Jeff Koons' EröffungsredeJeff Koons hat auch schon mal für die Wieder Staatsoper den Eisernen Vorhang gestaltet. Hier sieht man ihm mit seinem Rabbit-Objekt 2019 im Ashmolean Museum in Oxford. Matt Crossick/imago/PA ImagesOffenbar hat Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, eine neue Tradition begründet, als sie im vergangenen Sommer zum Jubiläum „150 Jahre Münchner Opernfestspiele“ die Festrede hielt und die Kunst als „höchste Form der Hoffnung“ in herausfordernden Zeiten pries. Mit Kunst und Finanzen kennt sich auch der Ehrengast beim Eröffnungsabend 2026 bestens aus. Jeff Koons war mal als Broker an der Wall Street tätig, ehe er den Kunstbetrieb aufmischte und mit seinen Hasen-Figuren und Riesenpudeln Rekorderlöse erzielte.Was dieser Universalkünstler nun zum Kulturgut Oper zu sagen hat? Man sollte es sich anhören am 20. Juni, 20 Uhr, im Prinzregententheater. Immerhin, einen München-Bezug kann Jeff Koons auch vorweisen: Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger hatte er eine Wohnung in der Münchner Knöbelstraße gemietet. Und der gemeinsame Sohn mit seiner damaligen Ehefrau, Ex-Porno-Diva Ilona Staller alias Cicciolina, trägt den vom bayerischen Königtum inspirierten Namen Ludwig Maximilian.Premieren-FieberDa guckt er grimmig aus seinem einen Auge: Wotan (Nicholas Brownlee) in Wagners „Rheingold“, hier mit Claudia Mahnke als Fricka. jetzt kehren die beiden in Tobias Kratzers Neuproduktion der „Walküre“ zurück, Brownlee wieder als Göttervater, Mezzosopranistin Mahnke diesmal als Waltraute. Geoffroy SchiedMan stellt sich Rainer Sellmaier als ziemlichen Nerd vor, der mit seiner Detailversessenheit allen auf die Nerven geht. Wer bitte von den 2101 Menschen im voll besetzten Münchner Nationaltheater hat – selbst mit dem fokussiertesten Opernfernglas – erkennen können, dass da auf dem Messi-Schreibtisch in Alberichs zugerümpelter Waffenlager-Garage ein leer gefressener Becher Instant-Nudelsuppe, Geschmacksrichtung Chicken, steht? Niemand.Und doch hatten diese scheinbar unbedeutenden Dinge in Sellmaiers Bühnenbild enorm zur atmosphärischen Wirkung von Tobias Kratzers „Rheingold“ beigetragen, subkutan quasi. Natürlich waren auch die gotische Kathedralenhalle, die Buntglasfenster, der Altar große Klasse!Spätestens am Premierenabend (25. Juni) wird das Publikum wissen, was sich der gebürtige Münchner Sellmaier als Kulissen für Kratzers „Walküre“ hat einfallen lassen. Wie wird Hundings Hütte aussehen, wo sich Wotans Zwillinge Siegmund und Sieglinde wiedertreffen? Holzgetäfelter „Spießer“-Charme? Wo werden die Walküren die gefallenen Krieger aufbahren? Warum nicht gleich die Walhalla nachbauen? Gibt es wieder diese großartigen Videos? Die Erwartungen jedenfalls sind riesig, was Tobias Kratzers nächsten Wagner-Streich angeht, bei dem Vladimir Jurowski wieder am Pult steht und der großartige Nicholas Brownlee erneut Wotans geflügelten Helm aufsetzen wird. Aktuell sind alle „Walküre“-Karten weg, aber echte Wagner-Fans geben nie auf.Jeanine De Bique bei der Verleihung des Opus Klassik Award 2022 im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt. Rainer Keuenhof/Imago/ManngoldDas gilt ja auch für die Freunde der Barockmusik, die in den Jahren der Intendanz von Sir Peter Jonas großzügigst verwöhnt wurden, seither aber darben müssen. Wenn dann aber hin und wieder eine Barock-Perle wie jetzt Händels „Alcina“ im Spielplan auftaucht (oder „Semele“ im kommenden September), dann ist der Run auf Karten umso größer. Womöglich wird man Barock-Enthusiastin Donna Leon bei der „Alcina“-Premiere am 13. Juli im Prinzregententheater sehen. Zu Sir Peters Zeiten hatte die Autorin gewiss ein Abo fürs Münchner Haus.Johanna Wehners „Alcina“-Inszenierung ist die zweite Neuproduktion dieser Opernfestspiele. Auf ihrer Zauberinsel regiert die wunderbare Jeanine De Bique in der Titelpartie. Countertenor John Holiday, der an der Bayerischen Staatsoper unter anderem bereits als Nerone in „Agrippina“ und zuletzt als schillernder Prinz Orlofsky in Barrie Koskys „Fledermaus“ gefiel, singt den Ruggiero. Mit dabei sind auch Tenor Julian Prégardien als Oronte und der junge Bariton Gerrit Illenberger als Melisso.Die BühnenstarsSchädelstätte: Saioa Hernández als Lady Macbeth 2026 in Martin Kušejs Inszenierungs der Verdi-Oper. Bei den Festspielen wird Asmik Grigorian den Part übernehmen. Geoffroy SchiedManchmal genügt ein schicksalhafter Auftritt, und die Weltkarriere nimmt Fahrt auf, nach Jahren harten Rackerns auf der Sänger-Galeere. Bei Anna Netrebko (sie kommt 2027 zu den Opernfestspielen) war es ihre „Traviata“ in Salzburg. Für die litauische Sopranistin Asmik Grigorian kam 2018 der Durchbruch, ebenfalls bei den Salzburger Festspielen, mit ihrer fantastischen „Salome“. In München wird die Sängerin in diesem Sommer als Lady Macbeth über Hügel aus weißen Totenschädeln balancieren – in Martin Zehetgrubers einprägsamem Bühnenbild zu Martin Kušejs Inszenierung von 2008 (2. und 5. Juli).Im Labyrinth: Zehn Tonnen schwer ist dieses Kletter-Gerüst aus Plexiglas, Metallstreben und Leuchtstoffröhren, das Bühnenbildnerin Rebecca Ringst für Calixto Bieitos „Fidelio“-Inszenierung entworfen hat. Geoffroy SchiedApropos Szenario: Die New Yorker Met hat „The Maschine“, so nennt man dort das furchterregende, diverse Störgeräusche und Sängerstürze verursachende, computergesteuerte Monsterbühnenteil in der „Walküre“. Die Bayerische Staatsoper kann da fast mithalten mit dem zehn Tonnen schweren Kletter-Labyrinth aus Metallstangen, Plexiglas und Leuchtstoffröhren als eigentlichem Star in Calixto Bieitos „Fidelio“, das bei diesen Festspielen zur sportlichen Herausforderung wird für Matthew Polenzani als Florestan und Camilla Nylund, die ihn als Gattin Leonore aus dem Kerker raushauen wird (12., 15. und 18. Juli).Liegt auf Kohlen: Vera-Lotte Boecker (vorne) als Mary Queen of Scots in der Oper „Of One Blood“. Das spektakuläre Bühnenbild stammt von Etienne Pluss. Monika RittershausEindrucksvoll sind auch Etienne Pluss' Kulissen im Königinnendrama „Of One Blood“. Wer den ersten Durchlauf dieses Auftragswerks des autralischen Komponisten Brett Dean im Mai verpasst hat, sollte sich in den Festspielvorstellungen (27. und 29. Juni) unbedingt ansehen, wie sich Vera-Lotte Boecker als Mary Queen of Scots durch ein Bassin aus Kohle kämpft (27. und 29. Juni).Pure LiederNur mit Klavierbegleitung: Wie schon 2024 gibt Starsopranistin