Interview«Manche Psychotherapeuten sind deutlich erfolgreicher als andere», sagt der TherapieforscherDer Psychologe Wolfgang Lutz untersucht seit Jahrzehnten, was eine erfolgreiche Psychotherapie ausmacht. Drei Faktoren hält er für besonders entscheidend.30.04.2026, 10.32 Uhr6 LeseminutenDie Psychotherapie ist in manchen Fällen erfolgreicher als in anderen.Maximilian Bungart / UnsplashSollte man eine Verhaltenstherapie, eine systemische Therapie oder eine Psychoanalyse wählen, um an psychischen Problemen zu arbeiten? Oder kommt es eher auf den Therapeuten an? Und hat auch der Patient Einfluss auf den Therapieerfolg? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Wolfgang Lutz, Psychologieprofessor an der Universität Trier, seit vielen Jahren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Lutz, Sie erforschen seit rund 30 Jahren, unter welchen Umständen eine psychotherapeutische Behandlung erfolgreich ist. Welcher Faktor ist am wichtigsten dafür?Den einen, alles entscheidenden Faktor gibt es nicht. Besonders wichtig sind aber: die Kompetenz des Therapeuten oder der Therapeutin, die Bereitschaft der betroffenen Person, etwas zu verändern, und die Beziehung, die in der Therapie aufgebaut wird.Wolfgang LutzPDWas ist mit der Therapieform? Die Verhaltenstherapie fokussiert darauf, durch gezielte Übungen Denk- und Verhaltensmuster zu ändern. Die systemische Therapie betrachtet das soziale Umfeld der Patienten, weil psychische Probleme auf Beziehungsdynamiken zurückgeführt werden. Bei der Psychoanalyse blickt man in die eigene Vergangenheit, um Konflikte zu lösen. Ist es wichtig, welche Art der Therapie ich wähle?Tatsächlich gibt es mittlerweile innerhalb dieser breiten Schulen ganz viele verschiedene Therapieformen. Teilweise nutzen sie dieselben Methoden. Und oft kombiniert man verschiedene Ansätze, um die therapeutische Strategie auf die Person zuzuschneiden. Möglicherweise haben letztlich die Therapeutinnen und Therapeuten selbst einen grösseren Einfluss auf den Behandlungserfolg als die Methode, die sie anwenden.Ist denn die Art der Therapie in jedem Fall egal?So pauschal kann man das auch nicht sagen. In Bezug auf Ängste sind Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie am besten untersucht. Dabei stellen sich die Betroffenen ihren Ängsten und können sie so gezielt abbauen. Mit solch einem Problem muss man keine jahrelange Psychoanalyse machen. Bei Depressionen sehen wir hingegen weniger Erfolgsunterschiede zwischen den Therapieschulen. Oft kommt es wirklich auf andere Faktoren an.Dazu gehört, wie bereits erwähnt, die Kompetenz des Therapeuten. Gibt es denn manche, die besonders hohe Erfolgsquoten haben?Es gibt international zahlreiche Studien dazu. Insbesondere in England gibt es sehr grosse Erhebungen aus dem Praxisalltag, die zeigen, dass manche Therapeutinnen und Therapeuten deutlich erfolgreicher sind als andere.Was macht diese besonders guten Therapeuten aus?Sie sollten gut mit Stress und Belastungen umgehen können. Es kann vorkommen, dass sie privat eine schwierige Zeit durchmachen und dadurch ihren Patienten gegenüber weniger aufmerksam sind. Das kann sich negativ auf den Therapieerfolg auswirken. Denn die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören und präsent zu sein, spielt eine wichtige Rolle. Erfolgreiche Therapeutinnen und Therapeuten verfügen zudem über gute zwischenmenschliche Kompetenzen, sind empathisch und setzen ihre Methoden gezielt ein. Im Idealfall holen sie regelmässig Feedback ihrer Patienten ein und reagieren darauf.Das heisst, der Patient soll seinem Therapeuten eine Rückmeldung geben, wie zufrieden er mit der Therapie ist?Es geht noch darüber hinaus. In Fragebögen können die Patientinnen und Patienten zum Beispiel angeben, ob sie das Gefühl haben, Fortschritte zu machen, wie motiviert sie in Bezug auf die Therapie sind, ob es beruflich oder privat neue, kritische Ereignisse gab, ob die Therapie ihrer Meinung nach bestimmte Ziele verfolgt oder ob die verlorengegangen sind. Fragt man so etwas gezielt und regelmässig ab, dann kann man früh erkennen, ob man in der Therapie an einer bestimmten Stelle nachjustieren müsste, um den Therapieverlauf zu verbessern. Wir haben solche Methoden umfangreich untersucht, nutzen sie in der psychotherapeutischen Ausbildung und stellen dieses Feedback-System auch niedergelassenen Therapeuten zur Verfügung. Wir machen gute Erfahrungen damit.Therapeuten, die regelmässig Feedback von Patienten einholen, brauchen sicher die Bereitschaft zur Selbstkritik.Genau. Sie dürfen sich natürlich nicht verunsichern lassen. Aber eine gesunde Selbstkritik ist auf jeden Fall hilfreich.Man erkennt meist mit einem Blick auf das