PfadnavigationHomeGeschichtePinatubo-AusbruchDieser Vulkan schlug die US Army in die FluchtVon Antonia KleikampStand: 09:16 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Rauchwolke über dem Vulkan Pinatubo am 9. Juni 1991, aufgenommen von der Clark Air Force Base. Am folgenden Tag wurde der Stützpunkt evakuiertQuelle: picture-alliance/dpaMehr als 600 Jahre schien der Pinatubo auf den Philippinen erloschen. Dann spie der Berg 1991 wieder Feuer. Einer der größten US-Stützpunkte wurde weitgehend zerstört. Die Besatzung war gerade noch vorher evakuiert worden.Lange Schlangen von Autos, bepackt mit den wichtigsten Habseligkeiten, krochen aus dem Krisengebiet. Weg, nur weg von dem Feuer speienden Berg! Am 10. Juni 1991 erlitt die stärkste Armee aller Zeiten eine herbe Niederlage und musste ihr Heil in der Flucht suchen. 13.500 Soldaten und Tausende Familienangehörige machten sich auf den Weg, denn dieser Gegner war unbesiegbar – es handelte sich um die Natur. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem überzeugenden Sieg gegen Saddam Husseins Irak Anfang 1991 konnte die US Army vor Selbstbewusstsein eigentlich kaum gehen. Und dann das: Allem Hightech zum Trotz mussten die Amerikaner einen ihrer größten Stützpunkte weltweit aufgeben, aus nackter Angst. Denn die Clark Air Base (AB) auf Luzon, der Hauptinsel der Philippinen, lag nur 16 Kilometer vom Pinatubo entfernt. Und nach 611 Jahren Untätigkeit hatte der Vulkan wieder zu brodeln begonnen.Vor den Toren der Air Base standen an diesem 10. Juni einheimische Schaulustige, die den Abzug der Amerikaner nicht verpassen wollten. Seit mehr als fünf Jahren, seit dem Sturz des Diktators Ferdinand Marcos im Februar 1986, versuchte die Regierung seiner demokratisch legitimierten Nachfolgerin Corazon Aquino, die USA zur Aufgabe ihrer Stützpunkte zu bewegen, die noch aus der Zeit der Philippinen als US-Kolonie stammten. Was Politik und Diplomatie nicht erreicht hatten, schaffte nun der Vulkan: Die Besatzung der Clark AB wurde zum US-Marinestützpunkt Subic Bay zurückgezogen – rund 83 Kilometer am Hang des Berges entlang. Und da es hier nicht annähernd genügend Unterkünfte gab, wurden so viele Amerikaner wie möglich ausgeflogen. Die Flucht erfolgte gerade noch rechtzeitig. Denn am 12. Juni 1991 detonierte der Pinatubo in mehreren heftigen Schüben und setzte dabei insgesamt die Energie einer (kleineren) Atombombe frei. Die Einwohner der nahegelegenen Städte San Marcelino und Botolan waren wie gelähmt vor Angst; überall konnte man das schauerliche Jaulen in Panik geratener Hunde hören.Lesen Sie auchDann rafften die Menschen das Nötigste zusammen und machten sich durch beißenden, schwefelig riechenden Rauch mit zweirädrigen Büffelkarren, zu Fuß oder mittels Fahrrädern auf, aus dem Schatten des unheilvollen Vulkans. „Lieber Gott, rette uns vor dem Pinatubo“, beteten sie.Die sechs einzelnen Eruptionen waren in der 110 Kilometer entfernten Hauptstadt Manila mühelos zu hören. Ein riesiger Rauchpilz stieg bis zu 20 Kilometer hoch in die Atmosphäre und verdunkelte den Himmel. Ein TV-Reporter namens Gus Abelgas stammelte in sein Mikrofon: „Es sieht so aus wie damals in Hiroshima.“ Der 1745 Meter hohe Pinatubo hatte seit knapp zehn Monaten gebrodelt. Am 16. Juli 1990 war es tief unter Luzon zu einem Erdbeben der Stärke 7,8 gekommen; das Epizentrum lag rund hundert Kilometer nordöstlich des Vulkans. Möglicherweise destabilisierte das die Schichtung der verschiedenen Magmaschichten in dem seit mehr als 600 Jahren inaktiven Berg. Jedenfalls trat ab Anfang August 1990 immer wieder und immer mehr Dampf aus dem Gipfel aus. Vulkanologen gaben jedoch zunächst Entwarnung: Zu erwarten seien kleinere Erdrutsche, keine größeren Eruptionen. Ein Irrtum, wie sich am 12. Juni zeigte. Doch es ging noch