Seit über hundert Jahren versucht der Papst seine Schäfchen mit immer neuen Medien zu erreichen. Heute heisst das: viral gehenVom Volksempfänger zum Instagram-Feed: Der Vatikan war immer schnell darin, neue Medien zu nutzen. Er musste es sein.14.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPapst Leo XIV. spricht zu einer Webcam. Seit Jahrzehnten versucht der Vatikan, mit der Digitalisierung mitzuhalten.Vatican Media/ ImagoAm 12. Februar 1931 konnte sich der Papst erstmals in der Geschichte an alle Völker der Erde gleichzeitig wenden. Nicht, weil Papst Pius XI. plötzlich göttliche Kräfte besass, sondern weil Guglielmo Marconi, der Erfinder des Radios, ihm eine eigene Radiostation geschenkt hatte. Und so sprach Pius um 16 Uhr 49 die ersten Worte zur Welt: «Hört zu, ihr Himmel, ich will reden», sagte er in das achteckige Mikrofon. «Die Erde lausche meinen Worten!»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fünfundneunzig Jahre später hat Papst Leo XIV. Dutzende Millionen Follower auf Instagram und X. Wie seine Vorgänger auch. Denn die Kirche war schon immer schnell dabei, neue Medien für sich zu nutzen. Sie musste es sein. Wer die Jugendlichen erreichen wollte, die sonntags längst nicht mehr auf den Kirchenbänken sassen, musste mit der Zeit gehen.Der Erste, der das gänzlich verstand und auch lebte, war Johannes Paul II., gewählt 1978. Damals war er, in Papst-Jahren gerechnet, mit 58 fast noch jugendlich. Mit seinem Charisma und seinen gut getimten Auftritten schaffte er es, dass schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt der «Economist» von einer «popemania» sprach. Andere nannten ihn den «Medienpapst». Jedes Ereignis wurde gefilmt: «Ob er im Dreck Kalkuttas vor dem Haus von Mutter Teresa betete, zwischen Panzerwracks und Bombenkratern in Angola oder umringt von Guerilleros in Osttimor, die Welt war dabei», schrieb der «Spiegel».Johannes Paul II. nutzte seine Beliebtheit, um Jugendliche wieder für die Kirche zu begeistern. 1984 rief er den Weltjugendtag ins Leben, ein Massentreffen für katholische Jugendliche aus aller Welt. Zum ersten Mal fand er in Rom statt, wo 350 000 Menschen zusammenkamen. Elf Jahre später warteten in Manila 6 Millionen auf den Abschlussgottesdienst. Der Papst musste auf dem Notsitz eines Helikopters zum Altar geflogen werden, weil die Strassen so verstopft waren.Doch Massenevents allein reichten irgendwann nicht mehr. Die Kirchenbänke leerten sich weiter. Und Benedikt XVI., der ruhige Deutsche, besass nicht das Charisma seines Vorgängers. Dafür gab es jetzt Social Media.Am 12. Dezember 2012 veröffentlichte Benedikt seinen ersten Tweet: «Liebe Freunde! Gerne verbinde ich mich mit euch über Twitter. Danke für die netten Antworten. Von Herzen segne ich euch.» Der 85-Jährige tippte auf sein Tablet, nachdem ein Ansager verkündet hatte: «Und nun wird der Papst tweeten!»Sein Nachfolger, Papst Franziskus, übernahm den Twitter-Account und eröffnete 2016 zusätzlich ein Instagram-Profil. Er veröffentlichte rund 50 000 Beiträge. Franziskus beim Segnen, beim Bad in der Menge, beim Beten in Krisengebieten. Er bezeichnete das Internet als Geschenk Gottes. Dass es auch Fallstricke birgt, sollte er selbst erfahren. Ein KI-generiertes Bild von ihm in einer stylischen Daunenjacke ging um die Welt, weil es so erstaunlich echt aussah.Papst Leo XIV. ist der erste Papst, der bereits vor seiner Wahl einen Twitter-Account besass. Seinem Bruder hilft er, wenn dieser sich aus dem eigenen Computer aussperrt. Doch je vertrauter man mit der digitalen Welt ist, desto klarer sieht man auch ihre Grenzen. Seinen Priestern riet er, keine KI-Predigten zu schreiben: «Künstliche Intelligenz wird niemals Glauben teilen können», sagte er bei einem Treffen mit dem römischen Klerus.So gesehen hat auch Leos Umgang mit der digitalen Welt etwas Zeitgeistiges: Wer die sozialen Netzwerke wirklich versteht, weiss auch, dass man sie manchmal abstellen soll.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel