Die G-7 ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit – dennoch ist sie nützlichDie jährlichen Gipfeltreffen der Gruppe der sieben grossen westlichen Staaten werden jeweils von heftigen Protesten begleitet. Dabei wird ihr Einfluss auf das Weltgeschehen überschätzt.15.06.2026, 08.24 Uhr7 LeseminutenIn diesem Hotel mit Blick auf den Genfersee werden sich die Staatschefs am Montag treffen.Denis Balibouse / ReutersAm Montag beginnt das diesjährige Gipfeltreffen der sieben grossen westlichen Volkswirtschaften im beschaulichen Évian am Genfersee. Der Gipfel der G-7 macht vor allem durch die Erwartung grosser Protestkundgebungen auf sich aufmerksam, die in Gewalt ausarten und auf die nahe Schweiz übergreifen könnten. Die Schweiz hat 4000 Armeeangehörige aufgeboten, um Frankreich bei der Sicherheit zu unterstützen. Von den Inhalten, welche die Staatschefs der mächtigsten westlichen Länder während dreier Tage in Évian beraten wollen, ist dagegen kaum die Rede.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das ist symptomatisch für die jüngsten Gipfeltreffen der einst so mächtigen G-7. Sie vermögen die Geschicke der Welt kaum mehr zu lenken. Wie kam es zum Auf- und Abstieg dieses Gremiums?Die Gründerzeit der G-7Die G-7 entstand Mitte der siebziger Jahre in einer bewegten Zeit, die von den Folgen der Erdölkrise und des Nahostkonflikts geprägt war. Die Idee zu einem «Weltwirtschaftsgipfel» lancierten erstmals der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt und der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing. Die Staatschefs der vier europäischen Nationen Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und Italien sowie der USA und Japans kamen 1975 im französischen Schloss Rambouillet zusammen und sprachen über den Zustand der Weltwirtschaft. Im Jahr darauf stiess Kanada zu der Runde, und die G-7 formierte sich am Gipfel von Puerto Rico erstmals in der heute noch bestehenden Zusammensetzung.Am festlichen Tisch auf Schloss Rambouillet wurde erstmals über die Geschicke der Weltwirtschaft diskutiert.Gilbert Uzan / Gamma-Rapho / GettySpäter wurden stets ein Vertreter der EU sowie weitere ausgewählte Gäste zu Sitzungen hinzugeladen. Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde 1997 die G-7 durch Russland zur G-8 erweitert, nach der Annexion der Krim durch Moskau 2014 aber wieder auf die alte Zusammensetzung zurückgeführt.In den ersten Jahren verstand sich die G-7 noch primär als wirtschaftspolitisches Gremium. Der damalige amerikanische Präsident Gerald Ford lancierte 1976 die Idee von jährlichen Treffen jeweils im Sommer. Hauptzweck war die Koordination wirtschafts-, währungs- und handelspolitischer Interessen. Wiederholt wurden an den Gipfeln Beschlüsse gefasst, welche den Integrationsprozess des Welthandels nach einheitlichen Regeln im Rahmen des Gatt und später der WTO vorantrieben. Die G-7 war ein Katalysator der Globalisierung, welche den Interessen ihrer wirtschaftsstarken Mitglieder diente.Druck auf die SowjetunionIm Verlauf der achtziger Jahre, in der Regierungszeit von Präsident Reagan, Premierministerin Margaret Thatcher und Bundeskanzler Helmut Kohl, wurde die G-7 verstärkt zum Forum, um konzertierten Druck auf die im fortschreitenden Zerfall befindliche Sowjetunion auszuüben. So wurde etwa am Gipfel von Williamsburg 1983 die Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa bekräftigt.In Williamsburg verstärkten die Staatschefs der G-7 1983 den Druck auf die Sowjetunion.ImagoNach der Auflösung der Sowjetunion 1991 investierte die G-7 Zeit und Mühe in den Wiederaufbau und die Integration der aus dem ehemaligen sowjetischen Reich hervorgegangenen Staaten in die Weltwirtschaft. Der russische Präsident Boris Jelzin wurde gezielt unterstützt in der Hoffnung, dass sich Russland unter seiner Führung in die Gemeinschaft der demokratischen, freiheitlichen Staaten einreihen werde.Die Agenda der jeweiligen Treffen wird immer vom Gastgeberland definiert und in Dutzenden Sitzungen vorbereitet. Seit den neunziger Jahren tauchten zunehmend auch Themen wie Umweltschutz, Entwicklungshilfe, Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Anliegen in den Agenden der Gipfeltreffen auf.Ein toter Demonstrant in GenuaMit fortschreitender Globalisierung der Weltwirtschaft und der steten Ausweitung der sozialen Themen nahmen auch die Kontroversen um die Gipfeltreffen zu. Das Gremium wurde von linken Systemkritikern als illegitimes Forum und Symbol für ein als ungerecht empfundenes Weltwirtschaftssystem gesehen, in dem sich die Macht und die Interessen westlicher Staaten und Konzerne durchsetzen und Ungleichheit und Armut auf der Welt hingenommen werden.Ein Tiefpunkt war der G-8-Gipfel in Genua im Juli 2001. Hauptthema waren Wege zur Reduktion der Armut auf der Welt. Ausgerechnet dieses Thema mobilisierte geschätzt bis zu 200 000 Demonstranten, die sich heftige Strassenschlachten mit der Polizei lieferten. Im Zuge der Gewalt wurde ein 23-jähriger Demonstrant von einem Polizisten erschossen. Hunderte Demonstranten und Polizisten wurden verletzt. Die juristische Aufarbeitung der Gewaltexzesse beschäftigte italienische Gerichte noch Jahre danach.Eine der Lehren von Genua war, dass die Gipfeltreffen seither nicht mehr in den Zentren grosser Städte abgehalten wurden, sondern möglichst abgeschieden, um die Sicherheitsvorkehrungen zu erleichtern.Die Heftigkeit der Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel von Genua 2001 war ein Schock.Louisa Gouliamaki / EPASinkende globale Repräsentanz der G-7Die G-7-Gipfel blieben auch nach dem Fanal von Genua und trotz verstärkten Sicherheitsvorkehrungen ein beliebter sommerlicher Treffpunkt von linken und radikalen Protestgruppen, die gegen die Mächtigen der Welt aufbegehrten. Demonstrationszüge, Blockaden und Gewalt wurden zum Ritual der Gipfeltreffen. Dabei unterstellten die Kritiker der G-7 zumeist eine Art illegitime Machtausübung. Sie übersahen allerdings, dass die Gipfeltreffen je länger, desto seltener konkrete Ergebnisse oder Beschlüsse hervorbrachten, welche das Weltgeschehen prägten. Von einer verschwörerischen Weltregierung waren die Treffen der sieben westlichen Staaten und Russlands weit entfernt, zumal sich deren Interessen öfter auch selbst widersprachen.Zur Gründerzeit der G-7 repräsentierten die sieben Staaten gut die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung. Mit fortschreitender Globalisierung und dem Aufstieg Chinas zur Weltmacht schmilzt dieser Anteil fortwährend dahin. Heute vertritt die G-7 weniger als ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Die Absenz von dynamischen Volkswirtschaften wie China, Indien oder Südkorea sowie das komplette Fehlen von Russland, ganz Lateinamerika und Afrika wiegen immer schwerer.Schon 2014 machte deshalb etwa der Brüsseler Think-Tank Bruegel den Vorschlag, die Mitgliedschaft der G-7 radikal umzubauen. Ein Vertreter der EU sollte die Euro-Staaten Deutschland, Frankreich und Italien ersetzen, und auch die mittlere Wirtschaftsmacht Kanada sollte den Kreis verlassen. An deren Stelle sollten China, Indien, Brasilien und Russland treten. So würden die «G-7+» die grössten Wirtschaftsnationen und Vertreter weiterer Weltregionen umfassen. Sie könnten einen viel glaubwürdigeren globalen Anspruch vertreten.Im italienischen L’Aquila 2009 teilten die westlichen Staatschefs noch unbekümmert gemeinsame Werte.Pete Souza / The White HouseGründung der G-20Zum freiwilligen Austritt von mehr als der Hälfte der bisherigen Mitglieder kam es freilich nicht. Dies auch, weil während der Finanzkrise 2008 ein neues Gremium mit globaler Repräsentanz seinen ersten Gipfel abhielt, die G-20. Hier waren tatsächlich die zwanzig grössten Wirtschaftsnationen und alle Weltregionen vertreten. Durch die Mitgliedschaft sind zwei Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung und 85 Prozent der Weltbevölkerung vertreten.Das neue Gremium bewies sich in den ersten Jahren als wirksam bei der Koordination wichtiger Massnahmen zur Bewältigung der globalen Finanzkrise und ihrer Ausläufer. Heute stellen Kritiker allerdings zur G-20 die gleiche Frage wie zur G-7: Ist das Gremium immer noch nützlich? Wie in der G-7 weiteten sich die Themen, mit denen sich die G-20 beschäftigt, immer mehr aus. Damit wurde das Gremium immer politischer – und mit seiner Zusammensetzung aus Staaten mit gegensätzlichen Interessen immer weniger beschlussfähig.Am letzten Gipfeltreffen im November in Johannesburg sorgten die USA für einen Affront, indem Präsident Trump seine Teilnahme verweigerte. Zufällig sind die USA in diesem Jahr an der Reihe, den nächsten Gipfel zu organisieren. Sie haben bereits angekündigt, dass sie die Themen der G-20 wieder viel enger auf die Koordination wirtschaftlicher und finanzpolitischer Fragen zurückführen wollen. Damit könnte die G-20 möglicherweise wieder effektiver werden.Trump unterhöhlt den ZusammenhaltEin zentrales Ziel von Präsident Trumps Aussenpolitik ist die Zerschlagung der regelbasierten Weltordnung. Statt multinationaler Regeln setzen sich in Trumps Weltordnung Macht und Stärke der grossen Nationen durch, an erster Stelle die Interessen der USA.Es verwundert deshalb nicht, dass Trump kein Freund der G-7 oder der G-20 ist. Schon in seiner ersten Amtszeit sorgte er für einen Eklat, als er 2018 am G-7-Gipfel in Kanada die Rückkehr Russlands in diesen Kreis vorschlug und den Gastgeber Justin Trudeau in aller Öffentlichkeit beleidigte. Nach seiner Abreise gab Trump den Rückzug der USA vom gemeinsamen Schlusscommuniqué des Gipfels bekannt, wodurch er die Autorität des Gremiums untergrub.Bei Donald Trump biss selbst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Granit, gekonnt in Szene gesetzt 2018 am Gipfel in Kanada durch den Fotografen der Kanzlerin.Jesco Denzel / Bundesregierung via GettyZurück im Präsidentenamt, reiste Trump im vergangenen Jahr vorzeitig vom G-7-Gipfel ab, der wiederum in Kanada stattfand. Ein gemeinsames Statement zum Ukraine-Krieg wurde von den USA verweigert. Das war eine radikale Abkehr von den Gipfeln davor mit Präsident Biden, an denen die G-7 mehrfach wichtige Massnahmen zur Unterstützung der Ukraine sowie Sanktionen gegen den Angreifer Russland beschlossen hatte.Reden ist immer gutWas verbindet die Mitgliedländer der G-7 im Zeitalter von Donald Trumps Weltordnung noch? Ein globaler Führungsanspruch ohne China und ganze Weltregionen wie Lateinamerika oder Südostasien wäre unangemessen und unrealistisch. Für die Verteidigung von Multilateralismus und Globalisierung kann das Gremium auch nicht mehr glaubwürdig stehen, da sich Präsident Trump diesen Zielen machtvoll entgegenstemmt. Nicht mehr so eindeutig wie früher ist auch die Definition der G-7 als Gemeinschaft, die für die Stärkung westlicher demokratischer Werte einsteht.Doch solange die sieben Staatschefs jährlich zusammenkommen und sich über ihre Weltsicht und ihre Interessen austauschen, ist das für ihre Länder ohne Zweifel ein Gewinn. Gerade in einer Zeit verstärkter globaler und bilateraler Spannungen ist die Diplomatie mehr denn je gefragt. Donald Trump hat sich zum Treffen in Évian angemeldet. Das wird für seine Gesprächspartner in der G-7 vielleicht nicht immer einfach und angenehm sein. Aber es ist auf jeden Fall ein Erfolg.Passend zum Artikel
G-7-Gipfel: Zwischen Protesten und sinkender globaler Repräsentanz
Die jährlichen Gipfeltreffen der Gruppe der sieben grossen westlichen Staaten werden jeweils von heftigen Protesten begleitet. Dabei wird ihr Einfluss auf das Weltgeschehen überschätzt.
G-7 in Évian verliert Einfluss; seit 1975 koordiniert das Forum die sieben Westmächte, lenkt globale Agenda nicht mehr. Schwächung westlicher Regulierung erhöht AI/Daten-Compliance-Risiken; Tech-Supply-Chains navigieren Multipolarität statt einheitlichem Framework.










