„I got so many goosebumps!“, ruft Yannick-Lee Amah ins Mikro. Die Menge jubelt und prostet ihm und seiner Gänsehaut zu, mit Papierbechern. Aus den Lautsprechern dröhnt elektronische Musik, um das DJ-Pult hat sich ein Kreis gebildet. Rund 600 Menschen sind an diesem Samstagvormittag in die Bar eines Hotels und Co-Working-Space in Berlin-Mitte gekommen, um auf einem „Coffee Rave“ gemeinsam zu feiern. Es ist keine durchschnittliche Partyszene: Es gibt kein blitzendes Strobo-Licht, der Raum wird erhellt durch Sonnenlicht, das durch die Fensterfront fällt. In den Bechern sind keine Cocktails, sondern Cappuccino und Matcha Latte. Und um 16 Uhr ist die Party wieder vorbei.
Die Veranstaltung ist Teil eines größeren Trends in der Partyszene: Soft Clubbing, Day Rave, Sober Clubbing – das Phänomen hat viele Namen. Die Idee: eine gesündere, sanftere Art zu feiern, tagsüber statt spätnachts. Espresso, Smoothies oder Sprudelwasser statt Alkohol und Drogen. Man tanzt in den hippen Bäckereien, Cafés oder Yogastudios von Berlin, Köln oder Hamburg. Kann man das noch Party nennen?Ihre Leidenschaft steckt in den Coffee RavesYannick-Lee Amah, 33 Jahre alt, Vollbart, weißes Oberteil, die Kappe nach vorne, und sein Freund Jacob Schmohl, 37 Jahre alt, Vollbart, weißes Oberteil, die Kappe nach hinten, haben das Event organisiert. Sie kennen die Berliner Partyszene gut. Seit vielen Jahren sind sie nicht nur Partygäste, sie arbeiten auch als DJs. Beide haben zwar noch normale Tagesjobs; ihre Leidenschaft steckt jedoch in den Coffee Raves.Wie sie auf die Idee gekommen sind? Schmohl erinnert sich an einen „Schlüsselmoment“ in New York. Vor zehn Jahren war er dort auf einer Tagesparty. „Das war genau mein Vibe“, erzählt er: „tagesoptimiert“. Diesen Vibe wollte er nach Berlin bringen. Nach mehreren gescheiterten Eventprojekten organisierten Amah und er vergangenes Jahr ihren ersten Coffee Rave in Berlin. Mittlerweile sind ihre Veranstaltungen regelmäßig ausverkauft, so auch an diesem Samstag.„Feierwütig“, so beschreibt Amah das Publikum. „Leute, die aktiv den Tanz suchen.“ Manche sind im klassischen Techno-Outfit gekommen, ganz in Schwarz, mit sogenannten schnellen Sonnenbrillen – Sportsonnenbrillen, die oft im Technokontext getragen werden. Andere kleiden sich in bunte Farben oder Statement-T-Shirts. „I told ChatGPT about u“, steht auf einem. Anders als im Nachtclub kann man hier die Outfits der anderen sehen.Ungewohnte Lichtsituation: Beim Tanzen kann man die anderen Besucher beobachten.Warren NoronhaDie Helligkeit, das ist wohl der offensichtlichste Unterschied zu einer „normalen“ Party. Die ungewohnte Lichtsituation verändert, wie die Menschen tanzen. Kaum jemand hat die Augen geschlossen. In den hinteren Reihen wippt man fröhlich im Takt, damit der Milchschaum nicht über den Becherrand schwappt. In den vorderen Reihen sind die Bewegungen etwas ausgelassener, aber immer noch kontrolliert. So, als wolle man die gute Laune demonstrativ nach außen tragen, ohne sich ganz zu verlieren. Während sich im dunklen Technoclub jeder auf sich selbst konzentriert, beobachten die meisten hier die Nachbarinnen und Nachbarn auf der Tanzfläche. Bewegungen der anderen werden mit Jubelschreien belohnt und mit der Smartphonekamera festgehalten. In vielen Clubs der Stadt muss man am Eingang seine Handykamera mit einem Aufkleber unschädlich machen. Hier hingegen scheint das Filmen und Fotografieren erwünscht zu sein.Eine explizit gesunde Form des FeiernsWoher kommt das Bedürfnis nach dieser Art von Party? Wer die Feiernden nach ihren Motiven fragt, erntet meistens ein Lächeln – und dann tanzen sie weiter. Es ist laut und außerdem: Zum Reden ist hier niemand hergekommen. Anruf bei Julian Schmitzberger, Kulturwissenschaftler an der Universität Zürich. Soft Clubbing lasse sich nur verstehen, wenn man es im Kontext der Diskurse rund um Achtsamkeit und Selbstoptimierung betrachtet, sagt er. Beim Soft Clubbing gehe es nicht nur um die Verhinderung der Schäden – den Kater am nächsten Morgen –, sondern um eine explizit gesunde Form des Feierns. Tagsüber zu feiern, sei an sich nichts Neues. Viele Clubs in Berlin seien schon immer bekannt dafür gewesen, auch tagsüber oder unter der Woche geöffnet zu haben. Soft Clubbing bedeute aber etwas anderes: Feiern nicht als Ausbruch aus den Normen, sondern als Teil der selbstoptimierten Lebensweise. Anders als früher stünden nicht mehr die Ekstase und der Rauschzustand im Mittelpunkt. Das Feiern werde vielmehr als Teil einer