G-7 in Genf: «Wir gegen die anderen» – bis das erste Auto brenntBis zu 50 000 Menschen protestieren in Genf gegen den G-7-Gipfel im nahen französischen Évian. Vereint sind sie weniger durch eine Idee oder Vision, vielmehr durch einen gemeinsamen Feind.14.06.2026, 18.03 Uhr5 LeseminutenIn Genf haben sich am Sonntag Tausende von Demonstranten versammelt, um gegen den G-7-Gipfel, der ab Montag in Évian stattfindet, zu protestieren.Jean-Christophe Bott / KeystoneBöses entsteht fast immer aus guten Absichten. Am Sonntag, dem 14. Juni 2026, rufen rund sechzig zivile Organisationen zum Protest nach Genf; sie nennen sich «No G-7»-Koalition, und sie prangern an, was Linke schon seit je anprangern: Die Reichen seien zu reich (das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt fast die Hälfte des weltweiten Vermögens), Kapitalismus zerstöre die Umwelt und damit die Lebensgrundlage aller Menschen, dazu gebe es ein Wettrüsten, und stets gehe das Recht des (Wirtschafts-)Stärkeren zulasten der Schwachen. Sie sagen, sie setzten sich ein für mehr Gerechtigkeit, mehr Miteinander und Gemeinschaft, gegen Rassismus, Islamophobie, Ausgrenzung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zusammenhalt und mehr Wir-Gefühl in einer Gesellschaft, dazu Gleichheit in den Rechten statt ein Gegeneinander – eigentlich sind das erstrebenswerte Ziele. Das Problem: Die Geschichte der Anti-G-7- beziehungsweise Anti-G-8-Proteste, bei denen sich Zehntausende gegen das Gipfeltreffen der sieben stärksten demokratischen Industrienationen versammeln, ist auch eine Geschichte der Gewalt – nicht nur, aber auch in Genf. Schon 2003 war die Rede von guten Dingen, hehren Zielen, einer besseren Welt. Während der Proteste dann: Molotowcocktails, Verletzte, zerstörte Fensterscheiben, verwüstete Geschäfte, brennende Autos.Mehr als 50 000 Demonstranten blieben damals friedlich, sie demonstrierten gewaltfrei. Doch in der Bugwelle der Proteste stürmten Vermummte in die Stadt – aufgeladen mit der Überzeugung moralischer Überlegenheit, entschieden sie sich für Gewalt.Heute, 13 Jahre später, sind die Schreinereien in und um Genf ausgebucht, Holz ist ein knapper Rohstoff, die meisten Läden, Boutiquen und auch viele Restaurants und Hotels haben ihre Fenster und Eingänge verbarrikadiert – wer zu spät war für Holz, behalf sich mit Bauzäunen. Wer sich weder Holz noch Bauzäune leisten kann, schreibt Zettel in verschiedenen Sprachen und hängt sie an die Ladenfenster: «Wir sind ein kleiner Familienbetrieb», steht dann da. Oder: «Das Fenster ist das Ergebnis von hart arbeitenden Händen. Bitte verschont es.» Immer wieder auch die Botschaft: «Wir sind kein G-7, wir sind keine Bank, wir sind kein multinationaler Konzern.»«Wir sind die Guten», soll das wohl heissen. Als wäre es okay, Geschäfte zu demolieren, nur weil sie über viele Jahrzehnte gewachsen und zum Konzern geworden sind. Das schreiben die Kleinunternehmen nicht, und sehr wahrscheinlich meinen sie das auch nicht. Aber es zeigt, welche Einstellung so oft entsteht, wenn Angst wuchert: Es gibt plötzlich ein «wir» und ein «die anderen» – und besser, es trifft die anderen.Wo Cafés und Geschäfte geöffnet haben, wird man häufig schon nach der Grussformel gefragt: «Was bringt dich hierher, ausgerechnet jetzt?» Anti-G-7, so klingt es, wer will denn da bitte in Genf verweilen? «Es ist Chaos», sagt Louise, eine Hotelangestellte.Höchste Sicherheitsvorkehrungen sollen Vandalenakte wie im Jahr 2003 verhindern: Polizisten kontrollieren am Sonntag am Rand der Demonstration in Genf einen Velofahrer.Jean-Christophe Bott / KeystoneAn der Demonstration sind viele junge Menschen vertreten. Zu grossen Teilen gleicht der Protestzug einer friedlichen Party – wären da nicht die Sticheleien der Vermummten.Cyril Zingaro / EPA14 Uhr am Parc de La Perle du Lac in Genf, eine Stunde bevor hier die angekündigte Grossdemonstration beginnt: Junge Leute spielen Fussball, liegen auf Picknickdecken im Gras, unterhalten sich, lesen, manche trinken Bier, andere Mate, dahinter auf dem See fahren Stand-up-Paddler – ein ganz normaler Sommertag in Genf. Eigentlich. Aber da sind eben auch andere: Mehrere Dutzend Personen vermummen sich mit Schal oder Palästinensertuch. Eine Gruppe schwenkt die rote Flagge der alten Sowjetunion mit goldenem Hammer und Sichel. Eine Frau sitzt am See, neben ihr ein Schild – «Eat the Rich», der Klassiker.Gestern Abend haben die Protestanten noch Party gefeiert, mit DJ und lauter Musik; seit Tagen teilen sie an Stationen in der Stadt Mittagessen aus, selbst gekocht, auf