PfadnavigationHomeSportFußballProfifußball und Politik„Im Gästebuch in der Inselkirche hatten wir Eintragungen, dass wir Poeler schlechte Menschen seien“Von Luca WiecekRedakteur im Sport-KompetenzzentrumStand: 08:17 UhrLesedauer: 7 MinutenSchiedsrichter und Bürgermeister Florian Lechner am Hafen von PoelQuelle: Luca Wiecek/WELTFlorian Lechner ist Schiedsrichter in der zweiten Fußball-Bundesliga – und seit Kurzem Bürgermeister der Ostseeinsel Poel, die kürzlich wegen Timmy in die Schlagzeilen geriet. Was der 35-Jährige seiner Oma verdankt und warum er oft Apfelkuchen backt.Das Geheimnis liegt in der richtigen Sorte. Florian Lechner nimmt Boskop-Äpfel. Die seien nicht ganz so sauer und würden gut auf dem Kuchen schmecken. Dazu mache er keinen Hefeteig, sondern einen klassischen Streuselkuchen nach Omas Rezept. Im vorigen Jahr war der Ofen des Politikers im Dauereinsatz. Die Bewohner der Ostseeinsel Poel konnten Lechner zum Kaffee einladen, um mit dem Bürgermeister-Kandidaten ins Gespräch zu kommen. Im Gegenzug brachte Lechner den Kuchen mit. Wahlkampfrezept Apfelkuchen.Es hat offenbar geschmeckt: 822 der 1564 Poeler, die zur Wahl gingen, haben ihr Kreuz neben dem Namen Lechners gemacht (knapp 53 Prozent). Er ist ihr neuer Bürgermeister – und seit Mitte Mai auch offiziell im Amt. Dass ein SPD-Politiker in dieser Krise, in der die Sozialdemokraten auf Bundesebene stecken, eine Wahl gewinnt, ist für sich schon ungewöhnlich genug. Dass die Personalie aber so viel Aufmerksamkeit bekommt, liegt an Lechners außergewöhnlichem Werdegang. Der 35-Jährige ist ganz frisch Chef einer Insel, aber seit Jahren Chef auf dem Fußballplatz. Seit der Saison 2020/2021 pfeift Lechner Spiele der zweiten Bundesliga. Lesen Sie auchIn seinem Bürgermeisterbüro hat er gleich mal mehrere Trikots aufgehängt, darunter auch eines, das er bei seinem Debütspiel im Fußball-Unterhaus bekommen hat. 16. Dezember 2020, Fortuna Düsseldorf gegen den VfL Osnabrück. Die Heimmannschaft hat es ihm geschenkt. Auch Gelbe und Rote Karte liegen auf Lechners Schreibtisch. Die brauche er als Politiker aber nicht. Den Timmy-Krimi erlebte er als normaler EinwohnerProfifußball und Politik – diese ungewöhnliche Kombination ist in Lechners Jugend erwachsen. Während er schon im frühen Alter von zwölf Jahren seinen Schiedsrichterschein machte, drehte sich zu Hause vieles um Politik. „Das Interesse dafür weckte meine Oma. Sie sitzt seit den 1990er-Jahren in der Bürgerschaft von Wismar. Bei uns ging es deshalb am Küchentisch immer um Kommunalpolitik. So bin ich da hineingewachsen“, sagt Lechner. Seine familiäre Prägung verfolgte er auch nach dem Abitur weiter. Verwaltungsstudium, anschließend zwei Wahlperioden als Haushaltsreferent im Bundestag, danach Regierungsrat in der Staatskanzlei Mecklenburg-Vorpommerns. Jetzt Bürgermeister einer deutschlandweit bekannten Insel.Lesen Sie auchLechner spricht den Elefanten im Raum im Gespräch mit WELT AM SONNTAG selbst an. Wobei es in diesem Fall eher ein Wal im Wasser ist. Poel – das ist Natur pur, ein vom Wasser umgebener Ruheort. Es sei denn, in der vorgelagerten Kirchsee strandet ein Buckelwal, dessen Rettung zu einem Medienphänomen wird und wochenlang das ganze Land in Atem hält. Poel – das war in den vergangenen Monaten vor allem Timmy-Krimi. „Der Wal lag ja zunächst vor Wismar. Da wussten wir noch nicht, dass der zu uns kommt. Das fanden alle noch ganz spannend. Dann kam er nach Poel. Auch ich bin dann – wie viele andere – dorthin gefahren. Wir haben einmal geguckt, gesehen, dass es ein Wal ist. Das war es. Das sah unspektakulär aus. Irgendwas war an der Wasseroberfläche, alle zwei Minuten kam eine Fontäne raus“, blickt Lechner zurück. Er war damals noch gar nicht im Amt, hat den Fall als normaler Einwohner verfolgt. „Gästebuch-Eintragungen, dass wir Poeler schlechte Menschen seien“Dann habe sich die Stimmung ein wenig aufgeheizt. Nicht unter den Poelern, sondern unter den Schaulustigen, die die Insel für sich entdeckt hatten. Insbesondere, nachdem Experten erklärt hatten, dass der Wal sterben würde. „Was herausfordernd war, waren die Alltagsunterbrechungen. Im Supermarkt wurden Mitarbeiterinnen angesprochen, warum sie arbeiten und nicht bei der Demo für den Wal sind. Im Gästebuch in der Inselkirche hatten wir Eintragungen, dass wir Poeler schlechte Menschen seien. Seiten wurden zum Teil rausgerissen. Naturschutzgebiete wurden missachtet, wenn es darum ging, so dicht wie möglich zum Wal zu kommen“, sagt Lechner. Die Poeler hätten währenddessen ihre Hilfe angeboten. Die örtliche Feuerwehr etwa benetzte das geschwächte Tier tagelang.Lesen Sie auchDas Ergebnis ist bekannt. Timmy wurde zwar aus der Kirchsee geborgen und ins Skagerrak vor der dänischen Küste verbracht. Überlebt hat der Wal am Ende aber nicht. Lechner muss jetzt die letzten Ausläufer des Themas moderieren. Es stellt sich die Frage, ob das Drama der Insel langfristig sogar hilft und aufgrund des neuen Bekanntheitsgrads mehr Touristen angezogen werden.„Ich hatte ein Gespräch mit einer Zimmervermittlung. Die Rückmeldung war zweigeteilt. Sie haben schon gesagt, dass mehr Leute kommen. Auf der anderen Seite haben sie auch Anrufe von Dauergästen bekommen, die gefragt haben, ob sie noch kommen können oder ob es gar nicht mehr so ruhig wäre. Also es wird sich zeigen, ob der Wal dauerhaft einen Effekt hat. Zumindest kennt jetzt jeder bis zum Bundeskanzler unsere Insel“, sagt Lechner. In der Hafenräucherei werden neben Fischbrötchen jedenfalls „Timmy, der Poeler Wal“-Lütten verkauft. 41-prozentiger Aquavit, gebrandet als Timmy-Schnaps.Schule, Sportplatz, HaushaltsfragenWährend der Wal wochenlang zum Politikum der Schaulustigen wurde, hatten die Einwohner Poels andere Probleme. Lechner nennt sie „Brot-und-Butter-Themen“, die jede Kommune beschäftigen würden. Der Sportplatz, dessen Kabinen zu klein und dessen Sanitäranlagen nicht zufriedenstellend seien. Es soll saniert werden. Die Inselschule, eine Grund- und Regionalschule, über deren Zukunft immer wieder diskutiert werde. „Ich möchte dafür kämpfen, dass wir nicht bei jedem geburtenschwachen Jahrgang Angst haben müssen, wie es mit der Schule aussieht. Weil mit Schule steht und fällt die Gesellschaft. Es ist die Antwort auf die Frage, ob eine junge Familie auf Poel bleibt oder geht“, sagt Lechner. Zudem soll ein Erweiterungsbau entstehen, in dem Kinder mit Schwierigkeiten in der emotionalen oder sozialen Entwicklung gefördert werden sollen.Der