Nach der Messe ist vor der Messe – in keiner Branche gilt diese Ausstellerweisheit gerade so sehr wie im Rüstungsgeschäft. Kaum sind in Berlin die Zelte der Luftfahrtschau ILA abgebaut, zieht der Tross weiter nach Villepinte, nördlich von Paris. Dort öffnet an diesem Montagvormittag die Eurosatory ihre Tore, Europas größtes und wichtigstes Schaulaufen der Waffenbauer: Panzer, Drohnensysteme und moderne Artillerie auf mehr als 185.000 Quadratmetern.Der Andrang auf die seit 1992 alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung war noch nie so groß wie 2026: Mehr als 2300 Aussteller aus über 65 Ländern sowie mehr als 300 Regierungs- und Militärdelegationen haben sich angekündigt. Was auch daran liegen dürfte, dass es in Europa seit dem Kalten Krieg nicht mehr so viel Geld für Waffen zu verteilen gab wie jetzt. Sollten alle europäischen Alliierten das neue Nato-Ziel von 3,5 Prozent des BIP erreichen, könnte das Verteidigungsbudget des Kontinents bis 2030 auf bis zu 850 Milliarden Euro jährlich steigen. Allein Deutschland will seine Verteidigungsausgaben bis dahin auf 180 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen. Und ein wachsender Anteil davon – europaweit war es schon im vergangenen Jahr fast ein Drittel des Gesamtbudgets – fließt in neue Ausrüstung.An Geld mangelt es der europäischen Zeitenwende also nicht – der deutschen schon gar nicht. An Produkten, die es zu beschaffen lohnt, ebenso wenig – das zeigt das Schaulaufen in Frankreich eindrucksvoll. Und doch reicht all das nicht aus für die von Bundeskanzler Friedrich Merz versprochene „stärkste konventionelle Armee“ des Kontinents, attestieren Branchenkenner.Bundeswehr Was braucht die Truppe? Ein Streitgespräch Ökonom Moritz Schularick kritisiert fehlende Investitionen in Drohnen und moderne Technik für die Bundeswehr. Ex-Heeres-Inspekteur Alfons Mais sieht Defizite bei der Umsetzung. von Max Biederbeck und Tobias Gürtler„Wenn wir so weitermachen wie bisher, bekommen wir die teuerste Armee Europas – aber nicht die stärkste“, sagt etwa der Ökonom Moritz Schularick im Interview mit der WirtschaftsWoche. Die Nato fordere von Deutschland drei „C“, ergänzt der ehemalige Inspekteur des Heeres, Alfons Mais: „Cash, Commitment and Capabilities. Cash haben wir, Commitment auch – aber Capabilities?“Aus 30 Prozent müssen 140 werdenUnd um diese „Capabilities“ – grob übersetzt: militärische Ressourcen und Fähigkeiten – zu schaffen, braucht es mehr als Beschaffungslisten. Mehr als glänzende Produktpräsentationen. Während der Bundeswehr bis vor fünf Jahren eine Materialausstattung von 30 Prozent genügte, müssen die Streitkräfte heute auf 100 bis 140 Prozent kommen, um abschreckungsfähig zu sein – und im Bedarfsfall einsatzfähig.Handfeuerwaffen am Messestand der Firma Heckler & Koch auf der Eurosatory vor zwei Jahren Foto: IMAGO/Chris Emil JanßenDie Bundeswehr habe zuletzt kommuniziert, dass sie die Umlaufreserve, also den zusätzlichen Vorrat an Material, Ausrüstung und Bauteilen, anheben wolle, erklärt ein hochrangiger Rüstungsmanager: „Das muss jetzt geschehen, ohne Wenn und Aber.“Denn an Ersatzteilen mangelt es der Truppe derzeit offenbar eklatant. Einem Lagebericht zufolge, über den WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung jüngst berichteten, gefährdet ein massiver Reparaturstau nicht nur die Einsatzbereitschaft, sondern auch die Erfüllung deutscher Bündnisverpflichtungen. Eine Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorlag, hatte bereits vor Monaten attestiert, dass die Einsatzbereitschaft wichtiger Systeme der Bundeswehr auf einem „äußerst niedrigen Niveau“ liege. „Die Instandhaltung wird in der öffentlichen und politischen Budgetlogik bislang systematisch unterschätzt“, sagte Cornelius Herzog, einer der Autoren der Studie, seinerzeit der WirtschaftsWoche.Rüstung Deutschland droht, sich falsch zu rüsten Deutschland probt den Hochlauf seiner Verteidigungsindustrie – und droht an falschen Prioritäten und alten Strukturen zu scheitern. von Max Biederbeck, Tobias Gürtler, Sonja Álvarez und weiterenÄndert sich das nun wie angekündigt, bedeutet das: noch mehr Materialbedarf, noch mehr Hochlauf, noch mehr Skalierung. Und schon jetzt zeigt sich, wie sehr die alten Strukturen der deutschen Rüstungsbranche an ihre Grenzen stoßen. „An uns wird es nicht scheitern“, sagt zwar Renk-Chef Alexander Sagel. Und Rheinmetall-Chef Armin Papperger proklamiert: „Wir sind bereit, haben unsere Hausaufgaben gemacht.“ Einfach ist all das gleichwohl nicht: „Das ist, als ob Sie Ferrari erklären, man solle künftig in Stückzahlen eines VW Golf produzieren“, sagt ein Spitzenmanager.In den Kasernen kommt kaum etwas anDas Ergebnis: In den Kasernen der Bundeswehr ist bislang kaum Gerät angekommen. Die neue Fregatte F126 für rund zwölf Milliarden Euro wird teurer und verzögert sich – ebenso wie der Flugabwehrpanzer Skyranger für bis zu neun Milliarden. „Nicht mal Rüstungslobbyisten“ könnten ihm „ein einziges großes Rüstungsprojekt der Landstreitkräfte seit der Zeitenwende nennen, das pünktlich, im Kostenrahmen und mit der bestellten Leistung ausgeliefert wurde“, stellt Alfons Mais fest. Und nicht nur beim Großgerät, auch bei Bestellungen von Schrauben und Kabelbäumen komme man eben teils nicht voran, klagen Beteiligte im Beschaffungsamt in Koblenz.Woran liegt’s? Die Gründe lägen „auch bei uns Unternehmen“, sagt ein Vorstand eines Rüstungskonzerns, „vor allem aber amtsseitig“, wie der Verbund aus Verteidigungsministerium und der Beschaffungsbehörde BAAINBw in Politik und den Unternehmen heißt.„Wir arbeiten immer noch in einem System aus Friedenszeiten“, sagt Susanne Wiegand. „Bei Strukturen, Prozessen und Menschen gab es bislang fast keine substanziellen Reformen.“ Wiegand galt in ihrer Zeit als Renk-Chefin als das „Gesicht der Zeitenwende“. Damals war sie neben Rheinmetall-Chef Armin Papperger eine der sichtbarsten Vertreterinnen der Branche – und dank Formulierungen wie „Wer stehen bleibt, stirbt“ eine der meistzitierten. Nun, als Aufsichtsrätin und Investorin, verkörpert sie wie kaum jemand sonst die wachsende Kritik, dass Deutschland auch bald viereinhalb Jahre nach der Zeitenwende-Rede zu wenig verändert hat. „Wir bekommen nicht so viele Rüstungsgüter mehr geliefert, wie wir mehr Geld ins System geben“, sagt Wiegand. Bestelltes werde oft erst in den 30er-Jahren geliefert. Die Folgen hält sie für dramatisch: Die „Bundeswehr ist nicht spürbar besser aufgestellt als im Jahr 2022, weder personell noch materiell“.Mit ihrer Kritik steht Wiegand, die vor ihrer Zeit bei Renk auch bei Rheinmetall und der Marinewerft German Naval Yards arbeitete, nicht allein da. Ein hochrangiger Rüstungsmanager betont, dass es „die Regularien, die Rahmenbedingungen und die Systeme“ seien, „die uns einschränken“. Während das Ministerium bei Lizenzen schneller geworden sei, berichten Zulieferer zudem noch immer von Akkreditierungsprozessen, die bis zu zwei Jahre dauern können. Laut der Juristin Katharina Weiner sei in diesen „traditionellen Strukturen ein schnelles Hochfahren neuer Standorte kaum möglich“.Rüstung Erst der Jet, dann der Panzer? Die weitreichenden Folgen des FCAS-Stopps Das Ende des gemeinsamen Kampfjets könnte weitere Folgen haben. Nun stehen sowohl der deutsch-französische Kampfpanzer infrage, als auch die Umstände des Börsengangs von KNDS. von Tobias Gürtler und Rüdiger KreßInnovation braucht neue StrukturenUnd doch: Auch die Industrie ist in der Pflicht. Blicke man auf die Situation vor vier oder fünf Jahren zurück, müsse man schon