ToptoTopDario und Sabine Schwörer segeln auf 20 Quadratmetern über die Weltmeere. Sie ziehen hier sechs Kinder gross und widmen sich einem Klimaprojekt. Das Protokoll einer radikalen Existenz – und wie ein havarierter Container im Eismeer die Familie fast das Leben kostete.Niels Bossert13.06.2026, 05.09 Uhr12 LeseminutenAlles begann, weil Dario Schwörer den Anblick der schmelzenden Gletscher nicht mehr ertrug. Also startete Schwörer, Klimatologe und Bergführer, vor knapp 30 Jahren eine Klimaexpedition.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gemeinsam mit seiner Frau Sabine und Gleichgesinnten gründete er den Verein ToptoTop. Ihr Ziel: keine Panik vor dem Klimawandel schüren, sondern nach positiven Beispielen für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur suchen.Also segelten die Schwörers jahrelang über die Weltmeere und erzählten rund 200 000 Schülerinnen und Schülern von ihren Entdeckungen. Sie besuchten über 100 Länder, bestiegen sechs der sieben höchsten Gipfel der Kontinente – und bekamen unterwegs sechs Kinder. In Chile, Patagonien, Australien, Singapur, Island und in der Schweiz.Nach ihrer Expedition wollten die Eheleute in die Schweiz zurückkehren, sesshaft werden und eine Familie gründen. Stattdessen fanden sie all das auf See.ToptoTopEigentlich wollten sie nur vier Jahre unterwegs sein, ohne Motor, nur mit Wind, Muskelkraft und Ausdauer. Wollten unterwegs Umweltproben sammeln, Solartechnik testen, Schulen besuchen und von Klimaschutzprojekten erzählen, die sie entdeckten. All das, um jungen Menschen zu zeigen, dass sich der Einsatz für die Natur lohnt.Doch aus den vier Jahren auf dem Schiff ist ein ganzes Leben geworden. Dario Schwörer ist heute 57 Jahre alt, Sabine Schwörer 50.Dass wir sie für unser Gespräch in der Schweiz treffen, ist Zufall. Die Familie ist hier wegen der Firmung einer Tochter, der Feier ihrer silbernen Hochzeit. Und wegen der Europatour zum Dokumentarfilm «Home is the Ocean», der von ihrem Familienleben auf See handelt.Wobei das Familienleben heute anders aussieht: Zurzeit leben nur noch die beiden jüngsten Kinder, Mia (10) und Vital (8), auf der «Pachamama», ihrem 15 Meter langen Segelboot mit rund 20 Quadratmetern Wohnfläche.Salina, die älteste Tochter, ist heute 21 Jahre alt. Sie absolvierte in Engelberg die Matura und möchte Zahnmedizin studieren. Andri (19) steht gerade vor dem Abschluss des Gymnasiums. Noé (16) lebt hingegen in Norwegen und besucht dort ein Sportgymnasium. Zudem segelt er auf dem Tochterschiff «Naomi» und führt die Klimaschutzkampagne weiter. Und Alegra (15) besucht eine Sportmittelschule in Engelberg, sie ist bereits Schweizer Meisterin im Skibergsteigen.Sie alle eint eine Kindheit auf einem Schiff, das zugleich Zuhause, Schule und Missionsbasis ist. Bleibt da überhaupt Raum, einfach Familie zu sein?Die «Pachamama» (Mutter Erde) ist Schiff und Zuhause zugleich für die Familie Schwörer. Dario Schwörer vergleicht die Geborgenheit im Innern mit jener in einem Mutterbauch.ToptoTopFrau Schwörer, Herr Schwörer, wollten Sie schon immer so viele Kinder?Dario Schwörer: Ich habe immer gesagt, dass ich dreizehn möchte.Sabine Schwörer: Das hat er mir erst nach der Hochzeit erzählt.Dario Schwörer: Natürlich aus Spass. Aber wenn man so isoliert lebt, ist es schön, mehr Menschen um sich zu haben. Es ist wie auf einem grossen Bauernhof. Wir brauchen viele Leute, viele Hände.Sabine Schwörer: Für die Kinder ist es schön. Wenn sie mit einem ihrer Geschwister gerade nicht auskommen, gibt es ein anderes Gspänli. Es gibt immer Zweiergruppen, die vom Alter her nahe beieinander sind. Einmal fragten uns die Kinder: «Wer war bei uns der Unfall?» Die Antwort: «Niemand.» Wir haben nicht geplant, sechs Kinder zu haben, es hat sich einfach so ergeben.Können Kinder, die auf einem kleinen Schiff leben, denn überhaupt Kinder sein?Sabine Schwörer: Wenn wir an Land sind, sind sie wirklich Kinder. Klar gibt es auch dort einen Ämtli-Plan: Geschirr abräumen, beim Kochen helfen, solche Dinge. Abgesehen davon haben sie viel Freizeit. Auf dem Schiff wiederum gibt es Routinen, die Aufgaben verteilen sich. Jeder fühlt sich wichtig und gebraucht, das gibt Kindern Selbstwert.Dario Schwörer: Sie werden behutsam an die Aufgaben auf dem Schiff herangeführt. Mit zwei Jahren fangen sie damit an, einen einfachen Schalter umzulegen, der das Navigationslicht aktiviert. So können uns die grossen Frachtschiffe sehen.Während andere Kinder Videospiele spielten, verbrachten die Kinder der Schwörers ihre Zeit in und mit der Natur – das habe ihre Kreativität gefördert, sagt ihr Vater.ToptoTopEine Familie mit sechs Kindern, die auf einem kleinen Boot lebt: Viele dürften das kritisch sehen. Dass Sie Ihren Kindern einen extremen Lebensentwurf aufzwingen. Was antworten Sie darauf?Sabine Schwörer: Da müsste man die Kinder fragen.Dario Schwörer: Ich frage mich dann immer: Was ist mit Kindern, die ständig im Internet sind und Videospiele spielen? Unsere Kinder waren immer draussen in der Natur. Sie lernten auch, sich zu langweilen. Das ist wichtig, daraus entsteht Kreativität. Einmal begleitete uns eine Familie mit gleichaltrigen Kindern. Als die Batterie ihrer Videospielkonsole leer war, terrorisierten sie ihren Vater. Unsere Kinder bauten derweil Seilbahnen und spielten mit Muscheln als Mosaik. Da dachte ich: Vielleicht machen wir doch nicht alles falsch.Haben Sie sich manchmal Vorwürfe gemacht, dass Ihre Kinder vieles nicht erlebt haben, was zu einer klassischen Kindheit gehört – Schulfreundschaften, Jugendlieben?Dario Schwörer: Es ist sicher eine grössere Herausforderung, als immer im gleichen Dorf aufzuwachsen. Aber sie bauen dafür ein globales Netzwerk an Freunden auf. Als Seenomaden trifft man immer auch andere Schiffe. Manchmal segelt man ein Jahr lang miteinander. Wir kennen niemanden, der so lange unterwegs ist wie wir, aber es gibt Familien, die sich drei Jahre Auszeit nehmen und um die Welt reisen. Da entstehen wunderschöne Freundschaften. In Nordnorwegen, wo wir mit dem Boot überwintern, haben die Kinder Freunde. Sie sprechen fliessend Norwegisch.Sabine Schwörer: Es hängt auch sehr vom Kind ab. Salina, die älteste Tochter, kann sehr gut Kontakte aufrechterhalten. Sie telefoniert regelmässig mit Freunden auf der ganzen Welt. Natürlich ist es hart, immer wieder Abschied zu nehmen. Gerade bei den Jüngsten. Das tut weh. Aber sie wissen auch, dass sie ihre Freunde wiedersehen werden.Dass die Schwörers zu Seenomaden wurden, war ungeplant. Ursprünglich wollte das Ehepaar nach vier Jahren Expedition zurück in die Schweiz kommen, um sich niederzulassen und hier eine Familie zu gründen. Da sie aber nicht annähernd so weit gekommen waren wie erhofft, sahen sie ihre Mission nicht als vollendet an. Und so segelten sie weiter.Dann wurde Sabine erstmals schwanger. Mission und Familienleben trafen aufeinander. Und zeitgleich erlebten die Schwörers den schlimmsten Moment ihrer 26 Jahre auf See. Auf dem Weg von den Osterinseln in die Antarktis krachte ihr Schiff auf einen im Wasser treibenden Container. Ihr Ruder brach. Sie konnten nicht mehr steuern. Niemand war in der Nähe, der helfen konnte.Drei Wochen lang assen sie nichts Warmes, funktionierten im Überlebensmodus. Wasser drang durch Risse ins Boot. «Wir haben nur noch geweint», sagt Sabine Schwörer. Völlig übermüdet kamen sie nach Wochen endlich im chilenischen Patagonien an Land.Es hätte der Kipppunkt sein können. Die Familien in der Schweiz machten Druck, wollten sie zur Rückkehr bewegen. Sie seien verrückt, ihr Vorhaben weiter durchziehen zu wollen. Doch das Ehepaar Schwörer hatte sich ein Versprechen gegeben: Sie geben nicht auf. Eine Umkehr war für sie quasi ausgeschlossen. «Ich weiss nicht, ob ich es nochmals so machen würde», sagt Sabine Schwörer. Aber es sei auch schön, dass man das durchgestanden habe.Fischer halfen dem Ehepaar dann beim Reparieren des Schiffs. Ihre erste Tochter Salina kam im chilenischen Valdivia zur Welt. Weil Dario Schwörer die Nabelschnur mit einem Schweizer Sackmesser von Victorinox durchtrennte, entstand später der Kontakt zur Marke, die heute ihr Hauptsponsor ist. Mit der Geburt kam also auch die Stabilisierung der Finanzen. Dort, wo es möglich ist, arbeiten die Schwörers an Land zudem in ihren alten Berufen. Sie als Krankenpflegerin, er als Berg- und Skiführer.Von den sieben höchsten Gipfeln der Kontinente fehlt den Schwörers nur noch einer: der 4892 Meter hohe Mount Vinson in der Antarktis.ToptoTopDario Schwörer: In den letzten Jahren, als die Kinder älter wurden, haben wir schon ein paar Mal überlegt, ob wir für ihre Beschulung in die Schweiz zurückkommen sollten. Vier Kinder sind nun an Land, zwei auf dem Schiff. Das hat unsere Familie natürlich auch zerrissen. Aber bei diesen Miet- und Landpreisen war es für uns als Grossfamilie auch ein Ding der Unmöglichkeit, zurückzukommen.Wurde Ihre Reise also irgendwann auch zur Flucht vor dem, was Sie in der Schweiz erwartet hätte?Dario Schwörer: Nein, nein.Sabine Schwörer: Es gab einfach keine Wohnungen mehr für acht Leute.Dario Schwörer: Es war einfach keine Option, in die Schweiz zurückzukehren. Im Herzen hatten wir unser Projekt. Aber auch wenn wir gesagt hätten, wir haben genug davon, hätten wir keine Chance gehabt, als Schweizer Grossfamilie etwas zu finden.Sabine Schwörer: Anstatt einer Oberstufenschule war unsere Lösung später die Online-Schule.Anfangs unterrichteten die Schwörers ihre Kinder über weite Strecken selbst, an Bord des Schiffes. Sabine Schwörer arbeitete mit einem Homeschooling-Paket aus den USA mit klaren Anleitungen. Später stellte sie auf Schweizer Lehrmittel um. Wenn die Familie länger an Land war, besuchten die Kinder Schulen vor Ort – in verschiedensten Ländern.Auf dem Schiff wurde Sabine Schwörer, eigentlich Krankenschwester, plötzlich auch zur Lehrerin. Ihre grösste Sorge war, dass die Kinder durch das Homeschooling später Nachteile haben könnten.ToptoTopDario Schwörer: Für den Homeschooling-Unterricht wurden wir von den Medien, vor allem in der Schweiz, stark kritisiert. Wir wurden als Rabeneltern dargestellt. Was soll nur aus diesen Kindern werden?, fragten sie. Zum Glück waren wir oft monatelang in den Bergen oder auf dem Meer, ohne Internet. Wir konnten nur für uns sein und reflektieren.Sabine Schwörer, im Dokumentarfilm sagen Sie, Ihre grösste Angst sei immer gewesen, dass Ihre Kinder durch das Homeschooling später Nachteile haben könnten – und dass Sie sich das nie verzeihen würden. Wie blicken Sie heute darauf?Sabine Schwörer: Die Angst ist immer noch da. Nach wie vor fragen wir uns, ob es richtig ist. Wir müssen einfach immer unser Bestes geben.Was hätten Sie getan, wenn eines Ihrer Kinder gesagt hätte: «Ich hasse dieses Schiff, ich will weg?»Sabine Schwörer: Mit Salina war es ja so ähnlich. Sie hasste das Schiff nicht, sagte aber mit 13, dass sie unbedingt in der Schweiz die Matura machen möchte. Wir sagten: «Dann musst du dafür lernen, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen.» Sie hat in Island ein Jahr lang brutal gebüffelt. Deutsch und Französisch waren schwierig. Aber sie bestand. Salina erhielt ein Stipendium für ein Gymnasium in Engelberg. Wir hatten ihr versprochen, ihr