Die Asiatische Hornisse breitet sich rasant aus. Es heißt, sie sei eine Gefahr für den Menschen und bedrohe den Bienenbestand. Expertin Pia Aumeier beklagt stattdessen das „haltlose Gejammer“ einiger Imker.Die Asiatische Hornisse, die derzeit von Westen her das Land erobert, gilt als besonders aggressiv und gefräßig. Die renommierte Bienenforscherin und Imkerin Pia Aumeier aus Bochum wollte es genau wissen und hat untersucht, welche Auswirkungen die eingewanderte Art auf ihre Bienenvölker hat. Das Ergebnis ihrer Erhebungen hat sie selbst überrascht. WELT: Seit einigen Jahren breitet sich die Asiatische Hornisse im Rheinland aus. Viele Imker schlagen nun Alarm, weil dieses Tier große Mengen an Insekten verspeist – und zwar bevorzugt Bienen. Pia Aumeier: In Deutschland zählt man etwa 200 invasive Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Das sind aus fernen Ländern eingeschleppte Arten, die sich hier stark ausbreiten und potentiell heimische Arten verdrängen können. Dazu rechnet man nun auch die Vespa velutina oder auf Deutsch: Asiatische Hornisse. Sie ist 2014 über Frankreich nach Deutschland eingewandert. Doch ob sie einen ökologischen oder wirtschaftlichen Schaden anrichtet, wissen wir noch nicht. Bisher fehlen uns belastbare Daten aus unserem Klimabereich. Gerade was unsere Bienen angeht, wird gerne schnell der Teufel an die Wand gemalt und Panik verbreitet. So lange keine seriösen Daten vorliegen, bin ich entspannt.WELT: Aber es gibt doch Berichte von Imkern, die schildern, wie diese Tiere die Bienen quasi vor dem Einflugloch wegfangen und auffressen. Sie sind selbst Imkerin. Machen Sie keine solchen Beobachtungen? Aumeier: Ich habe durchaus Verständnis für die Sorgen der Imker. Es ist tatsächlich beeindruckend, diese großen, gelb-schwarzen Viecher vor seinem Bienenvolk herumfliegen zu sehen. Wir Imker sprechen davon, dass die Asiatischen Hornissen hovern, das kommt vom englischen Wort für schweben – die Hornissen stehen wie Hubschrauber vor den Einfluglöchern der Bienen in der Luft. Und ich sehe auch, dass etliche Bienen von ihnen gefangen werden. Die Hornissen fischen in der Regel die Tiere bei der Rückkehr in den Bienenstock aus der Luft und zerteilen sie. Aus dem Bruststück, wo sich die Muskulatur befindet, beißen sie gewissermaßen das Filet heraus und bringen es durchgekaut als Proteinquelle für die Aufzucht ihrer Larven nach Hause. Nur: Das bedeutet doch nicht zwangsweise, dass das Bienenvolk darunter leidet.WELT: Wie bitte? Das müssen Sie erklären.Aumeier: Ich würde zunächst gerne etwas vorausschicken: Ich halte seit Jahrzehnten 200 bis 300 Bienenvölker und bin damit einer der wenigen großen Imker in Deutschland. Doch in einem Punkt unterscheide ich mich von den meisten Berufsimkern: Ich imkere, um wissenschaftlich über Bienen arbeiten zu können. Meine 16 Bienenstände stehen über ganz Nordrhein-Westfalen verteilt. So kann ich erforschen, welche Auswirkungen regionale Unterschiede wie etwa das Klima auf die Bienen haben. WELT: Und was hat das mit der Asiatischen Hornisse zu tun? Aumeier: Meine Bienenstände im Raum Duisburg werden seit Oktober 2022 sehr intensiv von der Asiatischen Hornisse aufgesucht. Im Kreis Steinfurt, im Norden von NRW, oder in Ostwestfalen, wo ich ebenfalls Bienen habe, gab es sie bis 2025 noch nicht. Ich habe also einen direkten Vergleich zwischen der Entwicklung von Bienenvölkern, die mit der Velutina zu kämpfen haben, und solchen ohne diesen Druck. WELT: Und was hat dieser Vergleich ergeben? Aumeier: Nichts. Null. Das Vorkommen und Jagen der Asiatischen Hornisse hat bisher keinerlei Effekt auf meine Bienen. WELT: Das klingt nun doch etwas überraschend.Aumeier: Ich war selbst völlig perplex. Mein Plan war es eigentlich, verschiedene Hilfsmittel zu testen, die Bienenvölker vor den Asiatischen Hornissen