedom 250»-Kampf markierte auch den Startschuss für das 250. Gründungsjubiläum der Vereinigten Staaten.Saul Loeb / ReutersPassend zum Artikel