nicht im Weg zu stehen. Aber es war sehr hart, sie mit 13 gehen zu lassen.Haben Sie die Entscheidung von Salina auch als Kritik an Ihrem Lebensmodell verstanden?Sabine Schwörer: Nein, sie war nicht wütend auf uns. Sie hatte grosse Ambitionen, und auf dem Schiff ist konzentriertes Lernen einfach schwieriger als in einer Wohnung oder einem Haus. Wir freuten uns eher darüber, dass sie so viel Selbstvertrauen hatte und sagte: «Ich schaffe das.» Sie hatte einen unglaublichen Willen und zog es trotz allen Hindernissen durch. Das hat sie stärker gemacht.Auch wenn bereits vier der sechs Kinder nicht mehr mit an Bord sind, gewöhne man sich nie an den Abschied, sagt Dario Schwörer. Momentan bereitet ihr 16-jähriger Sohn Noé dem Ehepaar schlaflose Nächte. Er lebt allein in Norwegen auf einem Schiff, muss im Winter mit dem Fahrrad 45 Minuten durch den Schnee zur Schule fahren. «Bei dieser Dunkelheit durch die Polarnacht», sagt Sabine Schwörer. Mit glasigen Augen erzählt sie, dass sie ihm nicht helfen könne, vor Ort Wohnungen anzuschauen oder Gastfamilien kennenzulernen.Dario Schwörer: Und jetzt kommt auch noch die Zeit, in der wir in der Arktis Proben für Universitäten nehmen müssen. Es ist immer ein Abwägen, ob man alles auf die Reihe bekommt. Letztlich definiert die Natur unser Programm.Wenn Dario Schwörer antwortet, schlägt er oft weite Bögen. Er springt von Familienfragen zur Mission, von Erziehung zu Solaranlagen, vom Homeschooling zu Schulbesuchen oder von der Langeweile der Kinder zum Verhältnis des Menschen zur Natur. Egal, worüber Dario Schwörer spricht, alles führt zurück zum Projekt.Die vielen Klimaschutzbemühungen auf der ganzen Welt stimmten ihn zunehmend optimistisch, sagt Dario Schwörer.ToptoTopGehen wir zurück zum Schiff: Wie schaffen Sie es, sich auf so engem Raum nicht ständig auf die Nerven zu gehen?Dario Schwörer: Egal, was passiert, bevor wir ins Bett gehen, schliessen wir immer Frieden. Auf dem Schiff ist das zentral. In einem Sturm sind alle müde, gereizt, vielleicht seekrank. Dann kann man niemanden brauchen, der explodiert. Darum muss man immer direkt aussprechen, was einen stört. Wenn der andere schnarcht und man aus Anstand drei Tage lang nichts sagt, wird es irgendwann zum Problem.Und das hat immer geklappt in den 26 Jahren?Sabine Schwörer: Ja, ausser zwei Mal.Worum sich die beiden Streitigkeiten drehten, wissen die beiden nicht mehr. Am nächsten Morgen sei alles wieder in Ordnung gewesen.Im Dokumentarfilm fragt eines Ihrer Kinder, als Sie ein weiteres Geschwisterchen ankündigen: Wann hattet ihr denn Sex? Gibt es noch Grenzen der Privatsphäre auf dem Schiff?Beide lachen.Sabine Schwörer: Also ich finde es sehr wichtig, dass unsere Kinder uns alles sagen und fragen können. Egal, was es ist. Ich will, dass sie Vertrauen zu uns haben.Dario Schwörer: Wie jedes Ehepaar haben wir unser Schlafzimmer. Es ist zwar kleiner als bei vielen anderen, und die Wände sind dünner als in einem Haus. Aber Privatsphäre haben wir trotzdem noch.Haben Sie denn auch als Paar auf dem Schiff noch genug Zeit zum Reden?Sabine Schwörer: Man ist 24 Stunden zusammen, aber manchmal findet man trotzdem keinen Moment dafür. Darum haben wir das Ankergespräch eingeführt. Jeden Tag gehen wir zum Anker des Schiffs und reden dort nur zu zweit.Worüber reden Sie dort?Dario Schwörer: Meistens geht es um die Kinder und die Schule. Wir wussten immer: In erster Linie sind wir Vater und Mutter. Unsere Entscheidungen sind oft fundamental: Wann segeln wir los? Gehen wir nach Grönland? Wo kommt ein Kind zur Welt? Es gibt nie eine einfache Lösung.Gab es Momente, in denen Sie dachten: Wir wollen dieses Leben nicht mehr?Sabine Schwörer: Jedes Mal, wenn wir aufbrechen, sage ich Dario, dass