Das norwegische Königshaus steckt in der Krise: Wie viele Skandale hält eine Monarchie aus?Anfang Jahr kam aus, dass die Kronprinzessin Mette-Marit jahrelang Kontakt mit Jeffrey Epstein pflegte. Am Montag folgt womöglich der nächste Tiefpunkt: Es fällt das Urteil im Vergewaltigungsprozess gegen Mette-Marits unehelichen Sohn Marius Höiby.15.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenMarius’ erster Schultag im Jahr 2003. Er ist in Begleitung seiner Mutter Kronprinzessin Mette-Marit, seines leiblichen Vaters Morten Borg (links) und seines Stiefvaters Kronprinz Haakon (rechts).ImagoErst war die norwegische Bevölkerung empört, dass Mette-Marit einen unehelichen Sohn in die Ehe mit Kronprinz Haakon mitbrachte. Dann war sie entzückt. Der kleine Blondschopf, der immer wieder von Paparazzi abgelichtet wurde, vermochte die Gemüter der Norweger und Norwegerinnen zu besänftigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die gewonnene Gunst hat Marius Höiby längst wieder verloren. Seit Jahren macht er Schlagzeilen wegen wilder Partys, Drogen, übergriffigen Verhaltens. Von Februar bis März 2026 stand er am Amtsgericht Oslo vor Gericht – angeklagt in 40 Punkten, darunter vier Vergewaltigungen. Ihm drohen bis zu sieben Jahre Haft. Das Urteil fällt heute. Das Urteil fällt heute.Das norwegische Königshaus steckt in einer Krise, vielleicht der grössten seiner Geschichte. Höibys Mutter, die Kronprinzessin Mette-Marit, ist krank. Sie leidet an einer schweren Lungenkrankheit und ist auf eine Organspende angewiesen. Zudem muss sie sich dafür rechtfertigen, dass sie jahrelang engen Kontakt mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein pflegte.Die neusten Ereignisse markieren den vorläufigen Höhepunkt einer längeren Entwicklung. Anfangs waren Schlagzeilen im Königshaus selten, doch mit jeder Generation, mit jedem Schritt näher zum Volk wurden sie mehr.Prolog: Haakon VII. und Olav V.König Haakon VII. und sein Sohn, Kronprinz Olav, während des Zweiten Weltkrieges, April 1940.Per Bratland / PDAls sich Norwegen 1905 von Schweden löste, hatte das norwegische Volk die Wahl: Wird Norwegen eine Republik, oder wird es zur Monarchie? Eine deutliche Mehrheit stimmte für die Einführung der konstitutionellen Monarchie und wählte den dänischen Prinzen Haakon VII. zum König. Heute sitzt sein Enkel, König Harald, auf dem Thron.Haakon VII. bemühte sich um den Kontakt zur Bevölkerung, er reiste durch das Land und lernte Langlaufen, den norwegischen Nationalsport. Das eigene Königshaus war für die junge Nation ein Symbol der Souveränität des Landes. Das verstärkte sich, als Haakon VII. im Zweiten Weltkrieg beharrlich Widerstand gegen die deutschen Besetzer leistete.Das Königshaus blieb auch unter Haakons Nachfolger populär. Seinen Sohn Olav V. nannte man gar «Folkekonge», König des Volkes.Als der heutige König Harald 1991 den Thron bestieg, habe er «ein wenig Angst» gehabt, verriet er später. Denn die Fussstapfen des Vaters seien gross gewesen.1. König Harald und SonjaKönig Harald V. (89) und Königin Sonja (88) treten wegen ihres Alters und ihrer Gesundheit seltener öffentlich auf als früher.Mads Claus Rasmussen / Scanpix / ReutersDas heutige Königspaar Harald und Sonja musste sich schon früh behaupten. Ihre Liebesgeschichte galt zu Beginn als Skandal.Harald und Sonja lernten sich 1959 mit Anfang 20 an einer privaten Party in Oslo kennen. Er, der Prinz, sie, die bürgerliche Kaufmannstochter. Für Harald und Sonja war es Liebe auf den ersten Blick. Für Haralds Vater, König Olav V., war es eine unmögliche Liebe.Doch Kronprinz Harald hatte ein Druckmittel: Er war der einzige Sohn und somit der einzige Thronfolger von König Olav V. und Kronprinzessin