PfadnavigationHomeSportBoxenWolfgang Behrendt wird 90Der besondere Olympia-Triumph – doch ein DDR-Vorzeigeathlet durfte der Boxer nicht werdenStand: 10:44 UhrLesedauer: 5 Minuten30. November 1956: Wolfgang Behrendt (l.) setzt sich bei den Olympischen Spielen in Melbourne im Semifinale gegen den Iren Frederick Gilroy durchQuelle: dpa/picture-allianceBoxer Wolfgang Behrendt wurde 1956 in Melbourne als erster Sportler aus der DDR Olympiasieger – in einer gesamtdeutschen Mannschaft. Jetzt wird der Berliner 90 Jahre alt. Mit der Wertschätzung einst und heute ist es so eine Sache.Er ist ein Unikum, ein echter Berliner mit Herz und Schnauze, der immer einen flotten Spruch auf der Zunge hat, wobei es korrekterweise heißen muss: hatte. Um Wolfgang Behrendt ist es still geworden. Er möchte nicht mehr reden, genießt es vielmehr, in Ruhe gelassen zu werden. Erst setzte ihm der Tod seiner demenzkranken Frau Monika zu, die er lange gepflegt hatte. Dann starb sein Sohn Mario mit 61 Jahren. Und auch ihm selbst geht es gesundheitlich nicht gut, erzählen Nachbarn aus seiner Wohngegend im Stadtbezirk Köpenick-Treptow, die ihn als stets frohgelaunten Mitmenschen kennen, als Sportfotografen mit preisgekrönten Bildern und als Hobbymusiker, der seine Zuhörer mit Trompetenklängen begeisterte.Nunmehr ist Behrendt, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, auch der letzte lebende von einst acht Olympiasiegern aus der ersten gesamtdeutschen Mannschaft, die bei den Sommerspielen 1956 in Melbourne mit 132 Sportlern aus Westdeutschland und 37 Aktiven aus der DDR debütierte. Als Bantamgewichtler hatte der 54 Kilogramm wiegende Boxer seine Fäuste fliegen lassen. Viermal musste der 20-Jährige im „West Stadium“ in den Ring steigen, stets verließ er ihn als Sieger. Im Finale am 1. Dezember bezwang er Song Soon-chun mit 3:2 Richterstimmen. Der 2019 verstorbene Südkoreaner hatte zuvor noch keinen Kampf verloren.Es war ein historischer Erfolg – als erster Sportler aus der DDR durfte sich der Jungspund mit olympischem Gold schmücken, womit er „niemals gerechnet hatte“, wie er vor noch nicht allzu langer Zeit WELT AM SONNTAG erzählte. „Allein, dass ich mich in meinem Alter für die Mannschaft qualifizieren konnte, war schon ein riesiges Ding.“ Wobei er vor der Reise nach Australien mehr Fracksausen hatte als vor den dortigen Duellen: „Mir ging’s immer schlecht, auf jedem Flug habe ich mich übergeben.“ Sechs Tage dauerte der Trip, 23.000 Kilometer mit sieben Zwischenlandungen.Mit Argwohn von der Stasi beobachtetBeim Hinflug saßen auch Kanuten und Ruderer aus Westdeutschland mit in der Maschine, ansonsten gab es mit den Athleten aus dem anderen Teil Deutschlands keine Berührungen, da sie auch im Olympischen Dorf getrennt untergebracht waren. „Wir bereiteten uns daheim auch nicht gemeinsam auf die Spiele vor, selbst in Melbourne trainierte Ost und West für sich. Die gesamtdeutsche Mannschaft existierte nur auf dem Papier.“ Nach seinem Olympiasieg hielt es weder ein Funktionär noch ein Sportler aus dem Westen für nötig, Behrendt zu beglückwünschen.Zum Vorzeigeathleten des DDR-Sports reichte es für ihn selbst östlich der Elbe nicht, weil er – so vermutet Behrendt – sich nie von seiner Verwandtschaft in der Bundesrepublik losgesagt hat. Das kam bei der DDR-Sportführung nicht gut an. „Ich möchte nicht wissen“, sagt er, „wie mein Leben verlaufen wäre, wenn nicht so manch einer eine schützende Hand über mich gehalten und versichert hätte, dass ich nicht in den Westen abhauen würde.“ Die Funktionäre hätten es freilich lieber gesehen, glaubt Behrendt, wenn ein anderer Sportler erster Olympiasieger der DDR geworden wäre – einer, der parteipolitisch voll auf Linie lag. In seiner Stasi-Akte finden sich Telefonprotokolle, geöffnete Briefe und kopierte Familienfotos, was erahnen lässt, mit welchem Argwohn er vom Ministerium für Staatssicherheit ins Visier genommen wurde.Trotz des Erfolgs nicht in der Hall of Fame des SportsDer Olympiasieg verschaffte ihm in der Mangelwirtschaft DDR aber auch Vorteile. Ein Auto bekam er wesentlich schneller als ein Normalbürger. Beruflich hingegen erwies sich der Triumph anfangs als kontraproduktiv. Nach dem Abschluss seiner Lehre als Maschinenschlosser wollte er Fotograf werden; das Fernsehen ermöglichte ihm diesen Berufswechsel. Dort stand er jedoch als Assistent mehr im Mittelpunkt als seine Vorgesetzten, die ihn daraufhin so lange schikanierten, bis er die Reißleine zog und zu einer Tageszeitung wechselte. Die Arbeit beim „Neuen Deutschland“ bezeichnet er als Traumjob, auch weil er bei acht Sommer- und Winterspielen mit seiner Kamera vor Ort war.Gleichwohl ändert die berufliche Erfüllung nichts daran, dass er seinen geschichtsträchtigen Coup bis heute nicht richtig wertgeschätzt sieht. Vor allem dann, wenn er danach gefragt werde, warum sein Name in der Hall of Fame des deutschen Sports nicht zu finden sei, spüre er ein Unbehagen. Eine schlüssige Antwort kann er darauf nicht geben. „Wahrscheinlich soll es nicht sein. Klar wurde immer gesagt, die Goldmedaille ist auch ein Erfolg des Sozialismus. Doch was sollte ich machen, ich habe nun mal im Osten gelebt.“„Offenbar stört es, dass ich für die DDR gewonnen habe“Nach dem Mauerfall gehörte er noch 16 Jahre lang dem Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland an. Der damalige Präsident Walther Tröger habe ihn auch sehr unterstützt. „Offenbar stört es eben, dass ich für die DDR gewonnen habe. Wer weiß ...“Unlängst erst äußerte Ulrike Nasse-Meyfarth, 70, in einem Gespräch mit WELT AM SONNTAG ihren Unmut darüber, dass in der Hall of Fame lediglich 18 Prozent DDR-Sportler vertreten sind. „Das ist nach meinem Dafürhalten ein Unding“, echauffierte sich die Olympiasiegerin im Hochsprung von 1972 und 1984. Lesen Sie auch„Schon bei der Auswahl der alljährlich neu aufzunehmenden Sportler, über die irgendwelche unbedeutenden und unmaßgeblichen Sportfunktionäre befinden, werden Athleten, die ihre Erfolge zu DDR-Zeiten erzielt haben, übergangen.“ Siehe Wolfgang Behrendt. Aber wer weiß – noch ist es für die Ehrung nicht zu spät.