Hypercars unter Strom: warum E-Supersportwagen bei der wohlhabenden Kundschaft durchfallenElektrische Supersportwagen hätten die Verbrenner vom Thron stossen sollen – stattdessen bleiben sie in den Verkaufsräumen. Enthusiasten, Sammler und Investoren vermissen Sound, Seele und Exklusivität und fürchten rapide Wertverluste.14.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer 2022 vorgestellte Rimac Nevera ist ein elektrischer Supersportwagen. Bis jetzt fanden sich aber erst fünfzig Käufer für den 2000 PS starken und 2 Millionen Franken teuren Wagen.PDSupersportwagen, auch Hypercars genannt, sind kompromisslos auf Höchstleistung, enorme Beschleunigung und hohe Fahrdynamik getrimmte Sportwagen. Eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in weniger als 4 Sekunden und eine Maximalleistung von 700 bis 1000 PS werden bei ihnen erwartet. Mit Elektroantrieb sind diese Attribute deutlich einfacher und günstiger zu erzielen als mit einem Benzinmotor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das hat einer der Vorreiter der E-Mobilität, der Kroate Mate Rimac, früh erkannt und 2022 den Rimac Nevera lanciert. Dabei handelt es sich um einen futuristisch gestalteten Supersportwagen mit Elektromotoren an jedem Rad und bis zu 1914 PS. Das Fahrzeug war auf Anhieb in der Lage, den zuvor als stärkstes Strassenauto der Welt gepriesenen Bugatti Chiron auszustechen.Doch dann kam die böse Überraschung: Der 2 Millionen Euro teure Elektro-Hypersportwagen verkaufte sich bisher schleppender als erhofft. Von den geplanten 150 Exemplaren des Rimac Nevera wurden bisher knapp über 50 Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert. Auch der aufgefrischte Nevera R mit mehr als 2100 PS brachte keinen Durchbruch.Vergleichbare Fahrzeuge wie der Pininfarina Battista oder der Lotus Evija verkauften sich bisher trotz einer auf maximal 150 Exemplare limitierten Auflage nur sehr zögerlich. Dass Supersportwagen mit reinem Elektroantrieb bei den wohlhabenden Kunden floppen, ist einer der spannendsten Trends in der Automobilwelt.Sie sind die Swatch unter den Rolex-UhrenLuxusmarken wie Lamborghini haben ihre reinen E-Sportwagen-Pläne gestoppt, Ferrari spürt beim ersten E-Modell heftigen Gegenwind. Und Mate Rimac gab sich vor zwei Jahren gegenüber dem deutschen Fachmagazin «Sport-Auto» sehr offen: «Superreiche wollen lieber Verbrennungsmotoren», sagte der Kroate, dem mittlerweile die Mehrheit der Luxusmarke Bugatti gehört.Der Ferrari 849 Testarossa leistet dank Plug-in-Hybridantrieb 1050 PS. Ein reiner E-Antrieb stand für ihn nie zur Diskussion.PDDann zog Rimac einen Vergleich zu analogen Armbanduhren, die bei vermögenden Personen hoch im Kurs stehen. «Eine Apple Watch kann alles besser», sagte Rimac dem Automagazin. «Sie beherrscht neben der Zeit noch 1000 weitere Dinge, ist viel präziser und kann Ihre Herzfrequenz in Echtzeit messen. Aber niemand würde 200 000 Dollar für eine Apple Watch bezahlen.»Zu den wichtigsten Gründen für die schwache Nachfrage nach Hypercar-Stromern gehört der Verlust des Statussymbols: In der Welt der Supersportwagen kaufen die Kunden Exklusivität. Da ein Elektromotor seine Leistung linear und geräuschlos abgibt, ist der Schaueffekt geringer. Das mechanische Brüllen eines Motors, das Vibrieren des Chassis im Leerlauf und das spürbare Schalten der Gänge erzeugen beim Hypercar-Fahrer das Adrenalin.Beim Stromer fehlt das beeindruckende, mitunter bedrohlich wirkende Grummeln aus dem Auspuff und mit ihm eine grosse Portion Emotion. Hingegen ist der mechanische Sound eines V10- oder V12-Benzinmotors ein Hauptgrund, warum Liebhaber Hunderttausende Franken oder gar Millionen für einen Sportwagen ausgeben. Der Elektromotor ist für diese Käuferschicht zu steril.Da versagt bei