Asmik Grigorian einen Festspiel-Liederabend. Wilfried HöslZwei Menschen, ein Klavier. Mehr braucht’s nicht, wenn Sängerinnen und Sänger das Liedgut pflegen. Jonas Kaufmann, der auch heuer wieder mit seinem Pianisten, dem großen Helmut Deutsch, einen Festspielabend bestreitet (13. Juli), nannte den Liedgesang einmal die „Königsdisziplin“. Asmik Grigorian, die am 15. Juli im Prinzregententheater unter anderem Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ singt, wird ihm da wohl beipflichten. Ebenso die anderen Liedkünstler in diesem Festspielsommer: Bariton Ludovic Tézier am 20. Juli, Sopranistin Diana Damrau am 22. Juli und Christian Gerhaher mit seinen beiden Abenden am 26. und 27. Juli, natürlich begleitet von Pianist Gerold Huber.Eine wahre Freude für alle: Wenn Jonas Kaufmann und sein langjähriger Partner und einstiger Professor Helmut Deutsch gemeinsam auftreten, überträgt sich ihre Freude am gemeinsamen Musizieren. Geoffroy SchiedDer Festspiel-TanzCarollina Bastos und Ariel Merkuri bei der Premiere von „Shutters Shut“, jetzt ist das Stück von Sol León und Paul Lightfoot wieder zu erleben. Katja LotterOper und Tanz. Ein besonderer Abend führt beides zusammen, wenn im Brainlab am 18. Juni „Techno Queen“ Premiere feiert: ein Electro(melo)drama mit Ausschnitten aus Opern von Gaetano Donizetti zu Techno-Musik. Idee und Regie stammen von Francesco Micheli, choreographiert hat die junge Münchnerin Sophie Haydee Colindres Zühlke, die schon im Volkstheater gemeinsam mit Serhat „Saïd“ Perhat sehr eindrucksvoll Breakdance und zeitgenössischen Tanz zusammengebracht hat.Sechs Kurzballette von namhaften Choreografinnen und Choreografen an einem Abend: Wie diese zusammenwirken, zeigt das Bayerische Staatsballett in „Konstellationen“, Premiere ist am 18. Juni. Überhaupt kommt der Tanz bei diesen Festspielen nicht zu kurz, die großen Triples der jüngsten Zeit – „Common Ground“ und „Waves and Circles“ – sind ebenso zu sehen wie John Neumeiers „Kameliendame“ und Angelin Preljocajs „Le Parc“.30 Jahre Oper für alleZum Jubiläum auf den neuen Platz: Im vergangenen Jahr hatten es sich die Fans von Oper für alle auf dem Marstallplatz gemütlich gemacht, am 4. Juli geht es zurück auf den inzwischen umgestalteten Max-Joseph-Platz. Geoffroy SchiedAuch ein Jubiläum gibt es zu feiern: die 30. Ausgabe von „Oper für alle“: Am 4. Juli laden die Bayerische Staatsoper und Sponsor BMW auf den neugestalteten Max-Joseph-Platz, der hoffentlich auch hinterher noch so schön aufgeräumt aussieht. Bei freiem Eintritt kann sich das Publikum dort die „Walküre“ gönnen, was ja angesichts der ausverkauften Vorstellungen eine ziemlich gute Fügung ist, nicht nur für Wagnerianer. Moderiert wird der Abend wie in den vergangenen Jahren von Steven Gätjen.Wieder dabei: Was wird Moderator Steven Gaetjen zur Walküre einfallen, die diesmal bei Oper für alle aus dem ausverkauften Haus übertragen wird? Geoffroy SchiedDie Apollon FoyersHereinspaziert, in die Apollon Foyers! Jeden Freitag öffnet die Staatsoper ihr Vorderhaus für Besucher. Geoffroy SchiedTomatenrote Schilder mit zackigen schwarzen, geflügelten Löwen darauf weisen den Weg zu den Apollon Foyers: Die Staatsoper hat ihr