Aliyah wurde mit siebzehn Jahren von einem jungen Mann getötet, der sie weder kannte noch je zuvor gesehen hatte. Zurück bleiben: Trauer, Trauma, Ohnmacht. Nach über drei Jahren kommt es zum Prozess.14.06.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenIm Esszimmer eines hellblauen Hauses am Jurasüdfuss hängt eine grosse Schwarz-Weiss-Fotografie über dem Klavier. Ein Hochzeitsbild. Es zeigt einen jungen Mann, der seine Braut anstrahlt, neben ihr steht ein Mädchen, das ihr aufs Haar gleicht und fröhlich lacht: Aliyah. Es ist eine Aufnahme aus einer anderen Zeit, sie zeigt eine glückliche Patchworkfamilie, die es so nicht mehr gibt. Die Tür zur Terrasse steht einen Spalt breit offen, draussen zwitschern die Vögel, als wäre nichts passiert. Das schöne Wetter wirkt wie ein falsches Versprechen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Wohnzimmer nebenan steht auf einem Regal die grüne Urne mit Aliyahs Asche. «Ich kann sie einfach noch nicht loslassen.» Aliyahs Mutter Fabienne streicht mit der Hand zärtlich über die Urne.Aliyah. «Sie war wie ein Wirbelwind, eine ganz starke, sehr aktive Persönlichkeit, in jungen Jahren schon schlagfertig, mit einem lustigen, trockenen, pointierten Humor», sagt ihr Stiefvater David. «Ihr Gerechtigkeitssinn war ausgeprägt sowie ihr empathisches Wesen. Und doch konnte Aliyah entschieden sagen, was sie wollte und was nicht. Sie war eine Naturgewalt», erzählt ihre Mutter Fabienne. «Sie war ganz anders als alle Menschen, die ich kenne», ergänzt Till, Aliyahs erste grosse Liebe und ihr bester Freund. «Sie war fröhlich, lustig, immer aufgestellt, sie hat stets alle mit einbezogen und behandelte alle gleich.» Till zögert, sucht nach Worten. «Sie war eine Person, wie ich sie nie zuvor kennengelernt habe und wohl auch nie wieder kennenlernen werde, sie war ein ganz besonderer Mensch.» Aliyah liebte das Tanzen, immer und überall. Sie surfte mit dem Longboard die Wellen, spielte Klavier, seit sie vier war, malte und zeichnete leidenschaftlich, sie erfand gerne neue Wörter, liebte Brockenstuben und konnte alle mit ihrer Begeisterung anstecken. Aliyah glaubte an das Träumen. Sie machte eine Lehre zur Fachfrau Gesundheit in den Psychiatrischen Diensten. Eine anspruchsvolle Aufgabe, sich betagten, psychisch erkrankten Menschen zu widmen. Aliyah blühte dabei auf. «Im Zwischenmenschlichen war Aliyah unheimlich stark», erzählt Fabienne. «Sie wirkte älter, als sie war, weise, wie eine alte Seele.» Nach dem Lehrabschluss hätte sich Aliyah weitergebildet; sie wollte Rettungssanitäterin werden. Sie wäre viel und gerne gereist, vor allem ans Meer. Aliyah hätte eine Familie gehabt, ein Leben, eine Zukunft, auf die sie sich freute.«Tage, Wochen, Monate – nichts zählt mehr», sagt ihre Mutter Fabienne. «Es gibt nur noch das Davor und das Danach.» Die Grenze dazwischen bildet jene Nacht, in der das Unfassbare geschah: Am 8. April 2023 wurde Aliyah brutal getötet. Von einem noch kaum erwachsenen Mann, den sie nicht kannte. Sie wurde nur siebzehn Jahre alt.Eine Ahnung, dass das Schlimmste passiert sein könnteAn jenem Samstagmorgen im April, es war das Osterwochenende, wollte sich Fabienne mit Aliyah in der Stadt zum Brunch treffen. Sie machte sich zu Hause in der Küche gerade Kaffee, als um neun Uhr das Telefon klingelte. Aliyahs Grossmutter war am Apparat, bei der Aliyah das Wochenende verbrachte. «Es war, als würde ein schrecklicher Film Wirklichkeit werden», erzählt Fabienne. Die Grossmutter sagte, Aliyah sei letzte Nacht nicht nach Hause gekommen, auch auf dem Handy könne sie ihre Enkelin nicht erreichen – und auf dem Feld vor ihrem Haus sei etwas Schlimmes passiert.Fabienne rief umgehend die Solothurner Kantonspolizei an, doch dort konnte man ihr zunächst nicht weiterhelfen. Also fuhren sie und David sofort in