Der Bote zwischen den Fronten: wie der russische Milliardär Roman Abramowitsch zum Vermittler im Ukraine-Krieg wurdeEr ist kein Politiker und kein Diplomat. Als Schattenkurier reiste Roman Abramowitsch kürzlich dennoch nach Kiew und kehrte mit einer Botschaft an Putin zurück. Wer ist der Mann, der seine Oligarchenkarriere mit dem Verkauf von Gummienten begann?15.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenRoman Abramowitsch bei den Istanbul-Gesprächen im März 2022.ImagoRoman Abramowitsch spricht nicht – zumindest nicht mit Journalisten. Er gibt sich zurückhaltend, verschwiegen, sitzt in der zweiten Reihe. So sah man ihn schon im März 2022 im Dolmabahce-Palast von Istanbul, als Russland und die Ukraine einen Frieden auszuhandeln versuchten. Knapp fünf Wochen zerstörte da die russische Armee in ihrem Nachbarland bereits Häuser, Leben, Gewissheiten. Abramowitsch, so hiess es damals aus dem Kreml, beteilige sich an der «Sicherstellung bestimmter Kontakte zwischen russischer und ukrainischer Seite». Kiew bezeichnete ihn als inoffiziellen Kommunikationskanal.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als solcher dient der 59-Jährige bis heute, auch wenn die russische Armee seit mittlerweile bald fünf Jahren die Ukraine bombardiert. Er ist der ominöse «russische Geschäftsmann», den Russlands Präsident Wladimir Putin vor einer Woche als Übermittler einer Botschaft aus Kiew erwähnt hatte. Darin hatte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski offenbar ein Gipfeltreffen zur Beendigung des Krieges vorgeschlagen. Putin wies das Ansinnen – nicht überraschend – zurück. Beide Seiten haben inzwischen bestätigt, dass Abramowitsch im Mai tatsächlich nach Kiew gereist war.Der Nichtpolitiker und Nichtdiplomat war wieder einmal als Schattenkurier des russischen Regimes im Einsatz, mit viel Vertrauensvorschuss auch aus Kiew.Vollwaise, der Putin möglich machteDer Mann, der in der Welt zu Hause ist, der seine sieben Kinder aus zwei Ehen in London und New York aufwachsen lässt, der neben seiner russischen auch die israelische und die portugiesische Staatsbürgerschaft besitzt, dürfte sich in seiner Rolle als Friedensengel vor allem um seine Pfründen sorgen. Die USA, die EU, Grossbritannien und weitere Länder haben Sanktionen gegen ihn erlassen. London zwang ihn letztlich, den britischen Fussballklub FC Chelsea zu verkaufen, den der Multimilliardär im Jahr 2003 erworben hatte. Abramowitsch versprach, den Erlös aus dem Verkauf, «allen Opfern der Ukraine» zu spenden. Bislang aber liegt das Geld auf einem eingefrorenen britischen Konto.Seine Jachten hat er vorsorglich in die Türkei gebracht. Hier, in Moskau und Tel Aviv soll er seit 2022 auch leben. Seine 140 Meter lange «Solaris» soll über ein militärisches Raketenabwehrsystem und einen sogenannten Radarblocker verfügen, heisst es in britischen Medien. Diese Lasertechnologie blendet gezielt die Linsen von Kameras in der Umgebung und «schiesst» mit Laser zurück. Damit macht sie Fotos von Paparazzi unmöglich und verweigert den Blick darauf, was an Bord geschieht. Auch deshalb bleibt Abramowitschs Gegenwart ein Rätsel.Abramowitschs 140 Meter lange Jacht «Solaris» vor Mugla, Türkei. Radarsysteme sollen Paparazzi-Bilder unmöglich machen.Ali Balli / Anadolu via GettySeine Vergangenheit lässt sich wie folgt erzählen: Aufgewachsen ist der Nachkomme sowjetischer Juden als Vollwaise bei verschiedenen Onkeln im Nordwesten Russlands. Seine Mutter starb, als der kleine Roma, wie sein Name im Russischen abgekürzt wird, 18 Monate alt war. Zweieinhalb Jahre