Christian Spuck fliegt in Berlin von Erfolg zu Erfolg – wie macht er das?Der ehemalige Zürcher Ballettdirektor hat das Staatsballett aus dem Dornröschenschlaf geholt und ist für seine Arbeit jüngst mit dem Deutschen Tanzpreis geehrt worden. Der raffinierte Doppelabend «Fearful Symmetries» verrät sein Erfolgsgeheimnis.Lilo Weber, Berlin13.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHier ist wenig das, wonach es aussieht: Szene aus Christian Spucks doppelbödiger Choreografie «Fearful Symmetries».Carlos QuezadaOrdnung ist das halbe Leben – und beinah das ganze im Ballett. Die Reihen von schlanken Tänzerinnen in ihren Tutus, die alle zur gleichen Zeit den Arm heben oder das Bein: Das gehört zur Essenz des romantischen und des klassischen Balletts. Heute ist es wieder angesagt, mehr denn je und deutlich mehr als noch zu Ende des letzten Jahrhunderts, auch im zeitgenössischen Tanz. Das Publikum fliegt allem Anschein nach auf Ordnung, auf Linien, Reihen, Symmetrie. Das ist wie im barocken Garten – man weiss, was man hat und wo was hingehört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Christian Spuck war von 2012 bis 2023 Direktor des Zürcher Balletts, seither leitet er das Staatsballett Berlin.Marzena SkubatzDie Linien und Symmetrien aufzubrechen und zu stören, das haben sich immer wieder junge und nicht mehr ganz so junge Wilde auf die Fahnen geschrieben. Sie interessieren sich für das, was wackelt, für das Nichtperfekte, das Menschliche, das Verletzliche. Es ist eine klassische Gegenbewegung, die in der Kultur immer dann entsteht, wenn eine Strömung oder Modeerscheinung übermächtig zu werden droht. Dennoch hat sich die Ordnung als Prinzip auf der Tanzbühne stets zu behaupten vermocht, sie wird gehalten und getragen von den Corps der Tänzerinnen und Tänzer, die ihr Leben der Vervollkommnung dieser artifiziellsten Form von Präzision und Disziplin gewidmet haben, ihre tägliche Arbeit und ihr Glück.Furchterregendes MeisterwerkWie etwa die Mitglieder des Staatsballetts Berlin. Wie weit sie es in der Kunst der Ordnung gebracht haben, zeigt auf eindrucksvolle Weise der Abend «Fearful Symmetries» des Staatsballetts Berlin. Der Titel ist doppeldeutig – man kann ihn als «mächtige» oder als «furchterregende» Symmetrien übersetzen.Mit der Choreografie «Symphony in C» von George Balanchine zu Georges Bizets C-Dur-Sinfonie bringt Christian Spucks fabelhafte Kompanie einen Gipfelpunkt neoklassizistischer Präzisionsarbeit auf die Bühne, während er selbst mit «Fearful Symmetries» zur gleichnamigen Komposition von John Adams die Ordnung als Machtgefüge infrage stellt. In dem bahnbrechenden Ballett Balanchines ist diese indes so stark, dass der Nachgeborene daran ruhig ein bisschen knabbern darf.Christian Spuck knabbert allerdings effektvoll. Er knabbert schliesslich an einer Ordnung, die er als Ballettdirektor auch selbst mitträgt und verantwortet. Das Staatsballett Berlin ist unter seiner Leitung zu einem beeindruckenden Tanzkörper zusammengewachsen, vielseitig, virtuos, kreativ, technisch perfekt – ein Leuchtturm im derzeit ziemlich gebeutelten und von lähmenden Spardebatten überschatteten Berliner Kulturleben.Meisterwerk der klassischen Abstraktion: Szene aus «Symphony in C» von George Balanchine.Carlos QuezadaOhne diese technische Perfektion würde die Kompanie diesen Abend freilich auch gar nicht bewältigen. Denn Balanchines «Symphony in C» stellt extreme Ansprüche an das Können, die Virtuosität und die Präzision der Tänzerinnen und Tänzer. Der Amerikaner russischer Herkunft hatte dieses Meisterwerk der Neoklassik 1947 ursprünglich unter dem Titel «Le Palais de Cristal» für das Ballett der Pariser Oper geschaffen; bei einer Einstudierung mit dem späteren New York City Ballet wurde es in «Symphony in C» umbenannt und ist seither ein Meilenstein der Tanzgeschichte.Vor blauem Hintergrund tanzen darin über fünfzig Tänzerinnen und Tänzer, die meisten von ihnen Frauen in superkurzen, weiss glitzernden Tutus, sowie einige Solisten in Schwarz. Nichts soll von der Musik und dem Tanz ablenken, keine Bilder, keine Geschichte, keine grossen Gefühle. Der Tanz soll die Musik sichtbar machen, ihre Konstruktion offenbaren, in strengen Formen und klaren Symmetrien. Jeder Satz der Bizet-Sinfonie hat seine eigene Choreografie, sein eigenes Corps de Ballet mit eigener Ballerina und ihrem Partner.Das Staatsballett bietet dafür seine besten Leute auf – samt den beiden internationalen Stars Iana Salenko und Polina Semionova. Die beiden Ersten Gastsolistinnen setzen das Tüpfchen auf das i: Salenko mit ihren rasenden Pirouetten und ihrer spritzigen Spitzentechnik; Semionova mit ihrer bedingungslosen Hingabe an die Musik, mit den lang gedehnten Bewegungen, dem lyrischen Timing. Wann hat ein Balanchine-Ballett einen je so tief berührt? Dies allein wäre ein Grund, nach Berlin zu reisen.Garstige KoboldeMan würde meinen, dass ein solches Strahlenmeer alles Nachfolgende in den Schatten stellt. Tatsächlich spielen Christian Spucks «Fearful Symmetries» im Dunkeln. Sie irrlichtern und flackern aber emsig aus ihrem rostigen Loch, so dass man abwechslungsweise an einen Tanz von garstigen Kobolden oder wild gewordenen Maschinen glaubt.Die Tänzerinnen gehen auf Spitze, knicken ein, wuseln über den Boden und heben wieder ab – oder werden gehoben. Symmetrie auch hier, doch wann immer sie entsteht, bricht sie ein. Die Tänzerinnen und Tänzer folgen den pulsierenden Rhythmen von John Adams – es sei dessen Musik «Fearful Symmetries» gewesen, sagt Spuck im Programmheft, die ihn seit langem inspiriert habe.Eine Königin mit Liebhaber, ein Hofnarr und ein Alchimist stehen für die Macht im Land: Szene aus «Fearful Symmetries» von Christian Spuck.Carlos QuezadaEine Armee von Tänzerinnen und Tänzern auch hier. Doch die Ordnung wird nicht nur aus ihrer Mitte heraus aufgebrochen, sondern auch von aussen. Christian Spuck hat dem abstrakten Tanz ein narratives Element beigegeben. Vier Figuren in übertriebenen barocken Kostümen von Emma Ryott – eine Königin mit Liebhaber, ein Hofnarr und ein Alchimist – stehen für die Macht im Land. Das gibt den beiden bereits in Zürich beliebten Tänzern Jan Casier und Dominik White Slavkovský zusammen mit Weronika Frodyma und Ross Martinson Gelegenheit für verdrehten Schabernack. Theoretisch stützen sie die Ordnung, praktisch aber sägen sie an allem, was diese Welt zusammenhält.Die Satire verfängt und verfällt zugleich wie die Symmetrien, und das ist witzig, wenn auch im Grunde gar nicht lustig. Denn die Tanz-Ubus sind längst übertroffen worden von den realen Ubus dieser Welt. Das kann dem Abend aber zum Glück nichts anhaben. Er ist der grandiose Abschluss einer überaus erfolgreichen Spielzeit des Staatsballetts Berlin. Sie hatte uns als ein weiteres Highlight auch schon die Einstudierung von Yuri Possokhovs und Kirill Serebrennikows berühmtem Ballett «Nurejew» beschert.Es läuft gut für Christian Spuck in Berlin: Die Kompanie ist in Bestform, die Programmierung sitzt, die Ballettabende sind ausverkauft, die Medien sparen nicht mit Lob. Doch dieser Abend zeigt noch etwas: Spuck hat sich, seit er 2023 aus Zürich weggezogen ist, auch künstlerisch stark weiterentwickelt. Abstrakte Choreografien waren bis anhin nie seine Stärke; das scheint sich nun zu ändern. «Fearful Symmetries» ist seine bislang beste (fast) abstrakte Arbeit. Obwohl oder gerade weil sie mit einem ironischen Augenzwinkern daherkommt.Passend zum Artikel