Die Niederlande gehören zu den beständigen Spitzennationen des Weltfußballs, die bislang nie Weltmeister wurden. Dennoch haben sie bei ihrem neuerlichen Anlauf bei dieser WM einen fachkundigen Fürsprecher: den deutschen Ökonomen Joachim Klement, der die späteren Titelträger der vergangenen drei Weltmeisterschaften jeweils korrekt vorhersagte. Deutschland 2014, Frankreich 2018, Argentinien 2022 – und für 2026 setzt Klement auf die Niederlande.Grundlage seiner Prognose ist ein von ihm entwickeltes Simulationsmodell, das sportliche wie sozialökonomische Faktoren einbezieht, darunter Bevölkerungsgröße, Klima und Wohlstand eines Landes. Hinzu kommt ein spezielles Zufallselement, das angesichts von Tagesform und Verletzungen im Fußball unverzichtbar erscheint. Von seinem Tipp wirkt Klement allerdings selbst nicht restlos überzeugt. Er räumte ein, bewusst eine unrealistische Variante gewählt zu haben, damit er endlich einmal falschliege.Das WM-Auftaktspiel der Niederländer gegen Japan lieferte zunächst Argumente für beide Lesarten: dafür, dass die Mannschaft von Trainer Ronald Koeman das Potenzial besitzt, im Turnier weit zu kommen – aber auch dafür, dass es wohl gewagt ist, in ihr bereits den künftigen Weltmeister zu sehen. Bei seinem ambivalenten 2:2 in Dallas verspielte der Favorit in der zweiten Halbzeit zwei Mal eine Führung. Vor allem der zweite Gegentreffer nach einem Eckball in der 89. Minute trübte die Stimmung. Er entstand aus einer kuriosen Kopfball-Pingpong-Situation: Japans Koki Ogawa köpfelte den Ball an den Kopf seines Mitspielers Daichi Kamada, von wo er ins Tor abgefälscht wurde. Zuvor hatte Hollands Kapitän Virgil van Dijk die Hereingabe deutlich unterlaufen.Für Japan besaß die Entstehung des späten Ausgleichs eine hohe psychologische Bedeutung, nicht nur wegen des Punktgewinns. Vier Mal scheiterten die Samurai Blue bei Fußball-Weltmeisterschaften bereits an der bis heute nicht überwundenen Achtelfinalhürde, zuletzt 2018 und 2022. Bei beiden Turnieren hatte sich die Anfälligkeit bei hohen Flanken als Problem erwiesen. Auch jetzt, in Dallas, konnte Japan zunächst ein Kopfballtor der Niederländer nicht verhindern. Nach einer Flanke aus dem Halbfeld setzte van Dijk den Ball zum 1:0 (50.) ins Netz – es war der erste WM-Treffer des 34-jährigen Abwehrveteranen.Sein Dauerbewacher bei Standardsituationen, der elf Zentimeter kleinere Verteidiger Tsuyoshi Watanabe, hatte im entscheidenden Moment die Orientierung verloren. Um van Dijks Kopfballstärke besser einzudämmen, erhielt Watanabe sogar Unterstützung von einem zweiten Kollegen. Nur ein japanischer Feldspieler misst tatsächlich mehr als 1,88 Meter – der am Sonntag nicht eingesetzte Keisuke Osako.Unterschätzt? Nicht von den eigenen Leuten! Torschütze Ogawa (oben) wird nach dem Ausgleichstreffer von den Kollegen bejubelt. Kyodo/dpaAnstelle physischer Robustheit verfügt das fein austarierte Team von Nationalcoach Hajime Moriyasu über große Moral. Den ersten Beweis dafür lieferte Keito Nakamura mit dem 1:1 (57.), bevor Crysencio Summerville nur sieben Minuten später den vorherigen Vorsprung für die Niederlande wiederherstellte. Beide Tore wurden über die Flügel vorbereitet und mit gekonnten Abschlüssen vollendet. Japans Schlussoffensive wurde vom immer lauter ertönenden Gesang der eigenen Anhänger getragen: „Vamos Nippon!“, brüllten sie in einer Mischung aus Spanisch und Japanisch.Dem Spiel fehlte trotz der individuellen Qualität in beiden Mannschaften allerdings die höchste Spitzenklasse – auch deshalb, weil die Teams ihr jeweiliges Leistungsvermögen nie gleichzeitig erreichten. Die Niederländer kontrollierten weitgehend die Partie mit mehr Ballbesitz und gefährlicheren Toraktionen, schickten den Gegner bisweilen „Links Rechts“, wie es die Fans auf den Rängen vormachten, die zum gleichlautenden niederländischen Partyklassiker hin und her schunkelten. Dennoch verebbte die Dominanz des Teams von Trainer Koeman nach den Führungen. Die Ursachen lagen im Druck des Gegners und in der eigenen Nachlässigkeit.Trainer Koeman lobt die Japaner beinahe überschwänglichZwar lobte Koeman die Japaner beinahe so überschwänglich, als wäre er ihr Coach, und wiederholte – nach eigener Zählung zum „hunderttausendsten Mal“ – , wie sehr dieses Team unterschätzt werde. Gleichzeitig gestand er, die eigene Vorstellung habe lediglich dem „Minimumstandard“ entsprochen. Seine Elf müsse nun in das Turnier hineinwachsen. Im Fall der Niederländer ist das mehr als eine Floskel, denn Koeman muss mit prominenten Ausfällen klarkommen, dazu zählen die früheren Bundesligaprofis Xavi Simons und Matthijs de Ligt. Weitere Schlüsselspieler befinden sich auf der Suche nach Fitness und Form. Der Spielplan verschafft den Niederlanden jetzt knapp eine Woche Zeit, ehe es am Samstag gegen Schweden geht, das im Parallelspiel Außenseiter Tunesien 5:1 schlug.Als Ziel für das Turnier formulierte van Dijk dennoch selbstbewusst: „Wir haben große Träume.“ Eine andere Haltung würde das anspruchsvolle Heimatland wohl kaum akzeptieren. Der Optimismus speist sich aus einer normalerweise stabilen Defensive sowie einem hochveranlagten Mittelfeld. Neben Taktgeber Frenkie de Jong (FC Barcelona) agierten gegen Japan Ryan Gravenberch (Liverpool) und Tijjani Reijnders (Manchester City) auf den Halbpositionen im Zentrum. Ihre Stärken kommen am besten bei eigenem Ballbesitz zur Geltung. Umso erstaunlicher war es, dass Koeman im Verlauf der Partie zunächst Reijnders, später Gravenberch durch zusätzliche Abwehrspieler ersetzte. Am Ende standen insgesamt sechs Verteidiger auf dem Platz.„Ich bereue meine Entscheidungen nicht“, erklärte Koeman. Für den 63 Jahre alten früheren Nationalspieler, der mit den Niederlanden 1988 Europameister geworden war und bei der WM 1994 in den USA am späteren Weltmeister Brasilien scheiterte, ist es seine erste WM als Trainer in der zweiten Amtszeit. Während seines ersten Engagements von 2018 bis 2020 fand kein großes Turnier statt. Die WM 2018 hatten die Niederlande verpasst, vor der EM 2021 trat Koeman zurück, um den FC Barcelona zu übernehmen. Seit seiner Rückkehr vor dreieinhalb Jahren hat er sein Land bei der vergangenen EM ins Halbfinale geführt. Sollte es nun tatsächlich zum Titel reichen, würde sich die Prognose des wissenschaftlichen Orakels Klement erfüllen. Ihm wurde für den Erfolgsfall ein Treffen mit Koeman in Aussicht gestellt.
2:2 zwischen Niederlande und Japan: Die Elftal beginnt am Minimum
Die Niederlande, ein heimlicher Titelkandidat? Beim 2:2 gegen Japan zeigt sich, dass Ronald Koemans Elf prominente Ausfälle verkraften kann – doch es gibt auch Problemstellen.