imposantes Vorderhaus geöffnet. Jeweils freitags von 10 bis 17 Uhr (außer in der spielfreien Zeit) kann jeder dort kostenlos über die Freitreppen hinauf in die Prunksäle schreiten, die abgetrennt sind von den Foyers der Hauptränge, schließlich will man ja nicht, dass jemand dort herumturnt oder gegebenenfalls Bühnenproben stört.Das Nationaltheater ist zum „Dritten Ort“ geworden, bittet die Stadtgesellschaft herein mit diesem Pilotprojekt, das von der Beisheim Stiftung unterstützt wird. Denn einen mit Steuergeldern unterhaltenen, großartigen Riesenbbeau wie die Staatsoper nur in den Abendstunden für zahlendes Publikum aufzusperren, ist imagemäßig auf Dauer ziemlicher Irrsinn. Wer sich ein Publikum für die Zukunft sichern will, muss seinen Laden zeigen.Wer also freitags etwa am frühen Nachmittag durchs Nationaltheater schlendert, sieht Menschen in der Rheingoldbar einen Pausen-Kaffee oder einen frühen Weißwein trinken, trifft auf Touristen, die im Kostümfundus nach einem flamboyanten Fummel fürs Instafoto greifen. Begegnet Menschen mit Kopfhörern (auf unterschiedlichen Kanälen gibt es „Fledermaus“, Beethoven oder etwas für Kinder) an den Büsten von Verdi oder Puccini vorbeilaufen oder einfach auf einem der Sitzmöbel diesen schönen Ort bestaunen. Und vielleicht den nächsten Opernbesuch planen.KartenA bisserl was geht oiwei, sagt man in München. Man kann sich mit Suchkärtchen vors Nationaltheater stellen, aber auch an der Tageskasse und Online kommt der Opernfan noch während der Festspiele an Karten. Stephan RumpfEs gibt Rentner, Studierende oder Lokführer, die zwei- bis dreimal die Woche in die Oper gehen. Menschen, die auf ihr Geld achten müssen und sich dieses Vergnügen gewiss nicht leisten könnten, wenn irgendetwas dran wäre an dem Vorurteil: Oper ist elitär, nur was für den dicken Geldbeutel. Man kann gegen derlei Bedenken gebetsmühlenartig Einwände erheben, zum Vergleich auf die Preise für Pop- und Stadion-Konzerte, Clubs oder Kinokarten verweisen, abwinken, genervt die Augen verdrehen.Fakt ist: Für junge Menschen etwa gibt es die U 30 Karten, die Staatsoper bietet Ermäßigungen für Kinder, Familienvorstellungen, die Monatskarte, Angebote für Menschen mit Behinderung und ihre Begleitung, für Menschen mit Sozialpass oder Geflüchtete.Und alle, die sich beizeiten informieren und kümmern, kommen ohne Weiteres an einen guten Sitzplatz auch für 14 oder 15 Euro, selbst für die Festspiel-Abende ist da noch eine ganze Menge möglich. Für begehrte Vorstellungen geht auch online an der Kartenbörse der Staatsoper oft noch was. Und Verzweifelte, die sich auf gut Glück mit einem Schildchen „Suche Karte“ vors Nationaltheater stellen, haben schon die nettesten Bekanntschaften gemacht. Kurzum, es gibt einfach keine Ausrede, Oper nicht zu genießen.Münchner Opernfestspiele, vom 18. Juni bis 31. Juli, Infos zu den Kartenangeboten und auch zu den Festspiel-Fokus-Terminen (Vorträge) unter www.staatsoper.de
München: Was bei den Opernfestspiele 2026 geboten ist
Wagners „Ring“ geht in die zweite Runde, Asmik Grigorian und Jonas Kaufmann verbreiten Star-Glanz und „Oper für alle“ wird 30. Was die Münchner Opernfestspiele in diesem Jahr sonst noch zu bieten haben.







