Francis Prevost Superstar: Er spielt Tennis, füllt Stadien und fürchtet sich nicht davor, Trumps Verhalten zu verurteilenPapst Leo hat sich in kürzester Zeit zur globalen moralischen Instanz aufgeschwungen. Gerade die atheistische Welt scheint nur auf ihn gewartet zu haben.Virginia Kirst14.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Bernabéu-Stadion in der spanischen Hauptstadt Madrid bebt. Die rund 80 000 Zuschauer skandieren «Contigo Leon – un solo corazón!» («Mit dir, Leo – ein einziges Herz»). Der Chor geht in Klatschen und Jubeln über. Und dann ist es so weit: Papst Leo XIV. tritt in weisser Soutane mit federnden Schritten aus den Katakomben des Stadions, flankiert von seinen Bodyguards in perfekt sitzenden Anzügen. Er winkt der jubelnden Menge zu, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. Das Stadion tobt vor Begeisterung.Wer die katholische Kirche in letzter Zeit nicht verfolgt hat, dürfte sich wundern. Tritt hier wirklich der Papst auf, oder wird ein Film gedreht?Jung, fit und nahbarTatsächlich ist es der echte Papst, und er wird gefeiert wie ein Filmstar. Und zwar nicht nur von den rund 1,4 Milliarden Katholiken weltweit: Papst Leo hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einer moralischen Instanz von Weltrang aufgeschwungen, die auch von Atheisten und progressiven Milieus beachtet wird, in denen es bis vor kurzem noch zum guten Ton gehörte, über die Kirche wegen ihrer vermeintlichen Rückwärtsgewandtheit die Nase zu rümpfen.Vergessen sind die Zeiten, in denen die öffentliche Meinung über die Kirche vom Thema des sexuellen Missbrauchs oder der Korruptionsskandale der Vergangenheit dominiert wurde.Vergessen auch der starke Rückgang in grossen westlichen Ländern. Eine Studie des PEW Research Center zur Religionszugehörigkeit aus dem Jahr 2024 belegt, dass der katholische Glaube dort mehr Mitglieder verliert, als er neue hinzugewinnt. In Spanien etwa, wo man Leo nun frenetisch feierte, haben über 40 Prozent der Menschen, die katholisch aufgewachsen sind, der Kirche mittlerweile den Rücken gekehrt.Doch seit Leos Wahl scheint es zumindest mit der Spendenbereitschaft wieder aufwärtszugehen.Was ist passiert?In einer Zeit, in der die regelbasierte Weltordnung aus den Fugen gerät und die Menschen Angst davor haben, von der technologischen Entwicklung überflüssig gemacht zu werden, ist die Stimme des Papstes zu einer willkommenen Orientierungshilfe geworden. «Wer heute etwas anderes als die fatalistischen Schreckensnachrichten hören will, wendet sich an Papst Leo», sagt der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli vom Trinity College in Dublin. Die Mischung aus seinem Charisma und seiner strategisch klugen, unaufgeregten Kommunikation sorgt dafür, dass es einfach ist, Leo dabei zuzuhören.Mit seinen siebzig Jahren ist Leo ein vergleichsweise junger, fitter und nahbarer Papst: Er nutzt ein Smartphone, mag Pizza und trägt eine Apple Watch. Seine Freizeit verbringt er in der päpstlichen Residenz bei Rom «mit ein bisschen Lektüre, Arbeit, Tennis und Schwimmen», sagte er einmal zu Journalisten. Und riet: «Jeder sollte etwas für Körper und Seele tun.»Leo nimmt sein Amt auch nicht ernster als nötig. So hat er sich bei einer Audienz einmal die Kappe seines favorisierten Baseball-Teams, der Chicago White Sox, aufgesetzt, die ihm Besucher mitgebracht hatten. Vor wenigen Wochen hat er sich ausserdem den neuen Ferrari Luce, den ersten vollelektrischen Ferrari, aus der Nähe angeschaut, als dieser in Rom der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde – Fototermin inklusive. «Leo versteht, wie die Pop-Kultur funktioniert», resümiert Faggioli.Illustration Simon Tanner / NZZLeo beweist mit den Themen, die er aufgreift, ein aussergewöhnliches Gespür für den Zeitgeist. Angefangen damit, dass er seinen Papstnamen deshalb ausgewählt hat, weil er vorhat, die Kirche durch die Revolution zu führen, die von der künstlichen Intelligenz (KI) ausgelöst wird.Keine Angst vor TrumpDer in Chicago geborene Francis Prevost hat ein Studium der Philosophie und Mathematik absolviert, bevor er in den Augustinerorden eintrat. Er besitzt die peruanische Staatsbürgerschaft, weil er in dem südamerikanischen Land viele Jahre lang gelebt und gearbeitet hat. Die Kardinäle hofften, dass ihm die Brücke, die in seiner Biografie die Nord- und die Südhalbkugel verbindet, helfen würde, die tief gespaltene Kirche wieder zusammenzuführen.Besonders wichtig ist diese Aufgabe in den USA: Denn unter Leos Vorgänger, Papst Franziskus, wandte sich ein Teil der amerikanischen Gläubigen von der Kirche ab. Sie konnten sich nicht mit dem amerikakritischen Pontifex aus Argentinien identifizieren. Die Bemühungen der US-Regierung unter Donald Trump und evangelikaler Kreise, eine alternative Version des Glaubens für die USA zu etablieren, die es etwa mit den universellen Menschenrechten nicht mehr so genau nimmt, trugen zu dieser Entfremdung bei. Wie schon der polnische Papst Johannes Paul II. mithalf, den Kommunismus zu Fall zu bringen, könnte nun der amerikanische Papst derjenige sein, der den erratischen US-Präsidenten Donald Trump in seine Schranken verweist, so die Hoffnung.Manche Beobachter erwarteten deshalb, dass Leo unmittelbar nach seiner Wahl stark gegenüber Trump auftreten würde. Doch stattdessen richtete er sich ruhig im Amt ein und begann, sein Netzwerk zu erweitern und den Austausch zu suchen: Bereits zwei Mal hat er alle Kardinäle nach Rom eingeladen, um mit ihnen zu beraten. Unter Franziskus geschah das kein einziges Mal.Im vatikannahen Umfeld erzählt man sich, dass Leo ein Thema erst durchdringen wolle, bevor er Entscheidungen treffe, und Posten lieber mit der richtigen Person besetze als mit der erstbesten, die ihm einfalle. So liess er sich etwa mit der Ernennung des Vorsitzenden der Päpstlichen Kinderschutzkommission einige Monate Zeit. Doch als er dann den französischen Erzbischof Thibault Verny berief, der für seine Arbeit gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche bekannt ist, war klar, wie ernst er das Thema nimmt.Alles in allem produzierte Leo in seinen ersten Monaten im Amt zwar keine gewichtigen Signale, aber er brachte sich als Persönlichkeit der Pop-Kultur ins Gespräch: So traf Leo den italienischen Tennisstar Jannik Sinner zur Privataudienz und witzelte mit ihm darüber, dass sie im Audienzsaal besser keine Partie spielen sollten. Mitte November veranstaltete Leo dann eine Sonderaudienz für die Filmbranche, an der Cate Blanchett, Monica Bellucci und Spike Lee teilnahmen, und verriet zu dem Anlass, «Das Leben ist schön» von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997 zu seinen Lieblingsfilmen zu zählen.Ende 2025 begann Leo dann eigene Akzente zu setzen. So hielt er am 9. Januar vor dem Diplomatischen Korps des Vatikans eine Rede. Darin warnte Leo nur wenige Tage nach dem Kidnapping des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch die USA, dass «Krieg wieder in Mode gekommen sei» und Frieden zunehmend eher mit Gewalt als durch Gerechtigkeit angestrebt werde. Er rief zu mehr Demut, Dialog und Multilateralismus auf. Leo begann sich seither zum Gegenpol des streitbaren US-Präsidenten zu etablieren. Und das in einer Welt, in der zunehmend das Recht des Stärkeren zu gelten scheint.Dieser Eindruck verstärkte sich beim ersten frontalen Schlagabtausch zwischen Leo und Trump im Umfeld des Iran-Kriegs: Nachdem Trump gedroht hatte, das iranische Volk auszulöschen, schaltete Leo sich mit seiner bisher politischsten Stellungnahme ein und rief die Amerikaner indirekt dazu auf, an ihre Kongressabgeordneten zu schreiben, um Frieden zu fordern. Trump warf ihm danach vor, schwach zu sein bei der Kriminalität und schrecklich in der Aussenpolitik. Papst Leo liess sich davon nicht aus der Ruhe bringen und sagte: «Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung.»Allein dieses Zitat war Balsam auf die Seele vieler, die zusehen, wie ihre Regierungsvertreter vor Trump kuschen müssen, um nicht mit Zöllen oder anderem bestraft zu werden. Und Leo lässt seinen Worten Taten folgen, ohne dabei in Trumps konfrontativen Stil zu verfallen: So traf er nach seinem Auftritt im Bernabéu-Stadion den Pop-Star Bad Bunny, der wie kein anderer die migrantische Community in den USA verkörpert, die Trump derzeit mit seiner Migrationspolizei jagt wie Verbrecher.Eine Antwort auf das Silicon ValleyVor wenigen Wochen hat Leo zudem seine erste Enzyklika «Magnifica Humanitas» veröffentlicht, in deren Zentrum es neben Frieden auch um künstliche Intelligenz (KI) geht. Bei der Präsentation des Lehrschreibens sass neben Leo ausgerechnet ein Vertreter des KI-Unternehmens Anthropic, mit dem die US-Regierung kürzlich heftig zusammengestossen war, nachdem das Unternehmen ihr untersagt hatte, sein KI-Modell Claude für die Steuerung autonomer Waffensysteme einzusetzen. Wieder eine klare Nachricht an Trump, die nicht vieler Worte bedurfte.Auch der Inhalt der Enzyklika kam gut an: Allein ihr Untertitel «Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz» spricht aus, was viele Menschen sich dringlichst wünschen. Gleichzeitig verteufelt sie die neue Technologie nicht, sondern zeigt ihre Chancen und Risiken gleichermassen auf.Das Schreiben ist ausserdem eine Antwort auf die übermächtig erscheinenden Konzerne aus dem Silicon Valley, die die KI entwickeln. Leo fordert in ihr, die «Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen.»Es sind Forderungen wie diese, gepaart mit einem Faible für Pop-Kultur, die für den Hype um ihn verantwortlich sind. Denn inmitten der Wertekrise des Westens und im Angesicht einer neuen technologischen Revolution bietet Leo etwas fast Vergessenes: Orientierung und Halt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel