Als Frank Bohmann neulich in Portugal war, konnte er das spannende Europapokalspiel des FC Porto gegen die MT Melsungen kaum genießen. Nicht weil der Kitzel der Partie den langjährigen Chef der Handball-Bundesliga (HBL) so erregte. Sondern weil der Rahmen so enttäuschend war – kaum Fans beim Spiel des Jahres für Porto. „Die Resonanz war furchterregend“, sagt Bohmann und adressiert ein grundsätzliches Problem im europäischen Vereinshandball fernab der HBL: „Im Sport werden eigentlich überall die Hausaufgaben gemacht. Aber in Marketing, Vertrieb und Produktgestaltung tut sich viel zu wenig.“ Bohmann fällt gleich noch ein zweites Beispiel ein, wenn er an Høj Elite in Dänemark denkt. Ein ambitionierter Klub mit vielen Stars „in einer Halle, die bei uns nicht drittligatauglich wäre“.Handball, der Deutschen zweitliebstes Kind im Teamsport, hat sich auf Vereinsebene prächtig entwickelt – seit 2021 haben sich die Etats in erster und zweiter Liga verdoppelt. Die Arenen sind voll, die Sponsoren trotz der Wirtschaftskrise treu und stabil. Die Härte des Wettbewerbs ist Woche für Woche enorm. Doch beim Blick auf das, was das Premiumprodukt des Klubhandballs sein sollte, tut sich eine deutsche Dominanz auf, die mit Blick in die Zukunft manche Fachleute fragen lässt: Gehen den deutschen Mannschaften die Gegner aus?Schwache nationale LigenZum zweiten Mal nacheinander beherbergte die Champions-League-Endrunde in der großen Köln-Deutzer Arena zwei deutsche Vereine; Magdeburg und Berlin - die Füchse verloren das Finale am Sonntagabend gegen Barcelona 34:37. Seit 2019 ist immer mindestens ein heimischer Teilnehmer angetreten. Und gab es aus der HBL in den Jahren davor, als „Köln“ für die Deutschen mehr Traum als Wahrheit war (fünf Jahre ohne Finalteilnahme von 2015 bis 2020), immer Kritik an den Finanzierungsmodellen des FC Barcelona – querfinanziert durch die Fußballabteilung – und Veszprém – bezahlt aus ungarischen Steuern –, muss man jetzt froh sein, dass es die beiden Vereine überhaupt noch gibt. Bohmann sagt: „Wir brauchen im Vereinshandball mehr Inspiration, mehr Wettbewerb, mehr Konkurrenz aus dem Ausland. Das nimmt aber eher ab oder stagniert. Wenn ein Verein wie Kielce in den vergangenen acht Jahren mehrmals fast insolvent war, sollte uns das zu denken geben.“Häufig ist eine schwache nationale Liga, die kaum Gewinn abwirft, das Hauptproblem. Manchmal, wie in Schweden, wird die Nationalmannschaft besser gefördert als die heimische Staffel – in einem Konkurrenzmodell. Weil die Auswahlteams der Handballnationen durch das jährliche Großturnier im Januar (EM, WM) Geld einspielen, setzen Verbände wie Schweden lieber auf „Nummer sicher“ und investieren ins Nationalteam statt in die Liga. In Deutschland arbeiten HBL und DHB hingegen Hand in Hand.Neid, sagt EHF-Präsident Michael Wiederer im Gespräch mit der F.A.Z., verspüre er nicht in Gesprächen mit den Klubs. Eher Respekt vor der HBL. Er sieht den Status seines Kölner Leuchtturmturniers ungefährdet: „Wir hatten hier schon spanische und französische Finals. Trotzdem war die Arena mit 20.000 Fans voll. Die Menschen kommen wegen der Veranstaltung her.“ Er erinnert an die langen Gesichter aus Deutschland, als es eine Phase ohne deutsche Teams in Köln gab – und lobt: „Die HBL hat sich dann gemeinsam mit den Klubs hingesetzt und geschaut, wie etwas zu verändern ist. Sie haben eine Klarheit in den Strukturen, die Veränderungen ermöglicht.“Mehr Geld, mehr MöglichkeitenDas gute Abschneiden heimischer Vertreter in der Meisterklasse ist zum einen Ergebnis höherer Etats. Mit mehr Geld können sich die Topteams mehr Spieler leisten. Zum anderen ist es aber auch damit verbunden, dass der Bundesligaspielplan an einigen Stellen entschlackt ist: Berlin und Magdeburg reisen weitgehend ausgeruht an den Rhein.Und so schafft der Reiz der Bundesliga Probleme für die Wettbewerbsintegrität. Wenn demnächst internationale Stars wie Aymeric Minne nach Flensburg, Dika Mem nach Berlin, Domen Makuc nach Kiel und vielleicht auch Thibaut Briet nach Magdeburg kommen, schwächt das die jeweils abgebenden französischen und spanischen Vereine weiter, während Bundesligaspieler nur selten ins Ausland gehen. Warum auch?Kaum etwas ist finanziell und hinsichtlich des Spektakels so attraktiv wie die Bundesliga – an anderen Orten, in Plock, Szeged oder Veszprém, wird vor allem über satte Gehälter angeworben.Wobei es hartnäckige Gerüchte in der Szene gibt, dass Ungarn als Paradies für Handball-Großverdiener bald ausgedient haben wird. Denn die Regierung von Péter Magyar werde weniger auf staatliches Profisport-Sponsoring setzen.Gescheiterter Radikalversuch in NorwegenNach dem gescheiterten Radikalversuch Kolstad – die Norweger sammelten mit Millionen einer Supermarktkette Geld für Stars, als das Startkapital verbraucht war, stand der Trondheimer Klub vor dem Aus – herrscht auch dort in einem grundsätzlich handballbegeisterten Markt Vorsicht. In Frankreich hat die Liga mit dem Schmieröl-Hersteller Liqui Moly und bald Daikin zwei Unternehmen gewonnen, die auch schon die HBL als Titelsponsor zierten. Immerhin. Doch die Deutschen werden mit dem neuen Partner Opel von 2026/27 an deutlich mehr erzielen als die bisher fünf Millionen, die Daikin zahlte, ein Hersteller von Klimaanlagen. Das unterstreicht: Andere strampeln, während die HBL den Rahm abschöpft.Fragt man Bohmann und Wiederer, welche wachsenden Märkte oder aufstrebenden Klubs sie sehen, erntet man Schulterzucken. Die Dänen von GOG? Sporting aus Lissabon? Hm, ja. Aber eigentlich: nicht wirklich. „Ich wünsche mir auch einen Champions-League-Sieger aus Schweden“, sagt Bohmann.Am Rande Kölns hat er sich mit skandinavischen Ligen-Chefs zusammengesetzt und diskutiert, wie die dortigen Produkte attraktiver und profitabler werden können: „Wir müssen uns unterhaken. Wir öffnen unsere Bücher und reden offen. Aber bei der Infrastruktur und der Vermarktung stoßen viele Klubs dort an ihre Grenzen.“ So wie neulich auch in Portugal, als außerhalb der portugiesischen Handballblase niemand zu wissen schien, dass der FC Porto ein europäisches Viertelfinale spielen würde.