Der Weg in die Küche wird zur Wanderung, das Ausräumen der Geschirrspülmaschine zum Kraftakt. „Ich bin genesen, aber nie mehr gesund geworden“, schreibt Ivna Žic: „Ich nehme nicht mehr teil. Ich verschwinde in meiner Wohnung, im Schmerz.“Sie gibt dem Ausdruck, was Kranke spüren, die bis heute an den Folgen ihrer Corona-Erkrankung leiden. Denen, wie sie es ausdrückt, von den 24 Stunden des Tages oft nur vier, drei oder zwei wirklich zur Verfügung stehen, während alle anderen erschöpft durchlebt werden müssen, der Kraftlosigkeit zum Trotz.„Ich denke immer noch in Kategorien von Bewegung, von Veränderung, von Fortschritt, während der Körper von der Flut in die Ebbe wandelt, immer weiter zurück“, heißt es im Essay „Die Unversehrten“, für den die Schweizer Schriftstellerin nun in Frankfurt mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.Gefeiert wird trotzdemMehr als 400 Millionen Menschen litten in aller Welt an den Nachwirkungen des Virus, schreibt Žic. Den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 verbrachte sie bei ihren Eltern in Kroatien, wo sie 1986 zur Welt kam. Krank wurde sie erst zwei Jahre später, seitdem lebt sie mit den Folgen, die ihr Leben und ihre Arbeit gründlich durcheinandergebracht haben.Žic, die Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, Regie in Hamburg und Szenisches Schreiben in Graz studierte, schrieb vor ihrer Erkrankung für das Theater und inszenierte im gesamten deutschen Sprachraum. Seit alles anders geworden ist, muss sie mit ihren Kräften haushalten und oft sogar während des Schreibens Pausen einlegen.Gefeiert wird trotzdem. Nach vielen Jahren in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt findet die Überreichung der Auszeichnung, die von der Crespo Foundation 2018 gestiftet wurde und mit 35.000 Euro dotiert ist, erstmals im Crespo-Haus an der Weißfrauenstraße statt. Es gibt Musik der Schweizer Pianistin Simone Keller, eine lyrische Replik auf den Text der Preisträgerin durch ihren Partner, den 1971 in Bagdad geborenen Schweizer Autor Usama Al Shahmani, und eine Laudatio von Kathrin Röggla, Wortmeldungen-Preisträgerin im Pandemiejahr 2020, die derzeit der siebenköpfigen Jury angehört. „Dank Ivna Žic wissen wir, wie man am 21. Jahrhundert erkranken kann“, sagt sie.Krankheit zum Emblem einer erschöpften GegenwartWährend Žic ihren Essay verfasste, kam die Erinnerung an ihren Schüleraustausch in den Vereinigten Staaten zurück, der sie im Jahr 2002 nach Rockton im Bundesstaat Illinois führte. 2019 fuhr sie während der ersten Präsidentschaft Donald Trumps zurück in das nordwestlich von Chicago gelegene 7000-Einwohner-Nest. „Es ist zum Spiegelkabinett geworden“, sagt die Autorin.Die Beweglichkeit der Schülerin steht in „Die Unversehrten“ der Gegenwart der erwachsenen Schriftstellerin gegenüber, die an ihre nähere Umgebung gefesselt ist. Und während die Welt an Long Covid herumlaboriert, leidet sie auch an Trump. Die Krankheit wird Žic zum Emblem einer erschöpften und überforderten Gegenwart. „Wir wählen die Zeit nicht aus, in der wir leben.“Einen Preis mit einem Text über eine Krankheit zu gewinnen, sei zweischneidig, sagt sie zum Schluss: „Hat die Krankheit nun gewonnen oder verloren? Wird sie berührt vom Text oder ist er berührt von ihr?“ Der Preis sei angesichts solcher unentscheidbarer Fragen ein großer Trost. „Kein Trostpreis.“ Wie ihre Tätigkeit: „Schreiben ist zum Glück das Gegenteil von Isolation.“
Wortmeldungen-Preis: Was Trump mit Long Covid zu tun hat
Seit sie an den Spätfolgen ihrer Corona-Erkrankung leidet, lebt und schreibt Ivna Žic anders als zuvor. Dafür gab es nun den Wortmeldungen-Literaturpreis.








