Kritische Rohstoffe: Mit ihrer bisherigen Strategie bleibt die EU vom chinesischen Wohlwollen abhängigFür das Rüstungswesen und die Industrie ist das Reich der Mitte der mit Abstand wichtigste Lieferant. Die EU will das ändern, doch sie macht kaum Fortschritte. Die USA setzen hingegen aufs Tempo.13.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenTrotz allen Autonomiebestrebungen bleibt China der wichtigste Rohstofflieferant. Das Bild zeigt ein Stück Germanium.Seong Joon Cho / Bloomberg / GettyFür die Nato ist die Versorgung mit kritischen Rohstoffen überlebenswichtig. Bereits 2024 hat das Militärbündnis acht Waffensysteme identifiziert, bei denen der Nachschub mit diesen Rohwaren unsicher ist. Betroffen sind alle bedeutenden Waffengattungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Für Gallium und Germanium gibt es seit dem Jahr 2023 Restriktionen. Im Rahmen dieser Exportbeschränkungen sind die Preise für Elemente wie Germanium, Gallium und Wolfram stark angestiegen. Bei Germanium liegt das Plus allein in diesem Jahr bei über 30 Prozent.Was für die Nato gilt, trifft auf die EU ebenfalls zu. Viele der kritischen Rohstoffe sind auch für die Herstellung ziviler Güter nötig, etwa für Windturbinen, Elektroautos und viele elektronische Produkte. Entsprechend sind Streitkräfte, Gesundheitssysteme, Stromnetze und IT-Systeme einem erheblichen Versorgungsrisiko ausgesetzt.Um überhaupt noch kritische Rohstoffe aus dem Reich der Mitte beziehen zu dürfen, müssen europäische Unternehmen der Regierung in Peking extrem detaillierte Angaben zu ihren Prozessen und Produkten machen, wodurch neue Sicherheitsrisiken entstehen, wie Joris Teer, Analyst beim EU Institute for Security Studies (EUISS), in einem jüngst veröffentlichten Bericht festhielt.Deshalb will sich die EU mit dem im Jahr 2024 in Kraft getretenen Gesetz über kritische Rohstoffe (Critical Raw Material Act, CRMA) unabhängiger machen von Lieferungen aus China. Um dieses Ziel zu erreichen, will Brüssel die Förderung und die Verarbeitung von Rohstoffen durch strategische Projekte innerhalb der EU und durch Partnerschaften mit anderen Ländern stützen.Auch die G-7, ein Zusammenschluss führender demokratischer Industrieländer, beschäftigt sich mit der Problematik. Bei dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs im französischen Kurort Évian-les-Bains, zu dem Gastgeber Emmanuel Macron ab Montag einlädt, steht das Thema auf dem Programm. Bis anhin fällt die Erfolgsbilanz der EU jedoch ernüchternd aus.«Die CRMA definiert zwar Zielwerte, ist aber ein Papiertiger», sagt Wolfgang Bernhart im Gespräch. Er ist Senior-Partner beim Beratungsunternehmen Roland Berger. Es gehe in der CRMA primär um Berichtspflichten für Unternehmen, die ihre Betroffenheit offenlegen müssten. Es gebe aber keine Pflicht, die Abhängigkeiten zu minimieren.Am Beispiel von Scott Eldridge wird deutlich, wie komplexe und widersprüchliche Prozesse den Fortschritt ausbremsen. Der CEO von Military Metals, einem kleinen kanadischen Bergbauunternehmen, will in einer alten sowjetischen Mine in der Slowakei Antimon abbauen. Obwohl das Vorkommen nach Angaben des Unternehmens auf einer Liste vielversprechender Projekte der Regierung in Bratislava stand, entzog das slowakische Umweltministerium Military Metals Ende Mai die Bewilligung. Die Behörden reagierten nicht auf eine Anfrage der NZZ.Für viele europäische Unternehmen ist der Rohstoffmangel inzwischen akut. «Wir sehen derzeit grosse Knappheiten bei Germanium. Ähnliches gilt für Hafnium, das in der Rüstungsindustrie verwendet wird», sagt Christian Hell, Senior Manager Germanium and Minor Metals bei der deutschen Rohstoffhandelsgesellschaft Tradium. Einige Firmen hätten bereits grössere Schwierigkeiten, ergänzt Hell. «Am Kauf- und Anfrageverhalten für Germanium merkt man, dass sich in Teilen der Wirtschaft ein gewisses Unwohlsein breitmacht.»Das Europäische Gesetz zur Sicherung kritischer Rohstoffe aus dem Jahr 2024 legt unter anderem fest, dass bis 2030 10 Prozent des jährlichen Förderbedarfs und 40 Prozent des Bedarfs für die Verarbeitung aus Kapazitäten innerhalb der EU stammen sollen. Zudem sollen 25 Prozent der Nachfrage durch Recycling gedeckt werden. Die Ziele gelten als sehr ambitioniert.Die EU-Initiative hat jedoch eine entscheidende Schwäche. Sie sieht keine Finanzierungsmechanismen vor, um die Selbstversorgung strategisch weiterzuentwickeln. Laut EU-Angaben wurden seit 2014 über 1,8 Milliarden Euro an EU-Geldern für kritische Rohstoffe aufgewendet. Die Mittel verteilten sich allerdings auf unzählige Massnahmen, darunter eine Investitionsförderung für lateinamerikanische Länder und das Forschungsprogramm Horizon 2020.Der EU-Rechnungshof kritisiert die VerzögerungenDer Europäische Rechnungshof schlug im Februar Alarm. Die Bemühungen Brüssels hätten bisher kaum greifbare Ergebnisse gebracht, wie die Prüfer in einem Bericht feststellten. Sowohl beim Aufbau inländischer Produktion als auch bei der Umsetzung von Recycling-Programmen komme es aufgrund juristischer und administrativer Hürden zu Verzögerungen. Zwar seien mehrere Dutzend strategische Projekte zur Rohstoffförderung von der Kommission ausgewählt worden, doch würden viele die Produktionsvorgaben für das Jahr 2030 kaum einhalten können.Erschwerend kommt hinzu, dass die Anzahl der Hüttenwerke, der Anlagen, in denen aus Rohmaterial Metall gewonnen wird, in Europa wegen hoher Lohn- und Energiekosten rückläufig ist. Sie können sich gegen die Konkurrenz aus Nahost und Asien nicht behaupten. Der Chef des Genfer Rohstoffhändlers Trafigura bezifferte den europäischen Kapazitätsrückgang im Bereich der vergangenen zehn Jahre auf fast ein Drittel. Dabei entstehen bei der Verhüttung oftmals Nebenprodukte, die für die Rüstung und hochwertige Technologien unabdingbar sind. «Ohne Bleiverhüttung gibt es kein Antimon – und ohne Antimon keine Munition», sagte der Trafigura-Chef auf einer Konferenz im Mai.Eine besondere Herausforderung ist die FinanzierungUm Souveränität im Rohstoffbereich zurückzugewinnen, erweist sich die Finanzierung als besonders grosse Hürde. Trotz der Aussicht auf längerfristig hohe Rohstoffpreise schrecken viele private Investoren vor einem Engagement bei Bergbauprojekten zurück. Eine Studie des Columbia University Center on Global Energy Policy und des Weltwirtschaftsforums (WEF) kommt zu dem Ergebnis, dass wegen technischer Probleme, langwieriger Entwicklungsverfahren und politischer Risiken die Renditen bei vielen Vorhaben für traditionelle Finanzhäuser und Investoren oft zu gering sind.Der Engpass und das träge Tempo der europäischen Länder unterscheiden sich merklich vom offensiven Vorgehen der USA. Dort hat die Regierung unter Donald Trump Kredite von mehr als 10 Milliarden Dollar an Unternehmen gewährt und Beteiligungen erworben, um mehr als zwei Dutzend Vorhaben zu unterstützen. Diskutiert werden zudem staatlich verordnete Preisuntergrenzen zur Stimulierung der Produktion. Trotzdem dürften die Bestrebungen der USA wohl nicht genügen, um die Dominanz Chinas in der Rohstoffverarbeitung infrage zu stellen.Um die Finanzierungsströme, die Veredelungskapazitäten und die Erschliessung neuer Vorkommen in Europa anzukurbeln, schlagen Experten verschiedene Massnahmen vor. Die meisten werden bei Verfechtern marktwirtschaftlicher Prinzipien auf Skepsis stossen.Die US-Strategie umfasst Preisuntergrenzen und AnteilkäufePreisuntergrenzen, wie sie die USA ins Auge fassen, könnten dazu beitragen, Unternehmen im Bereich des Bergbaus und der Verhüttung ein gewisses Mass an Rentabilität zu gewährleisten. Das amerikanische Verteidigungsministerium hatte 2025 mit der Firma MP Materials, einem Produzenten von seltenen Erden mit einem Bergwerk in Kalifornien, einen Mindestpreis für dessen Produkte vereinbart.«In den Vereinigten Staaten gibt es zudem eine mit mehreren Milliarden Dollar öffentlicher Mittel aufgebaute Vorratshaltung von kritischen Mineralien, die es in der EU nicht gibt», sagte Wolfgang Bernhart von der Beratungsfirma Roland Berger. Insgesamt könne sich Europa mehr am Beispiel der USA orientieren.Darüber hinaus könnten staatliche Förderbanken eine noch grössere Rolle spielen, etwa durch den Einsatz gesicherter Kredite oder von Versicherungspolicen gegen Enteignung und politische Unruhen für Minen in Krisengebieten. Eine andere Option wären Abnahmeverträge, um über längere Zeit den Kauf festgelegter Mengen zu garantieren. Sogar Firmenbeteiligungen werden in Betracht gezogen. Mit solchen Schritten könnten Staaten Projekte in der Anfangsphase, wenn sie noch keine Einnahmen erzielen, besser unterstützen.Deutschland hat bereits Schritte in diese Richtung unternommen, auch wenn die gesprochenen Mittel im Vergleich zu den gewaltigen Summen der Amerikaner geradezu bescheiden erscheinen. Der Rohstofffonds der Bundesregierung gab seine erste Investition im vergangenen Dezember bekannt. Dabei vergab die staatseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bis zu 150 Millionen Euro an ein Lithium-Projekt.Anstatt zu versuchen, wieder flächendeckend eine energieintensive Metallverarbeitungsindustrie aufzubauen, sollte Europa nach Ansicht von Joris Teer vom EUISS mit einfachen Zielen beginnen. Hier eigne sich beispielsweise die Aufbereitung von Gallium, die bis in die 2010er Jahre in Deutschland und Ungarn stattfand. Die erforderlichen Volumen seien klein, und eine geringe staatliche Unterstützung könne die Produktion wiederbeleben. Zudem bestehe die Möglichkeit, die vorhandene Germanium-Produktion in Belgien auszuweiten.Es gibt auch marktschonende AlternativenEin weniger interventionistischer Ansatz wäre es, die Entwicklung von Termingeschäften an Börsen voranzutreiben, wie das WEF schreibt. Damit würden diese Metalle zu einem an den Finanzmärkten handelbaren Produkt gemacht, was zur Preisbildung und Markttransparenz beitragen und eine bessere Absicherung gegen Preisschwankungen erlauben würde.Für Kobalt und Lithium existieren zwar mittlerweile Terminmärkte, aber deren Handelsvolumen sind deutlich kleiner als jene von Kupfer und Aluminium. Bei Elementen wie Germanium verhandeln Käufer und Verkäufer nach wie vor bilateral, wobei sie den Transaktionspreis in der Regel nicht bekanntgeben.Zudem wären schnellere Genehmigungsverfahren und ein besserer Informationsaustausch unter den Behörden wünschenswert. Derzeit betreibt jedes EU-Land eine eigene Datenbank über Rohstoffvorkommen, wie Henrike Sievers von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe erklärte. Auch sollten mehr Mittel in die Erkundung und Erschliessung von Vorkommen investiert werden.Neue Abkommen mit rohstoffreichen Ländern wären ebenfalls hilfreich. Die EU und die USA unterzeichneten im April eine Rohstoffpartnerschaft und erklärten sich bereit, bei der Kartierung neuer Ressourcen zusammenzuarbeiten und Bewilligungsverfahren zu beschleunigen. Die Vereinbarung ist jedoch unverbindlich. Zudem besteht die Gefahr, dass Brüssel durch das Abkommen nicht an Autonomie gewinnt, sondern seine Abhängigkeit von China durch eine von den USA ersetzt.Ferner bietet sich der Aufbau von Recylingprogrammen an. Material, das sich schon im Umlauf befindet, könnte dadurch wiedergewonnen werden. Metalle wie Aluminium und Stahl werden in Deutschland zwar jetzt schon wiederverwendet. Bei Elementen wie Germanium landet jedoch vieles auf der Mülldeponie. «Darüber hinaus benötigen wir eine eigene Exportkontrolle», sagt der Berater Wolfgang Bernhart. «Kritische Rohstoffe, die wir durch Recycling zurückgewinnen, dürfen derzeit von den Unternehmen auch in Länder ausserhalb der EU verkauft werden. Es gibt keine Restriktionen für den Abfluss dieser Materialien.»Christian Hell vom Handelshaus Tradium glaubt, dass EU-Mitgliedstaaten durch Recycling mindestens 5 bis 10 Prozent ihres Bedarfs decken könnten. «Noch immer wird vieles, was anfällt und nicht gebraucht wird, einfach entsorgt. Diesen Luxus können wir uns derzeit nicht mehr leisten», sagt er.Passend zum Artikel
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