Es kommt selten bis gar nicht vor, dass Lewis Hamilton sich um den eigenen öffentlichen Auftritt sorgen muss. Er ist der extrovertierteste aller Piloten in der Formel 1. Spielt mit Worten und mit Gesten, jedes modische Accessoire ein Statement, über die vergangenen anderthalb Jahre hinweg manchmal auch ein Schutzpanzer für eine verletzte Rennfahrerseele. Doch jetzt, nach dem ersten Sieg im Ferrari-Rennanzug beim Großen Preis von Barcelona-Catalunya, wirkt er beinahe verunsichert, überwältigt von den Emotionen.Was da auf der Strecke passiert ist, war mehr als nur sein 106. Einzelerfolg, vielleicht ein Moment, der die Bezeichnung historisch verdient. Mit dem Handtuch, dass er auf dem Siegerpodest benutzt, wischt er sich nicht nur den Schweiß aus den Augen. Auskunft zu geben über seinen Gefühlszustand, das dauert weit länger als seine Reaktionsfähigkeit im siebten WM-Lauf des Jahres, als er in den richtigen Momenten an der richtigen Stelle war.„Ich habe mir bei jeder Antwort vorgestellt, wie ich in ein paar Tagen zurückblicke und mir wünschen würde, gleich die richtigen Worte gefunden zu haben. Aber wie soll man denn die richtigen Worte für ein Gefühl finden, dass deine wildesten Träume übersteigt?“, fragt er entwaffnend zurück. Alles auf Rot.„Das ist erst der erste Schritt“Ferrari-Mechaniker die italienische Nationalhymne mitsingen zu hören, das hat auch einen Michael Schumacher immer berührt. An den Kerpener, der wie er auf sieben Titel kommt, ihm aber noch eine große Ära bei der Scuderia voraushat, denkt Hamilton nach seinem Durchbruch in Barcelona. Auch an Sebastian Vettel, der Mitte des vergangenen Jahrzehnts in Maranello ein neues Glück suchte: „Ich habe mir immer vorgestellt, wie es sein muss, für Ferrari zu gewinnen.“Jetzt weiß er es. Und der 41-jährige Engländer ahnt noch etwas anderes: „Das ist erst der erste Schritt.“ Die Umstände des Sieges, zu denen er mit seinem Wunsch nach einer risikoreichen Drei-Stopp-Strategie beigetragen hat, die Ebenbürtigkeit mit den bisher so makellos erfolgreichen Silberpfeilen, sie stimulieren seine Instinkte. Die erste Formel-1-Saison mit dem neuen Hybridmotoren-Reglement läuft auf ein Duell Rot gegen Silber hinaus, es scheint dabei zu einem ungeheuer spannenden Ausscheidungsfahren zwischen zwei Rennfahrergenerationen zu kommen.WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli, der gegen Rennende seinem Mercedes-Teamkollegen George Russell den zweiten Platz abgerungen hatte, ehe kurz darauf die Elektronik in seinem Auto schlappmachte, hat 25 Punkte auf den Verfolger Hamilton verloren. Noch führt der Italiener die Fahrerwertung mit 41 Punkten Vorsprung an nach sieben von wenigstens 22 Grand Prix. Aber Ferraris verbesserte Aerodynamik, die angekündigten nächsten Schritte bei der Motorenentwicklung und das Momentum Hamiltons richten die Kräfteverhältnisse neu aus.Diesmal hat der britische Chefpilot keine Schwierigkeiten, seine Erwartungen zu formulieren – eine verklausulierte Kampfansage: „Es ist ein langer, langer Weg. Sie gehen immer noch ein großartiges Tempo. Aber wir arbeiten weiter daran, diese Lücke zu schließen. Diese Punkte nehme ich mit. Es ist noch nicht vorbei, das ist sicher.