schützen sollen – und die nun im Fachhandel angeboten werden. Das sind Vorrichtungen, die man vor die Einfluglöcher der Bienenkästen baut. In der aktuellen Panik wird damit guter Umsatz gemacht. Ich berate Imker, und da ist es für mich als Wissenschaftlerin selbstverständlich, fundiert Auskunft darüber zu geben, was hilft und was nicht. Um die Wirkung verschiedener dieser maulkorbartigen Apparaturen zu testen, führte ich zunächst eine genaue Bestandsaufnahme meiner Völker mit der wissenschaftlich anerkannten Methode der Populationsschätzung durch. Und siehe da: Die Völker in Duisburg, die einem starken Beflug durch Asiatische Hornissen ausgesetzt waren, sind gleich gut in den Winter und sogar etwas stärker aus dem Winter herausgegangen als jene Völker, die noch ohne Velutina leben.WELT: Wie passt das mit Berichten von Imkern zusammen, wonach Hornissen die Bienen zu Tausenden dahinmetzeln? Aumeier: Zwischen Juli und September verliert jedes gesunde Bienenvolk etwa 2000 Bienen pro Tag. Das ist ganz normal. Auffällig ist dies nur, wenn Völker zum Beispiel auf Asphalt stehen, auf dem man dann viele sterbenden Bienen sieht. Unsere heimischen Wespen und neuerdings wohl auch die Asiatische Hornisse beteiligen sich an diesem Sterbeprozess. WELT: Welche Erkenntnis ziehen Sie daraus?Aumeier: Die Asiatischen Hornissen beginnen ihr intensives Jagdverhalten frühestens Mitte Juli. Zu diesem Zeitpunkt haben die Bienenvölker ihre maximale Stärke schon überschritten. Ab der Sommersonnwende, also ab Ende Juni, ziehen sie immer weniger Brut auf, reduzieren so ihre Volksstärke und bereiten sich auf eine geringere Stärke im Winter vor. An meinen Bienenständen sieht es bisher danach aus, als könnten ihnen die Asiatischen Hornissen in diesem Prozess nichts anhaben. Diese Schlussfolgerung stützt sich übrigens nicht nur auf Daten meiner eigenen Bienenvölker. Es gibt noch einen zweiten Punkt, der die aktuellen Panikmeldungen ad absurdum führt.Lesen Sie auchWELT: Und der wäre?Aumeier: Das Fachzentrum „Bienen und Imkerei“ in Mayen in Rheinland-Pfalz befragt alljährlich viele Tausend Imker zu den Verlusten von Bienenvölkern im Winter. Im langjährigen Mittel verloren deutsche Imker seit 2000 etwa 17 Prozent ihrer Völker im Winter. Doch diese Verluste schwanken: Manches Jahr sind es nur erfreuliche zehn Prozent, im nächsten Jahr wieder katastrophale 25 Prozent. Im Winter 2015/16 hatten wir das letzte Mal einen Verlust von weniger als 13 Prozent. Und jetzt raten Sie mal, wie hoch die Verluste des vergangenen Winters waren. WELT: Verraten Sie es uns!Aumeier: Erstmals wieder so niedrig wie vor zehn Jahren. Und das trotz des Vorkommens der Asiatischen Hornisse. Außerdem habe ich mir die Verluste der Winter 2023/24 und 2024/25 in der Aufschlüsselung nach Bundesländern angeschaut. Ich ging davon aus, dass es einen Unterschied geben muss zwischen den Bundesländern im Westen, wo die Asiatische Hornisse bereits weit verbreitet ist, und den Bundesländern im Osten, wo diese Art noch nicht vorkommt. Doch auch hier zeigte sich: Es gibt keinen Unterschied. Die Winterverluste sämtlicher vergangenen Jahre gingen also sicher nicht auf das Konto der Asiatischen Hornisse. WELT: Sondern? Was ist stattdessen schuld daran, wenn Bienenvölker sterben? Aumeier: Langjährige Studien wie das Deutsche Bienenmonitoring belegen alljährlich: Nach wie vor ist die Varroa-Milbe unser größtes Problem. Diese haben wir uns übrigens auch aus Südostasien eingeschleppt. Im kommenden Jahr können wir 50 Jahre Varroa-Milbe in Deutschland feiern – oder beklagen. Mittlerweile haben wir allerdings sehr gute Methoden gefunden, um diese Milbe erfolgreich in Schach zu halten. Man muss diese Maßnahmen aber gezielt und konsequent anwenden. Und da kommen wir zum eigentlichen Problem.WELT: Das da wäre? Aumeier: Ich schätze, dass