ich eigentlich nie mehr auf dieses Schiff zurückkehren will. Die ersten drei Tage werde ich nämlich immer seekrank, ausser wenn ich schwanger bin. Das ist aber nicht der Grund, warum wir sechs Kinder haben. Die Seekrankheit ist bei mir so schlimm, dass ich am liebsten sterben möchte. Doch dann gewöhnt sich der Körper wieder daran, und es ist wunderschön.Auf dem Schiff wiegt das Meer die Schwörers in den Schlaf. Als Salina mit 13 an Land ging, war sie so sehr an das Schaukeln gewöhnt, dass sie anfangs kaum schlafen konnte.ToptoTopHerr Schwörer, Sie haben einmal gesagt, die Natur sei fairer als die Zivilisation. Verklärt das nicht die möglichen Gefahren? Dario Schwörer: Wenn man ständig in der Natur ist, entwickelt man ein Sensorium für sie. Sie gibt einem die Zeit, sich auf mögliche Gefahren vorzubereiten. Das meine ich mit fair. Man muss Respekt haben, das ist überlebenswichtig. Wenn ich aber in Zürich mit dem Velo unterwegs bin und mir jemand betrunken im Auto entgegenkommt, ist es egal, wie gut ich Velo fahre. Wirklich lebensgefährlich wurde es für uns oft erst dann, wenn wir in die Zivilisation kamen. Am Zurich Film Festival (ZFF) lief die Premiere des Dokumentarfilms über uns. Da streifte ein Tram in Zürich meine Wange und Sabines Schuh.Fürchten Sie, dass Ihre Kinder Ihnen später einmal vorwerfen könnten, Sie hätten das Abenteuer über ihre Bedürfnisse gestellt?Sabine Schwörer: Nein, das glaube ich nicht.Dario Schwörer: Mutter und Vater zu sein, ist der schönste Job, den man haben kann. Das Projekt war immer sekundär. Vorher waren wir die Supersportler, die über Ozeane segeln und Berge besteigen. Mit Kindern wurde das anders. Plötzlich wechselten wir Windeln, fuhren mit einem Veloanhänger zu den Schulen in verschiedenen Ländern, und die Leute sprachen uns an. Wir waren wie alle anderen auch. Dadurch kamen wir den Menschen viel näher. Die Kinder waren ein Segen für das Projekt.Dass nicht mehr alle Kinder an Bord seien, habe die Familie ein Stück weit auseinandergerissen, sagt Dario Schwörer. Doch er hofft, dass die Kinder eines Tages mit eigenen Schiffen wieder mitsegeln.ToptoTopSie sagen, Sie könnten nicht mehr dauerhaft an einem Ort leben. Was aber, wenn der Körper das Leben auf dem Schiff irgendwann nicht mehr zulässt?Dario Schwörer: Bei unserem Lebensstil kommt diese Frage ständig. Ich frage Sie ja auch nicht, ob Sie nächstes Jahr noch Journalist sind. Kürzlich fuhr ich mit einem Gymnasiasten Zug. Ich fragte ihn, was er werden wolle. Er sagte: Buchhalter – weil man gut verdient und die Pension gesichert ist. Da ging bei mir eine rote Lampe an. Ein 18-Jähriger, der schon an die Rente denkt. Für mich ist es gesünder, das Leben als Abenteuer und als grosses Geschenk zu sehen.Sabine Schwörer: Also mir fehlt schon ein Garten. Ich würde gerne Salat selber machen. Aber ich glaube, das ergibt sich dann einfach. So war es immer bei unserer Mission. Jetzt geht es uns super, aber körperlich weiss man ja nie. Angst habe ich keine, bisher ist immer alles irgendwie gut gekommen.Auf die Frage, was sie täten, wenn eines Tages auch die jüngsten Kinder an Land gehen und sie allein an Bord bleiben, reagieren die beiden unterschiedlich. Dario Schwörer nimmt es gelassen. Er grinst, malt sich eine Zukunft aus, in der die Kinder mit eigenen Schiffen mitsegeln – eine Armada von Booten für die Nachhaltigkeit.Sabine Schwörer wirkt nachdenklicher. «Es waren sechs», sagt sie, «jetzt sind es nur noch zwei Kinder. Es wäre so, als würde mir ein Arm fehlen.» Für einen Moment wirkt dieses aussergewöhnliche Familienleben ganz gewöhnlich: Auch Kinder, die mit der Freiheit der Weltmeere gross geworden sind, werden irgendwann erwachsen und wollen ihr Zuhause verlassen.Passend zum Artikel