„Jetzt sind wir, ohne es zu merken, auf 15 Metern Höhe angekommen“, sagt Bernd Bayerköhler und blickt über das Geländer, das ihm bis etwas über die Hüfte reicht. Der Waldboden, auf dem man kurz vorher noch stand, ist plötzlich weit weg. Die Kronen der Bäume, die man sonst nur von unten kennt, sind jetzt teilweise auf Augenhöhe, ein paar ragen noch weiter nach oben. Und der Holzpfad, der mit sanfter Steigung in die Höhe geführt hat, wird nur getragen von einigen Baumstämmen.„Es soll ja auch einen Abenteuercharakter haben“, sagt Bayerköhler. Sonst könnte man auch einfach am Boden durch den Wald spazieren. Doch Bayerköhler will eine andere Perspektive bieten: Er ist im Vorstand der Firma Erlebnis Akademie, die im Bayerischen Wald ansässig ist und Baumwipfelpfade baut. Gegründet wurde sie vor 25 Jahren, anfangs hatte sie einen halben Mitarbeiter und das Telefon war mangels eigener Räumlichkeiten in einer Zahnarztpraxis stationiert. Mittlerweile stehen die Baumwipfelpfade aus Bayern unter anderem im Elsass, in Irland und in Kanada.Der erste Pfad war aber der in Neuschönau, über den Bayerköhler an diesem Freitagvormittag führt. Eröffnet wurde er 2009. Der damalige Direktor des Nationalparks Bayerischer Wald, Karl Friedrich Sinner, wollte den Park zugänglicher machen. Denn die Menschen, die ihn früher besuchten, waren ohnehin naturaffin. Sinner wollte erreichen, dass auch Besucher in den Nationalpark finden, die bis dahin noch keine Erfahrungen damit hatten. Seine Idee: ein Baumwipfelpfad, auf dem man gleichzeitig etwas über den Lebensraum Wald lernen kann. Also kam er auf die Erlebnis Akademie zu, die damals auf Hochseilgärten spezialisiert war.Ein Baumwipfelpfad war auch für das Team ein Experiment, erzählt Bayerköhler. „Wir wussten am Anfang gar nicht, wie lange das hält.“ Eine Konstruktion, die zu 90 Prozent aus Holz besteht, unbehandelte Douglasie, dadurch relativ ungeschützt vor Wind und Wetter: Die Planer rechneten mit einer Lebenszeit von zwölf bis 15 Jahren. Im schlimmsten Fall, so Bayerköhler, wäre dann alles verfault gewesen und man hätte den Pfad wieder abbauen müssen. Dafür gibt es allerdings bis heute keine Anzeichen.Das Ziel in der Planung ist, den Pfad so nah wie möglich an die Bäume heranzubauen. Foto: Mark Siaulys PfeifferDamit so ein Pfad lange hält, ist viel Planung nötig, sagt Bayerköhler. „Es ist nicht so trivial wie es aussieht.“ Das beginnt schon bei der Standortwahl. Hin und wieder kommen etwa Politiker auf die Firma zu und schlagen einen Ort vor, das Team sucht aber auch selbst nach geeigneten Plätzen. Für die Planung verbringen die Mitarbeiter dann viel Zeit im Wald. Denn am Schreibtisch lassen sich die tatsächlichen Gegebenheiten nur schlecht einschätzen. Man muss am Standort sein, um den perfekten Verlauf für einen Pfad zu finden.Bayerköhler läuft auf den Holzbrettern auf eine Kurve zu. „Dieser Abschnitt ist ein schönes Beispiel für die hohe Kunst des Baumwipfelpfadbauens.