das Quartier, wo Aliyahs Grosseltern wohnen, nach Bellach, einem Vorort von Solothurn. Ein Dorf, wo man meinte, die Welt sei noch in Ordnung – und wo Fabiennes Welt zerbrach.Aliyah sprach schon als Kind vom eigenen Tod. «Etwa vor drei oder vier Jahren schilderte sie mir, wie sie sich ihre Beerdigung vorstelle und dass unbedingt das eine Lied von Hans Zimmer gespielt werden solle», erinnert sich Fabienne. «Sie sagte es einfach so aus dem Nichts heraus, auf dem Weg in die Sommerferien, als wir im Camper sassen.» Fabienne fragte Aliyah damals erschrocken, warum sie an so etwas Schreckliches denke und was sie denn ohne sie tun sollte. «Aliyah sagte zu mir: Ich werde nicht weg sein, wenn ich sterbe. Du musst einfach weitermachen, ich werde da sein, nur anders.»An jenem Samstagmorgen im April war es erst eine Ahnung, dass das Schlimmste passiert sein könnte. Als Fabienne und David in Bellach ankamen, war das Quartier grossräumig abgesperrt. Von weitem sahen sie mitten auf der Wiese ein Auto stehen, keine 100 Meter vom Haus von Aliyahs Grosseltern entfernt. Ein kleiner, roter Kastenwagen mit einem Firmenlogo auf der Seite, daneben weisse Sichtschutzwände, die Ambulanz, Polizeifahrzeuge. Unter dem Auto lag ein Mensch. «Ich bin die Mutter, lasst mich durch», sagte Fabienne, aber die Polizisten konnten ihr keine Auskunft geben. Sie tauschten Blicke, der eine gab dem anderen zu verstehen, dass er jemanden benachrichtigen solle. «Da wusste ich es.» Fabienne brach zusammen.«Hier hat jemand jemanden gejagt»«Mein erster Gedanke war, dass jemand die Kontrolle über seinen Wagen verloren hat», erinnert sich David. Doch die Reifenspur über das Feld war zu lang, und sie verlief nicht gerade. «Als ich die Spur sah, war mir klar, dass es sich nicht um einen Unfall handeln konnte», erzählt er. «Man fährt nicht über 40 Meter weit in Schlangenlinien ins Feld hinein und hinterlässt plötzlich Spulspuren», ergänzt Till. Hier hat keiner gebremst, hier hat jemand Gas gegeben und jemanden gejagt.Panik, Angst, Warten – Fragen, die ohne Antworten blieben. Fabienne und David, Till sowie Fabiennes Eltern, die ebenfalls nach Bellach gefahren waren, wurden angewiesen, im Haus von Aliyahs anderen Grosseltern zu warten. Es war zehn Uhr morgens, und die Zeit blieb stehen.Während draussen stundenlang die Spuren akribisch gesichert wurden, wurde drinnen die Ungewissheit unerträglich. Bis kurz vor fünf Uhr nachmittags die Polizisten hereinkamen und nach Aliyahs Kleidung und nach besonderen Merkmalen fragten. Fabienne beschrieb ihnen Aliyahs Tattoo; eine lächelnde Schnecke mit Wanderstock zierte ihr Fussgelenk – sie hatte sie sich stechen lassen, weil sie an einer Schneckenphobie litt. Wenig später brachte ein Polizist ein Bauchtäschchen herein. Darin steckte Aliyahs Identitätskarte. «Dann war alles nur noch schwarz.»Aliyahs Tod verändert Fabiennes Leben für immer – so wie es bereits Aliyahs Geburt getan hatte. Fabienne war achtzehn, als sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie entschied sich für das Leben, für Aliyah, ihre Eltern unterstützten sie in allen Belangen. An Aliyahs elftem Geburtstag stellte Fabienne ihrer Tochter David vor. Ihm war von Anfang an klar, dass es Fabienne nur im Doppelpack gab. Als Fabienne und David später heirateten, waren die drei bereits zu einer Familie zusammengewachsen.