Viel Angst vor wenig Gift: warum wir uns vor der Nosferatu-Spinne fürchtenSpinnenbisse mit schlimmeren Folgen als ein Wespenstich sind hierzulande eine Rarität. Warum ist die Angst davor trotzdem so verbreitet? Die Kolumne «Hauptsache, gesund».Lena Stallmach13.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAus der Nähe betrachtet wirkt die Nosferatu-Spinne selbst für Menschen furchterregend. Ihr Biss ist für Menschen aber ungefährlich.W. Willner / ImagoAuf einem Ausflug übernachteten wir kürzlich in einem naturnahen Holzhaus. Auf der Terrasse wurde ich Zeugin einer tödlichen Attacke: In einem Spinnennetz zappelte ein Falter, als eine grosse, schwarze Spinne herbeieilte und ihr Opfer routiniert mit einem Seidenfaden fesselte und abtransportierte. Mit leichtem Grauen beobachtete ich dieses Räuber-Beute-Schauspiel. Ich war froh, dass mir ein solches Gefressenwerden in unserer domestizierten Natur erspart bleibt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Hauptsache, gesund»In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit. Ich habe keine Angst vor Spinnen, muss sie aber auch nicht in meiner Nähe haben. In unserer Unterkunft wimmelte es von diesen Krabblern. Komischerweise schien das aber in unserem Grüppchen niemanden zu stören. Wir fühlten uns rundum wohl in dem kleinen Hexenhäuschen – und da gehörten Spinnen irgendwie zum Interieur.Doch just in derselben Nacht wurde mein Mann in Zürich von einer Spinne gebissen. Er lag auf dem Sofa, in einen Roman vertieft, und kratzte sich am Hals, als er plötzlich einen leichten Schmerz spürte. Er packte zu und hatte eine grosse, braune Spinne in der Hand. Zweimal hatte sie zugebissen, wie er mir am nächsten Tag erzählte. Tatsächlich waren an seinem Hals zwei rote Stellen zu sehen.Ich reimte mir zusammen, dass es sich um eine sogenannte Nosferatu-Spinne gehandelt haben müsse. Diese Art gehört in der Schweiz und in Deutschland zu den wenigen Spinnen, deren Kieferklauen gross genug sind, um die menschliche Haut zu durchdringen. Sie ist hellbraun und erreicht mit ihren kräftigen Beinen bis zu fünf Zentimeter Grösse. Ihren Namen verdankt sie einer hellen Zeichnung auf dem Vorderkörper, die mit viel Phantasie als Kopf des Filmvampirs Nosferatu gedeutet werden kann.Die zwei roten Bissstellen am Hals meines Mannes passten hervorragend zu einer «Vampir-Spinne» und damit zu meiner laienhaften Diagnose. Aber natürlich waren die Bisse nicht blutig wie in einem Vampirfilm. Sie sahen eher aus wie Mückenstiche und juckten ein wenig, das war auch schon alles.Hände weg vom DornfingerTatsächlich ist das Gift der Nosferatu-Spinne für Menschen ungefährlich, ebenso wie die meisten heimischen Spinnengifte. Aber es gibt auch hierzulande zwei Spinnenarten, die einem Menschen ernsthaft Schmerzen zufügen können: Der zu den Webspinnen gehörende Ammen-Dornfinger und der nahe verwandte Haus-Dornfinger. Nach einem Biss am Finger können die Schmerzen bis zur Schulter ausstrahlen. In seltenen Fällen kommt es zu Fieber und Schüttelfrost.Das ist unangenehm, aber letztlich ungefährlich und vor allem äusserst selten. Für die Schweiz stellte eine Studie in einem Zeitraum von zwei Jahren lediglich 14 verifizierte Spinnenbisse fest. Realistische Schätzungen gehen von jährlich 10 bis 100 Spinnenbissen pro Million Einwohner aus.Im Vergleich dazu rechnet man in der Schweiz mit 9500 ärztlich behandlungsbedürftigen Bissen durch Hunde. Trotzdem entwickeln sehr viel weniger Menschen eine Phobie gegen Hunde als gegen Spinnen. Solche übertriebenen Ängste sind eben nicht wirklich rational begründbar. Im Falle von Spinnen könnten sie mit der versteckten Lebensweise der Tiere zu tun haben: Man befürchtet, dass sie – wie ein Vampir – jederzeit aus dem Verborgenen zubeissen.Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.Passend zum Artikel