“ Links und rechts des Pfades sind die Bäume teils wenige Zentimeter entfernt, man braucht nur die Hand auszustrecken, um die Stämme zu berühren. „Man will beim Bau so nah wie möglich rankommen“, sagt Bayerköhler. Gleichzeitig sollen die Eingriffe in den Wald so gering wie möglich sein. Das Team versucht daher, bereits vorhandene Wege zu nutzen. Gefällt wird nur in Ausnahmefällen, jeder Baum wird dann an anderer Stelle wieder eingepflanzt.Bernd Bayerköhler ist seit 2002 im Vorstand der Erlebnis Akademie. Foto: Mark Siaulys PfeifferAn jedem Standort steht das Team vor den gleichen Herausforderungen. „Man kann zwar das Grundprinzip übernehmen, aber man hat keine Blaupause“, sagt Bayerköhler. Nach den Planungen werden die Einzelteile für den Pfad vorgefertigt, zum Teil in Zusammenarbeit mit einer österreichischen Firma, zum Teil bei regionalen Firmen in der Nähe des jeweiligen Standorts. Die Einzelteile in den Wald zu bekommen, ist manchmal gar nicht einfach, erzählt Bayerköhler. Oft ist es eng, das Gelände unwegsam. Wie zum Beispiel in der Slowakei: Dort musste das Team für den Transport auf Pferdefuhrwerke zurückgreifen.Am Standort werden die Einzelteile dann zusammengebaut, „wie ein großes Puzzle“. Auf einem Fundament werden die Baumstämme aufgestellt, die die Konstruktion tragen, daran werden Streben aus Eisen befestigt. Mit dem Kran werden schließlich die Holzwege nach oben gehoben. Bei den Arbeiten ist Präzision wichtig, sagt Bayerköhler, „wenn zehn Zentimeter fehlen, haben wir ein Problem“. Das hat das Team im Bayerischen Wald beim Bau des Aussichtsturms erlebt, der am Ende jedes Wipfelpfads steht. Der Turm sollte über eine Baumgruppe gestülpt werden, die dafür vermessen wurde - allerdings hat man sich um einen Meter vertan. Kurzfristig musste der Turm um ein Stockwerk erhöht werden, was den Bau um mehrere Zehntausend Euro teurer machte. Ohne Zwischenfälle dauert es laut Bayerköhler gut drei Jahre von der ersten Idee bis zur Eröffnung.Am Ende jedes Baumwipfelpfades soll ein Aussichtsturm neue Perspektiven bieten. Foto: Mark Siaulys PfeifferOb es jetzt in Bayern, Frankreich oder Kanada am schönsten ist, mag er nicht sagen. Jeder Pfad habe einen eigenen Charakter. Für ihn ist der Standort im Bayerischen Wald aber etwas Besonderes, es war schließlich das erste derartige Projekt für die Firma. In Avondale in Irland hingegen gibt es auf dem Gelände ein Anwesen mit Gutshaus aus dem Jahr 1777 zu entdecken. Und in Laurentides in der kanadischen Provinz Quebec beobachten jährlich unzählige Besucher das Farbenspiel der Blätter im Indian Summer.Besonders vor der Pandemie beobachtete Bayerköhler einen Baumwipfelpfad-Boom. Nicht nur seine Firma plante an vielen Standorten, auch andere Anbieter entdeckten die Beliebtheit. Bayerköhler glaubt, dass die Pfade eine einfache Form bieten, etwas Besonderes zu erleben. Das sei damals bei vielen Menschen gut angekommen, zumal die Spaziergänge niemanden ausschließen: Die Pfade sind wegen der geringen Steigung barrierefrei und man kann sie, anders als eine anstrengende Wanderung, auch ohne große Kondition bewältigen.Mittlerweile haben sich die Ansprüche aber gewandelt, sagt Bayerköhler. „Man muss wieder darüber nachdenken, was man noch bieten kann.“ Vermehrt plane man daher auch ergänzende Angebote an den Standorten, zum Beispiel Spielplätze, Trampolinparks in den Bäumen oder Rodelbahnen. Noch aber sieht er die Nachfrage nicht als gesättigt, auch wenn es in Deutschland kaum noch geeignete Plätze gebe. Dafür arbeitet die Erlebnis Akademie aktuell an Projekten in Kroatien und Nordirland.Auch sonst ist das Team weiterhin auf der Suche. Vor allem Ost- und Südeuropa ist für Bayerköhler vielversprechend, aber auch in Nordamerika kann er sich weitere Standorte vorstellen. Ganz ausschließen will er eigentlich keine Weltgegend.