später verunfallte sein Vater auf dem Bau. Abramowitsch zog mit 8 zu einem nächsten Onkel nach Moskau. In der sowjetischen Hauptstadt studierte er später Ingenieurwissenschaften.Als 21-Jähriger – da hatte die Sowjetunion sich vorsichtig zu öffnen begonnen – gründete er sein erstes «Bisnes», wie Russen für «Geschäfte» sagen: Er startete mit dem Verkauf von Gummienten und Fussbällen. Mit Beteiligungen an Stahl-, Öl- und Bergbaufirmen machte er später sein milliardenschweres Vermögen – und war auch im Kreml unter dem ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin ein gern gesehener Gast.Ende der neunziger Jahre war er, samt Jelzins Tochter Tatjana, deren Ehemann Walentin Jumaschew und anderen Oligarchen wie Oleg Deripaska, Boris Beresowski, Wladimir Potanin, Teil von Jelzins «semja» (Familie), eines informellen Machtzirkels, ohne den sich keine Politik in Russland machen liess. Diese «Familie» suchte für Jelzin schliesslich einen vermeintlich leicht manipulierbaren Nachfolger und fand ihn im damals blass wirkenden Geheimdienstchef Wladimir Putin.Seit Jahrzehnten loyal: Roman Abramowitsch bespricht sich im Jahr 2005 im Kreml mit Wladimir Putin.Presidential Press Service via KeystoneDer «Gott» von TschukotkaPutin vereinnahmte Abramowitsch sogleich auch politisch und verpflichtete den Tycoon von 2000 bis 2008 als Gouverneur von Tschukotka, einer abgelegenen, wirtschaftlich darniederliegenden Halbinsel an der Grenze zu Alaska. Hier sollte Abramowitsch auch finanziell eingreifen, was der in armen Verhältnissen Aufgewachsene auch tat, auch wenn er sich nicht besonders oft in der Region zeigte. Geliebt wurde er von den Bewohnern dort trotzdem.Bis heute erzählen die Menschen, selbst wenn sie nicht mehr in Tschukotka leben, von den goldenen Zeiten unter Abramowitsch. «Gott» nannten sie den damaligen Jüngling, dafür, dass er Lebensmittel, kanadische Fertighäuser und Treibstoff für sie einschiffte und ihre Kinder in den Schulferien ans Schwarze Meer fliegen liess. Tschukotka gedieh und fiel wieder in den wirtschaftlichen Tiefschlaf, sobald Abramowitsch sein Amt niederlegen durfte.Im Gegensatz zu Beresowski, der 2013 unter mysteriösen Umständen in London starb, oder auch Michail Chodorkowski, der unter Putin jahrelang im Gefängnis sass und mittlerweile aus seinem britischen Exil heraus den Widerstand gegen das Putin-Regime mitfinanziert, stellte sich Abramowitsch nie gegen den Herrscher im Kreml.Seiner zweiten Frau Dascha Schukowa – mittlerweile sind sie geschieden – schenkte er mitten im Moskauer Gorki-Park die von Rem Koolhaas gebaute «Garage», ein für seine Ausstellungen zeitgenössischer Kunst bekannt gewordenes Museum. Mit ihr, die in den USA aufgewachsen ist, präsentierte er sich als Kunstmäzen und Philanthrop. «Garage» stellte 2022 alle Ausstellungen mit der Begründung ein, man wolle nicht vorgeben, alles sei normal. Das Haus ist weiterhin geöffnet, bleibt aber mit dem immer leerer werdenden Buchladen und einem teuren Café eine kunstvolle Hülle. Das Regime lässt es bislang in Ruhe.Putin schätzt die Loyalität des Mannes, der das Leben im Westen kennt und keine offene Kritik gegen Moskau äussert. Abramowitsch lebt die Verschwiegenheit, die ihn gross machte. Diese Diskretion scheint auch der Ukraine zu passen, Kiew hält ihn für einen nützlichen Kanal in den Kreml. Es soll Selenski selbst gewesen sein, so hiess es aus dem ukrainischen Präsidentenbüro, der bereits im Februar 2022 Abramowitsch um Vermittlung bat. Da hatten russische Panzer die Grenze zur Ukraine vor wenigen Stunden passiert.Passend zum Artikel