Vom Sprinter zum Boxer. In diesen Tagen steht die Bekanntmachung einer neuen Partnerschaft in der Zeitenwende an: Mercedes und KNDS organisieren die Transformation eines traditionellen Industriestandorts im brandenburgischen Ludwigsfelde. Die Produktion von Transportern des Modells „Sprinter“ (Mercedes) könnte nach und nach ersetzt werden durch die Fertigung des Radpanzers „Boxer“ (KNDS). So ist der Plan.In den vergangenen Wochen verhandelten die Unternehmen über Details und die Rollenverteilung. Eine Variante: Der Stuttgarter Autohersteller überträgt das Werk an KNDS, so ähnlich wie Alstom vor einem Jahr im sächsischen Görlitz. Oder Mercedes wird Partner in einem Joint-Venture und steigt ein ins Wachstumsgeschäft mit Militärgütern. Mercedes-CEO Ola Källenius hatte sich kürzlich im „Wall Street Journal“ entsprechend geäußert: Der Konzern könne bei der Aufrüstung „eine positive Rolle spielen, wir wären dazu bereit“. Mit KNDS-Deutschlandchef Florian Hohenwarter hätte Källenius einen guten Bekannten an der Seite: Bevor Hohenwarter 2023 zu KNDS wechselte, arbeitete er 25 Jahre für Mercedes, zuletzt als Verantwortlicher für die Pkw-Werke in Europa. Dynamischer Rüstungsmarkt Der Manager weiß also, wie man eine Produktion effizient hochfährt – und das ist die Hauptaufgabe in diesen Zeiten dynamischer Hochrüstung. Mit Unterstützung aus der Autoindustrie modernisiert Hohenwarter die oftmals noch ziemlich handwerkliche Fertigung. Im Münchener KNDS-Werk unterstützt seit kurzem der Autozulieferer Dräxlmaier bei der „zeitnahen Skalierung unserer Produktion“. Zehn Boxer werden dort im Monat produziert. Immerhin – aber nicht mehr als ein Anfang. Die neue Fertigungsstraße sei „Teil eines umfangreichen Maßnahmenpaketes mit dem Ziel, bis 2030 sechsmal so viele Boxer-Systeme als bisher zu fertigen, um unter anderem die geforderten Bedarfe des deutschen Heeres zu erfüllen“, teilte KNDS Ende April mit. Angeblich plant allein die Bundeswehr unter dem Projektnamen „Arminius“ die Beschaffung von 3000 Boxer-Panzern. Die Kriegsfahrzeuge könnten in Ludwigsfelde von der erfahrenen Mannschaft eines Fahrzeugwerks gebaut werden. Mercedes-Benz kam nach der deutschen Einheit 1991 zurück nach Ludwigsfelde, wo Daimler-Benz erstmals 1936 Motoren montiert hatte. Gegenwärtig laufen offene Sprinter-Transporter vom Band, also Pritschenfahrzeuge oder Vans mit Plane. Die geschlossenen Sprinter baut der Konzern in Düsseldorf.„Das Werk wird zurzeit umfassend transformiert“, heißt es bei Mercedes über Ludwigsfelde mit derzeit 1600 Beschäftigten. Dazu gehört die Verlagerung der Sprinter bis 2029 nach Polen, wo Mercedes seit 2017 ein Werk betreibt. Ludwigsfelde werde eine „Anlauffabrik für die künftige Van-Architektur“ und Montagestandort des Campingfahrzeugs „Marco Polo“. Dazu reichen ein paar hundert Arbeitskräfte aus. Ein Investment von KNDS inklusive Übernahme eines Großteils der Mercedes-Mitarbeitenden in Ludwigsfelde käme also wie gerufen. Eröffnung der neuen Produktionsstraße für den Radpanzer Ende April in München. © dpa/Sven Hoppe KNDS entstand vor zehn Jahren durch die Fusion des Münchner Familienunternehmens Krauss-Maffei Wegmann mit dem französischen Staatsbetrieb Nexter und gilt als Europas führender Hersteller von Rüstungsfahrzeugen. Dazu gehören der Kampfpanzer Leopard 2, der Schützenpanzer Puma sowie der Transportpanzer Boxer. Mehr als 2000 Boxer gehören nach Angaben von KNDS bereits zur Ausstattung der Streitkräfte von Deutschland und der Niederlande, in Litauen, Großbritannien und Nordirland, Katar, Australien und der Ukraine. Und da der Boxer „weltweit eines der bestgeschützten 8x8-Radfahrzeuge“ (KNDS) ist, steigt die Nachfrage enorm. „Wir suchen nach zusätzlichen Kapazitäten“, sagte der KNDS-Vorstandsvorsitzende Jean-Paul Alary kürzlich in der „FAZ“. Zum Beispiel Görlitz. Auf einem Gelände des Zugherstellers Alstom baut KNDS künftig Module für verschiedene Panzer. Dazu übernimmt das Rüstungsunternehmen rund 400 der 700 Beschäftigten des französischen Konzerns, der 2025 heilfroh war, einen Investor für den Standort in Ostsachsen gefunden zu haben, wo seit dem 19. Jahrhundert Schienenfahrzeuge gebaut wurden. Das ist vorbei, die Rohbaufertigung findet nun in Polen statt. Görlitz bleibt die Panzerfertigung. 