gesunden Lebensweise gesehen, ähnlich wie ein Fitnesskurs oder ausgewogene Ernährung, sagt Schmitzberger, der zur Club- und Partykultur forscht. Ähnlich sieht es der französische Kritiker, Kulturmanager und Autor Arnaud Idelon. In seinem Buch „Boum Boum. Politiques du dancefloor“ beschäftigt er sich mit der politischen Dimension der Party. Das Feiern sei seiner Natur nach eine „Feier des Unproduktiven“ – ein Ausbruch, eine Unterbrechung des Alltags. Soft Clubbing tue genau das Gegenteil: Die Party füge sich in eine produktive, geregelte Routine ein, sagte Idelon einer belgischen Onlineplattform. Die Erfahrung zeigt: Partys funktionieren auch ohne AlkoholFrüh aufstehen, unterwegs sein, um 16 Uhr nach Hause – „dann hat man auch noch was vom Wochenende“, erklärt Yannick-Lee Amah seine Motivation. Auch Jacob Schmohl sieht darin den Grund für den Erfolg ihrer Partys: In den vergangenen Jahren habe es eine strukturelle Veränderung gegeben. Immer mehr Menschen achteten auf ihre Gesundheit, hätten aber trotzdem das Bedürfnis nach Tanzen und Clubatmosphäre. Diesem Wunsch kämen sie mit den Coffee Raves nach. Schmohl sagt, er selbst trinke fast keinen Alkohol. Er wolle aber niemandem etwas vorschreiben. „Dazu sehe ich mich nicht empowered“, sagt er. Anders als bei sogenannten Sober Partys wird beim Coffee Rave auch Alkohol verkauft – das komme ganz auf die Location an, erklärt er. Ein Blick durch die Menge zeigt: vereinzelte Cocktails, die meisten Gäste aber bleiben beim Kaffee. An der Kaffeebar gibt es die üblichen Optionen: Espresso, Flat White, Cappuccino. Und: Iced Coconut Latte, Mango Sticky Rice Matcha Latte und Strawberry Shrub Vanilla Cloud. Natürlich mit Hafermilch. Die Erfahrung zeige, dass Partys auch ohne Alkohol funktionieren, sagt Schmohl. „Den Vibe hat das überhaupt nicht verändert. Wir schaffen einen Raum, in dem man das nicht braucht.“ Soft Clubbing biete noch immer eine Art Ausgleich zum Alltagsstress; Drogen und Alkohol seien dafür aber nicht mehr das Mittel der Wahl, beobachtet auch Schmitzberger.„Watergate“, „Mensch Meier“ – einige der bekanntesten Berliner Clubs haben in den letzten Jahren geschlossen. Gleichzeitig wächst die Soft-Clubbing-Szene: Die Ticketplattform Eventbrite verzeichnete in amerikanischen Städten einen Anstieg von Coffee-Clubbing-Events um über 400 Prozent. Einen direkten Zusammenhang sieht Schmitzberger nicht; ob der Trend auch langfristig anhält, sei schwer einzuschätzen. Soft Clubbing ist auch ein GeschäftsmodellKlar ist: Soft Clubbing ist auch ein Geschäftsmodell. Viele der Events sind PR-Veranstaltungen – von Coffeeshops, die gerade eröffnet haben, oder größeren Marken, die eine junge Zielgruppe ansprechen wollen. Die Gäste liefern kostenlos Content: Sie teilen Fotos und Videos von dem Event auf Social Media. Kritiker sehen darin eine Kommerzialisierung der Partykultur – und damit den Verrat an einem Grundgedanken: der Club als Ort jenseits ökonomischer Logik. Schmitzberger merkt an: „Die meisten Clubs waren immer schon kommerzielle Orte.“ Zwar gebe es die Free-Rave-Kultur, die nach anderen Regeln funktioniere – oft illegal, von Kollektiven oder Ehrenamtlichen organisiert, ohne Gewinnabsicht. In einer Stadt wie Berlin aber seien die meisten Clubs im Kern Gastronomiebetriebe. Auch ein Nachtclub, sagt Schmitzberger, funktioniere letztlich nach der Logik eines Unternehmens. „Alles, was erfolgreich ist, wird irgendwann kritisiert“, sagt Schmohl. Das sei Teil des Prozesses. Gibt es eine richtige Art zu feiern? Auf diese Frage wollen sie sich nicht einlassen. Die klassische Clubszene wolle man nicht verdrängen, sondern sinnvoll ergänzen. Für die Menschen beim Coffee Rave scheint das ohnehin keine Rolle zu spielen. Hier findet es niemand komisch, nüchtern bei Tageslicht zu feiern. Um 14.30 Uhr nähert sich die Party ihrem Höhepunkt. DJ Stimulus spielt seinen letzten Track, Jacob Schmohl – ab jetzt DJ Dyne – bereitet sich für seinen Auftritt vor. Er hat sich ein lockeres, weißes Hemd übergeworfen und die Kopfhörer aufgesetzt. „Are you ready for some Housemusic?“, fragt er ins Mikrofon. „Ja“, gibt ihm die Menge zu verstehen.Der Geruch von frisch gemahlenen Espressobohnen liegt in der Luft. Hinter der Bar schenkt jemand Orangensaft in ein Sektglas ein. Der Beat setzt ein. Vielleicht ist es auch das, was man an diesem Vormittag lernen kann: Party kann vieles bedeuten. Untergrund und Protest, Mainstream und Kommerz. Vielleicht gibt es auch Platz für Hafermilch und Tageslicht.