mehr: Am 15. Juni stieg besonders stark mit Gasen angereichertes Magma durch den Pinatubo an die Oberfläche. Der Druck unter dem erstarrten Vulkangestein früherer, lange zurückliegender Ausbrüche stieg extrem an – und der gesamte Gipfel explodierte in einer katastrophalen Eruption. Nach Schätzungen flogen zwischen zehn und 13 Kubikkilometer Gestein und Magma buchstäblich in die Luft – zum Vergleich: Bei der Eruption des Mount St. Helens in den USA 1980 war es gut ein Kubikkilometer. Lesen Sie auchDie Aschewolke der Eruption auf den Philippinen stieg sogar bis zu 35 Kilometer hoch auf; der Himmel über Manila verdunkelte sich. Mehrfach umkreiste die Aschewolke, getrieben von Höhenwinden, die Erde. Heißes Magma rauschte vor allem über den West- und den Südwesthang des Berges hinab ins Meer. Von Wasser über Jahrhunderte in das Gestein gefressene Täler wurden mit einer bis zu 200 Meter mächtigen Schicht verfüllt. Der Ausbruch trieb so viel Magma aus dem Vulkan, dass die Wände des bisherigen Gipfels wegbrachen und der bis zu zweieinhalb Kilometer breite Pinatubo-See entstand; der höchste Punkt war nun nur noch 1486 Meter hoch, 259 Meter weniger als vor der Eruption. Nach diesem Höhepunkt am 15. Juni 1991 blieb der Vulkan auf deutlich niedrigerem Niveau noch etwa zehn Wochen aktiv, bevor das seit dem 14. Jahrhundert aufgestaute Magma aufgebraucht war.Die Folgen waren apokalyptisch: In einem Umkreis von 30 Kilometern um den Gipfel bedeckte jetzt eine Schicht aus Asche und Bimsstein die Erde. „Der Regen hat die vulkanische Kruste auf den Böden immer mehr verfestigt“, berichtete Tiziano Terzani, italienischer Journalist, Schriftsteller und Ostasienkorrespondent des Magazins „Der Spiegel“ aus Hamburg: „Die Reisfelder sehen aus wie Parkplätze, regelrecht zementiert. Bäume wirken wie versteinert unter der Last des Sandes.“Erdrutsche und Schlammlawinen hatten die Flüsse angestaut, fast alle Brücken waren weggespült. 660.000 Menschen waren seit der Explosion des Pinatubo obdachlos. Die Zahl der Opfer wird mit 300 angegeben, doch Tausende Eingeborene aus den Wäldern rund um den Berg blieben vermisst.„Die Landschaft sieht aus wie Death Valley“, sagte ein Sergeant am Haupttor der Clark AB, der hier mit einigen wenigen anderen Kameraden ausgeharrt hatte. Bei der Haupteruption am 15. Juni fielen sogar die Messgeräte auf der Basis aus, so heftig und nahe waren die Erschütterungen. Flugzeughangars, Mannschaftsunterkünfte und Verwaltungsgebäude wurden verwüstet; hochsensible Technik war irreparabel beschädigt. Experten des Pentagon schätzten die Instandsetzungskosten auf 800 Millionen Dollar.Daraufhin traf US-Präsident George Bush eine pragmatische Entscheidung: Er schlug dem Kongress vor, weltweit 25 US-Militärbasen zu schließen, um den Verteidigungshaushalt zu entlasten. Der größte Einsparfaktor war die Clark AB; sie wurde im November 1991 an die Philippinen zurückgegeben, nachdem die Trümmer des zerstörten Militärgeräts zur Subic Bay abtransportiert worden waren. Auch den Marinestützpunkt gaben die USA im folgenden Jahr auf. Aus der Clark AB wurde ein philippinischer Stützpunkt und zusätzlich ein internationaler Zivilflughafen, aus den Einrichtungen in der Subic Bay eine Sonderwirtschaftszone mit Freihafen und einem Luftpost-Zentrum. Erst im Zuge der zunehmenden militärischen Aktivität der Volksrepublik China kehrten seit 2013 US-Soldaten auf die beiden Stützpunkte zurück. Allerdings aus Rücksicht auf die Philippinen nicht fest, sondern ausdrücklich nur rotierend.
Dieser Vulkan schlug die US Army in die Flucht - WELT
Mehr als 600 Jahre schien der Pinatubo auf den Philippinen erloschen. Dann spie der Berg 1991 wieder Feuer. Einer der größten US-Stützpunkte wurde weitgehend zerstört. Die Besatzung war gerade noch vorher evakuiert worden.