festhalten, dass die öffentlichen Auftraggeber „einen Zahn zugelegt“ hätten und das neue Tempo konsequent durchzögen, attestiert Renk-Chef Sagel. Nun liege die Verantwortung eindeutig auf Seiten der Industrie. Die Rüstungsunternehmen müssten „ihre Angebotspolitik und Produktpalette zum Teil radikal umbauen, wenn sie die aktuellen Auftragsvolumina und die langfristig angekündigten Bedarfe tatsächlich bedienen wollen“, sagt Christina Rieß, als Direktorin bei der Managementberatung Atreus zuständig für Rüstungsthemen: „Wer es schafft, von kleinteiligen, nationalen Speziallösungen auf skalierbare, exportfähige und europäisch standardisierte Produkte umzuschalten, kann daraus eine historische Chance für die deutsche und die europäische Wirtschaft machen.“Zugleich eröffne der Verteidigungsbereich ein enormes Innovationsfeld: Militärische Projekte trieben traditionell Sprunginnovationen in Digitalisierung, KI, Sensorik und vernetzter Führung – wie einst GPS oder das Internet. „Genau diesen Innovationsschub braucht Europa, um technologisch wieder aufzuschließen.“Doch solche Innovationen brauchen Strukturen, in denen sie gedeihen können. Der ehemalige ukrainische Ministerpräsident Oleksiy Honcharuk, heute Gründer und Aufsichtsrat des Drohnenunternehmens Uforce, warnt deshalb: Ohne eine neue, eigenständige Struktur drohten die „großen, langsamen und teilweise ineffizienten Rüstungsriesen“ mit ihrem Wissen über die „alte Beschaffung“ das gesamte innovative Ökosystem „aufzufressen“. „Wenn Sie die systemischen Kräfte nicht aufbauen, wird all diese Innovation, dieses gesamte Innovationsökosystem, viel langsamer vorankommen.“ Nach ukrainischem Vorbild fordert er daher eine eigene Institution mit einer „Startup-Kultur“, um nicht nur neue Technik zu kaufen, sondern eine überlegene Anpassungsfähigkeit zu erreichen. Das Ziel müsse ein System sein, das darauf ausgerichtet sei, „sich schneller zu entwickeln und anzupassen, als es der Feind tut“. Es reiche bei Weitem nicht aus, den „alten Jungs einfach neue Spielzeuge zu geben“.Dass dieser Weg der spezialisierten unbemannten Streitkräfte alternativlos ist, habe mittlerweile auch der Gegner erkannt: „Russland folgte ein Jahr später unserem ukrainischen Beispiel, weil man auch dort erkannt hat, dass es nicht anders möglich ist.“Mittelstand bleibt bislang außen vorSolche Strukturen könnten womöglich auch helfen, kleinere Anbieter besser in die Aufrüstung zu integrieren. Denn diese Integration gelingt bislang nicht, wie eine McKinsey-Analyse zeigt: Während Großauftragnehmer bei 45 Prozent ihrer Verträge Vorschüsse erhalten, sind es bei kleinen Betrieben demnach nicht einmal 20 Prozent. Sie müssen den Kapazitätsausbau oft vorfinanzieren – und können sich das in vielen Fällen nicht leisten.Das bisherige Bestellsystem biete „wenig Anlass, die Produktion stark hochzufahren oder gar in eine Serienfertigung reinzugehen“, bestätigt das ein Zulieferer. Nach 2035, wenn die Rekordaufträge auslaufen, sei kaum Nachschub absehbar: „Da lohnt es eher, die Arbeit zu strecken, als für viel Geld Kapazität aufzubauen, die wir dann nicht auslasten können.“Was hilft? „Wir müssen aufhören, in Bestellungen zu denken, und stattdessen in Produktionskapazitäten investieren“, schlägt etwa Ökonom Schularick vor. „Wir brauchen eine industriepolitische Strategie, die Fabriken, Vorräte und Nachproduktion sicherstellt.“ Privatwirtschaftlich gebe es derzeit keinen Anreiz, in Kapazitäten zu investieren, die die Bundeswehr nur im Konfliktfall abruft. „Das ist Marktversagen. Erstes Semester Wirtschaftswissenschaft“, echauffiert sich der Ökonom.Der Staat als Garantiekunde also? Auch Wiegand jedenfalls fordert solche Kapazitätsverträge: Der Staat solle weniger fertige Systeme kaufen, die nach ein paar Monaten veraltet seien, sondern die Industrie dafür bezahlen, flexible Fertigungslinien zu bauen und produktionsbereit zu halten. Aus denen könne die Bundeswehr im Ernstfall binnen Wochen Dutzende Panzer und sogar Tausende Drohnen oder Granaten abrufen.Staatliche Garantie oder Selbstverantwortung?Andere Vertreter der Branche sind skeptisch. Festverträge für Kapazitäten lüden dazu ein, „leerstehende Fabrikhallen“ zu betreiben, warnt etwa Lorenz Meier, Chef des Drohnenunternehmens Auterion. Besser sei es, Aufträge mehrjährig zu vergeben: „Das Unternehmen, das effizient wirtschaftet, bekommt dann den Auftrag. Das ist ja eigentlich im Sinn des Steuerzahlers.“Maschinenbauer Turnaround in Tarnfarben Heidelberger Druckmaschinen forciert unter CEO Jürgen Otto den Einstieg in die Rüstungsbranche. Und will damit schaffen, was seit Jahren misslingt: den Ausbruch aus der Unternehmenskrise. von Tobias GürtlerGenerell lautet Meiers Credo: „Die Rüstungsindustrie muss mehr wie die Automobilindustrie werden – nicht umgekehrt.“ Nur das ermögliche den Hochlauf. Richte ein Unternehmen seine Prozesse komplett auf das Militär aus, gingen die Kosten „sofort in den Bereich, in dem etwa Kleinstdrohnen dann zu teuer werden“. Statt wie viele der etablierten Rüstungsriesen zu versuchen, alles „im Haus zu behalten“, plädiert Meier deshalb dafür, „die etablierten Supply Chains“ der zivilen Industrie „und deren Effizienz zu nutzen“.Er selbst lässt Drohnen auf kommerzieller Basis fertigen, die erst durch Software zum Rüstungsgut werden. Und kann so ohne zusätzliche Lizenzierung der Werke Elektronik und Kameras seiner Drohnen von Automobilzulieferern fertigen lassen. Das, sagt er, „ist der Hauptgrund, warum wir schnell sind: Weil wir ins Risiko gehen, Gebäude mieten und Lizenzen beantragen, bevor Verträge unterschrieben sind.“Dass die zivile Industrie, insbesondere die Autoindustrie, stärker in den Aufbau verteidigungsindustrieller Kapazitäten eingebunden werden müsse, war lange umstritten. Der Chef des größten deutschen Rüstungskonzerns, Armin Papperger, etwa gab sich skeptisch: „Die sind ja mittags fertig mit unseren Aufträgen“, scherzte er gern. Doch die Gegenstimmen mehren sich. Es brauche keine 100.000 Drohnen, „weil nach drei Monaten veraltet“, sagt etwa Ex-Heeres-Inspekteur Mais. Stattdessen brauche es „jedes Jahr 300 zum Ausbilden und Üben – und eine Produktionskapazität, die im Ernstfall 30.000 im Monat auf dem Stand der Technik ausspuckt.“ Gefragt sind im Bedarfsfall also Stückzahlen auf Abruf – und die kann die etablierte Rüstungsindustrie allein kaum liefern.Tatsächlich würde die zivile Industrie gern helfen, die Beispiele sind zahlreich. Doch die Türen bleiben in vielen Fällen verschlossen. „Sie haben eigentlich keine Chance, bei der Bundeswehr vorzusprechen“, berichtet ein Industriemanager. Andere Mittelständler erzählen von zwei Jahren bis zur Akkreditierung als Zulieferer und von Sicherheitsüberprüfungen der Mitarbeiter, die bis zu anderthalb Jahre dauern und die Betriebe immer wieder ausbremsen. Die Rüstungsindustrie sei ein „in sich geschlossener Kreis, quasi eine Familie“, in die man nur schwer „einheiraten“ könne, sagt ein Branchenkenner.„Es braucht mehr als nur die altbekannten Systemhäuser“, mahnt deshalb Alfons Mais. „Viele Mittelständler wollen beitragen. Wir müssen es Ihnen einfacher machen.“ Gegen die „eigene industrielle Basis“ zu rüsten, gehe „mit Sicherheit schief“.Rüstungsberaterin Rieß stimmt da gern ein: „Wir erleben gerade eine seltene Gleichzeitigkeit: sicherheitspolitischer Druck, große Sondervermögen, neue EU-Programme und technologische Sprunginnovationen“, attestiert sie. Und nennt das „eine historische Chance“ – „aber nur, wenn Deutschland und Europa aus der Logik des ‚business as usual‘ aussteigen“.