Märtha. Er stellte seinem Vater ein Ultimatum: Sonja oder keine. Nach neun Jahren Wartezeit heirateten Harald und Sonja im Jahr 1968. Es folgten zwei Kinder: Prinzessin Märtha Louise (geboren 1971) und Kronprinz Haakon (geboren 1973).Die Heirat mit einer Bürgerlichen markierte einen Bruch mit der Tradition. Die Bevölkerung nahm den Wandel nach anfänglicher Skepsis wohlwollend auf. Harald machte sich einen Namen als bescheidener, volksnaher König und verkörperte ein modernes Königshaus. Etwa indem er 2016 in einer vielbeachteten Rede sagte: «Norweger sind Mädchen, die Mädchen lieben, Jungen, die Jungen lieben, und Jungen und Mädchen, die sich gegenseitig lieben. Norweger glauben an Gott, Allah, alles und nichts.»Das Königspaar Harald und Sonja erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit. Als vielleicht letzte Generation am norwegischen Hof.2. Kronprinz Haakon und Mette-MaritKronprinz Haakon und Kronprinzessin Mette-Marit am norwegischen Nationaltag, 17. Mai 2026. Mette-Marit leidet an einer Lungenfibrose und ist auf ein Sauerstoffgerät angewiesen.ImagoKronprinz Haakon ist der einzige Sohn des Königspaars und der zukünftige Thronfolger. Er und die bürgerliche Mutter Mette-Marit Tjessem Höiby lernten sich 1999 an einem Musikfestival kennen. Harald V. und Sonja ersparten ihrem Sohn den familiären Konflikt, den sie einst für ihre eigene Liebe hatten austragen müssen.Der Konflikt folgte dennoch, allerdings nicht innerhalb der Familie, sondern in der Öffentlichkeit. Für eine königliche Zukunft hatte Mette-Marit in den Augen vieler Norweger eine zu wilde Vergangenheit: Sie war alleinerziehende Mutter mit unehelichem Kind und häufig auf Partys unterwegs, an denen illegale Drogen konsumiert wurden. Sowohl ihr Vater wie auch zwei Ex-Partner waren verurteilte Straftäter.Der öffentliche Druck stieg derart, dass sich Mette-Marit 2001, drei Tage vor der Hochzeit mit dem Kronprinzen, an einer Pressekonferenz unter Tränen für ihre Vergangenheit entschuldigte. Sie versicherte der norwegischen Bevölkerung, dass sie Drogen verurteile und die Vergangenheit hinter sich lassen wolle.Es half wenig: 2001 sank die Unterstützung der Bevölkerung für die Monarchie zum ersten Mal seit 50 Jahren unter 80 Prozent. Laut einer repräsentativen Umfrage sprachen sich nur noch 59 Prozent der Bevölkerung für die Monarchie aus. Der Rückgang hatte auch mit Haakons älterer Schwester Märtha Louise zu tun.3. Prinzessin Märtha LouisePrinzessin Märtha Louise mit Durek Verrett am Geburtstag ihrer Nichte Prinzessin Ingrid im Jahr 2022.Lise Aserud / NTB / ImagoPrinzessin Märtha Louise ist das erstgeborene Kind von König Harald V. und Königin Sonja. Von allen königlichen Mitgliedern verdeutlicht ihre Geschichte das Spannungsfeld zwischen Krone und Normalität am stärksten.Wie Bruder und Vater verliebte sich auch Märtha Louise in einen Bürgerlichen, den umstrittenen norwegischen Künstler und Schriftsteller Ari Behn. König Harald und Königin Sonja akzeptierten die Partnerwahl, die Hochzeit folgte 2002. Märtha Louise, die sich nach einem normalen Leben sehnte, verzichtete fortan auf das Prädikat «Königliche Hoheit» und damit auf die sogenannten Apanagen, royale Gelder. Ihren Prinzessinnentitel behielt sie jedoch.2016 trennten sich Märtha Louise und Ari Behn, 2019 nahm sich Behn nach Jahren chronischer Depression das Leben. Im selben Jahr gab Märtha Louise ihre Beziehung zum selbsternannten Schamanen Durek Verrett bekannt. Die Beziehung geriet zum Medienspektakel, immer mehr Details zu Verrett kamen heraus, viele davon wenig schmeichelhaft. Trotz Segen des Königspaares für die Beziehung wurde der öffentliche Druck zu gross: Märtha Louise zog sich von ihrer Rolle im Königshaus zurück.Der Schaden aber war längst angerichtet. Zwar steht das Leben von Märtha Louise mit all den Brüchen mehr für gesellschaftliche Normalität als für das royale Idealbild. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – kann sich das Volk nicht mit ihr identifizieren. Nach der Hochzeit von Märtha Louise und Verrett sank die Zustimmung für die Monarchie auf 62 Prozent, nachdem sie sich in den Jahren zuvor stabil über 70 Prozent gehalten hatte.4. Thronfolgerin Ingrid AlexandraBesteigt Prinzessin Ingrid den Thron, wird sie als erste Frau Norwegen regieren.PPE/ImagoAngesichts aller Skandale setzt die Öffentlichkeit grosse Hoffnungen auf die nächste Generation. In der Thronfolge steht Haakons Tochter Prinzessin Ingrid Alexandra (geboren 2004) vor seinem Sohn Prinz Sverre Magnus (geboren 2005). Seit einer Reform im Jahr 1990 erbt in Norwegen das älteste Kind den Thron – unabhängig vom Geschlecht.Zunächst schien die Bereitschaft der neuen Generation gering, ihr Leben in den Dienst oder gar das Überleben der norwegischen Monarchie zu stellen. Sverre Magnus zog im Herbst 2025 nach Italien. Der Hof teilte im Oktober lapidar mit, er «erkunde verschiedene Möglichkeiten, unter anderem im Bereich Film und Fotografie». Ende Mai kehrte er schliesslich nach Norwegen zurück und hat seither seinen Vater zu einigen öffentlichen Auftritten begleitet.Ingrid wanderte im Herbst 2025 nach Australien aus, um internationale Beziehungen und politische Ökonomie zu studieren. Sie sucht nicht nach Aufmerksamkeit. Entsprechend unangenehm war ihr der Medienrummel rund um ihren Halbbruder und ihre Mutter. Anfang Februar beklagte sie sich auf Instagram über die Berichterstattung und kritisierte persönliche Angriffe auf ihre Familie. «Ich werde verrückt. Wann ist genug?», schrieb sie. Auch sie ist mittlerweile nach Norwegen zurückgekehrt und wird das kommende Herbstsemester an der Universität Oslo statt in Sydney absolvieren.Epilog: Warten auf das Urteil2022, noch vor den jüngsten Skandalen. Von links vorne: König Harald, Prinzessin Ingrid Alexandra und Königin Sonja, dahinter Marit Tjessem, die Mutter von Kronprinzessin Mette-Marit, daneben Kronprinzessin Mette-Marit, Kronprinz Haakon, Prinz Sverre Magnus und Marius Borg Höiby.Lise Aserud / ImagoBis heute liegt die Macht über Sein oder Nichtsein der Monarchie beim Parlament. Alle vier Jahre, jeweils zu Beginn der neuen Legislaturperiode, können Abgeordnete einen Antrag zur Abschaffung einreichen. Die letzte Abstimmung fand Anfang Februar statt – just nach Bekanntwerden der Epstein-Kontakte von Mette-Marit und zum Prozessauftakt von Höiby. Trotz dem grossen Aufruhr wollten 141 Abgeordnete an der Monarchie festhalten, nur 26 wollten sie abschaffen.In der Bevölkerung bröckelt der Zuspruch deutlicher. Die Unterstützung für eine Republik ist gemäss einer Umfrage der Tageszeitung «Verdens Gang» von 17 Prozent im Vorjahr auf 27 Prozent diesen Februar gestiegen. Jetzt wartet Norwegen auf das am 15. Juni erwartete Urteil im Prozess gegen Marius Borg Höiby, der zwar kein offizielles Mitglied des norwegischen Königshauses ist, aber trotzdem den Ruf der Royals ramponiert.Norwegens Monarchie ist geübt darin, Krisen auszusitzen. Die meisten Skandale der Vergangenheit wurden nach anfänglichem Medienrummel zur neuen Normalität. Das Königshaus musste bloss warten. Was wird es diesmal tun?Passend zum Artikel
Prozess gegen Marius Höiby: das norwegische Königshaus in der Krise
Anfang Jahr kam aus, dass die Kronprinzessin Mette-Marit jahrelang Kontakt mit Jeffrey Epstein pflegte. Am Montag folgt womöglich der nächste Tiefpunkt: Es fällt das Urteil im Vergewaltigungsprozess gegen Mette-Marits unehelichen Sohn Marius Höiby.