SPD-Mann, so vermittelt er es jedenfalls, versucht, möglichst schnell Ergebnisse zu erzielen. Er stößt dabei aber auch an Grenzen. „Ich gucke gerade, dass wir die nächsten Projekte anschieben. Dabei schaue ich aber erst mal: Wo muss ich vielleicht politisch ran, was auf Verwaltungsebene nicht mehr funktioniert? Und dann schaue ich, wie wir alles so schnell wie möglich umgesetzt bekommen? Da kommt die erste Ernüchterung: Mit dem Haushalt 2027 frühestens, weil alles Geld kostet. Wir sind gerade mitten im Jahr. Also muss ich schauen: Was kostet vielleicht kein Geld?“, sagt Lechner. Überblick verschaffen, Ideen entwickeln, Gespräche führen, dazu Pressetermine – Lechners erste Tage seiner siebenjährigen Amtszeit sind lang. Für ihn nicht in Stunden zu messen, aber lang. Jetzt gerade ist Sommerpause im Fußball, da geht dieses Pensum. Aber wie ist es in der Saison, wenn Lechner ein Zweitligaspiel pfeift und dafür in der Regel zwei Tage weg ist?Die Frage werde zu hochgejazzt, sagt Lechner: „Ich habe bisher immer in meinem Leben in der Politik gearbeitet, und es war nie ein Nine-to-five-Job. Dennoch habe ich es bis in die Zweite Bundesliga geschafft, also in den Elitebereich. Das geht nur mit einem guten Zeitmanagement und viel Disziplin. Morgens aufzustehen und vor der Arbeit zu trainieren oder nach der Arbeit, wenn du eigentlich keine Lust mehr hast. Aber das lernst du von der Pike auf.“ Im Wahlkampf habe er jede Veranstaltung auf Poel besucht. Überschneidungen mit der Schiedsrichterei habe es nie gegeben. Wenn sonntags ein Termin auf Poel war, sei er eben samstags pfeifen gewesen. Im Online-Portal des Deutschen Fußball-Bundes trägt er sich entsprechende Freitermine selbst ein. Für die Poeler ist er „Florian“ oder „Flori“Mit der abgelaufenen Saison ist Lechner trotz des parallelen Wahlkampfes zufrieden. „Ich habe gute Leistungen gezeigt. Wir haben uns im Team weiterentwickelt. Wir haben uns Ziele gesetzt, die wir auch umsetzen konnten. Das Erreichte im Team macht mich vor allem stolz“, sagt er. Die Noten, die Schiedsrichter für ihre Einsätze von den Beobachtern bekommen, waren ebenfalls gut genug – Lechner wird auch in der kommenden Saison in der Zweiten Liga pfeifen.Ob sich dann eine neue Ansprache durchsetzt? Toni Leistner, der ehemalige Routinier von Hertha BSC, hat schon einmal vorgefühlt. Vor dem Spiel gegen Darmstadt 98 habe er Lechner in den Katakomben mit „Herr Oberbürgermeister“ angesprochen. Da war Lechner gerade frisch gewählt und musste Leistner erst einmal korrigieren. Oberbürgermeister sei er nicht, sondern eben nur Bürgermeister. Über Leistners Ansprache konnte er lachen. „Das Einzige, was ich schlimm finde, ist Siezen auf dem Platz. ,Herr Bürgermeister‘ ist dagegen eine lustige Sache“, sagt Lechner. Für die Poeler reicht „Florian“ – oder „Flori“, wie sich bei einer Begegnung am Hafen zeigt. „Flori! Musst du gar nicht pfeifen, oder was?“, fragt ihn ein älterer Herr, der es sich mit seiner Begleitung auf einer der Bänke gemütlich gemacht hat. Er lädt Lechner gleich ein, sich dazuzusetzen. Lechner muss ablehnen. Er holt sich noch ein Fischbrötchen auf die Hand, dann wartet der nächste Termin. Es ist eben viel los an seinen ersten Tagen als Bürgermeister.