über zwei Drittel der Imker in Deutschland die Varroa-Milbe im Griff hat. Doch leider hält der Rest an überholten Techniken oder unwirksamen Hausmittelchen fest – und verliert im Winter dann viele Völker. Denn die Winterbienen, die mit einem zu hohen Milbenbefall aufwachsen, überleben nicht wie üblich bis März, sondern verenden geschwächt bereits im Oktober, November und Dezember. Beziehungsweise: Sie werden jetzt eben nicht nur von heimischen Wespen, sondern auch noch von der Asiatischen Hornisse geschlachtet. Diese erleben im Herbst den Höhepunkt ihrer Volksentwicklung. Das passt vom zeitlichen Ablauf recht genau. Lesen Sie auchWELT: Die Bienenkiller sind also nur erfolgreich, weil die Imker ihre Arbeit nicht gut gemacht haben?Aumeier: Für mich sieht es bisher danach aus. Dies bestätigen auch Imkerkollegen, die seit fast zehn Jahren mit Velutina imkern und trotzdem kein einziges Volk verloren haben. Mag sein, dass ich nicht besonders diplomatisch bin. Aber ich sage es mal so: In den 30 Jahren meiner intensiven Bienenforschung, eigener Imkerei und imkerlicher Fachberatung habe ich schon zu oft haltloses Gejammer von Imkern miterleben müssen. Auch mancher Wissenschaftlerkollege hat sich da nicht mit Ruhm bekleckert und wohl aufgrund fehlender eigener imkerlicher Expertise unbegründeten Sorgen Tür und Tor geöffnet. Die Asiatische Hornisse steht da in einer langen Reihe von vermeintlichen Ursachen, die angeblich den Niedergang der Honigbiene herbeiführen.WELT: Was meinen Sie damit konkret?Aumeier: Suchen Sie sich was aus! In den letzten 30 Jahren waren vermeintlich für hohe Völkerverluste verantwortlich: landwirtschaftliche Pestizide, neuartige Darmparasiten oder Viren, Gentechnik, immungeschwächte Bienen durch einseitige Ernährung, zu heiße oder zu kalte oder zu feuchte oder zu trockene Jahreszeiten. Klimaerwärmung, Sonnenstürme, Handystrahlung, Windräder und so weiter und so fort. 2012 erschien der Film „More than Honey“, in dem unter anderem behauptet wurde, in China gäbe es keine Bienen mehr. Alles Schwindeleien, die keiner wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten haben. WELT: Wie steht es also in Wahrheit um die Bienen und die Imkerei? Aumeier: Bei uns in Deutschland jedenfalls sehr gut. Viele junge und ältere Personen haben Lust auf eigenen Honig. Aktuell zählt der Deutsche Imkerbund etwa 90.000 Imker. Anders als zu meiner Anfangszeit vor 30 Jahren gibt es jetzt mehr Imker, von denen aber jeder einzelne weniger Völker hält. Heute steht vermutlich fast in jedem dritten Garten eine kleine Imkerei – so verteilen sich die Bienen gut über die Fläche und können gemeinsam mit anderen Insekten gute Bestäubung gewährleisten. Was mich besonders freut: Die meisten Neuimker haben eine positive Einstellung zu Umwelt und Natur. Sie sorgen sich nicht nur um das Wohl ihrer Honigbienen, sondern auch um das der Wildbienen und anderer Insekten. Sie werben in der Nachbarschaft für Blühstreifen statt englischem Rasen. Und nebenbei machen sie zum Beispiel bei mir eine Ausbildung zum Wespenberater. Und können dann auch dabei mithelfen, die meiner Ansicht nach bisher unbegründeten Ängste vor der Asiatischen Hornisse abzubauen, mit denen wir es jetzt zu tun haben.Lesen Sie auchWELT: Ein gute Überleitung zur nächsten Frage: Wie gefährlich ist die Asiatische Hornisse denn für den Menschen? Auch dazu gibt es immer wieder Horrormeldungen.Aumeier: Da könnte ich mich schon wieder aufregen. Erst kürzlich hörte ich den Vorsitzenden eines großen NRW-Imkereivereins im Radio, der erzählte, wenn man jetzt die Königinnen der Asiatischen Hornisse nicht töte, die gerade ihr Nest aufbauen, dann könne man im Sommer seinen Garten nicht mehr betreten. Vom angeblich sechs Millimeter langen Stachel ist auch immer wieder die Rede. Mir hat es fast die Schuhe