Fahrzeugen wie dem Porsche Taycan auch der synthetische Ersatz: Künstlicher Auspuffsound aus Lautsprechern oder einprogrammiert ruckelnde Gangwechsel wirken in der Preisklasse siebenstelliger Beträge billig und unauthentisch. Ohne echten Verbrennungsmotor fehlt den Autos für viele Enthusiasten schlicht die «Seele».Jede elektrische Familienkutsche fährt wie ein FerrariEin weiteres Problem, das auch Mate Rimac erkannt hat: Die Beschleunigung von alltäglichen Elektroautos ist dank sofort bereitstehendem Maximaldrehmoment so gut, dass selbst familientaugliche Stromer Beschleunigungswerte im Bereich traditioneller Supersportwagen erreichen. Die extreme Beschleunigung ist für Hypercars daher kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Wenn eine 50 000-Franken-Limousine an der Ampel fast genauso schnell anzieht wie ein 2-Millionen-Franken-E-Hypercar, verliert der Supersportwagen sein wichtigstes Statussymbol.Auch die Physik ist noch keine Verbündete von elektrischen Superautos: Batterien sind derzeit noch enorm schwer. Während klassische Supersportwagen auf Leichtbau getrimmt sind, um flink und agil durch Kurven zu jagen, wiegen elektrische High-End-Boliden oft deutlich über zwei Tonnen. Und das wirkt sich auf die sportliche Fahrt aus.Zwar lässt sich das Gewicht dank im Unterboden verbautem Akku durch einen tiefen Schwerpunkt kaschieren. Beim harten Anbremsen und in schnellen Kurvenwechseln spürt der Fahrer die Masse aber deutlich. Zudem erfahren die Piloten von E-Sportwagen auf der Rennstrecke, wie rasch sich die Batterie unter Volllast entleert. Danach folgt der Wartefrust an der Ladesäule, statt dass einfach in zwei Minuten Benzin nachgetankt wird.Als technische Kunstwerke gelten Elektroautos unter Auto-Enthusiasten nicht, denn sie beurteilen nicht die Fertigkeit von Elektronikern und Software-Programmierern, sondern die mechanischen Feinheiten. Die Motorentechnik von High-End-Verbrennern, etwa dem W16 von Bugatti oder dem V12-Motor von Ferrari und Lamborghini, gilt als Krone des Maschinenbaus, die jahrzehntelange Entwicklung erfordert.Bei Elektromotoren und Batteriezellen ist die technologische Differenzierung deutlich geringer. Viele Komponenten ähneln sich im Kern – egal ob im Pendlerfahrzeug oder im Supersportwagen. Für Sammler schwindet dadurch der Reiz, ein solches Fahrzeug als Wertanlage zu besitzen.Die Investition scheint unsicherEin weiteres Manko bei elektrischen Supersportwagen glauben Investoren und Sammler beim Werterhalt zu erkennen. Gelten Hypercars oft als langfristige Wertanlage, bergen Batterie-Sportler ein hohes Abschreibungsrisiko, da die Technologie deutlich schneller voranschreitet: Die später entwickelte Akku-Technik ist stets die bessere. Für den Restwert eines E-Autos, insbesondere eines Supersportwagens mit Stromantrieb, ist das Gift.Der Bugatti Tourbillon leistet mit Plug-in-Hybridantrieb 1800 PS. Bereits alle 250 geplanten Exemplare für je rund 4 Millionen Franken sind ausverkauft.PDDie meisten Hersteller neuer Hypercars haben das Problem erkannt. Zwar würden sie ihre CO2-Bilanzen gerne mit lokal emissionsfrei fahrenden Boliden aufbessern, doch müssen diese erst verkauft werden. Also ändert die Industrie den Kurs ein wenig: Statt auf reine Elektroantriebe setzen Marken wie Mercedes-AMG, Lamborghini, Ferrari, Bugatti und nun auch Audi mit dem neuen Nuvolari voll auf Plug-in-Hybride. Sie kombinieren die enorme Elektrokraft aus platzsparenden E-Motoren in Axialfluss-Bauweise mit dem emotionalen Klang und Charakter eines mechanischen Verbrennungsmotors – und genau das will die Kundschaft.Der Audi Nuvolari ist ein Plug-in-Hybrid mit 1001 PS. Das Antriebskonzept wurde gemeinsam mit Lamborghini entwickelt.PDEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel