Es besteht eine Diskrepanz, wenn der Vereinspräsident von einer „absoluten Erfolgsgeschichte“ spricht. Und Fans eher so: Oh nein, und wer soll jetzt die Tore schießen? Oder, was bei Anhängern von Darmstadt 98 noch immer oft mitschwingt: Wir dachten, wir sind anders – nicht so kühl rational und geschäftsmäßig unterwegs.Die „Lilien“ haben an den vergangenen beiden Junimontagen ihre beiden treffsichersten Spieler, ihr erfolgreiches Sturm-Duo, verkauft. Fraser Hornby und Isac Lidberg zeichneten in der abgelaufenen Zweitligarunde gemeinsam für 28 der 57 SVD-Tore verantwortlich, dazu bereiteten sie zwölf weitere Treffer vor. Für den Schotten und den Schweden bekamen die „Lilien“ nun aus Wolfsburg und Mönchengladbach dem Vernehmen nach etwa siebeneinhalb Millionen Euro überwiesen. Eine stolze Summe, die sich durch Boni noch erhöhen könnte.Noch nie in der Vereinsgeschichte haben die Darmstädter in einer Transferperiode mehr Einnahmen generiert. Was Präsident Markus Pfitzner für ebenjene „absolute Erfolgsgeschichte“ hält und Geschäftsführer Sport Paul Fernie meint, wenn er von „zum richtigen Zeitpunkt mit Freude verkaufen“ spricht.Das stößt so manchem Fan übel auf. Warum nur können die ihre so augenscheinlich super funktionierenden Topspieler nicht halten? Weil es so nicht läuft in dieser Branche. Weil es nicht gut ausgeht, wenn Vereine ihre reale oder vermeintliche Andersartigkeit zu kultivieren versuchen. Auch in Darmstadt wird trotz aller Spezifika des Standorts schon längst mitgespielt und nicht gegengehalten, was die Mechanismen des Marktes betrifft.Stürmt jetzt in Norddeutschland: Fraser Hornby wechselt nach Wolfsburg.dpaHornby und Lidberg haben, wenn man so will, ihren Teil des Deals mit Darmstadt erfüllt: sehr gut gespielt, sich sichtbar weiterentwickelt (aber auch den südhessischen Standortnachteil gespürt, dass sie nicht oder kaum in den Blickpunkt ihrer jeweiligen Nationaltrainer geraten sind). Die „Lilien“ haben ihrerseits von der gemeinsamen Reise auf Zeit profitiert und können natürlich nicht mithalten, wenn ihre Angestellten anderswo künftig siebenstellig verdienen können. Aber sie können vorher noch siebenstellig kassieren.Die Transfers zeigen: Das Prestige in der Branche ist gewachsenUnd so sind die finanziell hoch vergoltenen Abgänge von Lidberg und Hornby weitaus mehr eine „absolute Erfolgsgeschichte“ denn eine schmerzliche Verlustmeldung. Denn mehr als nur ein Beifang zur Millioneneinnahme ist: Prestige und Anerkennung wachsen, und die Wahrscheinlichkeit steigt, die nächsten und übernächsten Hornbys und Lidbergs ans Böllenfalltor locken zu können. Zumal die „Lilien“ sich in einem Konkurrenzfeld mit reichlich anderen Vereinen, die mit ähnlichen Budgetgrenzen im selben Teich fischen, befinden. Da als südhessisches Sprungbrett mit besten Karrierechancen zu gelten, kann bei Transferbemühungen den Unterschied machen.Die Darmstädter haben zudem (infra-)strukturell rund um das Stadion und personell in der Führungsriege stabile, zukunftstaugliche Verhältnisse geschaffen. Auch der flüssige wie geräuschlose Übergang an der Vereinsspitze nach der Ära Rüdiger Fritsch ist eine Leistung.Die „Lilien“ haben die Rahmenbedingungen dafür, aufstrebende Spieler aufzuspüren, sie von einem Wechsel zu überzeugen und ihnen eine gute Bühne zu bieten. Und werden – das war bis vor Kurzem noch anders – auch zunehmend gute Verkäufer. Anders geht es (noch) nicht.