ausgezogen. Ich frage mal zurück: Ist es ratsam, in ein heimisches Wespennest in der Gartenhütte hineinzupusten? Sollte man im Nest der Europäischen Hornisse herumstochern? Jeder kennt die Antwort. Bei Bedrohung wehren sich sowohl Hummeln als auch Honigbienen und auch jede unserer heimischen Wespen. Also hält man sich aus der Einflugschneise fern und vermeidet auch andere direkte Störungen wie etwa das Rasen-Mähen. Fertig. So kann man mit Insektennestern harmonisch zusammenleben. Vermutlich auch mit der Asiatischen Hornisse. Diese hat zudem noch einen besonderen Pluspunkt: Ihre meist individuenstarken Sekundärnester errichtet sie nicht in unserem Wirkungskreis, sondern in über 15 Metern Höhe in Baumwipfeln. Nur Baumpfleger sind da noch gefährdet. Das Gift der Asiatischen Hornisse selbst ist – mit Ausnahme für die wenigen Wespengiftallergiker – nicht gefährlicher als irgendein Wespenstich. Übrigens: Das gefährlichste Gifttier Europas, gemessen an der Todesrate, ist unsere süße Biene Maja – also die Honigbiene.WELT: Doch was, wenn die Einflugschneise der Hornisse direkt vor der Terrassentür entlangführt? Aumeier: Egal ob heimisch oder invasiv, bei Sorge wegen Insektennestern kann man die Untere Naturschutzbehörde der Stadt oder des Kreises oder auch einen Imkerverein benachrichtigen. Die kennen immer jemanden, der sich damit auskennt. Entdeckt man das kleine Starternest einer Asiatischen Hornisse in seinem Garten, würde ich dies aktuell immer melden. Eventuell kommt ein Wespenexperte, der es entfernt. So versucht man die schnelle Ausbreitung etwas zu dämpfen. Dauerhaft aufhalten können wir die Asiatische Hornisse damit jedoch sicher nicht. Wir müssen lernen, mit ihr zu leben. Besondere Sorge bereitet mir, dass in der derzeitigen Panik viele selbsternannte Naturschutzimker alles totschlagen, was irgendwie nach Asiatischer Hornisse aussieht. Ich könnte schreien. Ich kann Ihnen viele konkrete Beispiele und Bilder zeigen, bei denen Einzeltiere oder Nester verschiedener auch streng geschützter heimischer Insekten zerstört wurden, nur weil die Tiere gelbe Beine hatten – so wie die Asiatische Hornisse. Was wir in 30 Jahren Schutz unter anderem für die Europäische Hornisse erreicht haben, droht jetzt zunichte gemacht zu werden. WELT: Unsere geschützten Insekten – das ist das Stichwort zur letzten Frage: Es heißt, die Asiatische Hornisse sei wegen ihrer Gefräßigkeit eine Gefahr für heimische Insekten. Ein Volk vertilge im Jahr bis zu 20 Kilogramm Insekten.Aumeier: Ab Mitte Juli bauen die Asiatischen Hornissen ihr sogenanntes Sekundärnest. Dann fressen sie wie Scheunendrescher. Die meisten Wildbienen-Arten, deren Rückgang aktuell bei uns beklagt wird, sind da mit ihrem Lebenszyklus bereits fertig – und also aus der Schusslinie. Um sie mache ich mir keine Sorgen. Bevorzugte Beute der Asiatischen Hornissen werden dann Honigbienen, Mücken und heimische Wespenarten sein. Über die ökologischen Folgen können wir im Moment nur mutmaßen. Niemand weiß derzeit, wie sich die Asiatische Hornisse auf unsere Insektenfauna langfristig auswirken wird. Umso wichtiger ist es, mit kühlem Kopf seriöse Daten zu erheben. Um unsere Honigbienen jedoch sorge ich mich überhaupt nicht. Sollte sich entgegen allen bisherigen Fakten doch Probleme ergeben, finden wir zu ihrem Schutz eine gute Lösung. Die Bienenwissenschaftlerin Pia Aumeier wurde 1969 im oberpfälzischen Amberg geboren. Nach dem Studium der Biologie beschäftigte sie sich bereits in ihrer Diplom- und ihrer Doktorarbeit mit der Varroa-Milbe, die Honigbienen befällt. Seit 1995 ist sie selbst Imkerin. Von 2003 bis 2019 forschte sie zur Bienengesundheit an der Ruhr-Uni Bochum. Seit 2000 leitet sie Kurse für Imkerei-Anfänger und seit 2020 führt sie in Bochum einen Lehr- und Forschungsbetrieb für Aus- und Fortbildung von Imkern.afa