“ Soll heißen: Der Titelkampf geht erst richtig los.Mercedes-Teamchef Toto Wolff kennt die Gefahr, die von einem motivierten Hamilton ausgeht, besser als jeder andere. So lange sind ihre gemeinsamen grandios erfolgreichen Zeiten nicht her. Zur Wahrheit über den Rennverlauf, der in italienischen wie britischen Medien als „roter Hammer“ gefeiert wird, gehört auch der ehrenhafte Ansatz des deutschen Werksteams, seine beiden Piloten frei fahren zu lassen. Abgesehen von den spannendsten Manövern des ganzen Rennens sorgte das auch dafür, dass Antonelli und Russell die entscheidenden Sekunden im Kampf gegeneinander verloren und so unfreiwillig Ferraris Bemühen, die nötige Zeit für den zusätzlichen Reifenwechsel hereinzuholen, beförderten.Mercedes verhilft Ferrari zum SiegIm letzten Renndrittel war der WM-Spitzenreiter deutlich schneller als der vor ihm fahrende Russell, aber am Kommandostand entschloss sich niemand, Antonelli vorbeizuwinken. Ehrbar, aber falsch. „Wir haben aufs Teamplay gesetzt, und das hat uns vielleicht den Sieg gekostet“, bilanziert Wolff und verspricht, sich das noch einmal genau anzuschauen. Die Zeichen stehen auf Stallorder: „Wir haben sie fahren lassen, das ist gut und sportlich. Aber wenn ein neuer Gegner kommt, muss man vielleicht manchmal auch den Schnelleren ziehen lassen.“Das deutet auf Antonelli hin, der bislang eindeutig der schnellere und konstantere Fahrer als George Russell ist und auch die stärkeren Nerven zu besitzen scheint. Ein Sieg in der Niederlage für den 19-jährigen Italiener. Ähnlich klare Verhältnisse gibt es nach Hamiltons Aufschwung mit drei Podiumsplatzierungen in Serie auch bei Ferrari. Charles Leclerc, wieder fehlerbehaftet und wiederholt ein Opfer der Technik, steckt in einer Sinnkrise. Pech für den Monegassen, dass das genau in der Phase passiert, in der sich die Dynamik bei der Scuderia entscheidend verändert.Je mehr Sicherheit sein interner Gegenspieler mit der neuen Fahrzeuggeneration gewinnt, desto größer wird auch sein Rückhalt im Team. Für seine freundlich verpackte Gnadenlosigkeit gegenüber Kollegen ist der Brite ohnehin gefürchtet. Die Startnummer 44 will endlich wieder die Eins sein.Mit Nachdruck hatte der siebenmalige Weltmeister nach seiner schwachen ersten Saison bei Ferrari eine ganze Menge Änderungen gefordert, bei der Technik wie bei der Herangehensweise. Ein umfassendes Mitspracherecht wird in Maranello traditionell nur wenigen Fahrern zuteil. Das Placet von Firmenchef John Elkann, der den spektakulären Transfer Anfang 2024 eingeleitet hatte, dürfte nicht von Nachteil gewesen sein. Auch Teamchef Frédéric Vasseur, der den Fahrer schon aus den Nachwuchsformeln kennt, sagte im ureigenen Interesse alle Unterstützung zu.Auf Anhieb gegenseitiges Verständnis: Carlos Santi (links) betreut Hamilton seit dieser Saison als Renningenieur.EPADie entscheidende Personalie war wohl der Wechsel des Renningenieurs unmittelbar vor dem Saisonstart hin zu Carlo Santi. Ein stiller und effektiver Techniker, der früher mit Kimi Räikkönen zusammengearbeitet hat. „Ich wusste nichts von ihm, aber schon bei unserem ersten Treffen habe ich gespürt, dass wir uns verstehen“, sagt Hamilton mit Blick auf die erste Begegnung mit der immens wichtigen Vertrauensperson. Am Sonntag durfte Santi auf dem Podium die Trophäe für das Team entgegennehmen. „Langsam sehen wir, wie die Dinge zusammenkommen. Ich bin gerade sehr glücklich mit meinem Leben, weil ich mich am richtigen Platz fühle“, sagt Lewis Hamilton. Worte vor den nächsten Taten.
Formel 1: Hamilton forciert Stallorder bei Mercedes
Nach seinem ersten Sieg in einem Ferrari bläst Hamilton zur Attacke und setzt Mercedes unter Druck. Die Zeichen stehen auf Stallorder.