«Ich fühlte nur noch Schmerz»An jenem Samstag vor Ostern, nach sieben Stunden bangen Wartens, bestätigte die Polizei, dass es diese Familie so nie mehr geben wird: Aliyah ist in der Nacht um ein Uhr früh auf dem freien Feld von dem Auto überrollt und tödlich verletzt worden. Fabienne brach erneut zusammen. «Ich weinte und schrie, doch ich selbst kann mich nur noch daran erinnern, wie ich zu Boden ging», erzählt sie. «Mein ganzer Körper wehrte sich gegen die Tatsache. Jede Faser wollte einfach nur sterben. Ich fühlte nur noch Schmerz.» Das Care-Team vor Ort bestand aus einem Seelsorger. Er redete mit Fabienne, doch sie hat keine Erinnerung an den Inhalt des Gesprächs. Sie nahm alles nur verschwommen wahr.Nach dem Zusammenbruch kam die Ohnmacht. «Ich war emotional und physisch wie gelähmt, ich weinte nicht mehr und starrte nur noch ins Leere. Die Welt machte ohne mich weiter.» Irgendwann abends fuhren Fabienne und David nach Hause. «Wir bewegten und fühlten uns wie in einer Hülle», erzählt David. «Die Nacht blieb schlaflos.»Es folgten Tage im absoluten Ausnahmezustand. Journalisten lauerten vor der Tür und am Tatort. Aliyah lag mehrere Tage in der Rechtsmedizin; Fabienne musste warten und wusste aufgrund der Verletzungen nicht, ob sie ihr Kind noch einmal sehen konnte. «Aber ich musste sie einfach noch einmal sehen.» Fabienne sprach nicht mehr, sie ass nicht mehr, sie schlief kaum mehr. Sie schaffte es gerade noch, aufzustehen, um am Morgen und am Abend eine Kerze für Aliyah anzuzünden. «Das war das Einzige, was mich am Leben hielt: das Anzünden der Kerze. Mehr schaffte ich nicht. Ich wollte einfach mein Kind zurück.»Fabienne stand sehr lange unter Schock, die Trauer setzte erst später ein, das Trauma hat krasse Auswirkungen bis zum heutigen Tag. «Am Anfang fühlte es sich an, als wäre ich in einem Wachkoma.» Ihr Arzt konnte Fabienne erklären, was mit ihr passierte: Bei einem solch einschneidenden Trauma muss sich das Gehirn unter Hochdruck neu formieren, um die neue Realität zu erfassen. «Ich habe das deutlich gespürt: Ich erlebte eine heftige Kurzzeitamnesie, deren Nachwirkungen ich noch immer spüre.» Fabienne vergisst Wörter, vergisst Namen, vergisst Momente. Sie findet keine Ruhe, keinen Schlaf, hat keinen Appetit.Neben dem Trauma und der Trauer quälten damals auch die Fragen: Was ist passiert in jener Nacht? Warum musste Aliyah sterben? Wer trägt die Schuld an ihrem Tod?Der Täter ist neunzehn und stammt aus der RegionSchon wenige Stunden nach der Tat fanden David und Till heraus, wer den Wagen gefahren hatte: Matthias B. Sie erhielten den Namen, der hier geändert ist, nicht von der Polizei, sondern weil die Jungen in der Gegend gut vernetzt sind. Es ist klar: Aliyah kannte den Täter nicht – der Täter kannte Aliyah nicht. Sie sind sich nie zuvor begegnet. Er sah sie in jener Karfreitagnacht zufällig auf der Strasse auf ihrem E-Bike fahren und wählte sie aus, sein Opfer zu werden.Matthias B. ist zum Zeitpunkt der Tat neunzehn. Er stammt aus der Region Bellach. Nach einem Lehrabbruch hat er eine neue Stelle gefunden, gerade konnte er einen Vertrag zur Festanstellung unterschreiben. Es sah danach aus, als ob er auf gutem Weg sei. Doch das war er nicht.Anhand von Zeugenaussagen und der Auswertung von GPS-Daten konnten die Ermittler rekonstruieren, was in der Nacht auf den 8. April 2023 passiert sein muss. Aliyah hatte sich mit einer Freundin in Solothurn getroffen und fuhr danach mit dem E-Bike nach Bellach. Zur gleichen Zeit war Matthias B. mit dem Auto unterwegs. Sie kreuzten sich, er machte rechtsumkehrt und fuhr ihr hinterher. Kurz nach ein Uhr früh wurden Anwohner der Kaselfeldstrasse in Bellach durch ungewöhnlichen Lärm geweckt. Sie wohnen in einem ruhigen Quartier, die Strasse ist schmal, auf der einen Seite ein Trottoir, auf der anderen die Wiese, Tempo-30-Zone. Auf den Knall mitten in der Nacht folgten Schreie einer Frau, dann schnelle Schritte, das Aufheulen eines Motors.Aliyah stürzte, als Matthias B. ihr E-Bike mit dem Auto von hinten rammte. Er stieg aus und griff sie an. Aliyah schrie und rannte los, die Flucht weg von der Strasse ins Feld hinaus muss ihr als die beste Lösung erschienen sein. Sie konnte nicht ahnen, dass der junge Mann sie verfolgen und schliesslich mit dem