Günther Stiller mäht die Streuobstwiese unter dem Speierling. Der Viertaktmotor des Freischneiders dröhnt. Um das Gerät an den beiden Handgriffen stabil zu halten, hat der 90 Jahre alte Mann es in einen Bauch- und Schultergurt gehakt. Seine Arbeitskleidung besteht aus Jeans, Pulli und Ohrenschützern. Stiller ist schmal und kräftig. Die Halme ragen ihm bis zum Hals. Meter für Meter kappt die Honda-Sense sie knapp über dem Boden. Stiller schiebt das Gras beiseite. Es riecht satt und saftig.Ein paar Meter weiter hat der 73 Jahre alte Georg Stammler sein eigenes Mähgerät ausgeschaltet und den Gehörschutz abgesetzt. Vom Wegesrand betrachtet er Stiller und sagt: „Ich bin sein Eckermann.“ Stammler meint Goethes Assistenten und Vertrauten. Äckermann würde es auch treffen. Das Getreidefeld neben der Streuobstwiese schimmert grün, blau und rot: Ähren, Kornblumen, Mohn. Seit Jahrzehnten pflegen die beiden zusammen insgesamt anderthalb Hektar Streuobstwiesen im Taunus, ein paar eigene, vor allem aber fremde. Sie mähen, ernten und sägen nach der Verabredung „Pflege gegen Ernte“.An diesem Junitag kümmern sich Stammler und Stiller um ein Flurstück nahe der Ausflugsgaststätte Rote Mühle. Auch Stiller hat den Freischneider jetzt ausgeschaltet. Die Wiese liege auf Bad Sodener Gemarkung, gehöre aber der Stadt Kelkheim, berichtet er. Im Herbst werden sie wieder Äpfel zu einer Kelterei in Kronberg bringen. Statt 20 Euro je 100 Kilogramm Obst erhalten sie dort Apfelsaft zum halben Preis, so viel sie wollen. Stiller rührt Müsli darin an, Stammler kühlt damit Tee. Auch für Apfelwein könnten sie das Angebot nutzen, aber: „Wir sind eher Safttrinker.“Tanken für fünf Stunden Arbeit: Georg Stammler und Günther Stiller mit ihre MotorsensenMaximilian von LachnerEigentlich gehe es ihnen jedoch um etwas anderes. „Wir arbeiten für die Pflege einer Kulturlandschaft“, sagt Stammler, und Stiller ergänzt: „Weil wir die Obstwiesen so schätzen und lieben.“ Sie handeln nicht im Auftrag einer Organisation, sondern einfach als Zweierteam. Am Vormittag haben sie die Maschinen mit Benzin aus Fünf-Liter-Kanistern gefüllt und die Starterseile gezogen. „Wir mähen fünf Stunden am Stück“, sagt Stammler. „Macht einen Liter pro Stunde.“ Bliebe das Gras stehen, nähmen im Nu die Brombeeren und die Esche überhand.Streit über den Zugang zur NaturKennengelernt haben sie einander in den Neunzigerjahren über den Bund für Umwelt und Naturschutz in Bad Homburg. Dort wohnt Stammler; Stiller lebt in der Nachbarstadt Oberursel. Beide waren einmal Lehrer. Der 17 Jahre ältere Stiller ist eigentlich evangelischer Pfarrer, hat sich dann aber für den Schuldienst entschieden und Religion an Berufsschulen unterrichtet. Stammler, selbst Biologie- und Chemielehrer, sagt über seinen gerade wieder mähenden Goethe, Stiller liebe die Schöpfung. „Wir streiten auch mal über ökologischen versus bäuerlichen Zugang zur Natur.“Der Ökologe ist Stammler selbst. Das Gras, das sie an diesem Tag mähen, nennt er reich an Protein. Wenn sich niemand dafür interessiert, bleibt es liegen und düngt den Boden. Stammler fände das nicht gut. „Ich bin ein Freund von Magerrasen.“Stiller bewegt der Plan des Stromnetzbetreibers Tennet, eine 380-Kilovolt-Leitung in der Region um Frankfurt zu bauen. Stammler sagt: „Heute Abend kommt er wieder zu mir und diktiert mir seine nächste Kampfschrift.“ Stiller nutzt selbst keinen Computer. Aber er telefoniert viel, vor allem mit dem Amt für Bodenmanagement in Limburg. Wenn er im Vorbeifahren Wiesen sieht, auf denen Gestrüpp wuchert und die Äste unter der Last von Äpfeln fast brechen, ermittelt er bei der Behörde die Eigentümer und kontaktiert sie – ob in Aachen oder Amerika. Oft hätten die Wiesenbesitzer keine Lust und die Bauern als Pächter wegen der niedrigen Kilopreise für Äpfel kein Interesse, sich selbst zu kümmern. Dann rücken Stammler und Stiller an.
Liebe zur Natur: Wie zwei alte Männer Streuobstwiesen im Taunus retten
Sie sind 90 und 73 Jahre alt und pflegen anderthalb Hektar Streuobstwiesen im Taunus. Nicht im Auftrag einer Organisation, sondern als Zweierteam. Einfach weil sie die Natur lieben.