33 Milliarden Euro stehen in den Auftragsbüchern von KNDSDie Zeitenwende spiegelt sich in den Geschäftszahlen von KNDS: Rund 11.000 Beschäftigte erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro (plus 16 Prozent). Aussagekräftiger sind die Auftragszahlen: Ende 2025 standen Bestellungen über 33 Milliarden Euro in den Büchern, das waren 13,5 Milliarden Euro mehr als im Jahr zuvor. Das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen betrug 2025 rund 660 Millionen Euro. Die operative KNDS-Marge stieg um 1,8 Punkte auf 15 Prozent und ist nicht mehr weit entfernt von den 18,5 Prozent, die Rheinmetall 2025 erreicht hat. Alles in allem sind das gute Voraussetzungen für den geplanten Börsengang von KNDS: 20 Prozent sollen auf dem Kapitalmarkt veräußert werden; jeweils 40 Prozent bleiben vorerst in den Händen des französischen und des deutschen Staates.Der Kunde spielt eine Hauptrolle im Rüstungsgeschäft. Für riesige Summen kauft der Staat ein, und Staatsvertreter versprechen sich davon mehr als „nur“ moderne Waffensysteme. Ende April würdigte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Münchener KNDS-Werk die Bedeutung der Militärindustrie für den Arbeitsmarkt. Und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke betonte dieser Tagen, dass Rüstungsfirmen in der Mark hochwillkommen seien.Vor einem halben Jahr hätte der SPD-Politiker diese Botschaft noch nicht in Richtung KNDS senden können – der damalige Koalitionspartner BSW wäre auf die Barrikaden gegangen. Woidkes neuer Partner CDU dagegen sieht entspannt auf die Rüstung. Hauptsache Arbeitsplätze. Ludwigsfelde, 30 Kilometer vom Berliner Alexanderplatz entfernt und 25 Kilometer vom Flughafen BER, liegt direkt an der Autobahn. Die Kleinstadt hat sich nach der Wende mit Gewerbe- und Industrieparks profiliert und lockt mit qualifizierten Arbeitskräften auf erschlossenem Industrieareal. Außer auf Ludwigsfelde hatte KNDS auch einen Blick geworfen auf das VW-Werk in Osnabrück. Doch der Standort kommt nicht mehr in Frage: In der niedersächsischen Fabrik, wo 2027 die Pkw-Fertigung ausläuft, plant Volkswagen die Herstellung von Komponenten für ein Flugabwehrsystem („Iron Dome“) mit dem israelischen Unternehmen Rafael. „Iron Dome“ aus Osnabrück In Konzernkreisen heißt es, „das Projekt könnte so groß sein, dass es die gesamte Belegschaft aufnimmt“. Knapp 2000 Beschäftigte produzieren derzeit in Osnabrück das T-Roc-Cabriolet. Noch vor den Sommerferien würden Details des Rüstungsgeschäfts geklärt, zeigt man sich in Wolfsburg optimistisch. Auch in Ludwigsfelde steht eine Mitteilung an. Vom Projekt „Boxer plus“ ist in der Industrie die Rede. Neben dem Radpanzer könnte also noch etwas anderes geplant sein auf dem Standort südlich von Berlin.Doch ob das KNDS-Mercedes-Projekt tatsächlich in dieser Woche vorgestellt wird, wie Branchenkreise meinen, ist keinesfalls ausgemacht, das zeigen die Erfahrungen in Sachsen. Im Juli 2024 hieß es, das unmittelbar nach der Sommerpause der KNDS-Deal mit Alstom gefeiert werde. Es wurde dann Februar 2025, bis Bundeskanzler und Ministerpräsident dieses Projekt der Zeitenwende in Görlitz präsentieren konnten. Der Rüstungsmarkt ist zwar extrem dynamisch, doch neue Vorhaben brauchen Zeit, damit das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik funktiort. Es geht schließlich um Milliardensummen.
Panzer statt Transporter: Zeitenwende im Brandenburger Mercedes-Werk
Vom Sprinter zum Boxer: Mercedes will die Transporterfertigung in Ludwigsfelde aufgeben und verhandelt mit dem Panzerhersteller KNDS über die Transformation des Werks.