Auto überfahren würde.Anwohner, die sahen, dass der Wagen auf das Feld gerast war und nun feststeckte, riefen die Polizei. «Laut den Zeugenaussagen haben mehrere Anwohner die erste Kollision und Aliyahs Schreie gehört. Sie hätten hinauslaufen, etwas rufen, irgendetwas machen können – dann wäre er vielleicht einfach weggefahren», sagt Fabienne. «Wir können nicht verstehen, warum niemand früher gehandelt hat», erklärt David.Als die erste Patrouille eintraf, befand sich der Fahrer beim Fahrzeug. Die Polizisten sahen sofort, dass jemand darunter eingeklemmt war. Für Aliyah kam jede Hilfe zu spät. Matthias B. behauptete zunächst, er könne sich nicht an das Geschehen erinnern. Er gestand schliesslich, Aliyah getötet zu haben, weil er in jener Nacht jemanden umbringen wollte. Am 22. Juni beginnt in Solothurn der Prozess gegen Matthias B. Die Anklage lautet auf Mord. Bis zum Urteil, das am 30. Juni erwartet wird, gilt die Unschuldsvermutung.Dumme Gerüchte, selbst an der Trauerfeier«Ein solcher Mensch hat keine Aufmerksamkeit verdient, und er wird in unserem Leben keinen Raum einnehmen», sagt Fabienne. «Fakt ist: Er hat Aliyah absichtlich das Leben genommen, und nun ist sie nicht mehr da.» David schildert, dass die Trauer in ihm immer gleich gross sei, die Wut auf den Täter aber immer grösser werde. Und Aliyahs Freund Till erklärt: «Ich versuche, an die schönen Momente mit Aliyah zurückzudenken, statt einen Gedanken an den Täter zu verschwenden.»Auf Aliyahs Tod folgten die Gerüchte; selbst an der Trauerfeier in der übervollen reformierten Stadtkirche Solothurn wurden Aliyahs Angehörige und Freunde nicht davon verschont. «Ich hörte auch im Ausgang Leute darüber reden, dass Aliyah von ihrem Freund getötet worden sei, sie nannten sogar meinen Namen», erzählt Till. «Ich musste mich verteidigen, aber ich hatte keine Chance, die Gerüchte waren schneller.» Es hiess, das Opfer müsse den Täter gekannt haben und es stamme selbst aus einer seltsamen Familie – was alles überhaupt nicht stimmt.Das Gerede der Menschen ist für die Angehörigen und Freunde von Aliyah unerträglich. Der Zusammenhalt in der Familie ist gross, und doch ist nichts mehr, wie es war. Aliyahs gewaltsamer Tod zwingt das Leben der Hinterbliebenen in neue Bahnen. «Unsere Welt ist viel kleiner geworden, physisch wie auch psychisch. Ich meide Strassen, Orte und Menschen bewusst», erzählt Fabienne. «Die Tat, der unermessliche Verlust von Aliyah ziehen einen langen Rattenschwanz hinter sich her, der nicht mehr aufzuhören scheint.»Darum fuhren Fabienne und David kurz nach der Tat weg. Als der Berg an administrativen Aufgaben abgetragen war und die letzten der 500 Dankeskärtchen verschickt waren, setzten sie sich in den Camper und fuhren los, zunächst nach Schottland. «In der Einsamkeit des schottischen Hochlands konnte ich das erste Mal durchatmen und mit Aliyah sein. Trauern, an sie denken, Abschied nehmen, meine neue Realität irgendwie fassen», erzählt Fabienne. «Denn in dieser wunderschönen und mystischen Einöde haben wir Aliyah gefunden; in der kargen Welt, in dieser alten Natur, unter all den Regenbogen.» Es war eine schmerzvolle Reise der unzähligen Abschiede, zwischen rollenden Hügeln und gelbem Ginster.«Ich bin wahnsinnig stolz auf Aliyah, auf ihr Wesen, auf ihre Freunde und ihre Erfolge. Sie war und ist noch heute unsere grösste Errungenschaft, ich konnte mir keinen besseren Menschen als Tochter wünschen.» Fabienne stockt, muss weinen. «Liebe und Dankbarkeit ist alles, was mir bleibt. Dankbar, ihre Mutter sein zu dürfen, die ich nämlich heute noch bin.» Die Erinnerungen und Aliyahs Seele könne ihr niemand nehmen. «Trotzdem sehe ich den Sinn ihres Todes nicht. Warum meine Tochter?»Aliyah ist seit mehr als drei Jahren nicht mehr da. Fabienne arbeitete wieder, versuchte Schritt für Schritt zurück ins Leben zu finden. Sie hat klare, dann wieder desolate Momente, in denen sie nichts schafft. «Ich fühle mich behindert im Leben. Auch wenn man es mir nicht ansieht, wird mir immer etwas fehlen, was mich vollständig lebensfähig macht.» Fabienne leidet gemäss ihrem Arzt bis heute an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. Dinge, die früher selbstverständlich waren, liegen nicht mehr drin. Das lange Warten von über drei Jahren auf den Prozess hat die Therapie erschwert und Fabienne wieder zurückgeworfen. Flashbacks, Depression, Verlust der Orientierung, Konzentrationsschwierigkeiten, erneute Arbeitsunfähigkeit. «Ich muss jeden Tag meine Realität neu lernen.» Die Trauer gehe nicht weg, und sie werde auch nicht alt. «Man beginnt, gegen innen zu weinen», beschreibt Fabienne. «Die Trauer verwurzelt sich tiefer und wird ein Teil von einem selbst.»Wenn die Gerichtsverhandlung nächste Woche beginnt, wird alles wieder hochkommen. Fabienne und David werden daran teilnehmen, falls es für sie auszuhalten ist. Und danach: «Wir fahren wohl weg», sagt Fabienne. «Ich weiss nicht, was der Prozess mit mir machen wird.»Hinter dem hellblauen Haus am Jurasüdfuss steht ein Hühnerstall. Fabienne, David und Aliyahs Freunde haben ihn gebaut. Sie kauften an ihrem ersten Todestag vier strubbelige Küken; Celestin, Murph, Daphne und Debbie. Jene Hühner, die Aliyah immer gerne gehabt hätte. Direkt neben der Stalltür hängt Aliyahs Bild.Fabienne versucht nach dem Tod ihrer Tochter das zu tun, was Aliyah ihr als Mädchen geraten hat: einfach weitermachen. Oder, in Fabiennes Worten: «Wir müssen leben, weil wir leben.»Die TatIn der Nacht auf Samstag, 8. April 2023, wurde der Kantonspolizei Solothurn gemeldet, dass im Bereich der Kaselfeldstrasse in Bellach ein Auto von der Strasse abgekommen und in die dortige Wiese gefahren sei. Als die erste Patrouille eintraf, stand das Auto auf der Wiese, der Lenker war ebenfalls vor Ort. Unter dem Wagen lag eine junge Frau, bei welcher nur noch der Tod festgestellt werden konnte: Aliyah. Die Ermittlungen ergaben, dass der Autolenker Aliyah zufällig auf dem Nachhauseweg gekreuzt hatte. Er wendete, folgte ihr und rammte sie, so dass sie vom E-Bike stürzte. Er stieg aus und griff Aliyah an. Sie versuchte, über das Feld zu flüchten, doch er verfolgte sie mit dem Auto und überfuhr sie. Täter und Opfer haben sich nicht gekannt. Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat den zum Tatzeitpunkt neunzehnjährigen Schweizer wegen Mordes angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, Aliyah vorsätzlich mit seinem Fahrzeug angefahren und getötet zu haben. Die Gerichtsverhandlung beginnt am 22. Juni 2026 im Amtshaus Solothurn, das Urteil wird am 30. Juni erwartet. Der Beschuldigte ist geständig und befindet sich im vorzeitigen Massnahmevollzug.Christine Brand, 53, ist eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen der Schweiz. Ihr neuestes Buch heisst «Vermisst – der Fall Lucas» (Blanvalet, 2026). Für diesen Artikel vor dem Prozess zum Tötungsdelikt an Aliyah ist Christine Brand zu ihren Wurzeln als Journalistin zurückgekehrt: Sie war bis 2017 für die «NZZ am Sonntag» tätig. In Zusammenarbeit mit Aliyahs Familie hat Christine Brand zum Verbrechen und als Erinnerung an Aliyah auch einen Podcast realisiert. Der Podcast «Aliyah – Ein Femizid» ist auf den üblichen Plattformen zu finden, die Folgen werden fortlaufend aufgeschaltet.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Aliyah, 17, getötet von einem Unbekannten: Vor dem Prozess erzählt die Familie ihre Geschichte
Aliyah wurde mit siebzehn Jahren von einem jungen Mann getötet, der sie weder kannte noch je zuvor gesehen hatte. Zurück bleiben: Trauer, Trauma, Ohnmacht. Nach über drei Jahren kommt es zum Prozess.