Spendenbasis finanziert von Privatpersonen oder von Landwirten in der Region. Es sind vor allem junge Menschen, die hier zusammenkommen wie zu einem Festival – gute Laune, Musik, viel Gelächter, währenddessen immer wieder Social-Media-Postings, die dazu aufrufen, ruhig zu bleiben und nicht zu Gewalt zu greifen. Zusammenhalt, das ist die eine Seite.Die andere Seite: Seit Tagen wird in Telegram-Channels eine Version von Ordnungskräften und Polizei skizziert, in der von «Schikane» die Rede ist, von «Repressionen», und in der über die Gefahr von «Schlagstöcken» spekuliert wird. Auch Statements der Anti-G-7-Koalition lesen sich eher wie ein Pamphlet der Ausgrenzung: Politik, Wirtschaft, Medien, alle seien Teil des Systems einer «vom Grosskapital orchestrierten und von den Medien geschürten Panik». Statt des vielbeschworenen Zusammenhalts in einer gemeinsamen Welt ist da wieder ein «wir» und ein «die anderen».Die G-7-Gegner sind keine einheitliche Gruppe, sie sind ein Zusammenschluss von vielen. «G-7 oder G-8, das Ganze ist mir eigentlich völlig egal. Aber Palästina! Meine Brüder werden abgeschlachtet», sagt Saad Yahgi, «da nutzen wir diese Sache hier als Plattform. Wir wollen gehört werden!» Nur ein paar Meter weiter sagt Alina Siebzger, sie könne mit «diesem ‹Pro Palästina›» nur wenig anfangen, sie habe viele jüdische Freunde, bekomme bei zu einfachen Aussagen «immer Bauchschmerzen» und sei aus einem ganz anderen Grund hier: «Schau dir doch G-7 an», sagt sie, «das ist ein Männerklub.» Dagegen wolle sie aufstehen. Sarah, «einfach nur Sarah», sagt, sie protestiere gegen das System. «G-7 ist der Klub der Luxusuhrenträger», sagt sie, «aber wie kann es gerecht sein, dass Leute Uhren tragen, die Zehntausende Dollar kosten, während ein grosser Teil der Welt hungert?» Sie sagt, sie verteidige nicht, was 2003 passiert sei, aber «bei diesem System, das macht mich auch so wütend», sagt sie, daher könne sie es «ein bisschen verstehen».«Eure Feinde kommen nicht per Boot, sondern per Privatjet»: Eine Teilnehmerin der Anti-G-7-Demonstration sitzt mit ihrem Schild am Genfersee.Laurent Cipriani / APGewerkschafter, Universitätsdozenten, Handwerker: Die G-7-Gegner sind keine einheitliche Gruppe, sie sind ein Zusammenschluss von vielen.Martial Trezzini / KeystoneVon radikalen Kommunisten über Gewerkschafter, vom Universitätsdozenten bis zum Handwerker oder Arbeitslosen finden sich hier viele Lebenswege – und nur wenig verbindet eine Gemeinschaft grundverschiedener Menschen so gut wie ein gemeinsamer Feind.15 Uhr 30, mehrere tausend Menschen bewegen sich als Protestzug vom Parc Mon Repos in Richtung Innenstadt. «Alerta, Alerta, Alerta Feminista», der Frauenstreik führt den Protest an. Einige hundert Meter weiter entfernt reissen Vermummte einen der Bauzäune ein, welche die Stossrichtung des Demonstrationszugs eingrenzen sollen; die ersten kleinen Sticheleien. Zwei Mannschaftsbusse mit Polizei kommen. Die Vermummten verschwinden, andere kommen, etwa zwanzig Handys werden den Polizisten entgegengestreckt.Über Social Media wird aus solchen Szenen allzu schnell ein falscher Beweis: «Wir» dokumentieren, was «die anderen» tun. Ein Bild zeigt dabei aber niemals die Wirklichkeit, selten, was vorher geschah, immer nur den einen Ausschnitt des einzelnen Augenblicks, von dem jemand entschieden hat: Genau das soll die Welt da draussen sehen. Dass man sich auf Bilder allein niemals verlassen kann, ist in Zeiten von KI nur vermeintlich neu.Lange verläuft der Tag friedlich, die Leute singen, klatschen, rufen und sind gut gelaunt. Genf hätte sich gewünscht, dass der restliche Tag und sowieso die verbleibenden Tage des G-7-Gipfels genau so ruhig bleiben würden.Doch noch vor 17 Uhr brennt das erste Auto. Vermummte übernehmen die Regie. Es geht los.Ein Grossaufgebot von Einsatzkräften begleitet den Demonstrationszug. Die Polizei zeigt Präsenz, hält sich bis anhin jedoch im Hintergrund.Jean-Christophe Bott / KeystoneEin brennendes Auto am Rande der Demonstration in Genf.Baz Ratner / AP
G-7 in Genf: «Wir gegen die anderen» – bis das erste Auto brennt
Bis zu 50 000 Menschen protestieren in Genf gegen den G-7-Gipfel im nahen französischen Évian. Vereint sind sie weniger durch eine Idee oder Vision, vielmehr durch einen gemeinsamen Feind.
50.000 Demonstranten protestieren in Genf gegen den G-7-Gipfel; historisch führen solche Proteste zu Gewalt (2003: brennende Autos, zerstörte Läden). Unter dem Narrativ «Wir gegen die anderen» zeigt sich, wie moralische Überzeugung Polarisierung in der Gesellschaft verstärkt.