Praxisschild oder die Website, ob ein Psychotherapeut auf Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse spezialisiert ist. Ob er empathisch, selbstkritisch, resilient ist, das ist weitaus schwieriger herauszufinden. Wie merkt man, ob die Therapie in die richtige Richtung geht?Leider kann man sich ja im Normalfall gar nicht gezielt für einen Therapieplatz entscheiden. Es gibt lange Wartezeiten und viele Betroffene sind froh, wenn sie irgendwann einen Platz bekommen. Ein positives Signal ist aber, wenn man relativ früh merkt, hier bin ich am richtigen Ort, ich mache erste Fortschritte.Nach wie vielen Sitzungen sollte man eine Verbesserung spüren?Das ist unterschiedlich. Bis etwa zur zwölften Sitzung befindet man sich in der frühen Phase, da spüren viele Menschen erste positive Auswirkungen.Aber nicht alle?Genau. Eine Therapie ist immer mit Höhen und Tiefen verbunden, und manchmal dauert es länger, bis die Höhen kommen. Das sagt nicht automatisch etwas über den Therapieerfolg aus. Deshalb ist mein Rat: Geben Sie der Therapie eine Chance.Die Bereitschaft des Patienten, etwas zu verändern, ist ebenfalls wichtig für den Therapieerfolg. Spielen Sie darauf an?Nicht nur, aber auch. Der Anfang einer Therapie ist sicher eine spezielle Situation. Es ist ganz normal, dass man erst einmal ein wenig fremdelt und ein paar Sitzungen lang braucht, um Vertrauen zu fassen. Nicht jeder spricht gerne über sich und seine inneren Zustände. Glücklicherweise lassen sich viele Menschen darauf ein, weil sie in der Regel etwas verändern wollen. Anders ist es, wenn jemand von einem Vorgesetzten oder der Partnerin, dem Partner geschickt wurde. Da muss in der Therapie die persönliche Motivation erst einmal herausgearbeitet werden.Sie sagten, die Beziehung zwischen Therapeut und Patient sei ebenfalls ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Therapie. Was bedeutet das denn? Das Ziel ist doch wahrscheinlich kein freundschaftlicher Kuschelkurs.Nichts gegen Freundschaften, die sind natürlich sehr wichtig – aber ausserhalb der Therapie. Es ist ein Warnsignal, wenn es zu freundschaftlich oder vertraut wird und beide lieber gemeinsam durch den Park schlendern und plaudern würden, als die nächste Therapiesitzung zu beginnen. Therapie bedeutet natürlich auch Arbeit an gemeinsamen Zielen, was wiederum ein gutes Anzeichen für eine funktionierende Beziehung ist.Der Patient kommt ja aus einem bestimmten Grund und letztlich mit dem Ziel, dass es ihm besser geht. Wie kann es passieren, dass die Ziele von Therapeut und Patient auseinanderdriften?Im Laufe einer Therapie werden die Ziele in der Regel den Fortschritten angepasst. Am Anfang ist das Ziel häufig eine Verbesserung des allgemeinen Befindens. Im Anschluss arbeitet man gemeinsam an den Beschwerden und Symptomen. Abschliessend gibt es oft eine Phase, in der zwischenmenschliche und berufliche Probleme im Vordergrund stehen – oder auch Sinnfragen. Natürlich muss man das jeweils individuell betrachten. Was ich aber sagen will: Es gibt unterschiedliche Phasen und dadurch verschiedene Ziele. Wenn es keine Einigkeit darüber gibt, woran gearbeitet werden soll, oder wenn das Gespräch ganz allgemein eher ziellos ist, dann schadet das dem Therapieverlauf.Wie stellt man sicher, dass beide am gleichen Ziel arbeiten?Man sollte das Ziel laufend reflektieren und thematisieren. Wir erheben ausserdem regelmässig in den Feedback-Bögen, wie starke Fortschritte eine Person im Vergleich zum Beginn der Therapie in Bezug auf ihre Ziele gemacht hat.Irgendwann ist die Therapie vorbei und war hoffentlich erfolgreich. Aber was genau heisst das eigentlich?Die Beschwerden sollten sich so stark verbessern, dass sie den Alltag der Menschen nicht mehr belasten. Ich glaube, bei Depressionen und starker Niedergeschlagenheit kann man sich das gut vorstellen. Ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel: Wir haben immer wieder Menschen mit sozialen Ängsten in Therapie. Diese Personen meiden in der Regel soziale Gruppen oder Leistungssituationen, wie an der Uni oder im Beruf. Sie können im beruflichen Alltag häufig nur unter grossen Ängsten mit Kolleginnen und Kollegen sprechen, oder sie vermeiden dies sogar ganz. Sie können sich vorstellen, was das für einen massiven Einfluss auf das Leben nimmt.Ist die Angst geschrumpft, kann die Person ihr Leben endlich gestalten, wie sie es möchte?Genau. Es ist dann vielleicht nicht alles eitel Sonnenschein, aber die Person bekommt durch eine Therapie das nötige Handwerkszeug, um mit Herausforderungen und Krisen besser umzugehen. Das gelingt in den meisten Fällen und verbessert die eigene Lebensqualität deutlich.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel